Keinohrhasen

Ja, ich habe einen Lauf – ich war schon wieder im Kino und schon WIEDER total kurzfristig. Anruf, Zusage, Bus gekriegt. Endlich hat es mit Keinohrhasen geklappt. Und wie schön, dass es so war. Vorher war ich ja auch hin-und hergerissen… gute, sehr gute Kritiken… aber dann dieser Til Schweiger. Der war, wie sich im Laufe der fehlgeschlagenen Verabredungsversuche herauskristallisierte, wirklich häufig auch bei anderen der Grund für die Absage: „Wenn ich den schon höre, das ist so abtörnend!“ …. „ich gehöre zu den wenigen Frauen, die Til Schweiger von der Bettkante stoßen würden, ich würde sogar ein Abendessen mit ihm ausschlagen…“

Dann war gleich die erste Szene zum Wegschmeißen. Jürgen Vogel spielt Jürgen Vogel – der nach einem Aufenthalt mit einem Lebensberater in den USA generalüberholt dem Journalisten Ludo (Schweiger) und einem Fotografen der „BILD-Zeitung“ ein Interview gibt: Zähne gemacht, lange blonde Haare, braunst gebrannt, silikonverstärkter Allerwertester – und er habe gelernt, dass es auf das Äußere ankommt, denn wenn man sich mit seinem Äußeren wohlfühlt, kommt der Rest von ganz alleine.

Kinderhasser und in seiner Selbsteinschätzung frauenbeglückender überzeugter One-Night-Stander (oder Ständer?) sitzt Ludo als Klatschreporter auch schon mal Fälschungen auf und kriegt von der mit seinem Anwalt einen Provatkrieg austragenden Richterin 8 Monate auf Bewährung – gegen 300 soziale Arbeitsstunden. Die führen ihn in einen Hort, der unter anderem von Anna geführt wird, die seit der gemeinsamen Kindheit einen Hass gegen ihn hegt. Und Rache ist süß.

Süß sind auch die Kinder. „Wie heißt du denn?“ – „Cheyenne Blue.“ – „Cheyenne Blue? Das ist aber ein außergewöhnlicher Name!“ – „Meine Mama ist Schauspielerin und die Kinder von Schauspielerinnen dürfen keine normalen Namen haben.“ Der Abspann offenbart, dass Schweigers versammelter Nachwuchs mitgewirkt haben dürfte – und Cheyenne Blue eigentlich doch ganz einfach Emma heißt.

Abgesehen davon, dass in diesem Film auftritt, was im deutschen Kino und anderen Bereichen Rang und Namen hat (wunderbar u.a.: Armin Rohde als Herr Bello und Klitschko beim Heiratsantrag) kann man an diesem Streifen vielleicht das Happy End voraussehen – aber nicht die gewundenen Wege, die dorthin führen.

Es gibt viel zu lachen – fangt damit an!

Blindsight

Schon wieder war ich im Kino, ganz spontan, nach einer kurzfristigen Absage zum Abendessen. Das Wetter war bescheiden und lange habe ich mit meinem inneren Schweinehund gekämpft, bin aber dann doch noch aufgebrochen zu Blindsight. Gott sei Dank.

Dass das versammelte Publikum eines Films mit der exakt gleichen Gefühlslage aus dem Kino kommt, ist extrem selten – ich kann mich nur an drei Anlässe erinnern. Schindlers Liste hat das mit einer Horde Acht- bis Zehntklässler geschafft, damals in den Neunzigern – die kamen vollkommen geräuschlos aus einem Ahrweiler Kinosaal. Dann war es Independence Day in einem Theater in Dedham bei Boston, wo außer mir konsterniertem Europäer alle anderen am Ende des Films aufstanden und in Begeisterungsschreie und hysterisches Klatschen ausbrachen; das Anstimmen der Nationalhymne konnte gerade noch verhindert werden. Zuletzt bei Persepolis im Sommer – einfach die totale und vielschichtige Begeisterung. Und dann heute wieder: Applaus im Rex, wenn auch keine stehenden Ovationen. Sicher, der Abspann an sich, über den ich nichts verraten werde, hat seinen Teil dazu beigetragen, aber sicher auch für den Film – der es immerhin schaffte, die Zuschauer nach Filmende in ungewohnt großem Maß noch vor der Leinwand zu bannen.

Sabriye Tenberken hat in Tibet mit der Organisation Braille without Borders eine Blindenschule aufgebaut, ein Internat. Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, besonders aber vor dem mir bis dahin unbekannten Hintergrund, dass Blindheit in Tibet als göttliche Strafe gilt. Die Kinder gehen davon aus, dass sie in einem vorherigen Leben etwas furchtbares gemacht haben müssen, sonst wären sie nicht blind wiedergeboren worden. „Aber umgebracht habe ich wahrscheinlich niemanden, immerhin bin ich als Mensch wiedergeboren worden,“ sagt einer. Oder sie sind von einem Dämon besessen. Wie genau Kyila, eine der blinden Schülerinnen, ihre Blindheit zusammen mit der ihrer beiden Zwillingsbrüder und ihres Vaters erklärt, wird nicht ganz klar. Dafür aber der frühe Tod ihrer Mutter, „die hatte es am Herzen. Sie musste sich zu viel um alle sorgen.“

Die erste Szene kann einem schon das Herz in die Hose rutschen lassen. Die Leinwand bleibt schwarz und man hört nur das Gespräch zwischen zwei Männern, so ungefähr: „Du musst jetzt über diese improvisierte Brücke drüber, ganz langsam.“ – „Okay, alles klar… langsam.“ Dann kommt das Bild dazu – die Brücke ist eine Konstruktion aus drei aneinandergebundenen Alu-Leitern, über eine Gletscherspalte, sicher 15 Meter tief. Und da geht einer drüber, inching forward, wie es auf Englisch so schön heißt, es wackelt, er bleibt hängen, Eis bricht ab und stürzt in die Tiefe – es ist Erik Weihenmayer, der 2001 als erster Blinder den Mount Everest bestiegen hat. Sein Leben war Thema an der Blindenschule in Lhasa und Sabriye Tenberken hat ihn angeschrieben und ihm von der Schule berichtet und welchen Einfluss seine Errungenschaft auf ihre Schüler hatte. Etwas kurz gefasst entwickelt sich daraus das Projekt, mit einer Gruppe ausgesuchter Schüler einen 7.000er zu besteigen – den Lakhpa Ri in Tibet, direkt neben dem Everest. Es scheint der totale Wahnwitz, aber das Projekt nimmt seinen Lauf, die Dokumentation immer wieder unterbrochen bzw. ergänzt durch Interviews mit den Schülern und auch ihren Familien. Die Landschaftsaufnahmen sind atemberaubend; zu einem großen Teil (bis zum „ABC“, dem Advanced Base Camp) wird die Route zum Gipfel des Mount Everest benutzt. Es machte mir Lust, mal zum Base Camp zu reisen – auf über 5.000 Meter. Von da sieht man den Everest und findet ihn, zumindest im Film, an sich nicht besonders eindrucksvoll… man sieht halt nicht die kompletten 8.848m einfach als Inselberg aus der Ebene ragen und spürt nicht den Sauerstoffmangel, der einen alle 5 Schritte anhalten und nach Luft ringen lässt. Aber trotzdem fantastisch.

Die Organisation Braille without Borders war mir bis dato auch unbekannt – obwohl sie in Swisttal ansässig ist und Sabriye Tenberken u.a. 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert war. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht, die ich mir als lesenwert vorstellen könnte: Mein Weg führt nach Tibet. Die blinden Kinder von Lhasa und Das siebte Jahr. Von Tibet nach Indien – die in Lhasa begonnene und weitergeführte Arbeit wird nun auch in Kerala aufgenommen. Der Film hat auf diversen hochkarätigen Festivals den Publikumspreis gewonnen, bspw. auf der Berlinale 2007 und in Cannes 2007. Wer ihn gesehen hat, weiß warum. Chancen nutzen – er lief schon in der vierten Woche im Rex…

Drachenläufer

Nach der fesselnden Lektüre von Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ waren meine Erwartungen an den Film hoch… und gleichzeitig war die Angst, enttäuscht zu werden, sehr stark. Das ist wahrscheinlich meistens der Fall, wenn man die Verfilmung eines Buches sieht, das man vorher gelesen hat. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, hier könnte die Enttäuschung potenziell größer sein als sonst.

Dem war nicht so. „Gelungen“ trifft es zwar, aber greift zu kurz. Glücksgriffe, einer neben dem anderen, waren die Schauspieler – ganz besonders der Darsteller Hassans, gespielt von Ahmad Khan Mahmoodzada. Genau wie sein Freund Amir im Kindesalter, Zekiria Ebrahibi; beide standen für diesen Film zum ersten Mal vor der Kamera und haben mich ziemlich beeindruckt im Kinosessel zurückgelassen.

Aber vielleicht erst noch kurz zur Geschichte, die hier erzählt wird; es soll ja Menschen geben, die weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen haben 😉 Einfach unverzeihlich. Kabul in den 70er Jahren, ein Schock an Moderne, der sich dem an die Berichterstattung über Afghanistan der letzten Jahre gewöhnten Kinobesucher offenbart. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Amir, Sohn eines intellektuellen Pashtunen, und sein Freund Hassan, Sohn des Dieners Ali, eines Hasara. Das ist ziemlich ungewöhnlich, wird doch von den stolzen Pashtunen auf die Hasara herabgesehen – vielfach bis heute. Ich erinnere mich an einen Studenten der Ingenieurswissenschaften aus Jaghuri, dem Ort, aus dem auch Hassan kommt, der in Qala-i-Nau das Mädchen für alles im Haus der Angestellten war, als einziger Hasara und Shia unter Pashtunen und Tajiken, alle Sunniten. Aber zurück zum Film. Amir und Hassan sind ein eingespieltes Team an Drachenflieger und -läufer. Beim großen Wettbewerb kommt es darauf an, mit den durch Glassplittern ausgestatteten Drachenleinen alle anderen Wettbewerber aus dem Rennen zu werfen, in dem man ihre Schnüre im Luftkampf durchschneidet. Dem Drachenläufer, Hassan, obliegt es dann, den Drachen des Verlierers zu erkämpfen. Und Hassan ist gut, der beste in Kabul – und für Amir würde er alles tun. Amir aber kann diese Treue nicht erwidern: nachdem Hassan erfolgreich den Drachen erlaufen hat, gerät er in einen Hinterhalt Halbstarker, die ihn, der den Drachen nicht hergeben will, vergewaltigen. Amir sieht aus einem Versteck hilflos zu und kann sich diese Schwäche nicht verzeihen, an die er jedes Mal erinnert wird, wenn er Hassan sieht. Er sorgt dafür, dass dieser mit seinem Vater den Dienst quittiert.

Kurz nachdem die Sowjets 1979 einmarschiert sind, verlassen Amir und sein „Baba“ Afghanistan und flüchten abenteuerlich über Pakistan in die USA, wo der Film auch beginnt mit einer Sequenz, in der der zum Schriftsteller avancierte Mittdreißiger Amir einen Anruf seines Onkels Rahim Khan aus Peshawar bekommt: „Komm nach Hause, Amir. Es ist Zeit. Du kannst es wieder gut machen!“ Und er kehrt zurück, in das Afghanistan unter den Taliban…

Mich hat beeindruckt, wie der Darsteller des kleinen Hassan es geschafft hat, diese Bodenständigkeit und absolute Treue so glaubhaft rüberzubringen, er ist ein lebensfrohes Stehaufmännchen, der sich für Amir aufopfern würde. Außerdem scheint Weisheit durch, wo an der Oberfläche die formale Bildung fehlt. Ganz im Gegensatz zu Amir, aus dem mal großes werden soll, der aber seinen Vater immer wieder enttäuscht, weil er einfach kein Mann zu werden scheint und nicht für seine Überzeugungen einsteht, nicht mal eine Prügelei eingeht – denn Hassan ist derjenige, der bei diesem ungleichen Paar mit seiner Steinschleuder allen zeigt, wo der Hammer hängt.

Der Einblick in die afghanische Community in den USA fand ich auch interessant. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob das Beziehungsgeflecht, das dort in Ansätzen gezeigt wurde, und die Aufrechterhaltung gewisser Traditionen so tatsächlich vorhanden sind, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, wenn ich mir mir bekannte deutsche Beispiele vor Augen führe. In den „USA-Sequenzen“ hat mir meine Lieblingsszene dieser Periode aus dem Buch gefehlt: als der Vater in einem kleinen Supermarkt, der von Vietnamesen geführt wird, sich zutiefst in seiner Ehre angegriffen fühlt, als diese ihn bitten, sich bei einer Scheckzahlung auszuweisen – als würde er nicht seit zwei Jahren immer wieder dort einkaufen. Irgendwie ist es zum Lachen, aber andererseits auch furchtbar tragisch.

Ich wurde auch gefragt, ob es nicht ein „Fehler“ im Film sei, dass es eine Szene im Kabul unter den Taliban gibt, in der im Stadion ein Fußballspiel stattfindet – da doch alle Spiele verboten gewesen seien. Letzteres ist soweit richtig, aber diese Fußballspiele haben stattgefunden und das Perfide daran war, dass in den Halbzeitpausen immer die Hinrichtungen durchgeführt wurden. Es heißt – aber Afghanen sind meiner Meinung nach geborene Legendenbilder – dass bis heute an der Stelle, wo die Todesurteile regelmäßig vollstreckt wurden, kein Gras mehr wächst. Der DFB hat seit Jahren ein Fußballprojekt, auch für Mädchen, in Kabul – vielleicht kann man das mal klären lassen…

Bevor ich den Film gesehen hatte, dachte ich, es seien alles eher unbekannte Schauspieler – und es ist nun auch kein Kevin Costner dabei. Aber die Gesichter der Vaters (Homayoun Ershadi) und des Onkels (Shaun Toub) kamen mir dann doch so bekannt vor, dass ich mich mal informiert habe. Homayoun Ershadi hat für seine Rolle im Film „A Taste of Cherry“ eine Goldene Palme in Cannes bekommen und Shaun Toub kann man aus der HBO-Serie „The Sopranos“ kennen.

Oh, was soll ich noch sagen. Über zwei Stunden Film, die vergingen wie ein Wimpernschlag, mit atemberaubenden, aber doch irgendwie zurückhaltenden Aufnahmen Kabuls, umgeben von den Gipfeln des Hindukush, aus der Sicht der kämpfenden Drachen. Mit Straßenszenen aus Kabul in den 70ern (die aber aufgrund der momentanen Sicherheitslage im chinesischen Xianjiang gedreht wurden… aber es fällt kaum auf), die einem mit Blick auf die jetzige Situation das Herz brechen können.

Eindrücke, auch der schönen Musik, kann man auf der amerikanischen Homepage des Films bekommen. Einen ausführlichen Artikel kann man in der Zeit nachlesen. Und wer den Film im Kino sehen möchte, zumindest unter den Bonnern, kann das im Stern noch bis mindestens Karnevalssonntag sehen. Ich glaube, ich wäre auch nochmal dabei. Aber jetzt muss ich ins Bett…

Eine Eifler Weihnacht


aus: Boston Globe, 26.12.2007

„DER Baum soll in euer Wohnzimmer?“ entfuhr es mit ungläubig, als ich in der Garage einen ersten Blick darauf warf. Die Garage, die eigentlich mehr die Werkstatt meines Vaters ist, ist keine gewöhnliche Garage: sie ist etwa 3,50m hoch – und der Baum kam gefährlich nah an die Decke.
„Dein Vater meint, wenn er von der Spitze 10cm abschneidet, sei das kein Problem,“ entgegnete meine Mutter mit einem wissenden Zwinkern. „Das Wohnzimmer ist wohl angeblich 2,40m hoch, aber ob da die Holzvertäfelung schon eingerechnet ist, konnte ich nicht klären.“
„Also, wenn ihr mich fragt – aber mich fragt ja keiner,“ warf meine Schwester, die zwischen zwei Zügen an ihrer Zigarette vor sich hin „simmeliert“ hatte, ein, „also, wenn ihr mich fragt: da muss mindestens der untere Kranz an Zweigen noch ab.“
Wir waren uns also einig. Es war der 22.12. und beim Abendessen brachte ich das Thema zu den Gürkchen und dem Aufschnitt auf den Tisch. Mein Vater aber blieb dabei und war sich seiner Sache so sicher, dass er eine Wette einging:
„Ich habe doch gemessen: da müssen weniger als 20cm von der Spitze weg, dann passt das, ihr werdet schon sehen!“
„Okay,“ entgegnete ich, „da halte ich dagegen: ich sage, es müssen mehr als 30cm gekürzt werden – und das geht nur unten. Ich wette um eine Tafel Schokolade.“
„Ja gut. Lass uns doch gleich 10 Euro sagen!“
Da mischte sich meine Mutter ein: „Hier wird nicht um Geld gewettet!“ Und so blieb es bei der Tafel Schokolade.

Am folgenden Morgen kam ich schlaftrunken in die Küche, wo meine Eltern schon seit längerem ihr Frühstück beendet hatten. Mein Vater sah nachdenklich den Meisen bei der Schlacht um die gleichnamigen Knödel zu und sagte, ohne den Kopf zu wenden, „Ich habe verloren. Wir müssen gleich mal gucken, was wir jetzt machen.“ Ich durfte mir noch kurz eine Jacke über den Schlafanzug ziehen und wir rückten der Fichte auf den Pelz. Es ist erstaunlich, was man alles braucht, um im Hause meiner Eltern einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Ich kam mir vor wie in einer Folge von „Hör mal wer da hämmert“ – so am ehesten in der, in der Tim Jill erklärt, was ein Flansch ist. Wie auch immer, zuerst musste es eine Astschere sein, um den untersten Kranz an Zweigen zu entfernen. Es folgte eine kleine Heckenschere für kosmetische Arbeiten ähnlicher Art. Danach bedurfte es eines riesigen Hammers mit Dämpfer, um die Schrauben am selbst entworfenen Christbaumständer zu lösen. Pi mal Daumen die richtige Amputationsstelle errechnet, kam die Stichsäge zum Einsatz, um dann noch von einem Bohrer beträchtlichen Ausmaßes abgelöst zu werden… das ist für die Stabilität, der Baum sitzt im Ständer auf so einem Pin. Ich ärgerte mich im Stillen, dass ich den Wetteinsatz nicht doch noch höher getrieben hatte. Die Kürzung betrug satte 36 cm. Plus etwa 10 cm von der Spitze. Die Tafel Schokolade werde ich im neuen Jahr einfordern.

Am Morgen des Heiligen Abend gibt es immer noch ein paar Besorgungen in letzter Minute zu machen – und wenn es sich nur um Puderzucker handelt, weil man feststellt, dass man den vergessen hat und für den geplanten Nachtisch DRINGEND braucht. Das ist leider nicht so praktisch wie zuhause, wo ich in nur um die Ecke in den Supermarkt muss. Hier muss man das Auto enteisen und eine Viertelstunde durch die Wälder gurken. Gerade denke ich noch, dass der Mensch im Auto vor mir wahrscheinlich ein Ehemann im temporären Exil ist, damit er daheim nicht dumm rum steht und womöglich noch gute Ratschläge abgibt – der hat Zeit. Da brechen sie aus den Schlehenhecken zur Linken, setzen über den Graben und dann über die Straße, den Hang hinunter und über die gefrorene Ebene hin zum Wirftbach! Die wilden Kerle haben sich uns als Opfer ausgesucht! Erst waren es zwei Wildschweine, von denen eines nicht ohne Kontakt mit dem Wolfsburger Wagen vor mir davon kam, dann ein drittes, das vor mir die waghalsige Mutprobe anging und unbeschadet überstand. Aber da fragt man sich: denken die eigentlich gar nicht nach? Die müssten sich nur in aller Seelenruhe an den Straßenrand stellen und jeder Autofahrer würde sofort in die Eisen gehen und sie kreuzen lassen. Ganz abgesehen davon, dass es in dieser Gegend durchaus Momente gibt, in denen weit und breit kein Fahrzeug eine Gefahr darstellen würde. Aber nein, wir müssen daraus einen Riesenakt machen. Die Vermutung liegt nahe, dass die drei sich ein Späßchen gemacht haben. Stehen da hinter den Schlehenhecken und warten auf die hektischen Weihnachtseinkäufer, um sich dann gegenseitig den Startschuss zu geben, „Los jetzt, ATTACKE! Dem zeigen wir’s!“ Davon stieben sie, wie die Büffel in der Savanne. Als ich etwa 40 Minuten später auf dem Rückweg wieder vorbei kam, stand der arme Exil-Ehemann immer noch da und wartete auf die Polizei – auch das kann in dieser Gegend dauern. Aber er war in der Zwischenzeit von Kindern aus dem Dorf mit Kaffee und Plätzchen versorgt worden – das wiederum war in dieser Gegend auch nicht anders zu erwarten.

Und Weihnachten war dann, wie es immer war – als einmal der Baum stand. Natürlich hatten wir eine Lichterkette zu wenig und dann ein Problem im Stromkreislauf, das aber mittels Kabelschere und Lüsterklemme geregelt werden konnte. An die komischen Vögel im Baum kann ich mich auch nach Jahren nicht gewöhnen, aber die sind wohl Klassiker aus den Jugendjahren meiner Mutter. In einigen Jahrzehnten werden sich andere Menschen wunderliche Gedanken zu meinem Elch-Christbaumschmuck machen. Bei mir gehört seit nun mehr als 10 Jahren selbst hergestellter egg nog zum Fest, Eierpunsch. Jetzt bloß keine immer zu kurz greifenden Vergleiche mit Eierlikör! Der Kartoffelsalat war gut, den Spießbraten kann ich nicht beurteilen und meinen für den ersten Feiertag vorbereiteten Lebkuchen-Flan kann man durchaus wieder machen. Nun bin ich u.a. für meine Kaffeeklatsch-Runden und andere Anlässe mit einer Kaffeemaschine ausgestattet und für anspruchsvolle Exkursionen in Gebiete, die nie zuvor ein Mensche gesehen hat, mit einem eidgenössischen Taschenmesser. Die Handhabung erwies sich als schwierig; bereits beim Ausklappen der zweiten Funktion floss Blut und die Arbeitsfähigkeit meines rechten Daumens ist weiter stark eingeschränkt.

Nun sitze ich hier, habe den ersten Arbeitstag hinter mir, zappe durch die Programme und wundere mich, wie sich Harry Potter doch verändert hat (bevor ich dann feststelle, dass es wohl der „Herr der Ringe“ sein muss, bzw. der Hauptdarsteller dieses Streifens). Wie man unschwer merkt, habe ich es nicht mit Fantasy…

Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr – see you in 2008!
Barbara

Der Schlafanzug


aus: Boston Globe, 22.12.2002

Weihnachten bringt die Menschen näher zueinander, da besteht gar kein Zweifel. Sei es nun, dass man seinen Platz im Gedränge vor der Reibekuchenbude verteidigen muss, sei es, dass man sich an eine Tasse übel schmeckenden Glühweins klammert und sich mit etwa 25 Gleichgesinnten den Platz unter dem Heizstrahler teilt. Oder aber, man ist auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen Onkel…

Ein Schlafanzug sollte es werden. Aber welche Größe muss der wohl haben? Ahnungslos vor den Regalen voller Schlafanzüge stehend, rief ich meinen Vater an, welche Größe er denn habe und welche bei seinem Bruder zu vermuten sei. Er kenne seine Größe selbst nicht, war die Antwort – da….

Man sollte nie NUR online schreiben. Was auch immer passiert ist, der Text ist weg – samt meiner Mrs Santa und allem… Da kann man nichts machen, nur dazu lernen…

Die saisonalen Köstlichkeiten


aus: Boston Globe, 21.12.2001

Was für ein Schock kurz nach meiner Rückkehr. Ich hatte es befürchtet, denn jedes Jahr ist es dasselbe… aber ich hatte keinen Maßnahmen ergriffen. PLUS: keine Zentis-Marzipankartoffeln mehr. EDEKA: ausverkauft. EXTRA: kein Fatz mehr. Panik machte sich breit… Gott sei Dank waren im Kaufhof noch 7 Beutel zu haben, die ich gleich aufgekauft habe. Vielleicht meldete sich wegen der fatalen Marzipankartoffel-Lage auch niemand auf mein Inserat im Tausch- und Verschenkmarkt, wo ich meinen All-in-one Lexmark angeboten habe… gegen 5 Tüten der oben genannten Köstlichkeiten. Wahrscheinlich konnte niemand anbieten.

In der Zwischenzeit bin ich auch selbst backtechnisch aktiv geworden und habe Marzipansterne, Glühweinschnitten und Nussmakronen in die Dosen verfrachtet. Leider ist alles entgegen sämtlicher früherer Planungen so hektisch diesen Advent, dass ich keinen Abend mehr in Ruhe zu Hause bin bis Weihnachten und doch wieder alles so zwischendurch läuft. Aber die Rumkugeln sollte ich vielleicht heute doch noch hinkriegen 😉 Die Glühweinschnitten fallen allerdings unter das Betäubungsmittelgesetz… die machen süchtig! Und die Frage, wie lange die sich wohl halten, entfällt völlig – meist nicht lange!

Unsere Katze Sophie arbeitet wie in jedem Jahr mit Lethargie daran, bis zu den Feiertagen Garfield’sche Ausmaße zu erreichen. Vier Schälchen Futter pro Tag sind gar nichts, dazu die eine oder andere Maus. Ich glaube, die Vögel lassen ihr keine Chance – höchstens der motorisch etwas herausgeforderte, den ich während eines Besuchs bei meinen Eltern in der letzten Woche beobachten konnte: in geschätzten 27 Anläufen hat er es nicht geschafft, den Anflug auf das Vogelhaus erfolgreich abzuschließen. Mal sehen, ob er Weihnachten noch im Training ist.

So, jetzt werde ich in aller Ruhe Weihnachtsstimmung aufladen und mir Olaf, der Elch reinziehen. Und die letzten Karten schreiben, noch ein paar Geschenke verpacken… die dritte Kerze anzünden… und mich dann im Norwegerpulli und bepackt mit Glühweinschnitten auf den Weg in die Südstadt machen. Einen frohen dritten Advent!

Bis bald
Barbara

Wenig fröhliches aus dem Ostkongo

Entscheidungsschlacht gegen Nkunda

Die Regierungsarmee startet eine Großoffensive gegen Laurent Nkundas Tutsi-Rebellen im Ostkongo. Der regionale Krisengipfel mit den USA ist gescheitert. VON DOMINIC JOHNSON

Die Kämpfe sind laut Augenzeugen von beispielloser Heftigkeit. Kongolesische Zeitungen sprechen vom „totalen Krieg“. Seit Montag wird an allen Fronten der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu, wo sich Regierungsarmee und Rebellen des Tutsi-Generals Laurent Nkunda gegenüberstehen, erbittert gekämpft.

Kongos Armee hat über 20.000 Soldaten in die Schlacht mit 4.000 Rebellen geworfen und massiv schwere Artillerie ins Kampfgebiet gebracht. Gestern meldete sie die Eroberung der Rebellenbasis Mushake in den Masisi-Bergen westlich von Goma. „Die 82. Brigade steht in Mushake“, sagte Armeechef Dieudonné Kayembe in Goma. Am Wochenende hatten Nkundas Rebellen ihrerseits die Regierungsbasis Nyanzale nördlich von Goma erobert. Sie erbeuteten dabei acht Tonnen Munition.

Die Eskalation trifft vor allem die Zivilbevölkerung. Seit Wochenbeginn ist die gesamte humanitäre Hilfe in Nord-Kivu außerhalb Gomas und Umgebung eingestellt. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms schneidet diese von der UN-Mission im Kongo (Monuc) verfügte Maßnahme 300.000 Flüchtlinge von jeglicher Versorgung ab. Nord-Kivu zählt 800.000 Kriegsvertriebene; 437.000 davon sind nach UN-Angaben dieses Jahr geflohen, mehr als in jedem anderen Konfliktgebiet der Welt. Nur 50.000 davon seien noch für die Hilfsorganisationen erreichbar.

Laut Informationen der taz hat die Monuc das UN-Personal in Goma angewiesen, sich auf die Evakuierung vorzubereiten. Dies wurde gestern dementiert – halbherzig. „Wir sind immer auf Evakuierung vorbereitet“, sagte Monuc-Sprecher Kemal Saiki. Ein UN-Mitarbeiter in Goma erklärt, man sei diese Woche neu an bestehende Bestimmungen erinnert worden. Nach internen UN-Sicherheitshinweisen, die der taz vorliegen, sollen alle UN-Mitarbeiter in Goma einen Notfallkoffer bereithalten, nachts Funkgeräte anlassen und schusssichere Westen griffbereit halten.

Kongos UN-Blauhelme unterstützen die Regierungsoffensive. Allein seit Dienstag hätten UN-Hubschrauber 3,4 Tonnen Munition an die Front geflogen und mindestens 40 Verwundete evakuiert, bestätigt Monuc-Sprecher Saiki. Direkt mitgekämpft hätten die derzeit 4.800 Blauhelmsoldaten in Nord-Kivu nicht – weil Kongos Armee das nicht verlangt habe. Aber „wir haben explizit gesagt, dass wir zur Unterstützung bereit sind“. Möglich sei ein Raketenbeschuss von Rebellenstellungen. UN-Truppen und Regierungsarmee teilen sich ein Feldhauptquartier im Ort Sake.

Offiziell begründet die Regierung ihren Krieg gegen Nkunda damit, der Rebell verweigere seine Eingliederung in die integrierte nationale Armee. Aber die 82. Brigade der Regierung, die als Eroberer Mushakes genannt worden ist, zählt auch nicht zur integrierten nationalen Armee. Zudem bestätigen unabhängige Beobachter, dass Kongos Armee mit ruandischen Hutu-Milizen zusammenarbeitet – damit begründet Nkunda seinen Krieg.

Die jüngste Eskalation kommt pünktlich zu einem Gipfel in Äthiopien, bei dem US-Außenministerin Condoleezza Rice gestern mit den Präsidenten Kongos, Ugandas, Ruandas und Burundis zusammentreffen wollte. Kongos Präsident Joseph Kabila kam aber nicht, und konkrete Ergebnisse gab es auch nicht. „Wir haben uns verpflichtet, weiterhin nach Lösungen zu suchen“, sagte Ruandas Präsident Paul Kagame.

Quelle: http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/entscheidungsschlacht-gegen-nkunda/?src=AR&cHash=3df10fda69

Der Baum


aus: Boston Globe, 17.12.2001

Trotz aller beunruhigenden Unkenrufe vor meiner Abreise, dass als Maßnahme zur Stabilisierung der Sicherheitslage im Ostkongo die Grenze zu Ruanda am 1.12. geschlossen werden sollte und ich somit meinen Rückflug ab Kigali nicht hätte erreichen können, bin ich heute morgen um 5:30 Uhr sicher in Frankfurt gelandet.

Zum ersten Mal war ich auf der Fahrt zwischen Goma und Kigali nicht hundsmüde und habe die interessantesten Dinge entdeckt. Große dunkelrot blühende Blumen, ein bisschen wie Dahlien, aber mannshoch. Was könnte man daraus ein schönes weihnachtliches Bouquet machen, dachte ich. Auch die bis zum Horizont reichenden Teeplantagen habe ich wahrgenommen – nun ist der Horizont im Land der tausend Hügel zwar nicht so fern, aber immerhin. Tee… da wartet doch so eine leckere Weihnachtsteemischung auf mich in Bonn, dachte ich. Und was sind das für komische hölzerne Zylinder hoch in ganz dünnen Bäumen, fragte ich den Fahrer. „Da wohnen die Bienen,“ antwortete er. Was würde der Honig in meinem Weihnachtstee lecker schmecken, dachte ich.

So ist es denn auch kein Wunder, dass mich nach meiner Rückkehr gleich die Weihnachtsstimmung vollkommen überflutete. An schlafen war nicht zu denken; dummerweise hatte ich auch noch ein gültiges Fernsehprogrammheft: Biathlon aus Hochfilzen war angekündigt. Darüber bin ich dann zwar doch weggedöst, aber es musste sein. So musste es denn auch sein, dass ich NOCH HEUTE einen Baum gekauft habe. Die Herren bei Knauber haben wahrscheinlich gedacht, ich ginge gar nicht mehr – ich habe jeden einzelnen Baum über 2m mehrfach rausgezerrt angeguckt, gedreht, nachdenklich das Kinn in die Hand gestützt, über Preise nachgedacht, über die Enge meiner Wohnung, darüber, was eine Koreatanne wohl im speziellen auszeichnet… und mich dann letztlich doch wieder für eine Nordmanntanne entschieden und dafür, dass die nächste (Altbau-) Wohnung ein Weihnachtszimmer haben muss, in dem ich einen 3,50-Baum voll zur Geltung kommend unterbringen kann!

Nun steht er, der Baum, wenn auch noch ohne Schmuck – das schaffe ich dann heute wohl doch nicht mehr. Und es ist eigentlich vollkommen unverständlich, warum die Weihnachtsstimmung so explodiert ist, hat man sich in Goma doch alle Mühe gemacht, Bonn in nichts nachzustehen. Ich selbst war mit Marzipankartoffeln, Lebkuchen und einem Adventskalenderbuch versorgt, der bekannte Bruder brachte am 4.12. extra kongolesische Barbarazweige vorbei (Palmenblätter), die Kollegin hatte ein tropisches Adventsgesteck organisiert über dem wir den ersten Advent besungen haben und mit der auf Urlaub in Goma weilenden Frau eines anderen Kollegen habe ich mich über Plätzchenrezepte ausgetauscht und festgestellt, dass ich diese „Wespennester“ dringend mal ausprobieren muss. Gleich morgen muss ich mal anrufen und nach dem Rezept fragen…

Ich wünsche euch allen einen tollen zweiten Advent, mit viel Plätzchenbacken, Geschenke verpacken, Geschenke basteln, Karten schreiben, einfach nur abhängen, Wintersport in der ARD oder was auch immer ihn zu einem gelungenen Tag werden lässt!

Bis bald
Barbara

“Thunderstruck” statt “Jingle Bells”

Seit Dienstag ist es klar: ich werde am kommenden Mittwoch (28.11.) für eine Woche erneut nach Goma fahren, zur Vorbereitung eines Audits, das Anfang Dezember dort laufen wird. Wie sich die meisten sicher vorstellen können, laufe ich quasi über vor Begeisterung – eine Woche wird aus dem eh‘ viel zu kurzen Advent geschnitten. Ich habe erstmal einen Abend lang Hardrock gehört bis ich schon dachte, gleich kommen Leute von der Straße rein und beschweren sich. Das Telefon habe ich mehrfach nicht gehört… Da ich ja aber immer die positiven Seiten sehe, freue ich mich auf die Abwesenheit aus meiner „WG“, denn die Situation hier ist schon wieder eskaliert. Ich frage mich wirklich, ob ich bis zum Sommer durchhalten oder im neuen Jahr den Wohnungsmarkt näher unter die Lupe nehmen soll.
Macht’s gut und bis bald
Barbara