Der Baum


aus: Boston Globe, 17.12.2001

Trotz aller beunruhigenden Unkenrufe vor meiner Abreise, dass als Maßnahme zur Stabilisierung der Sicherheitslage im Ostkongo die Grenze zu Ruanda am 1.12. geschlossen werden sollte und ich somit meinen Rückflug ab Kigali nicht hätte erreichen können, bin ich heute morgen um 5:30 Uhr sicher in Frankfurt gelandet.

Zum ersten Mal war ich auf der Fahrt zwischen Goma und Kigali nicht hundsmüde und habe die interessantesten Dinge entdeckt. Große dunkelrot blühende Blumen, ein bisschen wie Dahlien, aber mannshoch. Was könnte man daraus ein schönes weihnachtliches Bouquet machen, dachte ich. Auch die bis zum Horizont reichenden Teeplantagen habe ich wahrgenommen – nun ist der Horizont im Land der tausend Hügel zwar nicht so fern, aber immerhin. Tee… da wartet doch so eine leckere Weihnachtsteemischung auf mich in Bonn, dachte ich. Und was sind das für komische hölzerne Zylinder hoch in ganz dünnen Bäumen, fragte ich den Fahrer. „Da wohnen die Bienen,“ antwortete er. Was würde der Honig in meinem Weihnachtstee lecker schmecken, dachte ich.

So ist es denn auch kein Wunder, dass mich nach meiner Rückkehr gleich die Weihnachtsstimmung vollkommen überflutete. An schlafen war nicht zu denken; dummerweise hatte ich auch noch ein gültiges Fernsehprogrammheft: Biathlon aus Hochfilzen war angekündigt. Darüber bin ich dann zwar doch weggedöst, aber es musste sein. So musste es denn auch sein, dass ich NOCH HEUTE einen Baum gekauft habe. Die Herren bei Knauber haben wahrscheinlich gedacht, ich ginge gar nicht mehr – ich habe jeden einzelnen Baum über 2m mehrfach rausgezerrt angeguckt, gedreht, nachdenklich das Kinn in die Hand gestützt, über Preise nachgedacht, über die Enge meiner Wohnung, darüber, was eine Koreatanne wohl im speziellen auszeichnet… und mich dann letztlich doch wieder für eine Nordmanntanne entschieden und dafür, dass die nächste (Altbau-) Wohnung ein Weihnachtszimmer haben muss, in dem ich einen 3,50-Baum voll zur Geltung kommend unterbringen kann!

Nun steht er, der Baum, wenn auch noch ohne Schmuck – das schaffe ich dann heute wohl doch nicht mehr. Und es ist eigentlich vollkommen unverständlich, warum die Weihnachtsstimmung so explodiert ist, hat man sich in Goma doch alle Mühe gemacht, Bonn in nichts nachzustehen. Ich selbst war mit Marzipankartoffeln, Lebkuchen und einem Adventskalenderbuch versorgt, der bekannte Bruder brachte am 4.12. extra kongolesische Barbarazweige vorbei (Palmenblätter), die Kollegin hatte ein tropisches Adventsgesteck organisiert über dem wir den ersten Advent besungen haben und mit der auf Urlaub in Goma weilenden Frau eines anderen Kollegen habe ich mich über Plätzchenrezepte ausgetauscht und festgestellt, dass ich diese „Wespennester“ dringend mal ausprobieren muss. Gleich morgen muss ich mal anrufen und nach dem Rezept fragen…

Ich wünsche euch allen einen tollen zweiten Advent, mit viel Plätzchenbacken, Geschenke verpacken, Geschenke basteln, Karten schreiben, einfach nur abhängen, Wintersport in der ARD oder was auch immer ihn zu einem gelungenen Tag werden lässt!

Bis bald
Barbara

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