Neulich in der Eifel

This post is in German only as I see myself unable to translate this conversation in a manner that only remotely conveys its hilarity. It also won’t work in standard German so the potential readership will remain smallish…

A: „Jetzt sin se all up Jaach no de Pokemons.“
B: „Jo, die sin all bekloppt.“
A: „Anjeblich is do uch eent be oos upp’m Kirchhoff.“
B: „Wie kütt dat dann do hin?“
A: „Do frochste mich jet!“
C: „Denne Vüjelche möt me all ens mit em Kantholz für de Kopp schloon.“

Zu dem Zeitpunkt stand mir schon das Wasser in den Augen und ich versuchte, mein Lachen mit der Hand vor dem Mund zu kaschieren. Als ich aber dann vor meinem geistigen Auge den ca. 80-jährigen „C“ das Kantholz schwingend die Girardet-Brücke in Düsseldorf räumen und die Pokemon-Jäger zu Dutzenden in den Stadtgraben senden sah, wuchs sich das zu einem Lach-Flash fast bis zur Atemnot aus…

Auf bald
Barbara

Und dann war Chaos

Eigentlich, ja: eigentlich wollte ich einfach nur noch heim. Die 25 Minuten Fahrt lesend oder vielleicht sogar dösend im Zug sitzen. Die Woche war höllisch anstrengend und an diesem Donnerstag war es schon gefühlter Freitagabend. So saß ich also mit dem Rücken zum Fenster im Fahrradabteil in der RB zwischen zwei rheinischen Metropolen und wunderte mich noch, warum um alles in der Welt es wohl so voll war, dass man sich vorkam wie in Tokio zur Rush hour – und das an einem Wochentag um diese Zeit. Dann versuchte ich, mich auf einen Artikel über die kubanisch-amerikanischen Beziehungen zu konzentrieren.

„Sie müssen aufstehen!“ hörte ich eine fordernde ältliche Frauenstimme und beobachtete aus dem Augenwinkel, dass sie es darauf absah, ihr Fahrrad diagonal gegenüber an den Rand zu stellen, vor die Klappsitze. Dafür würde sie die Breite von drei Sitzen brauchen, nur zwei waren frei – und das auch nur, weil ein Kinderwagen in der Mitte den Durchgang versperrte. „Stehen Sie auf! Das ist ein Fahrradabteil! Mein Fahrrad muss da hin!“ Die Frau, an die sie ihre Aufforderung gerichtet hatte, blickte ungläubig von ihrem Buch hoch. „Das meinen Sie doch jetzt wohl nicht ernst, dass Ihr Fahrrad in einem derart vollen Zug drei Plätze blockieren kann?!“ Mittlerweile war die Aufmerksamkeit aller geweckt. „Stehen Sie auf! Da gehört mein Fahrrad hin!“ – „Ja, das ist ein Fahrradabteil!“ meldete sich ein Herr mit Fahrrad von der Tür her zu Wort. Und diesen Satz würde er Wort für Wort in der exakt gleichen Tonlage immer wieder sagen in den kommenden 15 Minuten, wie eine Schallplatte mit Sprung.

Die Rentnerin neben mir begann zu vermitteln und sagte zu dem Geschäftsreisenden, dessen Koffer den einen Sitz am ganz anderen Ende der Reihe blockierte: „Gucken Sie doch mal: wenn Sie den Koffer da weg nehmen und dann alle einen Platz aufrücken, dann hat das Fahrrad doch Platz.“ Das machte der dann auch und alle rückten auf. Missmutig nahm die Frau ihr Fahrrad und lehnte es an die drei Sitze, um sich dann Richtung 1. Klasse Abteil zurückzuziehen. Es dauerte ca. 37 Sekunden, bis das Fahrrad einfach umfiel und mit dem Lenker fast das Baby im Kinderwagen erwischte. „Boah eh, dat kann ja wohl nisch wahr sein, oder wat?“ stieß die erboste Teenage Mom aus. „Die Alte hat se ja wohl nisch mehr alle, oder wat?“ Eine junge Frau und ein nicht mehr ganz so junger Mann aus der Stehplatzfraktion schlugen blitzschnell zu und besetzten zwei der drei freigewordenen Klappsitze. „Das ist ein Fahrradabteil!“ kam es von der Tür. Wenige Augenblicke später kam besagte Alte aus dem 1. Klasse Abteil, um sich anzusehen, was da los war. „SIE haben mein Fahrrad umgeworfen!!! Heben Sie es SOFORT auf!“ schrie sie die lesende Frau an, die sie nur fassungslos anstarrte und dann wahrheitsgemäß meinte, sie habe ihr Fahrrad ja gar nicht berührt und was sie denn erwarte, wenn sie es weder anbinde, noch den Ständer ausklappe?? Alle nickten und ich hatte schon lange den roten Faden in den kubanisch-amerikanischen Beziehungen verloren. „Wenn isch hier gleisch nisch mit dem Kinderwagen durschkomm, mach ich dat Rad platt, dat sach isch dir,“ warnte die Teenage Mom und sah beifallheischend in die Runde. Der Geschäftsmann gegenüber jedoch vermutete, dass es sich wahrscheinlich um eine Aktionskünstlerin handelte und wir nur alle zu blöd seien um die Kunst zu erkennen.

„Das Fahrrad ist jetzt kaputt und die Tüte auch!! Was mache ich denn jetzt? Ich verlange Schadenersatz!“ sagte die Fahrradbesitzerin und setzte sich ihre Sehhilfe, die annähernd die Größe einer Taucherbrille hatte, zurecht. Ein ungläubiges Kichern ging durch die Reihen, wurde jedoch jäh unterbrochen durch ein „Ja, das ist ein Fahrradabteil!“ Das wiederum löste eine neue Attacke auf den Mann aus, der sich zwischenzeitlich auf einen der Plätze gesetzt hatte und las. Oder es zumindest versuchte. Anfangs führte er die Diskussion noch mit rationalen Argumenten, aber dann wurde er einfach nur noch sauer. „Die Alte krischt dat doch jar nisch auf de Reihe, dat sind doch Perlen vor die Säue,“ wandte die Teenage Mom ein. Dann zog die Alte wieder ab und sie fuhr fort, „Dat is doch läscherlisch, die sollte mal in den Kindergarten gehen, da lernen die wenigstens wie man sisch benimmt.“

Wir standen schon erstaunlich lange an einem Unterwegsbahnhof und plötzlich erkannte ich durch die Glastür zum 1. Klasse Abteil, dass die Alte den Lokführer aus seiner Kabine zerrte, damit er sich in ihrem Sinne der Sache annehme. Der kam total genervt mit und fragte „Würden Sie aufstehen, damit die Dame ihr Fahrrad abstellen kann?“ worauf das gesamte Abteil unisono mit „NEIN!“ antwortete. „Ja, das ist ein Fahrradabteil!!“ kam es wieder von der Tür. Es ließ den Lokführer jedoch kalt und er meinte nur: „Da hab ich keine Zeit für, ich muss noch nach Remagen,“ und drehte sich um und ging. Die Alte zog sich ebenfalls wieder zurück, aber eine junge Frau kriegte ihr Gemurmel noch mit und verkündete, dass wir nun offenbar alle mit einer Klage zu rechnen hätten und die Bahnpolizei am Zielort sich dann zuerst mal der Sache annehmen würde.

Der Zielort nahte und die Teenage Mom begann die Vorbereitungen zum Aussteigen, was uns den wenig erstrebenswerten Blick ganz, ganz tief in ihre Jeans bescherte und die obligatorische Mitteilung per Handy „Ja, isch bin im Zuch. Wir sin gleisch da…. Watt weiß isch denn, 3 Minuten oder watt. Is ja wohl net so wischtisch oder?… Ja, bis gleisch.“ Ein junger Mann, den ich rein ethnografisch in Nordafrika einordnen würde, bückte sich und hob das Fahrrad auf. „Nä, lassen se doch liegen, da heb isch den Kinderwagen ja lieber drübber.“ – „Nein,“ sagte der vermutete deutsche Mitbürger nordafrikanischer Herkunft, „das geht so nicht, Sie müssen doch da durch,“ und drückte den Lenker dem Mann mit dem Buch in die Hand, der auch gerne festhielt. Die Alte war im Anflug und von rechts kam ein deutlich slawisch beeinflusstes, „Ooh, jetz gibs Krrriek!“ Aber sie schien wohl aufgegeben zu haben. Nach dem Aussteigen beobachtete ich noch, wie von außen eine junge Frau von wesentlich weiter hinten im Zug noch an die Führerkabine klopfte und der Lokführer das Fenster öffnete. „Da hinten rauchen so ein paar kleine Jungs im Zug!“

Die Alte war sicher auf den Weg in meinen Stadtteil, wo nach Auskunft einiger derangierter Mitbürger sowohl ein Massenmörder frei herumläuft, als auch das Leben am Umspannwerk alle ständig unter Strom stehen lässt. Ich wurde nur den Gedanken nicht los, dass es ja irgendwie kein Wunder ist, dass die Bahn „immer“ Verspätung hat, oder?

Schönes Wochenende!
Barbara

Am Rande des Wahnsinns

Am Rande des Wahnsinns

Grundsätzlich gibt es immer wieder Zeiträume, in denen man, so für sich, am Rande des Wahnsinns zu stehen glaubt. Also, mir geht es zumindest so und leider in letzter Zeit immer häufiger und meist aus den gleichen Gründen, aber die sind hier nebensächlich. Was mir auffiel: ganz Bonn scheint unter Druck zu stehen. Wahrscheinlich liegt es an der sich verlangsamenden Konjunktur, ein Trend, der sich laut eines kürzlich in der ZEIT erschienenen Artikels am gestiegenen Schokoladenkonsum der Bevölkerung unausweichlich erkennen lässt. Sehr interessanter Ansatz und ich muss sagen: mein Schokoladenkonsum spiegelt meine innere Trendentwicklung ziemlich gut wieder.

Vielleicht sollte der sonst so freundliche Beamte der Deutschen Bahn am Info-Point mehr kakaohaltige Genussmittel zu sich nehmen. Mal wieder auf dem Weg in die Eifel musste ich als erstes feststellen, dass sich die Ausweitung des VRS-Verbunds für mich nicht positiv gestaltet: meine Bahncard gilt nicht mehr und nun zahle ich das Doppelte von heute auf morgen. Nach der Auskunft wollte ich mich noch an der Auslage des Zeitschriftenladens ablenken und kriege so nebenher mit, wie es am Info-Stand immer lauter wird. Der nette Herr kurz vor der Rente in seiner adretten Weste ist in ein Streitgespräch mit einem potenziellen Kunden verwickelt. Irgendwann, als die Dezibelzahl des Gesprächs deutlich die der häufig vorbeirollenden Güterzüge überschritt und der Vertreter der Bahn hochrot angelaufen war, dass ich dachte, er erleidet vor meinen Augen einen Herzinfarkt, kulminiert das Gespräch in seinem erbosten Ausruf – wahrscheinlich bis Gleis 5 hörbar: „SIE HABEN GESAGT, ICH KÖNNE SIE AM ARSCH LECKEN – UND JETZT LECKE ICH SIE AM ARSCH!!“ Schlagartig wurde es still, der Bäcker sah von seinen Rosinenschnecken auf, am Kiosk blieb ein Kunde während des Bezahlens mitten in der Bewegung stehen – und der Bahnkunde, ein etwa 25-jähriger mit Migrationshintergrund, zog den sprichwörtlichen Schwanz ein und schlich von dannen. Wir werden nie wissen, worum es ging, aber ich frage mich schon, in welchem Seminar zur Kundenbetreuung diese Reaktion eingeübt wurde, grammatikalisch perfekt. Andererseits war der Ausraster ja vielleicht auch berechtigt. Ich jedoch ertappte mich direkt nach dem Ausruf beim Denken des uralten Spruchs „Ach was, Quatsch – dafür ist die Schokolade doch viel zu günstig…“

Mehr in einem Schokoladenhoch war wohl jener Jugendliche, an dem ich abends mit dem Rad vorbeifuhr. Dieser saß an einer Bushaltestelle, telefonierte lautstark und ich suchte nach dem einleitenden Satz vergeblich nach einem Grund, stehenzubleiben und das Gespräch weiterzuverfolgen: „Boah, glaub’s mir, isch hab da echt voll korrekt Gefühle gezeigt, eh!“ Ich bin fast vom Fahrrad gefallen vor Lachen…

Wo Schokolade jedoch nicht mehr hilft, zeigte sich gestern Abend. Ich sah im Fernsehen den Film „Flug 93“, die verspielfilmte Pseudo-Doku zum Absturz des Flug United 93 in einem Feld in Pennsylvania zu 9/11. Irgendwann kommt meine Mitbewohnerin nach Hause und fragt „Und, was guckst du?“ Darauf meine Antwort: „Einen Film zum 11. September.“ Eine ganze Weile Stille und ein gespannter Blick auf den Bildschirm, dann die Frage: „Aber heute ist doch der 9. September?“ (Für mich jedoch war an diesem Film der größte Schock, dass der Terrorpilot von eben jenem Schauspieler gespielt wurde, der den erwachsenen Amir im „Drachenläufer“ darstellte… Was ihm dauerhaft einen zu großen Sympathiebonus für diese Rolle einbrachte.)

Was bleibt mir zu sagen… esst mehr Schokolode, Leute, bevor es zu spät ist!
Viele Grüße!!

Das Konkurrenzunternehmen

Cover von Senk ju vor träwelling

Es entbehrte nicht gewisser Ironie, dass ich in der Nacht zuvor wegen Schlaflosigkeit bis in die frühen Morgenstunden das Buch „Senk ju vor träwelling“ Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen gelesen hatte. Ich wollte mal wieder in die Eifel, zu meinen Eltern, was am Bonner Hauptbahnhof öfter schonmal Schwierigkeiten verursacht und sich auch dieses Mal als eines der großen Abenteuer dieser Welt entpuppte.

Wohlwissend, dass ich an einem Samstagmorgen den Wecker sicher nicht wegen ewiger Schlangen im Reisezentrum eine Stunde früher stellen wollte, hatte ich meine Fahrkarte schon am Vortag besorgt. So erreichte ich, noch etwas muffelig wegen des fehlenden Schlafs, um 9:44 Uhr Gleis 4, wo der Zug gewöhnlich – und wie mir das Internet am Vorabend noch einmal bestätigt hatte – um 9:49 Uhr abfährt. Je höher mich die Rolltreppe brachte, um so größer wurden meine Augen: kein Zug angezeigt, dafür Dutzende von verzweifelten Wanderern gestiegenen Alters, die sich einen schönen Tag an der Ahr machen wollten. Die Rolltreppe in die Gegenrichtung war nicht weit und ich machte mich gleich auf zum Info-Point. Dort entspann sich folgender Dialog:

Barbara: „Guten Morgen! Können Sie mir sagen, was mit der Rhein-Ahr-Bahn los ist? Die scheint nicht zu kommen?“
SERVICEkraft: „Nein, die fahren heute alle wegen Gleisarbeiten ab Bonn Bad-Godesberg.“
„Ach Herrje… “ [Blick auf die Uhr]
„Das schaffen Sie nicht mehr. Das war aber überall angeschlagen im Bahnhof.“
„Nun, das setzt voraus, dass man vorher im Bahnhof ist UND aktiv die Glaskästen aufsucht, wo Änderungen stehen KÖNNTEN. Ich habe am Vorabend im Internet geguckt und da stand gar nichts zu Änderungen.“
„Ja, was haben wir mit dem Internet zu tun? Das ist ein Konkurrenzunternehmen.“
„Wie jetzt, Konkurrenzunternehmen? Ich meine http://www.bahn.de.“
„Ja, sag ich doch. Ein Konkurrenzunternehmen, damit haben wir nichts zu tun und können auch nichts dafür, wenn die das nicht ändern.“

Zu diesem Zeitpunkt hielt ich es für besser, einfach per U-Bahn Richtung Bad Godesberg aufzubrechen, denn unausgeschlafen und mit einem stetig ansteigenden Genervtheitspegel kann man mit einem derartigen Ausmaß an Absurdität nicht umgehen. Dass man mir servicehalber beim Kauf des Tickets am Schalter vielleicht einen Tipp hätte geben können, war offensichtlich auch zu viel verlangt… Warum muss man so einen Humbug reden und kann nicht einfach sagen „Das tut mir leid und war mir nicht bewusst – ich werde das melden, damit das an den kommenden Wochenenden behoben ist.“ SELBST WENN man es dann nicht tut?? Ich habe die Frage nach der Konkurrenz auch an das Unternehmen gestellt und bin gespannt auf die Antwort – wenn eine kommt.

Was das oben genannte Buch angeht: es hat gute Passagen und besonders gefallen mir die „Übersetzungen“ für besonders häufig gebrauchte Wendungen in Durchsagen am Bahnsteig (endlich weiß ich, warum es diese ganzen Böschungsbrände gibt, weswegen sich die Züge auf ungewisse Zeit verspäten). Alles in allem ist es aber derart übertrieben, dass es spätestens nach der Hälfte langweilig wird.

Ohne Worte

„Unser“ Schwedisch sprechender Kuwaiti mit seinem sudanesischen Director Operations wird das erste und das letzte Mal im Kongo gewesen sein, nachdem sie mehr als zwei Wochen gebraucht haben, um ihren Truck mit unseren beiden Containern aus den Zoll zu bekommen. In der Zwischenzeit kam es zu einer weiteren Krisensitzung mit den beiden, bei der außerdem die kongolesische Polizei und unser „Entzollungsagent“ anwesend waren. Der Polizist war eingeschaltet, um zu bestätigen, dass sie einem Kollegen ein nicht quittiertes Bestechungsgeld in Höhe von 600 USD gezahlt hatten, um den Ablauf zu beschleunigen. Im Ernst. Der Polizist, Mr. Ezechiel, wie der Erzengel, erklärte, dass jener Kollege die „Gebühr“ kassiert und sich geweigert habe den beiden zu unterschreiben, dass er das getan habe, damit er sie in voller Höhe für sich behalten könnte. (Gibt es in diesem „Geschäft“ auch Teilabrechnungen??) Nachdem ich diese Erklärung verdaut hatte, fragte ich mit einem guten Schuss verdattertern Interesses nach, was das denn für Folgen für den Kollegen habe. Der Erzengel sah auf seine wie zum Gebet gefalteten Hände vor ihm auf dem Tisch und sagte mit einem die Lippen zart umspielenden Lächeln: „Gar keine.“

Die Diskussionen gingen weiter und leider war ich als einziger wieder mal in der Lage, allen irgendwie zu übersetzen, was der andere gerade gesagt hatte. Das übliche Durcheinander im Hirn war schnell erreicht, so dass in einem Fall mein Gegenüber, Mr. Wenceslas, unser Agent – ein Bär von einem kongolesischen Mann, dabei aber mit einem leicht lächerlich wirkenden Charlie-Chaplin-Schnurrbart – mich liebevoll anlächelte und meinte: „Iiiinglisch!“ Das Elend nahm weiter seinen Lauf, als sich herausstellte, dass die Spediteure sich nicht in der Lage sahen, die zugegebenermaßen besch…. Straße zu unserem Lager runter zu fahren – die allerdings seit einer halben Ewigkeit befahren wird… unzählige dort bereits stehende Container legen Zeugnis davon ab. Mittlerweile vollkommen entnervt haben wir sie dann auf dem Bürogrundstück abladen lassen und das Intermezzo ist letztlich zu einem Ende gekommen. Der Unternehmer aus Mombasa, dessen Subunternehmer die Herren waren, meldete sich dann irgendwann telefonisch, ob denn nun alles geregelt und diese Episode abgeschlossen sei und ich sagte: „Es scheint so – es sei denn, sie tauchen wieder auf!“ Woraufhin selbiger sich halb weggeschmissen hat und meinte, wir könnten versichert sein, dass das nicht passieren würde… Aber ich hatte keinen weiteren Auftrag im Sinn, sondern vielmehr die Möglichkeit, dass sie noch an diesem Tag wieder auftauchen könnten mit irgendeinem Problem…

Wer definitiv nicht auftauchte, war der für Montag (21.4.) angekündigte Auditor und er hatte offensichtlich auch kein funktionierendes Telefon, um uns von evtl. Verschiebungen in Kenntnis zu setzen. Dienstags gegen 16:30 Uhr kam er dann, um anzukündigen, dass er mittwochs zwischen 10 und 11 Uhr seine Arbeit aufnehmen würde. Er kam auch, aber nur um mitzuteilen, dass es doch Donnerstag würde. Mittwoch hätte er eigentlich schon zu einem Ende kommen sollen, was gut getimed gewesen wäre mit der Ankunft meiner Nachfolgerin, mit der ich nach Ankunft umgehend in eine Power-Übergabe mit Monatsabschluss und der zweimonatlichen Abrechnung für einen unserer Geber steckte. Soviel zu dieser Idee, basierend auf geradezu schwachsinnig penibler deutscher Planung. Am Donnerstag kam er aber tatsächlich und machte sich an die Arbeit. Auch Freitagmorgen wurde er zwischen 8:40 und 8:50 Uhr von mehreren unabhängigen Zeugen gesichtet, denen ich aber allen Anonymität zusichern musste. Dann war er auf der Vermisstenliste bis etwa 14 Uhr. Gegen 15:30 Uhr fragte er entgeistert (und EINZIGE Frage bislang), ob ich die Zahlen aus dem letzten in Frage kommenden Monatsabschluss mal mit dem Kontoabgleich verglichen hätte, das würde hinten und vorne nicht stimmen. Ich konnte nur darauf hinweisen, dass er dabei war, USD mit EUR zu vergleichen. „Ja, aber wir prüfen doch in Euro!“ sagt er… „Ja,“ entgegnete ich, „aber deswegen ist und bleibt das Konto, dass Sie sich ansehen, ein USD-Konto!“ Gegen 17:30 Uhr am Freitag meinte ich, ich würde dann mal Schluss machen, aber ich könne diese Tür auflassen, wenn er dann das Schloss zumachen würde. „Okay, bis morgen,“ sagte er und ich hatte die Faxen dicke. „Äh – unser Büro ist morgen geschlossen!“ Ja, was das denn sei, wenn er drei Tage frei machen würde, könnte er nie zu einem Ende kommen. Und ich sagte „Naja, eigentlich wollten Sie ja auch am Montag anfangen und überhaupt: wie jetzt, drei? Morgen ist Samstag!“ – „Was, schon Samstag?“ Joooooo…. Ich Unverbesserliche sagte dann aber zu, gegen 11 Uhr im Büro zu sein und auch am Samstag das Audit zu betreuen. Das war ich dann auch, bis 15 Uhr. Aber ratet mal, wer nie kam? Ich fasse den Rest der Sache kurz: das Audit, das drei Tage hätte dauern sollen, zog sich über DREIZEHN Tage, mitten in einer nicht wirklich stressfreien Übergabe… Es gibt da so zwei Begriffe, viel unterschätzt: „billigstes Angebot“ und „wirtschaftlichstes Angebot“…

Mittlerweile bin ich in Kigali angekommen, wo rein terminlich auch nicht alles so läuft, wie mal angedacht, aber ich finde Erholung im Hotel bei CANAL+ und den Cartoon-Fröschen Sancho und Pancho auf Französisch – mit spanischem Akzent. Und die heißen hier Rancho und Wancho.

Als Kontrastprogramm habe ich es nach einigen Erledigungen „für Goma“ und einem Besuch in unserem Büro in Kigali heute Nachmittag noch zum Genozid-Museum geschafft. Dass das ein Besuch der anderen Art werden würde, war schon klar, als der freundliche Herr am Eingang seine Einführung in etwa mit den Worten: „Also, im Außenbereich haben wir Massengräber…“ begann. Die untere Etage befasst sich mit den geschichtlichen Entwicklungen, die zum Genozid in Ruanda führten – ein Hintergrund, der mir noch nicht bekannt war. Nicht wirklich überraschend dabei die Tatsache, dass Entscheidungen der Kolonialmächte entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich solche Hassgefühle entwickeln konnten. 1932 wurde eine Art Personalausweis eingeführt, in dem vermerkt war, ob man Tutsi oder Hutu war – das war vorher erstens ziemlich egal und konnte sich zweitens im Laufe des Lebens je nach Situation ändern. Ein Tutsi war man nach den neuen „Regeln“, wenn man 10 oder mehr Kühe besaß. Wie sich diese Tatsache im Detail auf die angeblich an ihrem Körperbau und ihren Gesichtszügen („Die langen mit dem dünnen Hals und dem Pferdegebiss“) zu erkennenden auswirken konnte, bleibt mir ein Rätsel. Daraufhin angesprochen meinte der Fahrer, der mich begleitete, dass das IMMER zu erkennen sei, ganz klar. So wie man ihn von mir unterscheiden könnte, könnte man einen Hutu von einem Tutsi unterscheiden. So sei es denn. Erste Massaker gab es 1959 nach dem Tod des Königs und in den 60er Jahren erfolgten Zwangsumsiedlungen und bis 1973 waren 700.000 Tutsi bereits im Exil. Der „Genozid auf Raten“ begann dann schon im Oktober 1990 und erreichte seinen grausigen Höhepunkt dann bekanntermaßen im Frühjahr 1994. Diese Entwicklungen, die Darstellung des „Höhepunkts“ und die Folgen sowie auch Beispiele von „kleinen Leuten“, die über Monate Menschen bspw. unter ihren Betten versteckt haben sind gut aufgearbeitet in großen, beschrifteten Fototafeln und Interviews und anderen bewegten Bildern die man auf Touchscreens aufrufen kann. Im Obergeschoss ist Genozid… als „Konzept“ allgemein dargestellt und definiert, die frage, obund wie man dagegen arbeiten kann wird diskutiert, andere Beispiele werden genannt – als erstes der Genozid der Deutschen an den Herero in Namibia 1904/05… davon hört man bei uns ja eigentlich nur mit viel Glück mal was, wohl weil die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg alles andere überschatten. Dann erfährt man mehr zum Völkermord an den Armeniern 1915-1918, natürlich zum Holocaust, zu den Roten Khmer in Kambodscha 1975-1979 und dem Balkan-Konflikt der 90er Jahre. Das alles kann man noch irgendwie verdauen, der abschließende Schlag in die Magengrube ist dann eine Ausstellung von überlebensgroßen Kinderfotos, die als Titel den Namen des Kindes tragen. Darunter dann eine Tafel, die sich in etwa so lesen lassen (frei erinnert):

Eric, 4 Jahre
Lieblinssport: Fußball
Lieblingsessen: Milch mit Keksen
Bester Freund: sein Cousin Jean Paul
Charakter: Lausbub
Todesursache: Zerhackt durch Machete

Oder

Josephine, 2 Jahre
Lieblingsessen: Bananen
Bester Freund: Schwester Adolphine
Charakter: weint viel
Todesursache: Schädel an einer Wand zertrümmert

Abschließend kamen wir dann in den Bereich der anfangs angekündigten Massengräber, in Sachen Gestaltung unspektakuläre, betonierte Felder, hier und da Blumengebinde, in einer kleinen Parkanlage. Wie genau ich den Brunnen einstufen soll, der als Eckpunkte tönerne Statuen in Form von am Handy telefonierenden Schweinen hatte, weiß ich noch nicht…

Ab Mittwoch darf ich mich wieder so profanen Fragen widmen wie „Wieso ist die Frischmilch alle?“ oder „Kauf ich jetzt die lila Kuh oder doch quadratisch?“ und kann darauf bauen, dass Signore Franco von der Pizzeria nebenan erstens eine Pizza anbietet, die vom Preis-Leistungsverhältnis her definitiv das wirtschaftlichste Angebot ist und er zweitens um PUNKT 23:00 Uhr die Küchentür ein letztes Mal zuknallt. Wer hätte gedacht, dass man mal Einwohner mit mediterranem Migrationshintergrund in einem solchen Zusammenhang als Paradebeispiele darstellen würde. Aber das ist alles Relativitätstheorie in Reinform.

Ommmmmmmmmmmm.
Barbara

Barbara und ich

„Goma kann man nicht erklären, das musst du dir selber ansehen,“ hatte im Herbst der angereiste Freund des Projektleiters geantwortet auf die Frage, warum er sich Goma (und nur Goma) für einen Urlaub ausgesucht habe – das sei ihm so gesagt worden und er könne das auch nur unterstreichen. Ich habe in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen, dass sich hier schleichend eine Persönlichkeitsspaltung breit macht, die Realität von 99% derer in Goma lebenden und die Realität des anderen 1%. Dumm, wenn man da in beiden irgendwie drinhängt.

Vergangene Woche habe ich mich mit einer Ethnologin der Universität Bayreuth getroffen, die uns ausfindig gemacht hatte. Sie beschäftigt sich im Rahmen ihrer Promotion mit jugendlichen IDPs – Internally Displaced Persons, oder auch Binnenvertriebenen. Dazu hat sie bereits in Kolumbien gearbeitet und möchte nun Vergleiche ziehen, allgemein gültige Muster finden und beschreiben usw. Dazu macht sie Interviews und kommt in der Stadt und auch außerhalb viel rum, immer auf den Motorrad-Taxis. Untergekommen ist sie allerdings bei einer wohlhabenden kongolesischen Familie mit Bediensteten, was für sie den täglichen Schuss Schizophrenie ausmacht. Wir haben uns zum Abendessen getroffen und lange geredet – saßen dabei auf einer Terrasse am Ufer des Kivu-Sees, ließen uns Fischgerichte bringen und zum Nachtisch einen Crepe mit Cognac und haben mit 50 USD alles in allem fast das Doppelte von dem ausgegeben, was der Bedienstete im Haus ihrer Gastgeber im Monat verdient. Nun, jetzt auch nicht mehr, denn er hat sie gleich am ersten Tag um ihre gesamte Barschaft erleichtert und ward nicht mehr gesehen. Kommt mir ein bisschen bekannt vor… Es war wie an der Côte d’Azur, leichter Wellengang, Palmen, Sonnenuntergang – das Licht war so gut, dass man die umliegenden Hügelketten ungewohnt scharf sehen konnte. „Draußen vor der Tür“ ist es mittlerweile soweit, dass sich mir morgens auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise Menschen vor das Auto werfen, um Geld bitten, um sich ihr deutlich erkennbares Hautproblem behandeln zu lassen, die Reise nach Goma habe schon alle Mittel aufgebraucht. Und wenn man den einen oder anderen Kilometer weitergeht, ist man am Flüchtlingslager – und jenseits davon ist eigentlich weiterhin mehr oder weniger „no go area“.

Das Flüchtlingslager war auch das i-Tüpfelchen auf einer bizarren Erfahrung in deren Genuss der Projektleiter und ich am Freitag gekommen sind. Es hatte sich eine Delegation deutscher Parlamentarier angekündigt. Einige Tage zuvor hatten wir bereits den Eindruck gewonnen, mindestens George Bush müsse im Anflug sein, als ein Trupp kahl rasierter Deutscher in beige und pastell-khaki mit „Mann ihm Ohr“ Einlass erbaten um festzustellen, ob unser Grundstück für den Besuch auch sicher sei (keine zu versiegelnden Kanaldeckel). Wer das für surreal gehalten hat, wurde freitags dann eines besseren belehrt. Nachdem sie verspätet eingetroffen waren, hatten sie noch genau 30 Minuten, um unsere Arbeit kennen zu lernen. Wir hatten uns für einen 20-minütigen Film entschieden und schnell war man sich einig, dass wir dann einfach mit in den UN-Bus steigen und Fragen dazu auf der Weiterfahrt zum nächsten „Termin“ beantworten sollten. Jetzt war es dann soweit, dass mindestens auch noch Condoleeza Rice mit irgendwo im Auto saß: vorne dran ein blauer Pickup mit acht bis an die Zähne bewaffneten und im Anti-Demo-Outfit ausgestatteten kongolesischen Polizisten, die hatten was von Armadillos, diesen Panzertieren. Dahinter ein dicker weißer Wagen der UN und dann wir in unserem Bus – rasten in einem AFFENZAHN, mit Fernlicht, Dauer-Warnblinker und Gehupe ohne abzubremsen durch die Stadt und raus zum Flüchtlingslager, wo wir ankamen, drehten und direkt weiter zum Flughafen fuhren, da der Abflug kurz bevor stand. Noch nicht mal Zeit für ein Foto! In diesem Konvoi des Wahnsinns auch an der Absturzstelle vorbei, die eigentlich weiter großräumig abgesperrt ist. Am Flughafen sind wir raus gefahren bis direkt ans Flugzeug und der Projektleiter und ich, die wir wohl sowieso aussahen wie Pat und Patachon, da wir uns an diesem Morgen beide für Jeans und ein dunkelgrünes Hemd/T-Shirt entschieden hatten, fiel wirklich unisono die Kinnlade runter beim Anblick der Maschine, in die die Herrschaften einstiegen. „No name“, ist wohl noch das positivste, was man dazu sagen kann – aber wer weiß, vielleicht war es ja ein auf alt gemachter Kranich und alles war Undercover…

Als wäre das nicht schon alles des Guten zuviel gewesen, habe ich mich am Abend entschieden, mir „The Last King Of Scotland“ anzusehen – ein Film über den ehemaligen ugandischen Präsidenten Idi Amin, „der mörderischste der Diktatoren, die bald nach der Unabhängigkeit ihre Länder ruinierten“, wie es im Spiegel Special vom Februar 2007 zu lesen ist. Der Film ist gut und nicht nur wegen des mit dem Oscar ausgezeichneten Forest Whitaker in der Hauptrolle, aber sicher nichts für zarte Gemüter, besonders zum Ende hin – ich konnte es nicht nur nicht mit ansehen, ich konnte es auch nicht mit anhören.

Trotz allem gibt es die den Expats eigenen Luxusprobleme: die Schwierigkeiten in der Schokoladenversorgung spitzten sich noch zu. Nachdem ich unseren Fahrer gebeten hatte, im deutschen Laden in Kigali für 30 USD quadratisch, praktisch, gut zu einkaufen, war mein Gewissen schon schlecht genug. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass es nicht nur für mich war… Als er dann zurückkam, gab es zwei furchtbare Erkenntnisse: die Preise sind erhöht worden, eine Tafel nun etwa 5 USD. Ich sehe mich schon am Rande der Beschaffungskriminalität, aber mit dem Preis kann ich gerade noch umgehen. ABER: unwissentlich hatte er für das ganze Geld ausschließlich DIÄT-Schokolade gekauft – ich habe selten widerlicheres gegessen; wahrscheinlich lässt sich selbst amerikanische Schokolade dem noch vorziehen und das will was heißen. Meine Erkenntnis daraus (wenn schon aus nichts anderem): eine Diabetes muss unter allen Umständen vermieden werden, der Verlust an Lebensqualität ist doch wesentlich größer, als ich gedacht hätte. Aus schierer Verzweiflung bin ich dann tatsächlich dazu übergegangen, 85%ige Schokolade im Wasserbad zu schmelzen, Puderzucker, Sahne und Milchpulver unterzurühren und dann in Eiswürfel-Formen zu füllen. Es ist essbarer als vorher, aber ein Gaumenschmeichler ist was anderes. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, Rum hinzuzufügen…


Manchmal wickle ich auch Geschäfte mit Blutgeld ab… Geld ist hier ja immer dreckig, aber das fand ich dann doch richtig eklig
Sometimes I also do business with „blood money“… Money is always dirty here but this was really disgusting

Der schwedisch sprechende Kuwaiti und sein sudanesischer Scherge sind immer noch in Goma im Zoll, seit 12 Tagen. Mittlerweile sind sie übernächtigt und verzweifelt und haben uns gestern fast erweicht, ihnen privat unter die Arme zu greifen. Dem Kuwaiti ist sein Telefon mit allen Firmenkontakten geklaut worden, jeder, wirklich JEDER bittet nicht sondern VERLANGT Geld, Zigaretten oder sonst was, die Leute seien herablassend und unfreundlich. So was wie hier hätten sie noch nie erlebt und das sei das erste und das letzte Mal gewesen, dass sie eine Lieferung in den Kongo gemacht hätten. In Mombasa würde man, um die Dinge zu beschleunigen, hier und da vielleicht mal einem 5 USD in die Hand drücken und damit hätte sich die Sache, hier müsse man offenbar mehrmals das Hundertfache investieren. Der eine Fahrer steigt gar nicht mehr aus seinem Truck aus. Vor ein paar Tagen hatte ich schon den Eindruck, dass der Kuwaiti an sich, als quasi Weißnase, das „Problem“ ist – wäre der nicht dabei, wäre das vielleicht etwas anders ausgegangen. Selbst bei ihrem ersten Auftritt bei uns im Büro redeten die kongolesischen Kollegen nur von „dem Araber da hinten“. Man hat ihnen sicher von Anfang an angemerkt, dass sie zum ersten Mal im Kongo sind, dann haben sie niemanden dabei, der Französisch spricht (das Kisuaheli hier finden sie total unverständlich) und mit Blick auf den leichten Fang ist der Blutsaugermechanismus voll angelaufen. Aber selbst der Sudanese meinte, so was habe er noch nirgendwo in Afrika erlebt und offensichtlich müsse man in den Kongo kommen, um das wahre Afrika kennen zu lernen – diese Schlussfolgerung fand ich bedenklich…

Mittlerweile könnte ich mich „beömmeln“ (ja, dieses Wort kennt das Rechtschreibprogramm nicht!) was die Wasserversorgung angeht. Aus dem Leck sprudelt es munter weiter und das, was bisher daran repariert wurde, haben offenbar Nachbarn gemacht: etwa 7346 schwarze Einmal-Plastiktüten darum gewickelt. In der Zwischenzeit sind die Leitungen an der „Hauptstraße“ entlang des UNHCR-Grundstücks und Richtung Innenstadt frei gegraben worden, als sei man auf der Suche nach dem Leck, während unsere Straße nicht nur deutlich sichtbar und einsehbar unter Wasser steht, sondern die kleine Fontäne eigentlich den Weg weist…

Derweil gebe ich mir hier einen Vitamin-C-Schock nach dem anderen: in „meinem“ Garten stehen nämlich ein Orangen- und ein Zitronenbaum. Die Orangen lassen sich zu sehr, sehr leckerem Saft verarbeiten und eine halbe Zitrone drücke ich mir immer in ein Glas Cola. Aber die zu ernten ist kein Zuckerschlecken: Zitronenbäume haben lange und ausgesprochen spitze Dornen!! Und wenn mir ganz langweilig wird, massiere ich mir zur Abendunterhaltung einen Hauch Pili-Pili ins rechte Auge… Das ist eine extrem scharfe Sauce, die ich auch 1:1.000.000 mit Wasser verdünnt nicht essen kann – meine chinesische Mitbewohnerin in Deutschland ist begeistert, treibt sie doch selbst ihr Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber ich vermute, es waren Reste an der Flasche Mayo, die ich benutzte, dann habe ich mir nur die Brille zurecht geschoben und dann dachte ich plötzlich und unerwartet, ich muss sterben, ja so schnell ging das…

Ab dem heutigen Mittwoch, 10 Uhr, geht hier der Punk ab: die Auditoren kommen zur Prüfung eines Projekts und am Nachmittag dann „die Neue“  Ich fühle die Ruhe vor dem Sturm…

Macht’s gut und viele Grüße von
Barbara und mir

Ett kütt wie ett kütt, wat fott es, es fott un ett es noch immer jot jejange…

… bis auf vorgestern – obwohl: 19 Flugzeugabstürze in Kongo seit Jahresbeginn?! Eigentlich war dieser Blog-Eintrag ja schon fertig, aber der heftige Flugzeugabsturz vorgestern kann irgendwie nicht unerwähnt bleiben – besonders da ich nun weiß, wie wir davon erfahren haben. Unser Fahrer Bola war nämlich gerade einkaufen, als er den Riesenkrach hörte, das Gebäude erschüttert wurde und die brennende Maschine quasi vor ihm auf der Straße lag… das war um Haaresbreite noch mal gut gegangen für ihn. Ich habe mal meine Fotoordner durchgeguckt, ob ich ein Foto der Absturzstelle vorher habe, um die Gegend etwas darzustellen, aber das habe ich nicht. Leider auch keine Luftaufnahme, da es ja direkt hinter der Startbahn runtergekommen ist, wovon man aus dem Flieger kein Foto machen kann. Das unten stehende zeigt die Startbahn, am linken (nördlichen) Ende durch den erkalteten Lavastrom von 2002 verkürzt. Das war erst eine Vermutung: dass diese (zu) kurze Startbahn vielleicht der Grund war, aber dann hätte die Maschine ja gar nicht erst abgehoben. Der rote Punkt ist die ungefähre Absturzstelle und unser Büro muss man sich direkt am See, aber sicher drei Kilometer oder mehr zur rechten, nach Westen vorstellen.


Die Start-/Landebahn am Flughafen in Goma (verkürzt durch den Lavastrom von 2002)
The airfield at the Goma airport (shortened by the lava stream 2002)

Der Tag hatte schon chaotisch begonnen, als ich am späten Vormittag in ein babylonisches Sprachgewirr geriet und dann ab 14 Uhr nicht mehr in der Lage war, einen Satz vollständig in einer Sprache zu formulieren. Wir erwarten weiter die Anlieferung von zwei Containern mit Ersatzteilen und Reifen – ursprünglich aus Deutschland, angeliefert in Mombasa, Kenia, wo sie seit den Unruhen mehr oder weniger festsaßen. Jetzt sitzen sie seit einer Woche im Zoll zwischen Ruanda und Goma fest. Und an jenem schicksalhaften Tag tauchten die verzweifelten Spediteure auf, weil sie durch die lange Warterei, einer Panne auf der Strecke und Dieselklau unterwegs in Geldnöte geraten waren. Der „Director Operations“ (der Fahrer) war aus dem Sudan und sprach gewöhnungsbedürftiges Englisch. Der Chef des Unternehmens, der in der Zwischenzeit schon mit einer ersten Finanzspritze extra angereist war, war ein Kuwaiti, der ständig lautststark arabisch telefonierte, mit dem die Kommunikation allerdings bald auf Schwedisch verlief, ist er doch schwedischer Staatsbürger und wohnt eigentlich in Stockholm und vermisst seine beiden Kinder ganz furchtbar. Wer hätte jemals gedacht, dass mir schwedische Sprachkenntnisse im Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit noch mal von Nutzen sein würden. Dazwischen das französische Alltagsgeschäft und Telefonate mit der ursprünglichen Spedition in Deutschland. Irgendwann hat mein Hirn nicht mehr mitgemacht und ich sprach Deutsch mit Kambale und verstand nicht, warum der mich so verständnislos ansah, wo doch einmal ein Satz grammatikalisch einwandfrei raus kam… Wie auch immer, die Container sind immer noch im Zoll und werden auch so bald nicht rauskommen, da aufgrund des Flugzeugunglücks erstmal keiner mehr arbeitet. Warum eigentlich?

Seit letzter Woche weiß ich, wann Hektik ausbricht. Keine Panik, aber echte, die Ereignisse sich überschlagen lassende Hektik. Wasserversorgung weiterhin besch….. Ich stehe morgens auf, dusche kurz, ziehe mich an und fange an den Tisch zu decken und bleibe mitten in der Bewegung stehen – was rauscht hier so??? Oh mein Gott, das ist die Klospülung vom Gästeklo!! Dass ich den Teller nicht habe fallen lassen, war echt alles. Sie lief und lief und lief – und ich hatte keine Ahnung, wann sie angefangen hatte zu laufen. Wie sich hinterher rausstellte, nachdem mein einer Kubikmeter fast weg war, wohl die ganze Nacht. (Obwohl ja eigentlich der Hahn zwischen Tank und Leitung hätte zu gewesen sein sollen – und wieso fängt sie überhaupt unaufgefordert an zu laufen???). Und ich kriegte sie nicht zum Stoppen. Der Hahn im Bad war fest gerostet, also Deckel beiseite geschoben und versucht zu stoppen ging auch nicht… ich musste den Deckel ganz abnehmen, die Schnur durchschneiden, die den Knopf obendrauf mit dem Ding im Spülkasten verbindet (heute wieder Wortfindungsstörungen hier) und habe den Pin von Hand runtergedrückt, lief aber weiter. Wahrscheinlich irgendwie kaputter als gedacht. Da ich aber auch den Wassernachlauf nicht stoppen konnte, habe ich in einer waghalsigen Konstruktion aus einem Schnürriemen und einer Dose feuchter Toilettentücher den Schwimmer auf einen Level heben können, an dem der Zulauf nun gestoppt ist. Der Nutzen von Klospülungen wird wirklich allgemein überbewertet – aber ich habe sie trotzdem reparieren lassen 


© CM
Freizeitbeschäftigungen im Kongo – der nächste Uri Geller
After hours in Congo – the next Uri Geller

Wie die Jungfrau zum Kinde kam ich in den Genuss eines Treffens mit dem Minister für Öffentliche Arbeiten, Infrastruktur, Grund und Boden, Transport und Kommunikation und Stadtfragen der Provinz. (Ich werde das Gefühl nicht los, der Mann könnte überfordert sein). Oder so war es zumindest angekündigt. Der Projektleiter im Urlaub war eigentlich klar, dass ich, wenn wegen nichts anderem, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse da gar nicht auftauchen muss. Der Kollege Herr Kambale sollte die Dinge regeln, Allgemeinplätze von sich geben und repräsentativ wirken. Er und Madame Chanty waren jedoch der Ansicht, dass es besser sei, wenn ich als „peau blanche“, als Weißhaut, auch mitgehe – selbst wenn ich nach einem Satz Vorstellung das Wort an Kambale abtrete. Das Treffen war angesetzt für Mittwoch, 11 Uhr. Schon bald wurde es verschoben auf Donnerstag 11 Uhr. Gegen 10:30 Uhr kam ein Abgesandter und meinte, seine Exzellenz habe erst gegen 14 Uhr Zeit, wir würden dann einen Anruf bekommen. Der kam kurz nach 14 Uhr und in deutscher Eile brachen wir gleich auf. „Zehn Minuten, länger nimmt sich so ein Minister eh nicht Zeit,“ meinte Kambale und in Gedanken stimmte ich ihm zu. Empfang in einem schmucklosen Raum im Ministerium. Dafür ausgestattet mit den auch in Afghanistan beliebten Klotzmöbeln, die genau so konzipiert sind, dass man entweder die Füße nicht auf den Boden kriegt oder die Lehne mit dem Rücken nicht erreicht – es sei denn man fläzt sich so richtig dahin. Wahrscheinlich sollen die Teile einfach viel zu groß angelegte Räume füllen. Der Hausmeister bemühte sich mit einer kongolesischen Flagge als Tischtuch stundenlang um ein angemessenes Ambiente, Zupf hier, Zupf da, zurück, wieder hin… nur, damit es am Ende schiefer nicht hätte sein können. Auf Erfrischungen, zumindest in Form eines Tees, warteten wir vergeblich. Gewöhnt an diese Form afghanischer Gastfreundschaft ist mir das sehr negativ aufgefallen, muss ich sagen. Nicht, dass der afghanische Tee immer mundet, aber wenigstens klebt einem nach drei Stunden nicht die Zunge am Gaumen fest. Ja, so lange blieben wir nämlich. Nicht, dass wir so lange auf den Minister gewartet hätten, oh nein! Der kam gar nicht, sondern seine rechte Hand, ein „Maître“, was irgendwas juristisches sein muss… wenn ich nach der Moderation des Gesprächs gehe, ein Richter oder ein niederer Schlichter. Trotz allem war er des Öfteren mit seinem Chef in extrem wichtigen Telefonaten, „Ouiiiiiiiii, Excellence“, „d’accord, Excellence“. Derweil lief die Diskussion mehr oder weniger zwischen uns und dem Vertreter einer anderen Hilfsorganisation, die wir beide in dieser speziellen Region tätig zu sein versuchen, was sich aber aufgrund der Sicherheitslage als schwierig gestaltet. Deswegen war auch das Treffen anberaumt worden. Die andere Weißnase, Paul (vom Richter immer als Pool angeredet), sprach nur Englisch und hatte den Übersetzer dabei. Und nachdem ich mich bereits mit „Leider ist mein Französisch nicht so gut, deswegen gebe ich das Wort an Herrn Kambale“ vorgestellt hatte, hab ich irgendwann einfach nicht mehr den Mund halten können, und habe mich in die Übersetzung eingeschaltet, die einfach teilweise haarsträubend war. Und oh Wunder, ich konnte mich doch allen Ernstes halbwegs sinnvoll äußern, mit einigen Vokabeln von Kambale dazwischen geworfen. Ich war außerdem überrascht, welche Feinheiten er aus dem Englischen übersetzen konnte. Da muss man wirklich aufpassen 
Alsbald lernte ich, dass, wenn der schlichtende Richter „einen kurzen Einwurf“ machen wollte, Geduld angesagt war. Einer Diskussion über Straßenbau, in der es um Befestigungsmauern, Drainagerohre, schweres Gerät und Regensperren ging, konnte ich problemlos folgen, aber als er dann zu einem mittlerweile gefürchteten „kleinen Einwurf“ anhob und das Thema von kompaktierten Erdstraßen auf Milchkühe brachte, habe ich den Faden verloren und konnte meine gesamte Konzentration nur noch darauf verwenden, das breite Grinsen zu unterdrücken.
Ich fand es außerdem sehr interessant, die Leute zu beobachten, außer mir alles Männer. Was ich jetzt sage, könnte wieder einige zum Aufschreien bringen, aber ich schicke voraus, dass ich solche Überlegungen auch in Europa anstelle und jede Wette eingehe, dass ich einen Schweden von einem Finnen unterscheiden kann, ohne sie reden zu hören. Oder einen Italiener von einem Spanier. Und Amis erkennt man IMMER. Also, hier in Goma ist eine ethnische Gruppe die der Nande. In Butembo bilden sie die Mehrheit. Und ich finde für mich, dass es gewisse Gesichtszüge gibt, die eine Zuordnung zu dieser Gruppe wahrscheinlich sein lassen. Ich kann noch nicht mal festmachen, woran ich das zu erkennen glaube, aber es stimmt sehr oft. In dieser Runde waren aber zwei Männer, die deutlich aus der Reihe fielen und, wie ich dachte, beide wiederum zu unterschiedlichen Ethnien gehören müssen. Auf der Heimfahrt habe ich dann zu Kambale gemeint, mir fehle ja das sprachliche Vermögen für diplomatische Umschreibungen, deswegen käme die Frage jetzt vielleicht etwas unsensibel rüber, aber der Herr, der so aggressiv gesprochen habe (und groß gewachsen war, mit einem längeren Gesicht und härteren Zügen), wo der denn wohl her sei. Nein, der sei nicht von hier, der sei aus Ruanda, ein Hutu. Direkt neben ihm saß ein kleinerer Mann (in einem NEONGELBEN Oberhemd), den ich wirklich schlecht beschreiben kann. Oder schon, aber ich weiß, ich höre mich dann endgültig an wie ein Vorkriegsmodell von Ethnologe: er hatte eine deutlich andere Schädelform. Nein, der sei auch nicht von hier, der käme aus Walikale und sei ein Munyanga. Alles sehr interessant, aber wir kamen zurück von den Milchkühen auf den Erdstraßenbau und die Diskussion begann erste Funken zu sprühen, als sich Maître Robert einschaltete und sagte, er wolle uns die Geschichte von Herrn Sowieso erzählen, der einmal mit seinen Aussagen zu einem bestimmten Thema alle Gesprächspartner verprellt habe. Aber dann sei Herr Nocheinsowieso eingeschritten und habe die Wogen geglättet, indem er sagte, niemand solle sich verletzt fühlen von den Aussagen. Die seien sehr direkt und hart, aber so sei Herr Sowieso eben, das sei seine Natur und niemand müsse sich persönlich angegriffen fühlen. Und so sei das eben wohl auch die Natur des Herrn zu seiner Rechten, kein Grund zur Aufregung. Ruhe kehrte ein und ich wartete vergeblich auf die Milchkuh.

Der Büro-Tag hatte aus fluglogistischen Gründen schon um 6 Uhr begonnen und endete erst gegen 17:30 Uhr… Für mein allabendliches Privatkino schien mir „Stirb langsam“ als Ausklang angemessen…

Su jon die Jäng, sacht man in der Eifel – such is life?
Bis bald
Barbara

P.S.: Es gibt aber auch schwedisch aussehende Spanier, die mich vollkommen vom Hocker hauen können: letzte Woche kam ein spanischer Vertreter einer benachbarten Organisation mit einer Bitte zu uns und mir ist fast die Kinnlade runtergefallen – er sah aus wie Mats Wilander, nur mediterran angehaucht (und in Echtzeit etwa 10 Jahre jünger). Die Bedeutung dieser Begegnung zu erklären würde zu weit führen – so ist dieser Abschnitt nur was für Leute, die mich seit etwa den Australian Open im Januar 1988 kennen 😉