Vom Neandertaler zur Badminton-Bundesliga / From Neandertals to Premier League Badminton

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Was für eine Woche… viele wunderbare „Events“ – aber die Frequenz hat mich fertig gemacht. Nach Badminton und einem „internationalen Abend“ am Dienstag und caveMittwoch ging es Donnerstag mit den Kollegen nach Köln, wo wir uns nach dem Genuss von Tapas in der warmen Frühlingssonne CAVEMAN angesehen haben. Da wurde ordentlich gelacht!

What a week…lots of wonderful events but their frequency really did me in. There was the weekly badminton on Tuesday and then the monthly „international evening“ on Wednesday. Thursday brought me to Cologne, having yummy tapas in the spring sunshine and later enjoying CAVEMAN with colleagues. Hilarious!

Westen

Freitag ging es erneut nach Köln, zur lit.Cologne. Das ist seit… vielleicht 10 Jahren eine liebgewonnene Tradition mit einer guten Freundin. Dieses Jahr hatten wir uns Julia Franck und Heide Schwochow ausgesucht, „Vom Buch zum Film.“ Beim Buch handelt es sich um Lagerfeuer, beim Film um Westen, der hier gerade in den Kinos läuft. Das Gespräch war zum allerersten Mal kein schönes Erlebnis. Ein farb- und ideenloser Moderator, dazu eine Autorin, die hauptsächlich sich zu produzieren wollen schien. Einfach mal einen normalen deutschen Satz zu sagen und eine Frage direkt zu beantworten, war nicht ihr Ding. Dafür saß die Frisur. Aber der Abend nahm dennoch einen erfreulichen Verlauf, denn der Film Westen ist ein absoluter Knaller, über eine Witwe mit Sohn, die aus der DDR flieht und ihre Erlebnisse im Auffanglager. Absolute Empfehlung und alle Daumen hoch.

Friday saw me in Cologne again, at lit.Cologne. That’s been a tradition of a good friend and myself for… maybe 10 years. This year we chose to see Julia Franck (book author) and Heide Schwochow (screen writer), „From Book to Movie.“ The book is Campfire, the movie is called West and is currently shown in German movie theaters. The discussion at the beginning was the first one I did not enjoy. An uninspired host and an author who mainly wanted to present herself. It was unlike her to speak a normal German sentence and give a direct answer to a question. But her hair was gorgeous. Fortunately, the evening did turn out a success in the end because the movie was fantastic. It’s set in 1978 and about a widow and her son who flee the GDR to West Berlin and their experiences at the reception center. Recommendation! All thumbs up.

Gegen 00:30 Uhr war ich im Bett, um 7 Uhr klingelte der Wecker wieder, denn Samstag hieß: Creativa in Dortmund!!! Ich muss sagen: fit ist anders, aber es war trotzdem wieder ein tolles Erlebnis. So viele interessante Dinge… wie immer überwältigend. Hier ein kurzer Einblick.

I finally got to bed about half past midnight and the alarm clock went off again at 7 am because Saturday meant: CREATIVA craft convention in Dortmund!!! I have to say: well rested is something else but it was still a great day. So many interesting things… overwhelming, as usual. Here are a few impressions:

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Am Sonntag folgte dann noch ein lang erwartetes Highlight: Bundesliga-Badminton in Bonn-Beuel. Spannende Matches, unglaubliche Ballwechsel und die Erkenntnis, dass es dienstags in der Haribohalle so ziemlch an allem hakt. Auf welches Manko nur soll ich mich morgen konzentrieren?!

And then on Sunday we went to see premier league badminton in Bonn-Beuel, a long awaited highlight. Thrilling matches, incredible rallies and the realization that we have to work on basically everything in our „Tuesday group“ in Kessenich. What should I concentrate on?!

Team (Bonn-) Beuel

Team (Bonn-) Beuel

BaBu3

Und nein… Karten habe ich keine gebastelt… Habt einen guten Start in die Woche!

And no… I didn’t make any cards… Have a good start into the week!

Barbara

Young@Heart


Boston Globe, 09.12.2007

Als hätte jemand einmal kurz mit dem Finger geschnippt, ist nun schon der zweite Advent und ich habe das Gefühl, meine liebste Jahreszeit nähert sich rasant ihrem Ende. Mit dem gestrigen adventlichen Kaffeeklatsch gab es ein weiteres Highlight von Festivitäten „unter’m Baum“ und ich arbeite hart daran, mich davon zu erholen. Gäbe es nicht schon wieder atemberaubenden Wintersport im Fernsehen, läge ich wahrscheinlich noch im Bett!

Am Freitag war ich von leider nur zwei weiteren experimentierfreudigen Menschen ins Kino begleitet worden und Leute: ihr habt einen Wahnsinnsfilm verpasst: Young@Heart


Young at Heart Chor, Foto von Paul Shoul
Young at Heart Chorus, photo by Paul Shoul

Es handelte sich dabei um eine Dokumentation des Senioren-Chors Young at heart aus Northampton in Massachusetts, die sich so ziemlich alle als Klassik-Fans bezeichneten, im Repertoire allerdings ausschließlich abgefahrenste Songs hatten, von Sonic Youth, Coldplay, Bob Dylan und was weiß ich. Seit Freitag habe ich diverse Ohrwürmer, im Moment „Road to Nowhere“ und gestern wachte ich summend auf und wusste noch nicht mal, was ich eigentlich summte… Wer noch die Möglichkeit hat: unbedingt angucken, hier der Trailer als Vorgeschmack – oder guckt euch mal das Video I will survive an. Der Film ist Gott sei Dank im Original mit Untertiteln – wenn man über die Lebendigkeit der alten Herrschaften hinweg synchronisiert hätte… ich mag gar nicht darüber nachdenken.

Derweil sieht man mir den Reibekuchen-Test-Esser offensichtlich an: auf dem Weg zum Kino habe ich den nächsten Stand aufgesucht und war ganz angetan. Geschmacklich vielleicht bislang die besten, aber VIEL zu kross. Somit kommt weiter nichts an den Stand am Sterntor. So stand ich da auf jeden Fall und aß meine Reibekuchen (mit einer großzügigen Portion Apfelmus übrigens) – wie lange kann das dauern? Maximal 10 Minuten, oder? In diesen 10 Minuten wurde ich gleich DREIMAL zu meiner Meinung befragt und einmal um eine Kostprobe gebeten…

Und nun werde ich mal ein paar Geschenkchen verpacken… 🙂
Barbara

Keinohrhasen

Ja, ich habe einen Lauf – ich war schon wieder im Kino und schon WIEDER total kurzfristig. Anruf, Zusage, Bus gekriegt. Endlich hat es mit Keinohrhasen geklappt. Und wie schön, dass es so war. Vorher war ich ja auch hin-und hergerissen… gute, sehr gute Kritiken… aber dann dieser Til Schweiger. Der war, wie sich im Laufe der fehlgeschlagenen Verabredungsversuche herauskristallisierte, wirklich häufig auch bei anderen der Grund für die Absage: „Wenn ich den schon höre, das ist so abtörnend!“ …. „ich gehöre zu den wenigen Frauen, die Til Schweiger von der Bettkante stoßen würden, ich würde sogar ein Abendessen mit ihm ausschlagen…“

Dann war gleich die erste Szene zum Wegschmeißen. Jürgen Vogel spielt Jürgen Vogel – der nach einem Aufenthalt mit einem Lebensberater in den USA generalüberholt dem Journalisten Ludo (Schweiger) und einem Fotografen der „BILD-Zeitung“ ein Interview gibt: Zähne gemacht, lange blonde Haare, braunst gebrannt, silikonverstärkter Allerwertester – und er habe gelernt, dass es auf das Äußere ankommt, denn wenn man sich mit seinem Äußeren wohlfühlt, kommt der Rest von ganz alleine.

Kinderhasser und in seiner Selbsteinschätzung frauenbeglückender überzeugter One-Night-Stander (oder Ständer?) sitzt Ludo als Klatschreporter auch schon mal Fälschungen auf und kriegt von der mit seinem Anwalt einen Provatkrieg austragenden Richterin 8 Monate auf Bewährung – gegen 300 soziale Arbeitsstunden. Die führen ihn in einen Hort, der unter anderem von Anna geführt wird, die seit der gemeinsamen Kindheit einen Hass gegen ihn hegt. Und Rache ist süß.

Süß sind auch die Kinder. „Wie heißt du denn?“ – „Cheyenne Blue.“ – „Cheyenne Blue? Das ist aber ein außergewöhnlicher Name!“ – „Meine Mama ist Schauspielerin und die Kinder von Schauspielerinnen dürfen keine normalen Namen haben.“ Der Abspann offenbart, dass Schweigers versammelter Nachwuchs mitgewirkt haben dürfte – und Cheyenne Blue eigentlich doch ganz einfach Emma heißt.

Abgesehen davon, dass in diesem Film auftritt, was im deutschen Kino und anderen Bereichen Rang und Namen hat (wunderbar u.a.: Armin Rohde als Herr Bello und Klitschko beim Heiratsantrag) kann man an diesem Streifen vielleicht das Happy End voraussehen – aber nicht die gewundenen Wege, die dorthin führen.

Es gibt viel zu lachen – fangt damit an!

Blindsight

Schon wieder war ich im Kino, ganz spontan, nach einer kurzfristigen Absage zum Abendessen. Das Wetter war bescheiden und lange habe ich mit meinem inneren Schweinehund gekämpft, bin aber dann doch noch aufgebrochen zu Blindsight. Gott sei Dank.

Dass das versammelte Publikum eines Films mit der exakt gleichen Gefühlslage aus dem Kino kommt, ist extrem selten – ich kann mich nur an drei Anlässe erinnern. Schindlers Liste hat das mit einer Horde Acht- bis Zehntklässler geschafft, damals in den Neunzigern – die kamen vollkommen geräuschlos aus einem Ahrweiler Kinosaal. Dann war es Independence Day in einem Theater in Dedham bei Boston, wo außer mir konsterniertem Europäer alle anderen am Ende des Films aufstanden und in Begeisterungsschreie und hysterisches Klatschen ausbrachen; das Anstimmen der Nationalhymne konnte gerade noch verhindert werden. Zuletzt bei Persepolis im Sommer – einfach die totale und vielschichtige Begeisterung. Und dann heute wieder: Applaus im Rex, wenn auch keine stehenden Ovationen. Sicher, der Abspann an sich, über den ich nichts verraten werde, hat seinen Teil dazu beigetragen, aber sicher auch für den Film – der es immerhin schaffte, die Zuschauer nach Filmende in ungewohnt großem Maß noch vor der Leinwand zu bannen.

Sabriye Tenberken hat in Tibet mit der Organisation Braille without Borders eine Blindenschule aufgebaut, ein Internat. Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, besonders aber vor dem mir bis dahin unbekannten Hintergrund, dass Blindheit in Tibet als göttliche Strafe gilt. Die Kinder gehen davon aus, dass sie in einem vorherigen Leben etwas furchtbares gemacht haben müssen, sonst wären sie nicht blind wiedergeboren worden. „Aber umgebracht habe ich wahrscheinlich niemanden, immerhin bin ich als Mensch wiedergeboren worden,“ sagt einer. Oder sie sind von einem Dämon besessen. Wie genau Kyila, eine der blinden Schülerinnen, ihre Blindheit zusammen mit der ihrer beiden Zwillingsbrüder und ihres Vaters erklärt, wird nicht ganz klar. Dafür aber der frühe Tod ihrer Mutter, „die hatte es am Herzen. Sie musste sich zu viel um alle sorgen.“

Die erste Szene kann einem schon das Herz in die Hose rutschen lassen. Die Leinwand bleibt schwarz und man hört nur das Gespräch zwischen zwei Männern, so ungefähr: „Du musst jetzt über diese improvisierte Brücke drüber, ganz langsam.“ – „Okay, alles klar… langsam.“ Dann kommt das Bild dazu – die Brücke ist eine Konstruktion aus drei aneinandergebundenen Alu-Leitern, über eine Gletscherspalte, sicher 15 Meter tief. Und da geht einer drüber, inching forward, wie es auf Englisch so schön heißt, es wackelt, er bleibt hängen, Eis bricht ab und stürzt in die Tiefe – es ist Erik Weihenmayer, der 2001 als erster Blinder den Mount Everest bestiegen hat. Sein Leben war Thema an der Blindenschule in Lhasa und Sabriye Tenberken hat ihn angeschrieben und ihm von der Schule berichtet und welchen Einfluss seine Errungenschaft auf ihre Schüler hatte. Etwas kurz gefasst entwickelt sich daraus das Projekt, mit einer Gruppe ausgesuchter Schüler einen 7.000er zu besteigen – den Lakhpa Ri in Tibet, direkt neben dem Everest. Es scheint der totale Wahnwitz, aber das Projekt nimmt seinen Lauf, die Dokumentation immer wieder unterbrochen bzw. ergänzt durch Interviews mit den Schülern und auch ihren Familien. Die Landschaftsaufnahmen sind atemberaubend; zu einem großen Teil (bis zum „ABC“, dem Advanced Base Camp) wird die Route zum Gipfel des Mount Everest benutzt. Es machte mir Lust, mal zum Base Camp zu reisen – auf über 5.000 Meter. Von da sieht man den Everest und findet ihn, zumindest im Film, an sich nicht besonders eindrucksvoll… man sieht halt nicht die kompletten 8.848m einfach als Inselberg aus der Ebene ragen und spürt nicht den Sauerstoffmangel, der einen alle 5 Schritte anhalten und nach Luft ringen lässt. Aber trotzdem fantastisch.

Die Organisation Braille without Borders war mir bis dato auch unbekannt – obwohl sie in Swisttal ansässig ist und Sabriye Tenberken u.a. 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert war. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht, die ich mir als lesenwert vorstellen könnte: Mein Weg führt nach Tibet. Die blinden Kinder von Lhasa und Das siebte Jahr. Von Tibet nach Indien – die in Lhasa begonnene und weitergeführte Arbeit wird nun auch in Kerala aufgenommen. Der Film hat auf diversen hochkarätigen Festivals den Publikumspreis gewonnen, bspw. auf der Berlinale 2007 und in Cannes 2007. Wer ihn gesehen hat, weiß warum. Chancen nutzen – er lief schon in der vierten Woche im Rex…

Drachenläufer

Nach der fesselnden Lektüre von Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ waren meine Erwartungen an den Film hoch… und gleichzeitig war die Angst, enttäuscht zu werden, sehr stark. Das ist wahrscheinlich meistens der Fall, wenn man die Verfilmung eines Buches sieht, das man vorher gelesen hat. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, hier könnte die Enttäuschung potenziell größer sein als sonst.

Dem war nicht so. „Gelungen“ trifft es zwar, aber greift zu kurz. Glücksgriffe, einer neben dem anderen, waren die Schauspieler – ganz besonders der Darsteller Hassans, gespielt von Ahmad Khan Mahmoodzada. Genau wie sein Freund Amir im Kindesalter, Zekiria Ebrahibi; beide standen für diesen Film zum ersten Mal vor der Kamera und haben mich ziemlich beeindruckt im Kinosessel zurückgelassen.

Aber vielleicht erst noch kurz zur Geschichte, die hier erzählt wird; es soll ja Menschen geben, die weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen haben 😉 Einfach unverzeihlich. Kabul in den 70er Jahren, ein Schock an Moderne, der sich dem an die Berichterstattung über Afghanistan der letzten Jahre gewöhnten Kinobesucher offenbart. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Amir, Sohn eines intellektuellen Pashtunen, und sein Freund Hassan, Sohn des Dieners Ali, eines Hasara. Das ist ziemlich ungewöhnlich, wird doch von den stolzen Pashtunen auf die Hasara herabgesehen – vielfach bis heute. Ich erinnere mich an einen Studenten der Ingenieurswissenschaften aus Jaghuri, dem Ort, aus dem auch Hassan kommt, der in Qala-i-Nau das Mädchen für alles im Haus der Angestellten war, als einziger Hasara und Shia unter Pashtunen und Tajiken, alle Sunniten. Aber zurück zum Film. Amir und Hassan sind ein eingespieltes Team an Drachenflieger und -läufer. Beim großen Wettbewerb kommt es darauf an, mit den durch Glassplittern ausgestatteten Drachenleinen alle anderen Wettbewerber aus dem Rennen zu werfen, in dem man ihre Schnüre im Luftkampf durchschneidet. Dem Drachenläufer, Hassan, obliegt es dann, den Drachen des Verlierers zu erkämpfen. Und Hassan ist gut, der beste in Kabul – und für Amir würde er alles tun. Amir aber kann diese Treue nicht erwidern: nachdem Hassan erfolgreich den Drachen erlaufen hat, gerät er in einen Hinterhalt Halbstarker, die ihn, der den Drachen nicht hergeben will, vergewaltigen. Amir sieht aus einem Versteck hilflos zu und kann sich diese Schwäche nicht verzeihen, an die er jedes Mal erinnert wird, wenn er Hassan sieht. Er sorgt dafür, dass dieser mit seinem Vater den Dienst quittiert.

Kurz nachdem die Sowjets 1979 einmarschiert sind, verlassen Amir und sein „Baba“ Afghanistan und flüchten abenteuerlich über Pakistan in die USA, wo der Film auch beginnt mit einer Sequenz, in der der zum Schriftsteller avancierte Mittdreißiger Amir einen Anruf seines Onkels Rahim Khan aus Peshawar bekommt: „Komm nach Hause, Amir. Es ist Zeit. Du kannst es wieder gut machen!“ Und er kehrt zurück, in das Afghanistan unter den Taliban…

Mich hat beeindruckt, wie der Darsteller des kleinen Hassan es geschafft hat, diese Bodenständigkeit und absolute Treue so glaubhaft rüberzubringen, er ist ein lebensfrohes Stehaufmännchen, der sich für Amir aufopfern würde. Außerdem scheint Weisheit durch, wo an der Oberfläche die formale Bildung fehlt. Ganz im Gegensatz zu Amir, aus dem mal großes werden soll, der aber seinen Vater immer wieder enttäuscht, weil er einfach kein Mann zu werden scheint und nicht für seine Überzeugungen einsteht, nicht mal eine Prügelei eingeht – denn Hassan ist derjenige, der bei diesem ungleichen Paar mit seiner Steinschleuder allen zeigt, wo der Hammer hängt.

Der Einblick in die afghanische Community in den USA fand ich auch interessant. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob das Beziehungsgeflecht, das dort in Ansätzen gezeigt wurde, und die Aufrechterhaltung gewisser Traditionen so tatsächlich vorhanden sind, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, wenn ich mir mir bekannte deutsche Beispiele vor Augen führe. In den „USA-Sequenzen“ hat mir meine Lieblingsszene dieser Periode aus dem Buch gefehlt: als der Vater in einem kleinen Supermarkt, der von Vietnamesen geführt wird, sich zutiefst in seiner Ehre angegriffen fühlt, als diese ihn bitten, sich bei einer Scheckzahlung auszuweisen – als würde er nicht seit zwei Jahren immer wieder dort einkaufen. Irgendwie ist es zum Lachen, aber andererseits auch furchtbar tragisch.

Ich wurde auch gefragt, ob es nicht ein „Fehler“ im Film sei, dass es eine Szene im Kabul unter den Taliban gibt, in der im Stadion ein Fußballspiel stattfindet – da doch alle Spiele verboten gewesen seien. Letzteres ist soweit richtig, aber diese Fußballspiele haben stattgefunden und das Perfide daran war, dass in den Halbzeitpausen immer die Hinrichtungen durchgeführt wurden. Es heißt – aber Afghanen sind meiner Meinung nach geborene Legendenbilder – dass bis heute an der Stelle, wo die Todesurteile regelmäßig vollstreckt wurden, kein Gras mehr wächst. Der DFB hat seit Jahren ein Fußballprojekt, auch für Mädchen, in Kabul – vielleicht kann man das mal klären lassen…

Bevor ich den Film gesehen hatte, dachte ich, es seien alles eher unbekannte Schauspieler – und es ist nun auch kein Kevin Costner dabei. Aber die Gesichter der Vaters (Homayoun Ershadi) und des Onkels (Shaun Toub) kamen mir dann doch so bekannt vor, dass ich mich mal informiert habe. Homayoun Ershadi hat für seine Rolle im Film „A Taste of Cherry“ eine Goldene Palme in Cannes bekommen und Shaun Toub kann man aus der HBO-Serie „The Sopranos“ kennen.

Oh, was soll ich noch sagen. Über zwei Stunden Film, die vergingen wie ein Wimpernschlag, mit atemberaubenden, aber doch irgendwie zurückhaltenden Aufnahmen Kabuls, umgeben von den Gipfeln des Hindukush, aus der Sicht der kämpfenden Drachen. Mit Straßenszenen aus Kabul in den 70ern (die aber aufgrund der momentanen Sicherheitslage im chinesischen Xianjiang gedreht wurden… aber es fällt kaum auf), die einem mit Blick auf die jetzige Situation das Herz brechen können.

Eindrücke, auch der schönen Musik, kann man auf der amerikanischen Homepage des Films bekommen. Einen ausführlichen Artikel kann man in der Zeit nachlesen. Und wer den Film im Kino sehen möchte, zumindest unter den Bonnern, kann das im Stern noch bis mindestens Karnevalssonntag sehen. Ich glaube, ich wäre auch nochmal dabei. Aber jetzt muss ich ins Bett…

Eingeschoben: Kinotipp “Persepolis”

Eigentlich muss es für diesen Film mehr als nur den Tipp zwischendurch geben – es ist einer der mitreißensten Streifen, die ich jemals gesehen habe. Man weint und lacht mit Marjane, verkrampft sich in die Sessellehne und lacht (als einziger in einem französischen Kino) laut auf, als Inspektor Derrick im Hintergrund einen Fernsehbildschirm ziert. Seit Ende Juni ist der Film in französischen Kinos und vielleicht haben wir ja Glück und bald auch bei uns. Eine unserer Lehrerinnen in Aix hatte uns davon erzählt. Ursprünglich als autobiographischer Comic veröffentlicht, hat die Autorin (selbst) jetzt den Film dazu gemacht. Ich bin kein allzu großer Freund von Comics und hatte nach Ansicht im Buchladen darauf verzichtet. Aber in den Film bin ich trotzdem gegangen, was für ein Glück!

Es ist die Geschichte von Marjane Satrapi, die in Teheran als Kind liberaler Eltern aufwächst und die Hochs und Tiefs – oder vielleicht auch nach der Abdankung des Schahs 1979 ein Tief nach dem anderen – erlebt. Aber sie möchte Prophetin werden und als solche für drei Dinge sorgen: 1) alle sollen ein Auto haben, 2) alle Dienstmädchen sollen mit am Tisch essen und 3) keine Großmutter soll Knieschmerzen haben. Ihre Großmutter lernen wir natürlich kennen, ein echtes Original. Auch ihren Onkel, der allerdings aufgrund seiner marxistischen Ideen hingerichtet wird. Als sie 14 ist, wird sie von ihren Eltern allein nach Wien geschickt, wo sie auf einer französischsprachigen Schule ihren Abschluss machen soll (sie hat Französisch schon in Teheran gelernt). Diese Zeit ist für sie hauptsächlich schwierig, wie man sich vielleicht vorstellen kann, und endet mit einer vorzeitigen Rückkehr in den Iran („Ich möchte nach Hause kommen, aber versprecht mir, dass ihr keine Fragen stellt!“ sagt sie zu ihren Eltern am Telefon – die tun das und halten sich daran.)

Von da an bekommt man einen Eindruck vom Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinter den Kulissen im Iran – vom Schwarzmarkt für Musikrichtungen aller Art (Marjane liebt IRON MAIDEN…) über verbotene Parties, die Auftritte der Sittenpolizei und anderem.

Auf einer französischen Website gibt es den Spot zum Film, auf Französisch natürlich, aber man bekommt einen guten Eindruck – auch vom Charakter der Hauptdarstellerin/Autorin, die in der kurzen Szene, in der sie von den Polizisten angesprochen wird, sie solle nicht laufen, weil dann ihr „äh, Hinterteil“ zu unrein wackelt und dann entnervt zurückschreit: „Dann guckt doch einfach nicht auf meinen Hintern!!“

In der ZEIT erschien 2004 ein Artikel zu den Comics, als diese in Deutschland erschienen sind, zu diesem Zeitpunkt zwei von vier Bänden. Mittlerweile gibt es alle (und viel billiger als in Frankreich… ich denke das liegt daran, dass die Deutschen vielleicht weniger Comic-Leser sind als die Franzosen, wenn ich mir die Buchhandlungen so in Erinnerung rufe…) Ein bisschen mehr Hintergrund bietet auch, klar, WIKIPEDIA

Wie ich gehört habe, soll dieser Film in den kommenden Wochen in Teheran in den Kinos gezeigt werden – und Marjane Satrapi wird zur Premiere vor Ort sein. Ich kann es mir noch nicht ganz vorstellen, aber ich werde das verfolgen. Und wenn er hier läuft, werde ich ihn mir noch einmal ansehen… ich komme dann darauf zurück 🙂

Bis bald!
Barbara