Neues aus der Weihnachtswahn-Zentrale


Boston Globe, 07.12.2007

Die Adventszeit ist nun wirklich über uns hereingebrochen, was man an solch wunderbaren Dingen wie siebenstündige Wintersportübertragungen auf den öffentlich-rechtlichen Sendern merken kann… Da sieht man nicht nur verschneite Winterlandschaften aus Nordskandinavien und gerät ins Schwärmen und Darüber-Nachdenken, Karneval in Lappland zu verbringen – ich muss allerdings noch klären, wann die Nordische Ski-WM ist. Die findet in Liberec statt, was mich jetzt nicht so reizt… Aber da 2008 ganz ohne Live-Teilnahmen an einem sportlichen Großereignis vorbeigeht, muss man für 2009 wieder konkreter planen. Also, man sieht nicht nur die verschneiten Winterlandschaften mit den beschriebenen Folgen, sondern konnte auch noch zwischen Plätzchen backen, den Baum besiegen und Karten schreiben mit dem einen oder anderen Deutschen jubeln, lernt entfesselt schreiende, Wikinger-gleiche Norweger kennen, und kann sich darüber aufregen, dass die Gundersen-Methode aus der Nordischen Kombination verschwunden ist.


Der Baum – inkl. Elche und ugandische Krippe
The tree – can you make out the theme??

Der Baum ist FAST fertig. Von 150 auf nun 250 Glühbirnchen aufgestockt trage ich zumeist meine Sonnenbrille, wenn ich am Tisch sitze und weihnachtliche Korrespondenz erledige – naja, so ähnlich jedenfalls. Heute war ich noch auf der Suche nach weiteren Kugeln, konnte aber nicht glauben, dass das, was mir in den beiden großen Kaufhäusern am Platz als Glaskugeln im doppelten Sinne verkauft werden sollte, auch wirklich aus Glas waren. Ich muss mal drüber schlafen. Aber auch jetzt sieht er doch schon ganz gut aus, wenn man ihn sich aus der richtigen Perspektive ansieht 🙂 Neben den ganzen Elchen habe ich auch meine kürzlich in Uganda erworbene Krippe im Baum untergebracht – macht sich doch gut, oder?

Auf meiner Suche nach dem besten weihnachtsmarktlichen Reibekuchen bin ich heute glaube ich einen gewaltigen Schritt weitergekommen. Ich habe die kleine, unauffällige Bude am Sterntor ausprobiert. Da war eine ziemlich lange Schlange. Und man kriegt dort auch NUR Reibekuchen (und die nur „mit“ oder „ohne“, in diesem Fall Apfelmus) oder gerade noch eine Bratwurst. Aber letztere gingen nicht gut. Jedem, der neu zur Schlange stieß, rief die Grill-Verantwortliche zu: „Bratwurst?“ Und bekam jedes Mal zur Antwort: „Reibekuchen!“ Es wurde schon ein running gag – irgendwann schlug sie wartenden Kunden vor, doch eine Bratwurst als Vorspeise zu nehmen, was aber nicht aufgegriffen wurde. Die Reibekuchen-Kollegin meinte, die können wahrscheinlich die ganzen Würste abends wieder mit nach Hause nehmen. Aus lauter Verzweiflung aß die Dame vom Grill dann selber eine – ein Werbe-Coup wie mir schien, denn nur wenige Augenblicke später wurde die erste Bratwurst bestellt… Jedenfalls waren die Reibekuchen gut, wenn auch vielleicht einen Hauch zu pfeffrig.


Kreative Weihnachtsbäckerei
Creative Christmas bakery

Gestern kam es zu einem großen Back-Event in meiner Küche, zu dem ich mich kurz entschlossen am letzten Freitag mit einer Plastiktischdecke ausgestattet hatte. Kluger Schachzug. Ich hatte Besuch von einer Kollegin und ihrem 5-jährigen Sohn und wir haben unter Führung des Chef-Bäckers wie die Wilden Teig geknetet, ausgerollt und dann alle möglichen Formen ausgestochen – Sterne, Kleeblätter, Tannen, Herzen, Schaukelpferde, Teddybären und was weiß ich noch… Der kleine Künstler entschied sich dann für lila und grünen Zuckerguss zu den bunten Streuseln. Ich muss sagen: die Dinger schmecken auch noch!

Der Advent lässt sich gut an!
Barbara

Der Baum kommt!


Boston Globe, 27.11.2008

Das erste Adventswochenende ist da!! Die Eröffnung des Weihnachtsmarkts in der Woche zuvor schockte mich noch, aber jetzt bin ich schon mittendrin statt nur dabei. Die ersten Plätzchen sind gebacken (endlich habe ich die berühmt-berüchtigten Wespennester nach althergebrachtem Rezept aus dem Münsterland mal ausprobiert – und das erfolgreich!) und die Weihnachtsdeko steht kurz vor ihrer Vollendung.

Gestern begann es mit der Lieferung des Baums. Ja: LIEFERUNG! Das war in diesem Jahr ein ganz besonderes Unterfangen. Über Wege, die zu erklären zu weit führen würde, wurde mir eine Nordmann-Tanne beliebiger Größe geschenkt… und eben kostenlos nach Hause gebracht. Bestellt hatte ich also, für meinen Altbau mit etwa 3,60m Deckenhöhe, eine hoffentlich wunderschöne Tanne à 2,50m. Schon als sie jedoch geliefert wurde, sank mir das Herz in die Hose: sie hatte gigantische Ausmaße und ist, wie sie nun da steht, gerade mal 20cm von der Decke entfernt. Eigentlich perfekt, nur ist mein Wohnzimmer weiterhin außerdem mein Esszimmer und mein Arbeitsraum und ich hatte mir ursprünglich vorgestellt, auch mal mit mehr als einer Person außer mir die weinachtliche Stimmung zu genießen. Da stand sie dann, beim ersten Versuch vollkommen aufrecht im Ständer, und mir entfuhr ein ungläubiges Lachen und kurz zweifelte ich, ob ich dieser Herausforderung gewachsen sein würde.


Der Baum, erster Tag
The tree, day one

In Ermangelung einer Säge (HALLO: Wunschzettel!!!!!) musste ich den allerausladensten untersten Ast mit einem Tomatenmesser absägen, was erstaunlich gut funktionierte und den Tomaten nun ein herzhaftes Harzaroma verleiht. Meine übliche 150-Birnchen-Lichterkette stellte sich alsbald als unzureichend heraus; leider ist das Werk auch mit einer zugekauften 50-Birnchen-Kette nicht vollendet. Ebenso abzusehen war, dass die vorhandenen Kugeln und Elche aussehen würden wie gewollt und nicht gekonnt – also musste ich auch in diesen Bereich investieren. Und muss ich auch noch weiter… Aber so läuft das dann, wie ich das in meiner amerikanischen Gastfamilie dereinst kennenlernte: der Baum wird am ersten oder spätestens zweiten Advent aufgestellt (im Falle besagter Familie ein 5-6 metriges Monstrum, das wir zuvor höchstselbst in den dunklen Wäldern westlich von Boston geschlagen hatten) und bis Weihnachten immer weiter geschmückt. Noch heute sehe ich meinen Gastvater über die Balken unter der „Zimmerdecke“ balancieren und die obersten Dekoarbeiten vornehmen. Bei mir war es nun die Gott sei Dank im Rahmen der Küchenrenovierung angeschaffte 6-Tritt-Leiter.

Mal sehen, wie das alles nun voranschreitet – ich komme mir schon hier und da ein bisschen größenwahnsinnig im Stile der verrückten amerikanischen Weihnachtsfilme vor, oder auch wie der häufig zitierte Heimwerkerkönig. Doch keine Angst: ich werde Abstand davon nehmen, leuchtende Plastik-Elche auf’s Dach zu stellen und noch hält die Sicherung die Lichterketten. Ich erhoffe mir von dieser Illumination den Verzicht auf weitere Beleuchtung und vielleicht auch Heizung, wenn dann wahrscheinlich 250 Birnchen vielleicht genug Wärme abstrahlen!!

Einen schönen ersten Advent wünscht
Barbara

November Action


Herbstlicher Blick aus unserem Küchenfenster
View from our kitchen window in fall

Hier sind sie wieder, die kalten, regnerischen Tage, die zur Heimeligkeit in den eigenen vier Wänden einladen… Aber es gibt auch die Tage, die unseren Innenhof so fantastisch aussehen lassen!

Manchmal jedoch, Regen oder Sonne, muss man auch Dinge außerhalb dieser Wände erleben, sonst entwickelt man ziemlich abgefahrene Krankheitsbilder, wie ich innerhalb dieser Wände erfahre. Wie auch immer: ich habe es geschafft! Ich war auf dem St. Martinszug in Dottendorf und muss sagen: Geil! Es war der Tipp der Herbstsaison. In Dottendorf ist es nämlich so, dass man erstens über Straßenzüge voller Fachwerkhäuser verfügt und die Leute lieber mittendrin statt nur dabei sind. Die weitaus meisten Häuser sind mit Laternen und/oder Windlichtern geschmückt, manche Häuserfronten sind dazu noch mit papiernen Martinsgänsen beklebt. Ein Innenhof, in den man durch die Einfahrt gucken konnte, war mit sicher an die 50 Laternen geschmückt und man steckte mir, dass dort die Erwachsenen „schnörzen“ gehen, denn dort gebe es keine Süßigkeiten, sondern Glühwein. Eine Kollegin hatte glücklicherweise ihre Tochter und deren Freundinnen als Alibi-Kinder zur Verfügung gestellt, so dass ich mir mit meiner kurzfristig angeschafften Frosch-Laterne nicht total dämlich vorkam. Das Highlight war der Anblick der Montessori-Schule, in der man sich nämlich seit Menschengedenken die Mühe macht, alle Fenster komplett mit bunten Transparentpapieren zuzukleben und dann das Licht in allen Räumen brennen zu lassen, so dass man quasi an einer riesigen Fackel vorbeiläuft – was für Anblick! Schlussendlich konnte ich dann auch noch feststellen, dass es sich beim hier eingesetzten Pferd nicht um das gleiche handelte, das seit dem 5.11. in regelmäßigen Abständen abends an meinem Haus vorbeiklapperte, wohl immer auf dem Weg zu einem Einsatz in einem anderen Stadtviertel…

Aber ich sorge auch für Action für andere. Gerade hatte ich mein Fahrrad von der Radstation abgeholt und dachte noch, „Mensch, heute biste aber wirklich langsam unterwegs.“ Schnell genug jedoch, um nur aus dem Augenwinkel das ETWAS von links unter den Mülltonnen herüber rennen zu sehen. Noch bevor ich „Öh…?!“ zu Ende denken konnte, verfing es sich in den Speichen des Vorderrads – FLAPP-FLAPP, wurde herausgeschleudert, etwas schnürsenkelartiges wickelte sich für Sekundenbruchteile um meinen linken Knöchel, dann geriet es für eine Viertel Umdrehung in die hinteren Speichen, FLAPP-FLAPP, und landete dann verdattert auf dem Weg… Tags rennen die Ratten noch.

Action im Sinne von Zelluloid stand auch unerwartet wieder an. Eines unschuldigen Morgens sitzen meine Kollegin und ich im Büro, als der dritte im Bunde hinzukommt und nonchalant in einem Nebensatz verkündet, „Ach, gleich kommt wieder so ein Fernsehteam, da sind wir wieder gefragt.“ Etwas irritiert fragten wir „WIR? Du meinst, du gibst ein Interview?“ – „Nein,“ erwiderte er, „die wollen uns bei der Arbeit filmen.“ Ich malte mir schon aus, wie mir einer die Kamera über die Schulter hält während ich Zahlen von einer Excel-Zelle in die andere schiebe und hielt die dadurch zu erzeugende Spannung für das Durchschnittspublikum nicht für geeignet, als sich herausstellte, dass es eine „Besprechung“ sein sollte. Nun ja, die Details sind nebensächlich. Irgendwann tauchte das Team auf und ich sagte nur, „Ach, da kenn’ ich aber einen!“ und begrüßte den Kameramann, der nicht unerheblich zur Entscheidung meine Küche zu renovieren beigetragen hatte. Er fand sie ja damals „so schön alternativ“, was mir irgendwie nicht in den Kram passte. Wie schön, dass ich gerade an diesem Tag, einmal in ca. 2 Jahren, meinen riesigen Norweger-Pulli anhatte…. Wesentlich ALTERNATIVER hätte ich kaum rüberkommen können. Ich musste bei dem Gedanken daran, dass ich dieses Gütesiegel nun wahrscheinlich nie wieder los werde die ganze Zeit an mich halten, um nicht laut los zu lachen. Aber so arbeite ich eben an meinen warhol’schen 15 Minuten des Ruhms. 3,15 oder so habe ich jetzt schon zusammen! 🙂

Und da ich nun das Ergebnis dieses Drehs ansehen werde, verabschiede ich mich für heute! Alles Gute!
Barbara

Home, sweet home

Wieder in Deutschland. Ich liebe die Kälte, den Nieselregen, dass es abends so früh dunkel wird und morgens so spät hell. Ich liebe die Heizung, die es noch nie geschafft hat, diesen löchrigen Altbau so aufzuwärmen, dass man ohne Decke auf dem Sofa sitzen könnte…

Ganz im Stile der restlichen Dienstreise fing auch die Heimreise wieder mit Theater an: auf der Passagierliste einer ausgebuchten Maschine war mein Name nicht zu finden und ich weiß nicht, wer dafür hinten runtergefallen ist (oder in die Business Class gesetzt wurde…), jedenfalls war ich dann doch dabei. Der Mensch am Gepäck-Röntgengerät ließ mich den im Detail geplanten Rucksack auspacken, da ich eine Rakete im Gepäck zu haben schien (wahrscheinlich die Teekanne?), stoppte aber dann, als er auf den strategisch oben platzierten BH stieß und meinte „Das wird wohl zu persönlich, oder?“ Tja, nehmen sie die Rakete doch einfach mit…

Auf der Strecke nach Addis Abeba saßen zwei Omanis neben mir. Der eine versuchte sich recht bald an einer Unterhaltung, scheiterte aber an seinen Englischkenntnissen. Der andere sah nur skeptisch zu – nachdem er sich aber zum Essen ein Bier bestellt hatte, lockerte sich seine Zunge. Was ich denn in Ruanda gemacht habe, wollte er wissen. Als ich das erklärt hatte, folgte die Gegenfrage und er meinte, er sei in Uganda, Ruanda und Kongo gewesen. „Geschäftlich.“ Ach ja. In welchem Geschäft er denn tätig sei, wollte ich wissen und er sagte: „Kaffee-Export auf die arabische Halbinsel.“ Kaffee, dachte ich. Im Ostkongo. Klaaaaar. DAMIT wird da das dicke Geld gemacht. In Kisangani seien sie gewesen, in Kinshasa und zuletzt in Goma, wo sie dann wie so viele andere aufgrund der aktuellen Ereignisse überstürzt abgereist seien. Es schien dann aber doch wirklich Kaffee als Handelsgut zu sein, denn er erzählte von zwei Onkeln, die vor Jahren an der Grenze zum Sudan eine Kaffeeplantage mit 3000 Angestellten betrieben und dann in den Sand gesetzt hatten. Ob man denn im Oman soviel Kaffee trinke, wollte ich wissen und das tut man! Es ist sogar Teil der traditionellen Gastfreundschaft: jeder Gast erhält erstmal eine Tasse Kaffee und eine Dattel. Die gebe es übrigens jetzt auch für Diabetiker und die seien gut! In welchem Hotel ich in Kigali untergekommen sei beantwortete ich ihm auch, fragte dann nach seinen Erfahrungen: „Ich bin nicht im Hotel, ich habe ein Haus in Kigali.“ Ah ja: Kaffee, dachte ich wieder. „Und ihr baut Straßen? Habt ihr dabei mal Gold gefunden? [Ah ja: Kaffee!] Wann sind die denn fertig? Und kann man in Deutschland gut second-hand LKWs kaufen? Ich überlege nämlich, meine Produkte selbst zu transportieren, die Spediteure in Mombasa werden immer schwieriger.“ Kurz war ich versucht, ihm von den Kongo-Erfahrungen des Schwedisch sprechenden Kuwaitis zu erzählen, ließ es aber dann.

Der andere war wieder aufgewacht und fragte, woher ich komme. „Germany,“ antwortete ich. Die Frage, ob man dort Englisch spräche, musste ich verneinen, daraufhin wandte er sich an seinen Kollegen um zu klären, was Deutschland wirklich sei, drehte sich dann wieder freudestrahlend zu mir und meinte: „Nazi, Nazi!“ An diese Reaktion speziell aus diesem Kulturkreis bin ich ja nun gewohnt, aber die kindliche Freude, mit der er sein Wissen kundtat, brachte mir ja doch ein Grinsen auf die Lippen, bevor die Klarstellungen begannen. Der andere meinte peinlich berührt über seinen neuen Geschäftspartner direkt: „Hören Sie ihm nicht zu, der ist dumm!“ Deutschland sei doch ein gutes Land, fuhr der Dumme fort – ein gutes Land wegen Hitler! Ich stimmte zu, dass man Deutschland durchaus als ein gutes Land bezeichnen könne, aber sicher nicht wegen Hitler. Nichtsdestotrotz wurde mir feierlich eine Telefonnummer überreicht, unter der ich bei einem potenziellen Besuch im Oman mal einen Kaffee und eine Dattel einfordern kann.

Auf der Strecke von Addis Abeba nach Frankfurt wurde mir wieder einmal bewusst, warum ich gerne Ethiopian fliege. Neben mir saß eine etwa 75-jährige Äthiopierin, die ganz offensichtlich zum ersten Mal überhaupt flog und deren Schwierigkeiten schon mit dem Gurt begannen. Die FlugbegleiterInnen haben sich rührend um sie gekümmert. Man nahm sich Zeit, um mit ihr ein bisschen zu quatschen, kam auch unaufgefordert und hat nachgehakt, ob sie nicht vielleicht doch wenigstens einen Becher Wasser trinken wolle in den 7 Stunden, die mir die Nasenschleimhäute regelmäßig zu Staub werden lassen. Dann fragte sie einen der Flugbegleiter nach den Toiletten, der dann direkt unauffällig einer Kollegin ein Zeichen gab, dass sie sich um sie kümmern möge.

In Frankfurt angekommen, ist endlich passiert, womit ich seit Jahren gerechnet habe. Ich stehe in der Schlange zur Passkontrolle, lasse aus Langeweile den müden Blick über die Schlange nebenan schweifen und sage dann, mehr aus Reflex: „Guten Morgen, Gerd!“ Da stand er, gerade aus dem Laos-Urlaub heimgekehrt: eine unserer „Zugbekanntschaften“ in der morgendlichen Rhein-Ahr-Bahn nach Bad Godesberg. So wurde die „Zugbekanntschaft“ also erweitert auf den ICE nach Siegburg/Bonn und die entsprechende Straßenbahn in die Innenstadt!

Jetzt bereite ich einen heißen Tee in meiner neuen Rakete, genieße den grauen Himmel und werde ein paar Weihnachtskarten basteln. Oder so.

Schönes Wochenende!
Barbara

Kein Drumherum…

… diese Reise steht unter keinem guten Stern. Nachdem mich diese Nacht die Moskitos geplagt haben, fehlt mir nur noch eine Malaria zu meinem Glück, Montezumas Rache hat wie immer bereits zugeschlagen.

Als wir uns dann heute unserem Programm zur Budgetkontrolle widmen wollten, ließ sich der Rechner nicht mehr hochfahren, der noch Minuten vorher anstandslos mit uns kommuniziert hatte. Obwohl wir ihn in der Zwischenzeit nicht hatten fallen lassen.

Gegen Mittag bekamen wir bescheid, dass die Kollegen aus Bunia und Butembo verspätet ankommen würden – um mehr als 24 Stunden – weil der Flieger sie im Stich gelassen hatte und sie nun auf einem mörderischen, wenn es gut läuft 12-stündigen Road-Trip sind. Damit haben wir am morgigen Sonntag wahrscheinlich tatsächlich frei. Es wurde schon gescherzt, dass das nach allem Hin und Her, das ich mit dieser Reise hatte, wahrscheinlich an mir liegt (fehlende „good vibrations“) und ich es Gott sei Dank nicht in den Kongo geschafft hatte, sonst würde dort womöglich noch der Krieg ausbrechen.

Freuen können sich derweil die lokalen Künstler. Im Vorbeifahren auf dem Weg zum Mittagessen vorgestern hatte ich ein Schild zu den Dancing Pots gesehen, einer einkommensschaffenden Maßnahme für verschiedene ehtnische Gruppen in Ruanda. Da sind wir, meine Kollegin aus Goma und ich, dann heute Nachmittag mal vorbei. Oh Mann. Was für ein Fehler. Ich hätte mich dort komplett neu eindecken können – das einzige, was sie nicht hatten, waren Tassen, leider. Aber es hat auch so gereicht – jetzt heißt es nur noch, sie heil durch 4 Starts und Landungen, eine ICE-Fahrt (wenn sie wieder fahren), einen Trip in der Straßenbahn und dann noch mit dem Bus nach Hause zu bringen:

In der Hotellobby sitzen jeden Tag mehr oder weniger motivierte Damen, die diverse Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände aus Stoff anbieten. Da ist ein Wandbehang dabei, der es mir angetan hat, aber die Preise sind nicht haltbar – Hotel-Lobby-Preise eben für den kurz vorbeischauenden Ami, der einen Stofflöwen mit nach Neu-England nehmen will und egal was bezahlt. Deswegen ist das Handeln schwierig. Aber ich habe ja noch ein paar Tage.

Derweil habe ich die Initiative CfA – Cards from Africa aufgetan, die mich in meinen Karten-Basteleien inspiriert hat… und die auch „schon“ um diese Jahreszeit Weihnachtskarten im Angebot hat. Schneebedeckte Blockhütten mit Weihnachtsbaum im Fenster, direkt aus Ruanda! Diese Karten werden hergestellt von jungen Leuten, die ihre Eltern durch Krieg oder Krankheit verloren haben und mit dieser Initiative Geld verdienen, um ihre Geschwister durchzubringen:

Nun aber Schluss… 🙂
Grüße von Barbara

Umuganda

Den Tag heute habe ich genutzt, um den letzten Schliff an den Gesprächsprotokollen der Tage in Kampala zu bringen, den Sitzungsraum auszustatten und einkaufen zu gehen für die Sitzungen der kommenden Tage… so spannende Dinge wie Kaffee, Zucker, Wasser, Bananen. Und dachte danach noch: „Bananen! Ausgerechnet Bananen! Der ganze Kongo ist voller Bananen und ich kaufe Bananen für die Kollegen…“ Tja, wonach greifen die Kollegen als erstes, als sie heute Nachmittag eintrafen? Bananen.

Die Planung für den morgigen Besprechungstag wurde unerwartet zu einer logistischen Herausforderung, da wir noch nicht in einem Hotel sind – die Kollegen kommen erst morgen in meins. Das Problem: morgen ist Umuganda. Das ist ein Tag, wo zwischen 8 und 12 Uhr kein Auto bewegt werden darf und jeder aufzuräumen hat in der Stadt, Müll aufheben, Abwasserkanäle entschlammen u.ä. Ich habe mir sagen lassen, dass in Deutschland der Begriff Sobotnik gebräuchlicher ist. Jedenfalls sitze ich dann im einen Hotel, die Kollegen im anderen… Wir haben aber festgestellt, dass wir ja einen Wagen mit einem kongolesischen Kennzeichen haben – dann wird das wohl kein Problem sein, wenn dann auch noch nur Weißnasen drin sitzen, die werden nicht zum Hackenschwingen aufgefordert.

Während des Einkaufens kam ich ins Gespräch mit dem Fahrer und der Hausangestellten. Die wollten wissen, wie denn Bonn im Vergleich zu Kigali aussieht. „Kigali hat 800.000 Einwohner, habe ich gehört,“ begann ich. „Naja, in Bonn leben so um die 300.000 – Kigali ist also viel größer.“ Das Erstaunen war noch größer. „Und in Bonn leben ganz viele Studenten und alte Leute.“ Alte Leute, alle zusammen? Großes Gelächter! Was für ein langweiliges Dasein die doch fristen müssen! Der Fahrer, schon 60, wie er betonte, freut sich darauf, bald im kleinen Häuschen in Ost-Ruanda zu sitzen, die Kinder um sich herumspringen zu haben und über die Hügel zu schauen. So ein Hotel für alte Leute – das sei doch nichts! Die Hügel… „Ja,“ sage ich, „Kigali (und Ruanda) hat auch viel mehr Hügel als Bonn, da gibt es sieben auf der anderen Seite eines großen Flusses, der Rhein heißt.“ Sie haben sich fast unter die Sitze gelacht und atemlos gesagt: „Ouiiiiii! Le pays de mille collines – et mille problèmes!“ – „Jaaaaaa! Das Land der tausend Hügel [Ruanda] – und der tausend Probleme!“

Macht’s gut!
Barbara

Ett fluppt

Puuuuuhhh. Ich habe wieder legalen Aufenthaltsstatus. Das ein solcher (oder ähnlicher) Satz jemals aus meinem Munde kommen würde – damit habe ich nicht unbedingt gerechnet. Nun sitzt man hier nicht im Herzen der Finsternis, aber doch mitten im schwarzen Kontinent und was passiert? Alles läuft 1A! Das geht über mein Fassungsvermögen.

9:00 Uhr
Anruf beim „Duty Manager“ von RwandAir Express. Bestätigung: Morgenmaschine aus Entebbe ist im Anflug auf Kigali

9:30 Uhr
Erneuter Anruf beim Duty Manager. Bestätigung: mein Pass wurde in der Abflughalle in Entebbe gefunden und ist an Bord der Maschine.

10:00 Uhr
Duty Manager übergibt mir im Eingangsbereich des Flughafens in Kigali meinen Pass samt e-Ticket Details.

10:15 Uhr
Chef der Einwanderungsbehörde Kigali kommt nach Anruf in die Halle.

10:30 Uhr
Nachdem ich mit einer Zugangsberechtigung ausgestattet wurde, bin ich rückwärts auf dem Weg zur Passkontrolle.

10:45 Uhr
Der Stempel mit Einreisedatum gestern ist in meinem Pass.

11:00 Uhr
Abfahrt vom Flughafen Kigali…

… und das einzige, was ich denken kann, ist: im Kongo wäre unter einer dreistelligen Summe Bestechungsgeld sicher nichts drin gewesen und hier war man einfach nur superfreundlich und hilfsbereit. Unglaublich.

Beautiful Rwanda.
Barbara

Ein Leben für den Blog

Das erste, was ich tun werde, wenn ich wieder in Bonn im Büro bin, wird sein, dass ich die Kolleginnen in der Finanzabteilung aufsuchen werde, mit einem Foto. Einem Foto von zwei Kolleginnen in Bunia, die in Kampala auf der Bank waren und dort einen nicht unerheblichen Dollarbetrag abholten – was über vier Stunden dauerte, was unglaublich schnell war, weil ich auch dabei war, um dabei zu helfen JEDEN EINZELNEN Schein auf seine Brauchbarkeit für den Kongo zu überprüfen. Es gibt da einige Ausschlusskriterien… folgendes darf nicht sein:

• der Schein darf nicht aus einer Serie vor 2001 sein
• der Schein darf nicht den allerkleinsten Riss haben
• der Schein darf keine Stecknadelkopfgroßen Löcher haben (warum er auch immer sollte, aber viele haben welche)
• das Präsidentenporträt darf in der Mitte nicht zu sehr geknickt sein

Selbst ein auf den ersten Blick vollkommen einwandfreier Schein kann mit einem Riss, der nur für geübte Augen erkennbar ist, im Kongo vollkommen seinen Wert verlieren. Ist ja gut und schön, denke ich immer wieder, aber dann behandeln sie selber das Geld immer wie den letzten Dreck… Wie auch immer: zu dritt war es in vier Stunden geschafft, letztes Mal war es so übel, dass zwei Kolleginnen geschlagene 8 Stunden in der Bank verbrachten. Da lässt sich schon überlegen, ob sich nicht wirtschaftlich effizientere Wege der Geldversorgung finden lassen.

Nach sehr intensiven Tagen in Kampala bin ich nun in Kigali, auch wenn das heute Nachmittag gar nicht so aussah. Die ganze Reise stand ja eh nicht unter einem guten Stern – zwar habe ich mir nicht wie befürchtet noch kurz vor Reiseantritt das Bein gebrochen, aber sie ist nicht arm an Herausforderungen, diese Reise.

Es ging alles wunderbar, auch wenn es nervt, das Gepäck an einem Flughafen gleich DREIMAL durch die Röntgenmaschine jagen zu müssen. Der Flug nach Kigali war wetterbedingt etwas holprig, aber wir landeten sicher – und ich konnte meinen Pass nicht finden. Die anderen Passagiere im Bus-Shuttle zum Flughafengebäude warteten schon ungeduldig, als ich nach langer erfolgloser Suche dann doch noch einstieg (allerdings nicht ohne eine Kotztüte für die Sammlung einer Bekannten einzupacken). Bevor ich mich den Einreisebeamten stellte, habe ich noch mal meinen ganzen Rucksack auseinander genommen – er war nicht da. Also, in die Offensive. Ich sagte dem Einreisebeamten freundlich guten Tag und meinte dann, dass er jetzt genau den komplizierten Fall hätte, auf den er schon den ganzen Tag gewartet habe: der Pass ist weg. Immerhin könne ich mich aber mit meinem Perso als Deutsche ausweisen. Das sei seinerseits kein Problem, nur könnte er darauf ja keinen Einreisestempel platzieren, erwiderte er. Das ließ ich sacken und meinte dann: „Einen internationalen Führerschein habe ich auch noch, da kann man Stempel rein machen!“ Das wurde diskutiert, dann aber auch verworfen. Mittlerweile wurde in der Ankunftshalle schon das Licht ausgeschaltet und ich sah mich schon wie Tom Hanks in „Terminal“ im Niemandsland am Flughafen die Nacht verbringen. Ich könnte den Perso doch einfach dalassen, am kommenden Tag zur Botschaft gehen und einen Notpass besorgen und dann würde ich eben dann offiziell einreisen. „Hm,“ sagte ich, „ich denke, bei der Botschaft wäre alles einfacher, wenn ich den Perso dabei hätte, um mich auszuweisen. Kann ich nicht auch einfach den Führerschein dalassen und komme morgen wieder?“ Darauf ließ man sich dann doch wirklich ein und Herr Tunga sagte, es sei auch alles kein Problem, der Pilot, der wegen des schlechten Wetters eh nicht nach Bujumbura weiterfliegen konnte, hatte Unterstützung der Fluggesellschaft besorgt und am Abflughafen in Entebbe wurde jemand auf die Suche nach dem Pass geschickt… Naja, so kam ich raus und bin dankbar, deutsche Staatsbürgerin zu sein, denn ich denke, als Franzose wäre ich in dieser Situation wahrscheinlich kurzerhand eingeknastet worden (es bestehen keine diplomatischen Beziehungen mehr zwischen beiden Ländern).

Noch mal davon gekommen, aber das sind echt Erlebnisse, die keiner braucht. Gegen 20 Uhr klingelte mein Telefon, es war die Verantwortliche von Rwandair Express: der Pass wurde doch allen Ernstes in Uganda gefunden und wird morgen früh mit der Morgenmaschine eintreffen!! Die Geschichte ist, wenn sie so ausgeht, ungefähr so gut wie die mit dem Taxifahrer in Cambridge/Massachusetts 1994 – es war Zeit, dass die mal abgelöst wurde… Leider werden die Gummisüßigkeiten Bonner Herstellung nun nicht an die ursprünglich vorgesehenen Kollegen gehen, sondern an Herrn Tunga, den Piloten und die Dame von Rwandair.

Boah, ich muss ins Bett…
Viele Grüße
Barbara

Ein Hühnerleben

Kampala ist angenehm kühl bis kalt in diesen Tagen mit wolkenbruchartigen Regenfällen, in denen der Übergang von Straßen zu Bürgersteigen, wo vorhanden, verschwindet und sich die teilweise lächerlich großen Schlaglöcher mit schwerwiegenden Konsequenzen für Leib und Leben der Stoßdämpfer, Sprungfedern und Konsorten verstecken.

Man will die Meinung ja nicht zwingend verbreitet wissen, aber Ugandas Hauptstadt gefällt mir und ich frage mich woher das kommt. Nun ja, als ich das bisher erste und einzige Mal hier war, habe ich mehr oder weniger nur ermattet im Bett gelegen. Jetzt komme ich auch mal ein bisschen rum, wenn auch meist nur auf Fahrten zum Büro, zur Bank oder sonstigen Besorgungen. Aber: ich komme ins Gespräch und das hat den einzigen allentscheidenden Grund: die Leute sprechen Englisch. Ich kann rumlabern wie mir der Schnabel gewachsen ist und das macht es alles doch gleich soviel einfacher und angenehmer.

Apropos Schnabel. Neben zwei Kollegen aus der Finanzadministration ist ja auch unser neuer Logistiker hierher gekommen, der in Bonn bereits bei vielen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat 😉 Hier hat sich nun ein Graben entwickelt: eine Deutsche und eine Kanadierin stehen einem Franzosen und einer Italienerin gegenüber. Das ist unglaublich schwierig, wenn es um das Abendessen geht, das unserer Meinung nach vorzugsweise bis spätestens 18:30 Uhr eingenommen werden sollte, nach Meinung der mediterranen Gegenüber nicht vor 20:30 Uhr, eher später. Heute ging es soweit, dass wir um 19 Uhr im vereinbarten chinesischen Restaurant waren und uns während der Wartezeit auf die Südländer schon mal mit Frühlingsrollen vergnügt haben. Jedenfalls stellte der besagte Logistiker dann verschmitzt fest, wir führten doch ein Hühnerleben, „you live-e ö chickön loif“. Auf Nachfrage, was das denn genau heißen solle, spezifizierte er: „tu te couche comme une poule – du schläfst wie ein Huhn. Wenn die Sonne aufgeht raus aus den Federn und wenn sie hinter dem Horizont verschwunden ist, ab in die Falle.“ (Im italienischen gibt es eine ähnliche Redewendung). Das jedoch stimmt ja nicht wirklich, es geht hier nur ums Essen. Ich hingegen musste eigentlich nur daran denken, dass das Leben eines Huhns in Deutschland als erstrebenswert angesehen wird: „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn, dann hätt’ ich nichts zu tun…“ Schier unüberbrückbare kulturelle Unterschiede tun sich auf…

Mein Hühnerleben findet für heute ein Ende! Gute Nacht! (Es ist 23:13 Uhr!! 😉 )
Barbara

Zwischendrin

Selbst beim Aufsetzen des Flugzeugs in Entebbe/Uganda war ich irgendwie nicht bei mir. Das da draußen war offensichtlich nicht Deutschland, aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, in Afrika angekommen zu sein. Einen Hinweis in die richtige Richtung gab es dann beim Verlassen des Flugzeugs: Hitzetod in Sekundenbruchteilen, furchtbar schwül.

Die Fahrt zum Hotel dauerte eine Ewigkeit: Rush-hour in Kampala – es waren fast 2 Stunden. Dafür habe ich mich wieder finden können – auf dem Kontinent, wo Stoppschilder und durchgezogene Linien lediglich Handlungsempfehlungen sind und es Werbeplakate mit dem Slogan „See dirt differently“ gibt.

Nach einem kurzen Schläfchen bin ich mit zwei aus Bunia / Kongo angereisten Kollegen und zwei Freunden in einem äthiopischen Restaurant essen gewesen – es war superlecker und definitiv ganz anders als alles, was ich bisher zu mir genommen habe. Doch dann rief bald das Bett.

Den heutigen Sonntag habe wir hauptsächlich mit einem ganz, ganz langen und in vielerlei Hinsicht wichtigen Gespräch verbracht – die Zeit flog nur so dahin. Aber so konnte ich wenigstens den Eindruck gewinnen, dass diese Reise tatsächlich Sinn macht, wovon ich zuletzt, ob der Änderungen, die sich kurzfristig noch ergeben hatten, nicht mehr unbedingt überzeugt war.

Mal sehen, was der morgige Tag bringt…
Barbara