Die Entdeckung der Langsamkeit

Hier sitze ich nun, mittlerweile in einem wunderschönen Hotel auf Bali (wozu ich aber erst in ein paar Tagen mit mehr Details komme) und könnte weinen vor Glück. Das jedoch weniger wegen der vielen Hindu-Tempel, des schwarzen Sandstrands oder der tot geschlagenen Mücke im Zimmer, als wegen der bloßenTatsache, dass ich diesen Eintrag schreibe. Danach sah es gestern nämlich nicht aus. Ich startete den Rechner und es kam nur ein nicht näher zu identifizierendes, schrilles Geräusch, dann die bitte, mich für ein Boot-Laufwerk zu entscheiden… und ich dachte, “Aha, da ist wohl der Garantiefall eingetreten.” Heute nun kam mir in meinem nie zum Erliegen kommenden Optimismus der Gedanke, “Komm, probier das noch mal – vielleicht hat er den Sprung von Meeresniveau/35° auf 2.500m/10° nur einfach genauso schlecht verkraftet wie du!” Und er will wieder!!

Beim Borobudur hatte ich aufgehört, nun geht es weiter mit dem Osterwochenende in Yogyakarta, kurz Jogja (gesprochen: Dschogg-Dscha). Das würde ich mit bei einem früheren Arbeitgeber gefundenen Freunden verbringen, die seit ca. anderthalb Jahren dort leben und arbeiten. Also Tage mit viel Gequatsche und den Insidern! Noch am Ankunftsabend nahm ich mir die Fortbewegungsart der Indonesier allgemein und bei 37° und Schwüle sehr zu Herzen: schlendern! Ich murmelte das immer wieder wie ein Mantra vor mich hin, wenn ich dann doch wieder ein meinen europäischen Gewaltmarsch verfiel: SCHLEN-DERN! Alles langsamer angehen, entschleunigen – hier fängt das dann schon beim gehen an, da reden wir noch nicht von Handys und e-mails. SCHLENDERN!

Nach einem leckeren Abendessen am Karfreitag in der Nähe meines Hotels waren wir am Ostersamstag für 10:30 Uhr verabredet (LANGSAM anfangen, wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht!), um die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden: den Sultanspalast (Kraton) und die Ruinen des Wasserschloss (Taman Sari). Der Sultan von Jogja ist gleichzeitig auch der Gouverneur, hat also nicht nur repräsentative, sondern tatsächlich politische Aufgaben zu erfüllen (noch, denn man will ja eigentlich den Gouverneur demokratisch wählen – der Sultanstitel jedoch wird vererbt). Und der lebt dort tatsächlich, in einem großen Areal mit Bauwerken in javanischer Architektur mit großen Säulenhallen. Es gibt einen Bau für die Frau(en) und Töchter des Sultans und einen für die Söhne. Der momentane Sultan, Hamengkubuwono X., hat nur eine Frau und fünf Töchter – weswegen die verwaiste Bleibe für Söhne besichtigt werden kann. Alles mit Führung und wir hatten einen Glücksgriff getan mit unserer netten Dame, die mich persönlich in Statur und Auftreten sehr an meine amerikanische “Oma” erinnert hat – für diejenigen, die sie kennen. So lebhaft wurden mir selten Dinge nahegebracht. “Ja, das hier ist wieder ein Foto von Hamengkubuwono VIII., dem Großvater des jetzigen Sultans. Der sieht immer müde aus, oder?? Ist ja auch kein Wunder bei 30 Frauen, oder?? Hi, hi, hi!” Jogja ist ein Zentrum für Batik – leider hauptsächlich in braunen und beigen Tönen, was mir so gar nicht liegt – und im Sultanspalast wurde erläutert, dass zu bestimmten Anlässen bestimmte Muster getragen werden: das eine von der Braut am letzten Abend vor der Hochzeit, dann eins für Jungs, die soeben beschnitten wurden oder für Mädchen nach der ersten Blutung – Intimsphäre ade Hochinteressant. “Und dies hier ist das Muster für Babysitter. Können Sie erkennen, dass unsere Uniformen genauso aussehen?? Das liegt daran, dass wir die Babysitter der Touristen sind, hi, hi, hi!” Nur, dass sie immer “babyshitter” sagte… zu diesem sprachlichen Problem später mehr.

Weiter ging es durch den Vogelmarkt, ein Areal, in dem Vögel aus allen Teilen des Landes zum Verkauf stehen – wie formulierte meine Freundin… “Der Indonesier allgemein hat ein eher eingesperrtes Verhältnis zu Tieren.” Dieser Vogelmarkt jedoch, ein Anziehungspunkt für Touristen und wichtiger noch: ein Wahrzeichen, wird Mitte April dem Erdboden gleich gemacht, um Platz zu schaffen für “moderne Einrichtungen des Tourismus”. Wahrscheinlich ein Alptraum in Beton ohne jeglichen Reiz. Am Rande des Vogelmarkts befindet sich ein Künstlerviertel, wo wir im Water Castle Café diverse frisch gepresste Säfte und Kaffees zu uns nahmen. Der Besitzer sagte, er sehe einer ungewissen Zukunft entgegen, da nicht ganz klar sei, bis wohin der Abriss ginge. Vielleicht habe er dann Ende des Monats kein Café mehr und müsse mit seinen Kunstwerken woanders einen Bleibe finden.

Wahrscheinlich ist das alles Teil eines großen Projekts, im Rahmen dessen das eigentliche Wasserschloss, das direkt daran anschließt, wieder aufgemöbelt und besser vermarktet werden soll. Das Wasserschloss ist von seiner Anlage her ein Lustschloss. Im ersten Innenhof zwei große Pools, der eine gedacht für die Kinder und Frauen des Sultans, der zweite, nahe den Gemächern, für die Konkubinen. Die Regel war wohl wie folgt: der Sultan würde aus einem Fenster über jenem zweiten Pool eine Blume werfen und wer sie fing, war fällig und wurde in den Privatpool und den anhängenden Vergnügungstrakt gebeten – inkl. SAUNABETTEN. Welcher hirnrissige Idiot kommt auf die Idee, in diesem Klima beheizte Betten zu installieren?!

Weiter ging’s zur Shoppingmeile Jalan Malioboro, wobei durch die Osterfeiertage (ja, auch in Indonesien gesetzliche Feiertage) dort derart die Hölle los war, dass es selbst einem Shopping-Freak wie mir schwer fiel, dafür noch Begeisterung aufzubringen. Das jedoch änderte sich schlagartig, als wir ein ganzes Kaufhaus voller Souvenirs betraten – und nicht nur Schrott, auch wirklich künstlerisch wertvolles… und das zu Preisen, die mir auf immer jeden Asia-Stand auf irgendeinem Jahrmarkt vermiest haben. Ich komme noch heute nicht über die Preise…

Nach diesem interessanten Tag dachte ich bei der abendlichen Grillparty unter Expats verschiedener in Jogja ansässiger Hilfsorganisationen auf einer netten Terrasse dann, dass ich vielleicht doch noch mal im Ausland arbeiten sollte – zur Abwechslung mal in einem Land, das nicht total abgewrackt ist und wo einen vielleicht auch mal einer besuchen kommt…

Ostersonntag war nach der Grillparty durch Ausschlafen gekennzeichnet und den nachmittäglichen Besuch in Prambanan, der größten hinduistischen Tempelanlage Indonesiens. Meine Gastgeber schlugen ERNSTHAFT vor, dort mit dem Fahrrad hinzufahren, was ich aber mit Blick auf weiter gestiegene Temperaturen ganz klar ablehnte… Also wurde es ein Taxi, was uns für 20km satte 4 Euro gekostet hat. Doch zurück zum kulturellen Input.

Errichtet um das Jahr 850 wurde die aus 8 Haupt- und mehr als 250 kleineren Tempeln bestehende Anlage aus ungeklärten Gründen schon bald nach der Fertigstellung verlassen und verfiel, bevor sie im 16. Jh. durch ein Erdbeben vollkommen zerstört wurde und in der Folge viele Steine zum Bau von Häusern zweckentfremdet wurden. Die Restaurierungsarbeiten (der Hauptgruppe) begannen 1937; seit 1991 ist sie als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt. Sehr viel Arbeit macht dabei das Wiederfinden von entführten Steinen – denn nur Tempel, von denen 75% der Originalbausubstanz vorhanden sind, werden restauriert. Durch ein starkes Erdbeben im Mai 2006 wurde die Tempelanlage schwer beschädigt und die daraus resultierenden strukturellen Schäden konnten noch nicht an allen Tempeln beseitigt werden. Und wieder einmal zitiere ich die bekannte Online-Enzyklopädie:

Charakteristisch ist die hohe und spitze Bauform, die typisch für hinduistische Tempel ist, sowie die strenge Anordnung zahlreicher Einzeltempel um das 47m hohe Hauptgebäude in der Mitte.
[…] Die drei größten Schreine, Trisakti (“drei heilige Orte”) genannt, sind den drei Göttern Shiva dem Zerstörer, Vishnu dem Bewahrer und Brahma dem Schöpfer geweiht. Das entspricht der Trimurti – der Hindu-Göttertrinität -, die sich in vielen hinduistischen Tempelanlagen […] wiederfindet.

Im Prambanan waren wir wieder mit einem sehr guten Führer unterwegs, auch wenn man sich sprachlich etwas reinhören musste in sein Englisch (siehe auch “babyshitter”). Anfangs dachte ich, Indonesier können kein “sch” aussprechen – so zum Beispiel wird der Name der Tochter meiner Brieffreundin nicht Aysha ausgesprochen, sondern Ays-ha. Ein zweites “Problem” fand ich im Buchstaben F, der als solcher äußerst selten vorkommt und wenn oft als P ausgesprochen wird (z.B. ist “kopi” eigentlich “coffee” – aber AUCH “copy“). Es ist also nicht stringent – wahrscheinlich so, wie Deutsche manchmal das “th” doch hinkriegen und manchmal eben nicht. Aber so wird die Interpretation von Sätzen wie folgendem sehr vielschichtig. “See wash slim and pitiful woman, like you, yes? Ha, ha, ha!” See wash muss eigentlich she was heißen… slim ist klar (dünn) – aber wieso pitiful (bemitleidenswert)? Dünn fasse ich ja noch als Kompliment auf, aber wieso sollen sowohl Sintha als auch ich bemitleidenswert sein?? Nach etwa dreifacher Wiederholung in anderen Zusammenhängen wurde klar: nix pitifulbeautiful!

In Speisekarten freue ich mich immer wieder über den jus stroberi oder auch es krim. Das jedoch sind einfach englische Worte, die ins indonesische transkribiert und sozusagen vereinnahmt wurden. Das warnet hingegen ist nicht etwa ein Kriegsnetz, sondern die Abkürzung für warung internet: ein Internetladen. Das gibt es auch als wartel. Weiter unklar ist mir die tiefere Bedeutung des Werbeslogans We safety your hunger oder auch, was den Happy Lawang Motor glücklicher macht als andere. Keine offenen Fragen verbleiben allerdings, was es mit dem Michael Jackson Whitening Center auf sich hat. Tatsächlich so gesehen in Jogja.

Nach dem Besuch im Prambanan fanden wir die ultimative Entspannung im Java Garden Spa, wo wir uns eine einstündige Ganzkörpermassage gönnten, Fußbad in Rosenwasser und so einiges andere inklusive. So was sollte bei mir um die Ecke sein… und das ebenfalls für 13 Euro im Angebot haben… Ich wäre da wohl mehrmals wöchentlich 😉

Für den Abend war noch ein Restaurantbesuch vorgesehen, der jedoch unerwartet einem anderen Amüsement zum Opfer fiel: eine Gasflasche hatte Feuer gefangen – was tun? Erstmal mit Wasser draufhalten und kühlen – Zeit gewinnen. Im “Blättchen” von Jogja die 5-stellige Nummer der Feuerwehr finden und anrufen – da ging aber keiner dran. Wer hätte das gedacht… Weiter kühlen. So lange es brennt, die Flasche nicht zu heiß wird und nichts anderes Feuer fängt, ist es ja so schlimm nicht. Barbara an die Internetrecherche setzen, die auch nicht viel mehr erbrachte, als dass das Zeug hoch brennbar und explosiv ist (Ach!) und gekühlt werden soll bis die Feuerwehr kommt – und dass eine Frau in Rheinland-Pfalz eine 5kg brennende Gasflasche aus dem Fenster warf, die NICHT explodierte… Und auf einer Schweizer Seite die Info, dass die allgemeine Feuerwehrnotruf-Nummer in Indonesien 118 ist. Und da ging einer dran. Der uns riet, die Flasche kühl zu halten…

Ja, was bin ich froh, dass dieses kleine Gerät hier wieder läuft und ich euch wieder was erzählen kann 🙂 Trotzdem muss ich nun ins Bett, denn letzte Nacht habe ich so gut wie gar nicht geschlafen… dazu bald, ganz bald, mehr! Denn auch morgen wird dieser Rechner wieder anspringen, ich muss nur ganz fest daran glauben!

Viele Grüße
Barbara

Tempel und Vulkane

Am Karfreitag war das erste Ziel das Dieng-Plateau, ein sumpfiger Kaldera-Komplex nahe Wonosobo. “Dieng” leitet sich her von “Di Hyang”, “Haus der Götter”, und befindet sich auf einer Höhe von ca. 2.000m. Dort oben ist es oft windig, neblig und ziemlich kalt – das aber meist erst nachmittags, weswegen wir uns früh auf den Weg machten. Unser Tourbus würde die engen Serpentinen nicht schaffen, so dass wir in zwei kleinere Vans verfrachtet wurden. Bei bestem Wetter und strahlendem Sonnenschein! Am spektakulärsten war eigentlich nicht das Dieng-Plateau, sondern der Blick auf die umliegenden Vulkane, allen voran der Sidoro, die wir unterwegs in Augenschein nehmen konnten. Es scheint dies landwirtschaftlich die “Kartoffel-Kammer” Javas zu sein. Viele Kartoffeln werden hier ja eigentlich nicht gegessen und sie sind auch vergleichsweise teuer, aber hier sind sie offenbar das Anbauprodukt der Wahl. Es gibt sicher größere Kalderen als das Dieng-Plateau, aber wenn man sich so vorstellt, dass die ursprüngliche Spitze des Vulkans so einfach weggesprengt wurde, ist das schon beeindruckend genug. Das Plateau bot auf jeden Fall genug Platz für – wie man annimmt – bis zu 400 Hindu-Tempel, die hier mal gestanden haben sollen. Acht sind noch übrig und können besichtigt werden. Interessanter war jedoch, dass die Gemeinde den weiter unter der Erdoberfläche befindlichen Dampf zur Stromerzeugung nutzt (der hat einen Druck von 300 bar und treibt Turbinen an, die 60 MW erzeugen, wenn ich die letzte Zahl noch richtig in Erinnerung habe). Der Strom wird an den staatlichen Energieversorger verkauft und so hat man eine gute Einnahmequelle abseits der Landwirtschaft. Dass die Gegend weiter vulkanisch aktiv ist sieht man auch an dem einen oder anderen Schlammsee, den man etwas entfernt begutachten kann – wenn man sich mit dem Schwefelgeruch, der davon aufsteigt, anfreunden kann.

Am Nachmittag stand dann eines der Highlights der ganzen Reise auf dem Programm: der Borobudur. Dabei handelt es sich um eine buddhistische Tempelanlage, die vermutlich zwischen 750 und 850 gebaut wurde. Nur ca. 200-300 Jahre später geriet die Anlage in Vergessenheit – evtl. im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Merapi 1006 und/oder eines Machtwechsels in Java. Erst 1814 wurde sie wiederentdeckt und seit 1991 ist sie auf der Liste der UNESCO Weltkulturerbe.

Die Basis des Baus ist quadratisch, mit einer Seitenlänge von 123 m. Er ist auf einem Hügel errichtet worden und hat die Form einer Stufenpyramide. Man geht nicht hinein (das Innenleben ist massiv – Erde und/oder Stein), sondern erklimmt die neun Stockwerke eines nach dem anderen und geht im Uhrzeigersinn die Umgänge ab. Auf allen vier Seiten gehen Treppenaufgänge hoch. Auf den oberen kreisförmigen Stockwerken (Terrassen) sind 72 mit Gittersteinen aufgebaute Stupas angeordnet, in denen jeweils eine Buddha-Statue sitzt. Was die Bedeutung der Architektur angeht, zitiere ich mal die bekannte Online-Enzyklopädie…

Gemäß der buddhistischen Kosmologie ist das Universum in drei Welten unterteilt: Arupyadhatu, Rupadhatu und Kamadhatu. Kamadhatu, die “unterste” Welt, ist die Welt der Menschen, die “Sinnenwelt”. Rupadhatu ist die Übergangswelt, in der die Menschen von ihrer körperlichen Form und weltlichen Angelegenheiten erlöst werden, die “Feinkörperliche Welt”. Arupyadhatu schließlich, die Welt der Götter, ist die Welt der Perfektion und der Erleuchtung, die “Unkörperliche Welt”.
Die Architektur des Borobudur wurde in Übereinstimmung mit dieser Kosmologie gestaltet. Jeder Teil des Monuments ist einer anderen Welt gewidmet. Das Kamadhatu ist eine große rechteckige Wand außen am Fuß des Monuments. Über dieser Basis erhebt sich das Rupadhatu, das aus vier rechteckigen Terrassen mit Prozessionswegen besteht, die mit zahlreichen Statuen und 1300 szenischen und 1200 figurativen Reliefs dekoriert sind. Darüber erhebt sich das Arupadhatu, bestehend aus drei kreisförmigen Terrassen, in deren Zentrum sich eine große glockenförmige Kuppel erhebt. […]
Die Architektur des Tempels besticht […] durch unglaubliche Präzision und zeugt von immenser menschlicher Arbeit. 55.000 Kubikmeter Steine aus Andesit oder mehr als zwei Millionen Steinblöcke wurden vom Fluss Progo zur Baustätte geschafft.

Soviel zum beeindruckenden Bauwerk. Mir wird der Tag jedoch mehr in Erinnerung bleiben wegen einer neuen Bekanntschaft. Wenn man sein Ticket gekauft hat und sich auf den ein paar hundert Meter weiten Weg zum Bauwerk macht, ist man innerhalb kürzester Zeit von Heerscharen von Souvenirverkäufern umringt. Fächer? Batikkleider? Ein Buch über den Borobudur? Stifte oder T-Shirts mit einem Aufdruck der Tempelanlage? Postkarten? Miniaturen des Bauwerks? Niedliche kleine Elefanten – einfach weil sie so niedlich sind??? Da ist nicht viel mit innerer Ruhe und Erleuchtung, soviel ist klar. Auf dem Hinweg konnte ich noch alle abwimmeln, auf dem Rückweg jedoch wurde es schwieriger – WEIL ich gekauft hatte: Postkarten. Alsbald sprach mich eine Frau an, sie habe die allerwunderschönsten Batikkleider, nur 20 Euro. Ich verkündete, kein wie auch immer geartetes Interesse an einem Batikkleid zu haben. Auch nicht in blau oder rot, einfach kein Interesse an einem Kleid. Sie wich jedoch nicht mehr von meiner Seite und meinte, ich müsse doch Souvenirs besorgen und das wäre das ideale Souvenir für meine Mutter. Mütter lieben diese Kleider. Nein, entgegnete ich, das sei sicher nicht das passende oleh-oleh, denn auch meine Mutter trägt eigentlich keine Kleider. Das war schwer als Wahrheit anzuerkennen – dann würde es doch sicher für meine Großmutter von Interesse sein. Naja, sagte ich, das könne man nun nicht mehr überprüfen, denn die sei verstorben. Oh je! Das tat ihr sehr leid, aber vielleicht interessiere mich das Kleid ja für 200.000 Rupien (etwa 16 Euro). Nein, immer noch nicht. Mittlerweile waren wir schon einige hundert Meter Richtung Ausgang gegangen. Ich wand mich dann einem jungen Mann zu, der Batikkarten verkaufte und wurde handelseinig, woraufhin sie mir auf den Arm tippte und meinte: “He, vergiss mich nicht!” Ich versuchte noch mal klarzustellen, dass sie einfach die falsche Produktpalette habe – Kleider seien es so gar nicht. Oh, oh, oh! Sie habe doch auch T-Shirts und wühlte in ihrer Tasche. Nein, auch an T-Shirts sei ich nicht interessiert, über Karten könnten wir reden, tut mir leid. Sie verschwende ihre kostbare Zeit mit mir, sagte ich, und gab ihr den Rat, es mit anderen Touristen zu versuchen. “Oh, sieh mich an! Mein Name ist Maddalena und ich brauche deine Hilfe. Wie heißt du?” Ich erteilte die gewünschte Auskunft und hob den Smalltalk auf die nächste Ebene, ob sie denn auch direkt aus dem Ort hier käme, ja, ja. Aber wie das denn mit dem Kleid aussähe – sie müsse unbedingt noch was verkaufen, es ginge so nicht weiter. Irgendwer würde doch sicher ein fantastisches Batikkleid aus Java wollen. Für 15 Dollar sei ich dabei (ca. 11 Euro). Und irgendwie dachte ich dann “Ach, scheiß doch der Hund drauf!” und sagte: “10 Dollar!” – “12!” – “Nein, 10!” – “Nicht weniger als 12!” – “Okay, 11.” – “Gut, dann 11.” Also ca. 8 Euro. Von 20 als Startpreis und wahrscheinlich immer noch mindestens 4 Euro zu teuer. Aber sie hatte es geschafft. Ich hätte es nicht für möglich gehalten (denn es ist noch nicht mal schön), aber ich tröste mich damit, dass ich mich wenigstens nicht kampflos geschlagenen gegeben habe 😉 So, wer will jetzt ein Batikkleid?!

Nun denn, abends erreichten wir Yogyakarta, wo ich mit Freunden zusammentraf, die dort seit ca. anderthalb Jahren arbeiten und mit denen ich das Osterwochenende verbringen würde. Doch dazu später mehr!

Viele Grüße
Barbara

Das Snowboard Feeling

Pangandaran. Der Ballermann der Südküste Javas, so kommt es einem vor, nur hat das Wasser Badewannentemperatur und außer uns ist kaum ein Mensch da, denn es ist Nebensaison und auch die Regenzeit ist noch nicht vorbei. Bis jetzt hatten wir immer Schwein: es regnete, und das zum Teil auch heftig, doch zumeist dann, wenn wir eh im Bus saßen oder nachts. Das Glück blieb uns weiter treu.

Anderthalb Tage waren in diesem 2006 von einem kleineren Tsunami heimgesuchten Badeort zu verbringen. Es wurden verschiedene Möglichkeiten der Gestaltung angeboten – DAS Highlight ist wohl ein Besuch des Green Canyon, der aber letztlich nur schwimmend aufgesucht werden kann… und das ist dann (leider) doch nicht so mein Ding. Die Teilnehmer waren begeistert. Ich hingegen schleppte mich mit einer weiteren Mitreisenden (die zu allem Überfluss auch noch Schwedisch sprach…) auf die “kleine Dschungeltour”. Pangandaran ist eine Halbinsel und am südlichen Ende derselben ist ein letzter Rest Dschungel, anfänglich eher ein Park mit befestigten Wegen – aber darauf blieben wir nicht lange. Graue und schwarze Affen gab es zu beobachten, Wild, allerhand Kleingetier inklusive unter Baumstämmen hervorgeholter Skorpione, und in einer Tropfsteinhöhle ließ sich eine Horde Stachelschweine mit einer Handvoll Erdnüsse davon überzeugen, uns einen Besuch abzustatten. Warum um alles in der Welt bleiben die in einer stockdunklen, nasskalten Höhle hocken?! Ich habe keine Ahnung, wo man sie sonst antreffen würde, aber hier fand ich sie irgendwie fehl am Platz.

Dann ging es querfeldein durch einen hauptsächlich Teak- und Mahagoniwald. Und glaubt es oder nicht, aber was mich am meisten fasziniert hat waren die Blätter. Alte, gammlige, braune, vom Baum gefallene Blätter. Die liegen da so rum, in Massen, können kein Wässerchen trüben und sehen eigentlich aus, wie ein ordinäres Buchenblatt oder so. Nur haben sie DIN A4-Format. Ich kam mir vor wie Nils Holgersson nur ohne Hamster (in dessen Begleitung er ja in der beliebten Zeichentrickserie immer unterwegs ist). Und wenn man dann in der Regenzeit, nach einem Tag und einer Nacht, in der es weitergeregnet hatte, auf eh glitschigem Untergrund zufällig sein ganzes Gewicht auf eines dieser Mega-Blätter setzt, geht man ab wie ein Zäpfchen. Es hatte tatsächlich was von Snowboard, endete nur im Dreck.

Dann gibt es Lichtungen, die eifrig abgeäst werden, wie unser Guide Rudi (“My name is Rudi. You know, like Rudi Völler.”) erklärte. Wir unterhielten uns gerade über Religionsfreiheit und dass es immer wieder Idioten gibt, die ihn dafür verurteilen, dass er Tattoos hat, was man als guter Moslem zu unterlassen hat, als er mitten in meine Antwort rief: “Bullshit!” worauf ich ob der rüden Unterbrechung meiner wohldurchdachten Antwort etwas irritiert parierte: “What?!” Er wiederholte: “BULLSHIT!!” und zeigte auf den Haufen vor uns: auf der Lichtung grasen auch Büffel, die wir aber leider nicht gesehen haben…

War der Vormittag noch schweißtreibender, als die Tage hier eh schon sind, so stand nachmittags eine Tour mit Rikschas, die hier Becaks heißen, auf dem Programm. Es sollte für 3 bis 4 Stunden durch Pangandaran und Umgebung gehen, wo wir sehen sollten, was man aus einer Kokospalme und ihren Früchten alles machen kann, wie krupuk (heißen die bei uns Krabbenkekse?) hergestellt werden, und tempe, ein Art Tofu (nur BESSER), wie die Puppen(-köpfe) für das wayang Theater geschnitzt und dann gespielt werden und vieles mehr. Die einzelnen Stationen waren an sich sehr interessant, aber am besten war einfach, in stinknormale Wohngebiete zu kommen, bei Leuten (die dem zugestimmt hatten) durch den Garten zu schlappen – wo es eben keine Tomaten, Kartoffeln und Petersilie gibt, sondern Kokospalmen, Bananenstauden, Pfefferpflanzen und Kaffee rumstehen… und überall Hühner und Gänse rumlaufen, unzählige Katzen und fast noch mehr Kinder, die uns durch die halbe Stadt begleitet haben. Ich glaube, ein Highlight für einen Bauern verursacht zu haben, indem ich irgendwo darum bitten musste (bzw. die Reisebegleiterin für mich), mal die Toilette benutzen zu dürfen. Wir haben uns rein sprachlich nicht wirklich verstanden, aber viel gelacht.

Sprache. Indonesisch soll auf der umgangssprachlichen Ebene eigentlich ganz einfach sein (rein grammatikalisch) und auch sind die Worte für die deutsche Durchschnittszunge nicht schwer auszusprechen – aber ich finde sie wenig eingängig. Ich habe 48 Stunden gebraucht, um mir “terima kasih” zu merken, Danke. Und wirklich weiter bin ich noch nicht gekommen. Manche Worte sind deutlich dem Niederländischen entlehnt (oder einfach knallhart übernommen) wie “Kantor” oder “Apotek”. Dann gibt es auch “Knalpot”, was ein Auspuff ist. Damit wird an wirklich JEDER Ecke geworben und ich frage mich, warum die Dinger hier so hohe Konjunktur haben. Es scheint nur ein einziges Wort zu geben, dass es aus dem Indonesischen in viele andere Sprachen geschafft hat: “Amok”. Es beschreibt laut unserer Reisebegleiterin in der Originalbedeutung den Punkt, den die Menschen hier erreichen, wenn sie Ewigkeiten die Ruhe und Geduld in Person waren und plötzlich “umkippen”, wenn der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Dann wird es heftig. Dass dieser Punkt kurz bevorsteht merkt man daran, dass sie plötzlich nichts mehr sagen und wenn es dann noch eine Eskalationsstufe weitergeht, geht man mit Fäusten und Steinen und was weiß ich auf alles los, was man kriegen kann.

Nun denn. Nach Pangandaran stand ein Reisetag an, der uns gegen Abend ins unspektakuläre Wonosobo brachte – aber irgendwo muss man ja schlafen! Und es sollte als Basislager dienen für den folgenden Tag… dazu dann später mehr.

An dieser Stelle eine Bitte: Java soll – und hat mit Sicherheit – eine wahnsinnig hohe Bevölkerungsdichte. Könnte mal jemand recherchieren, ob die höher ist als die von Ruanda und wenn ja (und man das irgendwie rauskriegen kann), ob die großen Städte, allen voran Jakarta, den Vergleich hinken lassen? Bitte einen Kommentar zu diesem Eintrag hinterlassen! Tausend Dank…

… und viele Grüße
Barbara

Wenig Hütchen, viel sehenswertes

Als mich um 4:41 der Muezzin weckte, regnete es immer noch in Bandung, aber zur Abfahrt hörte es dann auf und wieder einmal hatten wir einen Tag lang Glück. Wir hatten uns gegen die Schnellstraße und für die landschaftlich schönere Strecke entschieden, auch wenn die Fahrt etwa 2 Stunden länger dauern sollte. Aber man will ja was sehen vom Land. Meinen ersten richtigen Kulturschock in Sachen Gruppenreise habe ich nun auch hinter mir – aber wenigstens kam er nicht aus einer unerwarteten Ecke. Auf die Frage, wie sie denn nach viel Schwärmerei von der letzten Reise nach Vietnam nun Indonesien fände, kam die Antwort: “Des war was gaaaanz anderes, wirklisch. So viel scheener. Da hat man mal so richtisch was erlebt im Verkeeehr. Ein Moped mit fünf Schweinehälften drauf. Stellen Se sisch des e’mol vor. Die Leut hatten da auch halt noch alle diese Hütchen auf, so nett anzusehen. Und viel authentischer, gell?” Hauptsache nett anzusehen und möglichst arm, dann werden die Fotos exotischer. Oder die Feststellung, dass “die hier ja schon viel einfach nur rumsitzen, oder?“, während man gerade aus einem klimatisierten Bus steigt, um mal schnell und ohne zu fragen ein paar Fotos von den unproduktiven Faulenzern zu schießen. Also, mir gefällt es hier, auch wenn ich mich zugegebenermaßen schon gefragt habe, ob Südostasien tatsächlich die richtige Urlaubsregion für mich ist, rein klimatisch. Schwitzen gewinnt hier eine ganz neue Dimension. Aber wie formulierte eine weitere Mitreisende beim Anblick einer der folgenden Panoramen: “Wahrscheinlich können wir froh sein, dass es nicht auch noch blauen Himmel dazu gibt oder wir könnten das gar nicht mehr verkraften!”

An diesem Tag also ging es von Bandung nach Pangandaran, an der Südküste Javas gelegen – einem von zwei “Strandstandorten” im indonesischen Teil meiner Reise (ja, der Sand ist eingetütet!). Aber bis wir soweit kamen, standen ja noch andere Dinge auf dem Programm. Erster Besichtigungspunkt war der Candi Cangkuang, ein See in der Nähe von Garut, voller Lotusblüten bzw. Seerosen (trotz zahlreicher Besuche im Botanischen Garten kann ich die immer noch nicht auseinanderhalten). Dahin gelangt man mit kleinen Pferdekutschen, um dort umzusteigen auf Flöße, die einen zu einer kleinen Insel bringen, auf der ein unspektakulärer hinduistischer Tempel steht. Spektakulär ist die Landschaft und das Drumherum: neben dem Tempel (Größe einer Kapelle) ist das Grab von Arif Mohammed, dem Herrn, der den Islam in die nun zu 100% islamische Gemeinde gebracht hat – beides vereint in einem kleinen Areal. Beides wird gehegt und gepflegt von der Gemeinde. Nicht nur (wenn aber sicher auch), weil es ein kleines Touristenziel ist, sondern weil man ja immer noch gerne hierher kommt und seine hinduistischen Wurzeln aufleben lässt. Kann nicht schaden, bei Shiva um ein wenig Glück anzuhalten. Man nimmt, wo man es kriegen kann.

Einen Fotostopp haben wir hinter Garut eingelegt, um mal eine Reisterrassenlandschaft zu begutachten, die zu den ältesten auf Java gehört. “Leben im Grünen” hat da für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen, auch wenn mir gesagt wurde, dass das auf Bali noch mal eine ganz andere Nummer ist – wir werden sehen. Das mit dem Reis ist so irre wie so vieles andere hier und an anderen Orten: Indonesien produziert nicht genug Reis für die stetig wachsende Bevölkerung und exportiert große Teile des hochwertigen eigenen Reis, so dass (minderwertiger) aus Malaysia importiert wird für den Hunger zuhause. Reis, Reis, Reis… es fängt schon beim Frühstück mit Nasi Goreng an, ist oft mittags Nasi Goreng und abends dann mal Sate-Spieße… mit Reis. Aber mit Kartoffeln hätte ich größere Schwierigkeiten 😉 Und erstaunlicherweise macht mir die Schärfe noch nicht zu schaffen bzw. ich habe es bislang immer noch geschafft, etwas für meine Geschmacksnerven tolerierbares zu finden. Schon mal gebratene Bananen mit Schokosauce und geriebenem Käse probiert?? Kann ich nur wärmstens empfehlen!

Nachmittags stand das Dorf Kampung Naga auf dem Programm, wo die Menschen noch recht ursprünglich leben und das auch beibehalten wollen. Es ist kein Museumsdorf, sondern eine in alten (bewährten) Strukturen verhaftete Dorfgemeinschaft – die proaktiv ihren Lebensstil vorstellt und gerne interessierte Besucher empfängt. Ich denke, es ist eine risikoreiche Taktik: Geld kommt ins Dorf (die über 400 Treppenstufen, die man erst einmal dorthin hinabsteigen muss, sind gerade renoviert worden, so auch das “Dresch-Haus”), aber eben auch alle diese Leute. Einzelne Dorfbewohner sind als Guides abgestellt und geben teils sehr intime Einblicke in das tägliche Leben – da wird das eigene Haus zur Besichtigung zur Verfügung gestellt und es werden die Hochzeitsfotos an der Wand diskutiert. Oder die Vor- und Nachteile des neuen Fußbodens in der Küche. Hier ist alles irgendwie Wasser. Das Dorf ist von Teichen verschiedener Grüße umgeben und als Grenze fließt ein Fluss vorbei. Viele Dinge fand ich sehr praktisch angelegt, wie zum Beispiel den Hühnerstall direkt unter den Häusern: durch eine Klappe im Küchenboden werden die Tiere sowohl gefüttert als auch zum Schlachten gegriffen. Es gibt mir allerdings auch Ideen, wie sich die Vogelgrippe besonders in Asien ausbreiten konnte. Schockiert hat uns glaube ich alle (oder zumindest die noch nicht Südostasien-erfahrenen wie mich), die Tatsache, dass eine Art Badezimmer ohne Dach, also der Klo und eine wie auch immer geartete Vorrichtung zum Waschen, auf Stelzen in einem Teich stand und auch dorthin entwässerte. Das an sich ist ja nicht unbedingt bedenklich. Aber es war ein Fischteich. Es war ein sich ständig wiederholendes Muster. Das wurde in keiner Weise in Frage gestellt und das war vielleicht das erschreckendste… Es gibt keinen Strom und das nicht etwa, weil es zu teuer wäre oder es bei den Mächtigen keinen interessiert, sondern weil man sich dagegen entschieden hat. Die Regierung würde in regelmäßigen Abständen immer mal wieder nachfragen, ob sie nicht doch welchen wollten, aber man sehe darin mehr Nach- als Vorteile. Wo er denn die Autobatterie auflade, mit der er den Fernseher betreibt? Ja, oben im Dorf natürlich, die 400+ Treppenstufen hoch. Da ist von vorneherein klar, dass nicht jeder jeden Mist guckt… und jeder darauf achtet, dass das Ding auch aus ist, denn einer muss ja der nächste Dumme sein, der den Trip macht. Feuer ist ein großes Problem, also Brände. Die Häuser sind aus dünnen geflochtenen Wänden, die Böden meist aus Bambus, selten Teak – das Dach aus Reis…stroh? Das alles brennt wie Zunder und nachts patrouillieren 15 Leute, um mögliche Brände im Frühstadium zu erkennen und flugs zu löschen.

Ich könnte allein über dieses Dorf noch ca. 4 weitere Seiten schreiben, aber lassen wir das! Nun sind wir in Pangandaran und ich hole auf mit den Reiseberichten. Mal sehen, wie lange das halbwegs klappt mit dem Zugang zum Internet.

Viele Grüße
Barbara

Die Südostasien-Erfahrung

Botanischer Garten Bogor

Sie hat begonnen, die erste Erfahrung mit Südostasien, wenn auch mit leichter Verspätung. Als wäre der Flug mit gut 11 Stunden nach Kuala Lumpur (“KL”), der Hauptstadt Malaysias, nicht schon lang genug, saßen wir noch anderthalb Stunden im Flieger am Gate, denn beim Betanken der Maschine war was schiefgegangen und blitzschnell waren wir von Feuerwehrfahrzeugen umzingelt. Aber man bekam das Problem in den Griff. Und so sahen wir eine CD, viereinhalb Spielfilme und 90 Seiten meiner derzeitigen Lektüre später die unzähligen Containerschiffe zwischen KL und Sumatra, sowie Palmenhaine bis ans Ende des Horizonts, bevor wir in noch angenehme 25°C ausstiegen… um 7:35 Uhr morgens. Der Transfer zum Weiterflug war einfach und es passte von der Zeit her noch genau. Nach weiteren zwei Stunden Flug war dann das erste Ziel erreicht: Jakarta. Wie schon in Malaysia war der Willkommensgruß wenig einladend: “Bitte beachten Sie, dass auf den Besitz und den Handel mit Drogen unausweichlich die Todesstrafe steht.”

Wie angekündigt, erwartete uns die Reisebegleiterin mit dem Busfahrer sowie drei weiteren Teilnehmern, die schon ca. 10 Tage Sumatra hinter sich hatten. Die Fahrt zum Hotel überzeugte niemanden, dass Jakarta einen längeren Aufenthalt lohnen könnte… Ein Moloch von einer Stadt, mit der derzeit geschätzt 18 Mio Einwohnern, einer nicht wirklich existierenden Müllabfuhr und architektonisch wenig attraktivem. Ob Jakarta wirklich “grün” wird… ich wage es zu bezweifeln.

Über das Müllproblem hatte ich erst kürzlich einen Artikel gelesen: innerstädtische Müllhalden und dann auch die improvisierten Müllhalden an den Straßenecken, in den Beeten um die wenigen Bäume rum (wo in Deutschland derzeit Krokusse und Narzissen blühen)… Die Entsorgung läuft zum größten Teil über den informellen Sektor, also im Klartext arme Leute, die die Halden durchgehen nach wertvollem zum Weiterverkauf suchen. Es wird wohl überlegt, sie offiziell in ein Müllentsorgungskonzept an dem die Stadt arbeitet, zu integrieren.

Dann aber auch gut organisierte Bushaltestellen mit “Fast Lanes”, die nur von Bussen befahren werden dürfen, die damit die immerwährenden Staus umgehen. An den Bau einer U-Bahn wird wohl gedacht – vielleicht wird es aber auch eine Monorail-Bahn. Irgendwie sehe ich das noch nicht so ganz passieren.

Das erste Todesopfer im Krimi “Jakarta Shadows” von Alan Brayne, den ich gerade lese, verbreitet vor seinem Ableben noch die Meinung, dass es sich bei der indonesischen Hauptstadt um die Achselhöhle Asiens handelt… Aber nun, während sich der Rest der Truppe in die Gegend um den Hafen und die heruntergekommene koloniale Bebauung gab, stand für mich eh der erste Teil in Sachen “individualisierte Gruppenreise” auf dem Programm: ich würde meine langjährige Brieffreundin Felly treffen. Wir kennen uns seit ca. 1992 (genau wissen wir es nicht mehr, nur, dass wir beide noch in der Schule waren). Lange Zeit hatten wir keinen Kontakt mehr, doch dann fand sie mich online in meinem bevorzugten sozialen Netzwerk, dem Gesichtsbuch. Sie ist mittlerweile verheiratet und hat zwei Kinder, so dass ein Familienbesuch anstand. Mit ihrem Mann und der älteren Tochter im Schlepptau holte sie mich ab und wir fuhren zu ihr nach Hause, wo auch noch zwei Schwestern, die Mutter und eine Tante wohnen. Also gleich richtig rein in das indonesische Leben. Den angebotenen Tee nahm ich gerne – er war mit mindestens 4 Löffeln Zucker gesüßt… ich hab’s ja schon gerne süß, aber das hat alles gesprengt. Ich bat dann um ein Glas Wasser, um den Durst irgendwie los zu werden, was mit der Frage “Süßes oder normales?” beantwortet wurde? Verständnislos fragte ich: “Meinst du eine Cola oder so?” und bekam als Antwort “Nein, einfach Zucker ins Wasser!” Okay, hatte ich bislang türkischen Süßkram als den ultimativen Schuhauszieher betrachtet, so ist das nun definitiv getoppt worden. Das ist wohl nichts besonderes in der Familie meiner Brieffreundin, sondern typisch in Indonesien und so was wie ein Statussymbol: siehst du, wir haben’s so dicke, dass wir dir LÖFFELWEISE Zucker in den Tee schütten können. Aus unserem geplanten Trip zur Mall wurde nichts, denn leider war die kleine Tochter krank. Das brachte mich allerdings in den Genuss einer hausgemachten indonesischen Mahlzeit (LECKER, wenn sich auch alle kaputtlachten, wie vorsichtig ich mit der Chili-Erdnusssauce war und trotzdem Schweißausbrüche bekam und mir ständig unhöflicherweise die Nase putzen musste). Zum Tee wurden gereicht, na??? Kann man das ahnen?? Hausgemachte POFFERTJES. Soviel zum Thema niederländischer Einfluss.

Barbara mit Himmawans / Barbara and the Himmawan Family

Aber noch mal zurück zum Thema Mall. Ich hatte meinerseits ja eben jenen Besuch ins alte Stadtviertel vorgeschlagen, auf dem sich meine Reisegruppe nun befand, doch das wurde mehr oder weniger bestimmt abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass jeder Indonesier, der etwas auf sich hält, in die Mall geht. Die allermeisten nur zum Schaufensterbummel in kostenloser Klimaanlage, aber da könnten wir dann eben auch zu Abend essen. Ich wandte noch ein, dass ich mir auch DURCHAUS vorstellen könnte, in einem eher traditionellen Restaurant zu speisen, aber auch das wurde abgebügelt mit dem Hinweis darauf, dass das nicht “in” sei und irgendwann dachte ich dann auch, okay, wenn der momentane (urbane) indonesische Lebensstil das beinhaltet, dann ist es eben so. Auch in meinem Krimi wird darauf Bezug genommen:

Forget the tourist guides. Forget Borobodur and Prambanan. Forget gamelan music, batik shirts and wayang shadow puppets. If you’re looking for the real thing, genuine Jakartan culture as it’s lived today, there’s only one place to head for: the shopping mall.

Mit dem Internet ist das nicht ganz so einfach. In Jakarta dachte ich noch, es sei nicht nötig, sich da gleich Zugang zu verschaffen, aber in Bandung, wo wir am Montag Abend angekommen waren, funktionierte es nicht wegen stundenlanger wolkenbruchartiger Regenfälle und nun in Pangandaran hat das Hotel kein Internet. Also wird es ein Megaeintrag und ich mache da weiter, wo ich aufgehört habe.

Den Katzen werden hier die Schwänze verstümmelt - es soll Glück bringen. Die Frage ist nur, wem?

Von Jakarta ging es weiter nach Bogor, mit 750.000 Einwohnern fast kleinstädtisch anmutend. Wie verlässlich diese Zahlen sind weiß ich nicht… Aber wenn ich Plakate sehe “Sensus 1.-31. mei” und da ein Männchen mit Zettel und Stift drauf ist, vermute ich eine Volkszählung, die dann bald vielleicht sicherere Zahlen liefert. Bogor ist von Bergen umgeben und auf 290 mNN ein Lieferant für Sommerfrische für die Wohlbetuchten. Es liegt 60km südlich von Jakarta und ist Teil der Großregion “Jabotabek”, den so langsam wachsen hier 4 Städte zu einer Metropolregion zusammen. Ich hatte gelesen, dass es als “Regenloch” gilt, aber wir hatten Glück und konnten uns den weltberühmten Botanischen Garten “Kebun Raya Bogor” trockenen Fußes ansehen… zumindest einen Teil davon, denn für das ca. 85 Hektar große Areal braucht man wohl mehr als nur 2 Stunden. Mir fehlte es an blühenden Pflanzen, aber die Baumsammlungen waren schon beeindruckend und Führer Udin rupfte ständig irgendwo was ab um zu demonstrieren, womit sich Kinder welche Spielzeuge basteln.

Udin bastelt eine Puppe

Teepflückerin nahe Puncak Pass

Am Puncak Pass gab es Teeplantagen und die Arbeit der Teepflückerinnen zu begutachten. Die arbeiteten mit interessanten Konstruktionen aus Heckenscheren und Kanistern. Mir fiel dabei auf, dass ich trotz der vielen Teeplantagen in Ruanda noch nie eine betreten hatte und war überrascht, wie groß und hart doch die Teeblätter sind – wie Lorbeer oder so. Das hatte ich mir deutlich filigraner vorgestellt. Das Ziel dieses Tages war Bandung, wo wir gegen 17:30 Uhr ankamen. Um 18 Uhr setzte o.a. wolkenbrauchartiger Regen ein, so dass an einen Stadtbummel durch das “Paris des Ostens” nicht mehr zu denken war. Schirm oder kein Schirm war NICHT die Frage, sondern eher, Gummistiefel oder keine, denn die Straßen hatten sich in reißende Flüsse verwandelt. Willkommen in der Regenzeit. Ich kann also leider weder beurteilen, ob seine “tropische Art-Deco-Architektur” tatsächlich an Miami erinnert, noch, ob dieses Zentrum der Textilindustrie entsprechende Angebote in die Läden bringt. Ein anderes Mal…?

Für heute erstmal viele Grüße
Barbara

Tschuess!!

Brodelndes Weißes und satiniges Rotes

Gegenteil von Playa del Sol im Juli

Gegenteil von Playa del Sol im Juli


Obwohl es sogar in Lacanau-Océan diverse Möglichkeiten des WLAN-Zugangs bei Kauf eines Kaffees o.ä. gab, komme ich erst jetzt dazu, ein wenig mehr von dort zu berichten – das Wetter wurde nämlich besser und besser (27 Grad und SONNE) und der Drachen wurde alsbald im Wohnzimmerregal eingemottet. Es frisst halt unheimlich viel Zeit, am Strand spannende Krimis und Romane zu lesen, den Wellen zu lauschen und sich auch hier und dort mal in selbige zu werfen. Das hört sich jetzt so an, als hätte man die Sache im Griff, aber die Brandung ist tatsächlich so stark, dass man nicht viel mehr tun kann als zu schauen, dass man den Kopf wieder über Wasser bekommt. T-O-T-A-L G-E-I-L.
Muss man wohl für geboren sein

Muss man wohl für geboren sein

Ich kann mich nicht erinnern, jemals irgendwo schon eine solche Brandung an einem Badestrand erlebt zu haben – für Urlaub mit Kindern ist das eigentlich gar nichts, die kann man nicht oder nur wenige Meter und immer unter Aufsicht ins Wasser lassen. Familien mit Kindern vermute ich deshalb in der Saison eher am nahegelegenen See Le Moutchik. Im Meer steht man quasi ständig in einer brodelnden weißen Masse von Gischt, den Boden sieht man nie, dafür den Sand aufgewirbelt in manch einer Welle, die man dann gleich als heimtückisch einstufen kann. Die Wellen sind respekteinflößend und üben gleichzeitig eine fast nicht abzuwehrende Anziehungskraft aus. Sie bauen sich deutlich über meine Körpergröße vor einem auf und es bleibt nur die Hoffnung “Brich doch endlich, brich!!!” denn aus Erfahrung gerate ich lieber in eine Welle, die schon „kracht“ und nicht gerade bei mir entscheidet, sich der brodelnden Masse anzuschließen. Immer mit uns im Wasser ein älterer Herr, den wir regelmäßig aus den Fluten fischen mussten – und dabei so manch einen Pamela Anderson-Moment erlebten. Ich glaube immer noch, dass der am ersten Tag zufällig mit uns in den Wellen stand und als wir ihn dann rausfischten an den anderen Tagen guckte, dass er gleichzeitig das Abenteuer startete – aus Sicherheitsgründen. Massen an Wellenreitern, body boarders – aber ich muss sagen, dass das glaube ich etwas ist, was ich eher nicht ausprobieren werde, auch nicht mit Kontaktlinsen und im Neoprenanzug. Es bleibt allerdings die Frage, warum hier keine Windsurfer anzutreffen sind…?
Auf in den Kampf

Auf in den Kampf


Lacanau-Océan ist ein Touristenörtchen mit den üblichen Läden, einigen Restaurants und sogar einem kleinen Kino, wo allerdings die offenbar letzte Vorstellung der Saison bereits am 2.9. lief. Kinos teste ich ja gerne überall. Neben einem Ausflug in die Wellen kann man bis in alle Ewigkeit am Strand entlanglaufen, sich an gekennzeichneten Stellen in die Dünen begeben oder auch in den Pinienwäldern wandern oder Radfahren. Leider fand ich in selbigen nicht wie erhofft weitere große, offene Zapfen… aber zwei habe ich mir in Arcachon gesichert und werde die auch heim schleppen 🙂 Der Wochenmarkt mittwochs musste natürlich mitgenommen werden und man deckte sich ein mit diversen Köstlichkeiten unterschiedlichster Art. Und ein megakitschiger Ring, der es aufgrund seiner Machart wohl noch nicht mal bis Deutschland überleben wird, fand Platz in meinem Herzen… Da der Badeanzug eher wie ein Sack an mir hing, machte ich “im Städtchen” auch noch die Erfahrung eines Schlussverkaufs. Probierte zwei Badeanzüge an, entschied mich für einen, wollte zahlen und die freundliche Dame an der Kasse wies mich darauf hin, dass ich ja für einen Euro mehr auch den zweiten haben könnte. DAS nenne ich ein Angebot. Nun, da habe ich nicht lange überlegt. Jetzt muss ich dann nur noch schwimmen gehen im Winterhalbjahr.
Laufen, laufen, laufen...

Laufen, laufen, laufen...


Auf der Fahrt von Lacanau-Océan zur Hochzeit meiner Freundin in Seissan bei Auch (so zwischen Toulouse und Pau gelegen) musste ich in Bordeaux ja erneut halt machen und den Zahnarzt ein drittes Mal aufsuchen – vorbereitende Maßnahmen für die wahrscheinliche Wurzelbehandlung am kommenden Mittwoch. Dabei fällt mir neben der Parkplatzsuche überhaupt das Fahren in Bordeaux ein: ein Alptraum. Und wenn ich keinen Navi gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Alleine beim Fahren mit Karten zu hantieren ist keine Freude. Der Navi (übrigens: le tomtom) brachte mich auch gut und… INTERESSANT nach Seissan. Ich hatte mich für eine Route hauptsächlich ab der Autobahnen entschieden – weniger wegen der Mautgebühren, sondern mehr, weil ich ja auch was sehen wollte. Ich hätte mir auch ruhig eine Woche Zeit nehmen können für die Anreise – in jedem noch so kleinen Kaff gab es ein mittelalterliches Zisterzienserkloster zu besichtigen, eine alte Kirche oder sonstige interessante Örtlichkeiten. Der Ort Condom weckte eher aufgrund der Namensgebung mein Interesse – und stellte sich als malerisch heraus, noch dazu mit einer Partnerstadt in Deutschland. Es war ein fantastischer Herbsttag, an dem ich unterwegs war. Die Landschaft war sonnendurchflutet und so ging es auf unzähligen Alleen (mit den immer angebrachten Schildern: „Achtung, Bäume!“) vorbei an Sonnenblumen- und Maisfelderfeldern (fertig zur Ernte), dem einen oder anderen Weinberg, wieder Pinienwälder. Und man muss sagen, die Franzosen fahren wie der letzte Henker. Außerhalb geschlossener Ortschaften liegt das Tempolimit bei 90 km/h und ich selbst war schon mit moderatem Bleifuß im Eifeler Stil bei zwischen 100 und 110 km/h unterwegs (der Zahnarzttermin war erst am späten Nachmittag) – und wurde immer mal wieder auch überholt…

Die Hochzeit war der Bringer. Samstags morgens wurde ab 8:30 Uhr gemeinsam gefrühstückt, bevor die Hochzeitsgesellschaft um 10:15 Uhr zu Fuß zum Rathaus aufbrach, wo um 11 Uhr die Trauung stattfinden sollte. Es schien mir, als sei es das Highlight des letzten Jahrzehnts in diesem verschlafenen Örtchen zu sein. Ich vernahm auch, dass sich die Brautmutter und der Bürgermeister beim einzigen Coiffeur vor Ort am Vortag kennengelernt hatten, als letzterer der Friseurin brühwarm erzählte, dass da diese internationale Hochzeit sei usw. – nur um dann von der Dame neben dran mit den Worten “Na sowas! Ich bin die Mutter der Braut!” begrüßt zu werden. Er machte was her, der Bürgermeister, mit seiner Schärpe und dem mehrfachen Hinweis auf die französische Verfassung die da bestimmte, dass die Zeremonie nur in französischer Sprache durchgeführt werden dürfe, wenn sie rechtsgültig sein sollte. Man war seitens des Brautpaars vorbereitet und hatte englische und niederländische Übersetzungen bereitgelegt. Kurz und schmerzlos war das ganze nach max. 15 Minuten geschehen und man machte sich wieder auf den Weg zurück zu diesem “Resort”, in dem an diesem Wochenende die Hochzeitsgesellschaft alles besetzt hatte. Nach einem Sektumtrunk und mittäglichen Snack zogen sich dann alle um für den sportiven Nachmittag (das Brautpaar ist dem Extremsport zugetan und man hatte entschieden, da Sport und Aktivität ihnen so viel bedeuten, sollte auch die Hochzeit unter diesem Motto stehen). Erwähnte ich die idealen Wetterbedingungen von ca. 28 Grad und praller Sonne?? Nach einer Pause zum Umziehen also traf man sich in einer Gruppe wieder, die nacheinander ein kleines Radrennen, ein bisschen Jogging, Kanufahren, Bogenschießen und ein Floß über den See ziehen hinter sich zu bringen hatte. Wir hatten einen Heidenspaß und außer einem Bluterguss am linken Unterarm aufgrund unsachgemäßer Handhabung eines Bogens bin ich ohne Blessuren davon gekommen.

Hochzeitsimpressionen

Hochzeitsimpressionen


War die letzte Hochzeitsgesellschaft deutlich juristisch geprägt, so hatte ich dieses Mal den Eindruck, auf einem Gynäkologenkongress gelandet, oder, wenn man dann mal mehr mit den Freunden des Bräutigams zu tun hatte, in eine Horde Elektrotechniker geraten zu sein. Letztere waren soweit mir bekannt alle Niederländer, wohingegen der Freundeskreis der Braut deutlich internationaler war und Gynäkologen oder Menschen ähnlicher Fachrichtung mit fünf unterschiedlichen Muttersprachen in sich vereinigte. So erfuhren wir einiges über Hochzeitssitten in Spanien, das regnerische Bergen in Norwegen (ca. 2000mm Jahresniederschlag – in Deutschland liegt das so bei 700-800, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht) und administrativen Wahnsinn in niederländischen Krankenhäusern. Ich habe mich basierend auf Gesprächen des Nachmittags (also ohne den Einfluss von Alkohol aber vielleicht im Endorphin-Rausch?) darauf eingelassen, Ende April an einem 40km-Langlaufrennen in und um Geilo in Norwegen teilzunehmen. Den Namen habe ich vergessen. Und ich befürchte, das wird tatsächlich was werden. Allerdings würde ich wohl abgesehen von verstärkten Trainingseinheiten in den kommenden 6 Monaten noch mindestens eine Woche Schneetraining voranstellen wollen. Ohne Support-Team kann ich mir nicht erlauben, wieder halb tot wie nach dem Kort-Vasa aus der Sache rauszukommen. Und da war ich dann, oh Schreck, 11 Jahre jünger…

Tja, in diesem Zusammenhang kann ich sagen, dass die Referenz-Jeans noch passt, aber deutlich enger sitzt als vor der Abreise. Oder liegt das vielleicht daran, dass sie jetzt frisch gewaschen ist?!?!? *HOFF* Der Tag der Wahrheit kommt… ich werde berichten.

Bis dann!
Barbara

Intensive Care

In St. Emilion

In St. Emilion


Zwei Wochen vorbei. Kann ja alles gar nicht wahr sein. Mein bester Freund ist in der Zwischenzeit besagter Zahnarzt in Bordeaux. Man hatte mich ja bereits per Mail subtil darauf hingewiesen, dass auch französische Zahnärzte in aller Regel ein Hochschulstudium absolviert haben, ihnen also durchaus Vertrauen entgegen zu bringen sei, was letztendlich jedoch nicht entscheidend zu einem weiteren Besuch beitrug. Entscheidend war die VOLLKOMMEN durchwachte Nacht von Donnerstag auf Freitag, die ich sitzend und mich wie ein Thora-Schüler vor- und zurückwiegend im Bett verbrachte hatte – nur summte ich entlang Robbie Williams’ Intensive Care und ähnlicher Verdächtiger. Trotz 1200mg Ibuprofen in vier Stunden… (man nimmt gemeinhin so etwa 400 und das soll 8 Stunden helfen). Bei meinem Anruf um 8:30 Uhr erinnerte man sich an die Deutsche vom Montag, und um 9:30 Uhr hatte ich einen Termin. Das Warten hatte sich insofern gelohnt, als sich nun herausstellte, dass es ein Abszess am Backenzahn ist, der sich im Zustand der “Nekrose” befindet. Super. Jetzt bin ich auf Antibiotika und habe am kommenden Freitag, vor der Hochzeit am Fuß der Pyrenäen, einen Folgetermin in Bordeaux und in der Woche drauf muss ich dann zu dem in Deutschland, weil das ein langer Prozess ist, der auch in einer Wurzelbehandlung endet…

Nichtsdestotrotz habe ich mich am Freitag auf den nachmittäglichen Ausflug nach St. Emilion geprügelt, mit dem Gedanken, dass ich ja im Bus ein Schläfchen würde halten können. Daraus wurde zwar nicht viel und ich bin etwas schlaftrunken durch dieses kleine Weinbau-

Blick von und auf St. Emilion

Blick von und auf St. Emilion

Städtchen gewankt, aber ich war trotzdem sehr angetan davon und froh, dass ich mich dafür entschieden hatte. Es liegt östlich von Bordeaux und ich kann nun allen Ernstes behaupten, ein wirkliches Weinanbaugebiet gesehen zu haben. Also ehrlich, danach kann man eigentlich über das Ahrtal nur müde lächeln, so schön es da auch ist. Eine kleine “Touristen-Zug-Tour” habe ich durch die verschiedenen Château und ihre – sind das Felder, wenn es keine Berge sind? – unternommen und dachte mit Blick auf die schicken Gebäude ständig an Falcon Crest. In diesem malerischen Örtchen jedenfalls ist in der Folge auch mindestens jedes dritte Geschäft ein Weinfachhandel, was wiederum bedeutete, wahrscheinlich gekoppelt mit meiner Übermüdung, dass es wohl der einzige besuchte Ort bislang war, an dem ich überhaupt gar nichts gekauft habe. NICHTS. Denn vom Wein kann mich immer noch niemand überzeugen. Schon eher von den Macarons, den leckeren Mandelplätzchen, die ein weiteres Highlight sind. Und ehrlich: sie waren auch dort wesentlich besser, als alles, was ich bislang in Bordeaux hatte testen dürfen. Da liegt der Schwerpunkt ja auch auf den Canelés, denen ich allerdings nicht soooo viel abgewinnen kann. Auch wenn sich diese Ansicht etwas geändert hat, seit ich mal ein hausgemachtes probieren konnte.

Verboten für Nomaden und Camper

Verboten für Nomaden und Camper

Und nun… nun bin ich in Lacanau-Océan, die Sonne kommt auch raus, so ein bisschen zumindest, aber das ist auch egal. Einen stundenlangen Strandspaziergang bei stark bedecktem Himmel habe ich schon hinter mir, inkl. Drachen. Das Steigen lassen des letzteren war jedoch nicht die erwartete Herausforderung, denn die Brise ist so steif, dass er einfach am Himmel blieb und ich mir vorkam, als führte ich einen Hund aus! Dazu die Brandung, mindestens drei, eher vier oder fünf Wellenkämme hintereinander, darin Wellenreiter und auch der eine oder andere Schwimmer, bis auf wenige Ausnahmen alle in Neopren-Anzügen. Aber am Dienstag soll noch mal ein Sonnentag kommen und dann heißt es wahrscheinlich alles oder nichts: weil… man muss ja doch im Wasser gewesen sein, oder?! Hier, wo nichts mehr kommt bis Amerika? Mal sehen…

Obwohl ich mich seit Wochen gerade auf den Teil des Urlaubs am Atlantik gefreut habe, so ist es nun doch schade, Bordeaux verlassen zu haben. Nach zwei Wochen wächst der Stadtplan endlich zusammen, die “mental map” wird kompletter (zumindest die des Zentrums)… man kann den ersten Touris Wegbeschreibungen geben. Und dann ist es Zeit, sich zu verabschieden. Irgendwie macht das mal wieder Lust auf mehr, auf eine längere Zeit woanders. Und das Französische… man kann sich wohl erste Hoffnungen machen, wenn man im Kino schon selbst eine Karte für den Film “Ümp-Day” (HUMPDAY, übrigens eine Empfehlung) verlangt. Auch wenn ich beim Bericht über Schong-gei und die dort 2010 stattfindende Expo doch verdammt lange nachdenken musste, warum so eine unbekannte Stadt wohl die Expo kriegt…?! 😉

Zurzeit verfüge ich auch über einen Mietwagen, den ich wohl auch mal nutzen sollte in dieser Woche… aber ich könnte einfach nur am Strand abhängen. Bei der Anmietung desselben gab es noch das Problem, dass meine Schwester, die nun auch hier ist, als zweiter Fahrer eingetragen werden sollte. Sie war aber noch nicht angekommen und nur per Kopie des Führerscheins und Persos wollte man das nicht machen. Wir machten also weiter im Text und als sich dann am Ende herausstellte, dass der Vermieter ja schon geschlossen haben würde, wenn meine Schwester auch zur Verfügung stünde, meinte die Dame dann kurz entschlossen, “Ach, wissen Sie was, wir machen das jetzt. Sie sind ja Deutsche, da kann man ja vertrauen.” Und dann war auch das geregelt.

Da soll sich einer auskennen...

Da soll sich einer auskennen...

Nun denn. Es ist mittlerweile schon Montag und der erste Versuch eines WLAN-Zugangs in Lacanau ist fehlgeschlagen. Vielleicht lag es am Wetter, vermute ich hier doch ähnlich wie in der Eifel womöglich DSL nur per Satellit…?

Na dann – bis bald!
Barbara

Lebendiges Französisch, Teil 1

Die Lektion 1 in “Lebendiges Französisch” liegt nun hinter mir und das war mal wieder was… Bin am Montag einfach los mit dem Gedanken, einfach in die erste Zahnarztpraxis zu gehen, an der ich vorbeikomme. Gesagt, getan. Ein Altbau, gegen den der, in dem ich wohne, hochgradig renoviert und sauber daherkommt. Ich hatte schon Bohrer mit Handkurbeln vor Augen. Im ersten Stock eine Holztür, auf der der Name des Arztes steht mit der Warnung “Strahlung!”. Tja, denke ich und klopfe an – erst passiert gar nichts, dann macht der Doc selbst die Tür auf – es war das Behandlungszimmer. Ich müsse doch im Wartezimmer warten – wenn ich doch nur wüsste, wo das wäre?! Neben dran, kein Mensch da, eine Videokamera die mich beobachtet und eine Preisliste an der Wand. Ich entschied mich, weiter zu suchen.

Der zweite Versuch war ähnlich. Von der Wand geplatzte Farbe, hohe Holztüren mit seit dem Krieg nicht geputzten Glaseinsätzen, ausgetretene Stufen, Leitungen und Stromzähler auf der Wand. Wieder eine Holztür mit dem Namen und dahinter höre ich die eindeutigen Geräusche von Bohrer und diesem Absaugerding, also bin ich erstmal draußen geblieben… da wird schon noch einer rauskommen. Kam dann auch und wieder so eine Mini-Praxis, zwei Zimmer. Ein Wartezimmer, ein Behandlungsraum – dazu der Zahnarzt und jetzt wenigstens eine Zahnarzthelferin. Mein Problem erklärt guckte er sich das ganze an und meinte, es sei kein Karies, das Zahnfleisch sei auch nicht angegriffen… aber er habe da eine Idee, es müsste geröntgt werden. “Ah ja, das dachte ich mir. Alles lebendig. Einige Füllungen und zwei nebeneinander, die gaaaaaaanz nah am Nerv sind. Da regt sich wohl jetzt einer auf.” Ich erinnerte mich daran, als die Füllung gemacht wurde und der Arzt ständig fragte “Und Sie spüren wirklich nichts??!” Und bis vor 5, 6 Tagen hatte ich auch nichts gespürt. Der Arzt meinte nun, er könne nicht entscheiden, welcher von den beiden der Übeltäter sei – da der Schmerz auch nicht durch Kälte oder Druck zu provozieren ist. Der kommt einfach aus dem nichts wie ein Blitzschlag.

Am Nachmittag habe ich mit meinem Arzt in Deutschland telefoniert, der erst beruhigt feststellte “Ach, Sie sind in der Zivilisation!“ und mir dann genau sagte, welcher denn derjenige welche sei, der “fast offen” ist und wir sind so verblieben: abwarten, denn dann kann man den Schmerz evtl. genauer lokalisieren und wenn es sich aushalten lässt und ich nicht für 2 Wochen auf Ibuprofen gehen muss, dann Termin am Morgen des 30.9. in der Heimat, sonst bitte den französischen Kollegen ranlassen. Bin seit 24 Stunden ohne Medikamente und es geht. Hoffen wir, dass es so bleibt. War auf jeden Fall in der richtigen Stimmung heute noch meinen Vortrag über den Karneval im Rheinland zu halten und sehe ich mir nun “Un prophète” im Kino an.

Na dann macht’s mal!
Viele Grüße
Barbara

Verstanden…

Selbst mit einem fordernden Französischkurs im Nacken vergeht die Zeit wie im Fluge. Kaum hatte ich mich versehen, schon war die erste Woche vorbei und ich habe mich hektisch um die Reservierung eines Mietwagens für die dritte Woche bemüht. Das Wetter wird etwas kühler, aber so lange die Sonne halbwegs erhalten bleibt, ist alles bestens.

Rue de Kater

Noch viel schneller merkte man mal wieder, warum Frankreich das große Parfum-Land ist – sogar das Eis hat hier keinen Geschmack, sondern ein Parfum… Man muss sich einfach Gegenmittel für den immer präsenten Duft der Eau de Merde verschaffen. Wie scheinbar überall ist auch Bordeaux eine Stadt der Tretminen – und da haben einige ganz eindeutig Panzerminenkaliber. Sollte ich jemals irgendwohin in Frankreich ziehen, muss ich wahrscheinlich gleich bürgerinitiativ aktiv werden, denn es ist nicht zum Aushalten. Es ist das erste, was einem morgens beim Verlassen des Hauses um die Nase weht und das letzte vor dem Einschlafen bei offenem Fenster so ungefähr. Bis auf die Ecke, an der es morgens erbärmlich nach Fisch stinkt, aber das sind die Mülltonnen des Sushi-Ladens, die ins Blickfeld geraten, wenn man dann abgebogen ist.

Klärung gab es auch, was Hähnchenbrustfilets angeht. Die haben mich bei meinem ersten Besuch im Supermarkt ziemlich abgeturnt, denn die waren schon eklig gelb. Dachte ich. Gelbsuchtverseuchte Hühnchen? Aber das gehört so und hätte ich die Etiketten besser gelesen (poulet jaune) hätte ich mir schon eher eins brutzeln können: die Tiere werden mit Mais gefüttert und deswegen ist das Fleisch gelblich. Watt ett net all jitt.

Ein riesiger Buchladen fehlt auch in dieser Stadt nicht und einzig die Tatsache, dass die Auswahl nicht ganz unerwartet hauptsächlich französisch war, hat mich vor schlimmerem bewahrt. Wann bin ich nach einer Stöberrunde je mit nur zwei Büchern aus einem Buchladen gekommen? Ich kann mich nicht erinnern. Wann ich die jetzt lese, wird sich herausstellen. Von den 4 die ich vor 2 Jahren in Aix gekauft habe, sind 3 noch ungelesen. Aber man wird sehen. Der Wille zählt.

Utopia

Wir haben ein wunderbares Kino aufgetan, das Utopia. Ein Programmkino mit fast ausschließlich Filmen, die man in Deutschland nicht zu sehen bekommen wird (außer auf Festivals vielleicht) und das im Ambiente einer ehemaligen Kirche. Im Eingangsbereich ein Cafe mit WLAN J und dann vier oder fünf kleine Säle. Bislang habe ich allerdings nur einen amerikanischen Film gesehen, Baujahr 1969 mit Sean Connery, THE MOLLY MAGUIRES – aber der war gut… als sie dann nach 10 Minuten mal anfingen, was zu sagen…

Einen ersten Ausflug in die Umgegend habe ich nun auch gemacht. Mit einer Kollegin aus dem Sprachkurs ging es per Zug nach Arcachon und dann weiter mit dem Shuttlebus zur Dune de Pyla, der größten Wanderdüne Europas, 117m hoch, 3 km lang. Sand en masse. Es war anfangs wenig beschwerlich, die Seite des Aufstiegs ist mit Treppen versehen. Oben angekommen blickt man wahlweise auf unendliche Pinienwälder, von denen an manchen Stellen der unverkennbare Duft herüber weht, oder aufs Meer mit vorgelagerten Sandbänken und dem Dünenbesteigung Villa VincenetteCap Ferret in der Ferne. So zieht es einen magisch an, das Meer, und man kann fast nicht anders, als im Laufschritt darauf zu zu eilen, um dann mit den Füßen im mäßig warmen Wasser am Strand entlang zu laufen, die Zeit völlig vergessend. Nur, um dann irgendwann mit der Einsicht konfrontiert zu werden, dass man die Düne wieder überwinden muss, 117m ohne Treppe, verdammt steil. Es hat eine Ewigkeit und drei Tage gedauert. Aber war sicher gut für die Waden…

In Arcachon haben wir uns noch flugs die Ville d’Hiver angesehen, einen Altstadt-Teil sozusagen, in dem ein schönes (oder zumindest ausgefallenes) Haus am anderen steht. Es gibt auch leerstehende und ich dachte, sollte das mit dem Lotto-Gewinn doch noch was werden und es gibt gerade kein passendes Objekt in der Südstadt, dann könnte ich mir mein Bed & Breakfast auch in einem solchen sehr gut vorstellen.

Ich weiß nicht, woher der Name Arcachon kommt, aber die Tatsache, dass man auf heruntergefallenen Eicheln läuft wie andernorts auf Rollsplit, lässt mich vermuten, dass VIELLEICHT, in Anlehnung an Englisch acorn, der Name damit zusammenhängt. Ich persönlich dachte eigentlich nur: hier liegen die Gummibärchen und Lakritzschnecken auf der Straße und keiner kümmert sich darum – der Tausch 1kg zu 1kg beim Hersteller würde wahrscheinlich den gesamten Kölner Karneval mit Kamelle versorgen können. In Bordeaux sind es die Kastanien, für die sich kein Schwein interessiert und die im Dreck liegenbleiben.

Unterwegs war ich mit einer Lettin, die am europäischen Gerichtshof inLes Ploucs Luxemburg arbeitet – und als wir dann den einen Zug verpasst hatten und feststellten, dass es gerade noch was mit dem letzten um 20:26 werden würde, kam über einer schnellen Pizza das Thema auf, dass in der lettischen Sprache noch viele Deutsche Worte übrig geblieben sind. “Speck” gehört dazu und “Durchschlag”, die Gabel ist als “Gaffel” übrig geblieben und – Hammer – die “Schublade” wird verwendet. So sagt man also auf lettisch “otver šúpládi”, “öffne die Schublade”.

Den Rest des heutigen Sonntags werde ich wohl damit verbringen müssen, mich mental auf einen Besuch beim Zahnarzt vorzubereiten; nach drei Tagen Zahnschmerzen mit Koffein-Therapie und dann zwei weiteren zugedröhnt mit Ibuprofen führt wohl kein Weg daran vorbei. Ich werde jedoch versuchen, es als sprachliches Experiment zu betrachten, “Lebendiges Französisch, Teil 1 – Au cabinet dentaire.” Merde alors.

Bis die Tage
Barbara

Sommertage in Südfrankreich

Auf dem Weg zur Schule an der Place Gambetta

Auf dem Weg zur Schule an der Place Gambetta

Viele Grüße aus Bordeaux! Ich bin hier bestens angekommen, auch wenn mich der Thalys schockiert hat – so was gammeliges! Aber gammelig hin oder her, er war pünktlich auf die Minute in Paris und auch den Transfer von einem Bahnhof zum anderen per Metro habe ich gut regeln können… in 35 Minuten von einem Bahnsteig zum anderen. Das mit verdrehtem Knie, einer Monstertasche und so gut wie keinen Rolltreppen oder Aufzügen. Erschreckend.

Dass Bordeaux es schwer haben würde im Vergleich mit Aix-en-Provence, war von vorneherein klar, obwohl ich mir ja fast ständig das Mantra vorsagte “Bordeaux ist nicht Aix, das ist ne ganz andere Nummer, Bordeaux ist nicht Aix”. Und natürlich ist hier auch abgesehen von der Sprache so ziemlich alles anders

Die Blaue Ecke gibt es nicht nur in Adenau...

Die Blaue Ecke gibt es nicht nur in Adenau...

(und selbst die, wenn man genau hinhört… aber lassen wir das). Ich wohne in einem zweckmäßigen “Apartel”, 20 Minuten zu Fuß von der Sprachschule weg und schon in die Richtung, was der Reiseführer Vorstadt nennt – das halte ich jedoch für übertrieben. Auch wenn ich wohl die ersten Corbusiers mal auf einem kleinen Spaziergang nach dem Abendessen ablaufen könnte…

“Ein klassizistisches Highlight” nennt der Reiseführer diese Stadt und breite Straßen, üppige Plätze, ausladende Bauten und überwältigende Statuen und Denkmäler prägen das Bild. Man ist begeistert von den nicht mehr existierenden Hafenanlagen und wie schön es nun am Ufer der Garonne ist… ich habe den Vergleich nicht, aber hauptsächlich finde ich den Blick auf die andere Uferseite furchtbar öde und die “Waterfront” macht mit ihrer Bepflanzung noch einen sehr künstlichen Eindruck, wenn auch belebt – zumindest an einem supersonnigen Sonntagnachmittag (ja, die Wettervorhersage stimmte bis hierhin und morgen soll es auch entsprechend weitergehen – wie dumm nur, dass ich bis 16:15 in der Schule hocke…). Faszinierend jedoch finde ich den Miroir d’eau, den Wasserspiegel, am Place de la Bourse. Eine große Fläche am Flussufer, auf der minimal (weniger als 1 cm??) Wasser steht in dem sich das Ensemble auf der anderen Seite der Straße spiegelt.

Miroir d'eau, Place de la Bourse

Miroir d'eau, Place de la Bourse

Einkaufen kann hier auf jeden Fall gut, wer 800 Euro in Handtaschen investieren kann bzw. will – mir kamen da gleich gewisse asiatische Beispiele in den Sinn. Für mich selbst habe ich an der Haupteinkaufsstraße noch nicht wirklich was entdecken können, aber da gibt es noch so viele Nebenstraßen, die erst noch ausgekundschaftet werden wollen – also den Tag mal nicht vor dem Abend loben. Was ich allerdings schon entdeckt habe, sind die Chocolatiers… Sonntags hat ja so gar nichts auf, aber dann doch dieser eine – der mich dann schon von seinen Künsten überzeugt hat (und es ist noch nicht mal eine von den beiden, die man laut Reiseführer getestet haben muss…). Für mich können sie sich das Angebot der Weinprobe sparen, ich teste lieber die Chocolatiers! Die Anonymen Dicken haben mich den ganzen Tag, inkl. Abendessen, voll im Griff und dann meine ich auf einmal, ich müsse noch was haben zum Hausaufgaben machen oder Fernsehen oder Paris Match lesen. Und der Kühlschrank quillt über von den verschiedensten Obstsorten, aber das ist dann alles irgendwie unbrauchbar. Das kriege ich nicht abgestellt. Hm. Schau’n wir weiter.

Ich habe sowohl vormittags als auch nachmittags wie es scheint gute Kurse erwischt mit Lehrerinnen, von denen der Funke überspringt. Und interessante Leute… eine Koreanerin, eine Australierin, ein Pole, zwei Letten usw. – hier sind die Dinge mal nicht fest in deutscher Hand. Und es passiert ausgesprochen selten, dass jemand dabei ist, der auf die Frage “Was machst du beruflich?”, die in meinem Fall immer eng gefolgt ist von “Wo hast du denn schon gearbeitet?”, ähnlich antwortet und den Vogel abschießt: weiblich, ledig, jung, zwei Jahre Afghanistan als britische Soldatin in Mazar-i-Sharif und Helmand. Ich vermute, wir habe noch einige interessante Gespräche vor uns. Sie hat nun einen Master in internationalen Beziehungen gemacht und beim Roten Kreuz gearbeitet und ist auf Jobsuche. Und Hammer: unser “Laden” war ihr in der deutschen Fassung ein Begriff…

Meine erste Entdeckung - moderne Kunst im Garten des Rathauses beim Museum der schönen Künste

Meine erste Entdeckung - moderne Kunst im Garten des Rathauses beim Museum der schönen Künste

Auch immer wieder interessant finde ich diese Momente, wo 30 neue Schüler nach und nach morgens gegen 8 Uhr eintrudeln, zur Einführung im Salon Platz nehmen und die Konversation IMMER über eine Person läuft. Diese eine Person ist immer US-amerikanischer Herkunft. In diesem Fall weiblich, ca. 60, edel gekleidet und sprach davon, dass sie beruflich “in interior design” macht. Und diese Person hatte ich vor ihrem dritten Satz voll durchschaut. Mein Tipp war, “Boston” – die Antwort war “Beacon Hill” (DER Stadtteil von Boston)… wieviel genauer kann man treffen?? Wir machen dann mal ein paar Monate Französischkurs weil wir vielleicht für das Sommerhalbjahr nach Frankreich ziehen wollen – im Winter sind wir ja schon länger immer in Florida. In Bezug auf Bordeaux war ihr gesagt worden, dass die Stadt mit Boston vergleichbar sei. Hhmmmmmm. Das sehe ich noch nicht so ganz, außer evtl. an der wiederhergestellten “Waterfront”. Ich sehe die Stadt nun jedenfalls mit anderen Augen.

Wie kann es sein, dass es bis zum 6.9. eines Jahres dauern kann, bis man sich mal in ein Café in schöner Lage niederlässt, einen Milchkaffee zu sich nimmt, dabei liest und sie die Sonne ins Gesicht scheinen lässt (ja, meine Nase hat gelitten)?? Allen Ernstes, dazu war ich bislang nicht gekommen – wahrscheinlich weil es immer fatale Konstellationen von freier Zeit mit schlechtem Wetter und Nähe eines Cafés in schöner Lage gab…?

In diesem Sinne – ich gucke gar nicht, wie das Wetter in Deutschland ist!
Viele Grüße
Barbara