Verstanden…

Selbst mit einem fordernden Französischkurs im Nacken vergeht die Zeit wie im Fluge. Kaum hatte ich mich versehen, schon war die erste Woche vorbei und ich habe mich hektisch um die Reservierung eines Mietwagens für die dritte Woche bemüht. Das Wetter wird etwas kühler, aber so lange die Sonne halbwegs erhalten bleibt, ist alles bestens.

Rue de Kater

Noch viel schneller merkte man mal wieder, warum Frankreich das große Parfum-Land ist – sogar das Eis hat hier keinen Geschmack, sondern ein Parfum… Man muss sich einfach Gegenmittel für den immer präsenten Duft der Eau de Merde verschaffen. Wie scheinbar überall ist auch Bordeaux eine Stadt der Tretminen – und da haben einige ganz eindeutig Panzerminenkaliber. Sollte ich jemals irgendwohin in Frankreich ziehen, muss ich wahrscheinlich gleich bürgerinitiativ aktiv werden, denn es ist nicht zum Aushalten. Es ist das erste, was einem morgens beim Verlassen des Hauses um die Nase weht und das letzte vor dem Einschlafen bei offenem Fenster so ungefähr. Bis auf die Ecke, an der es morgens erbärmlich nach Fisch stinkt, aber das sind die Mülltonnen des Sushi-Ladens, die ins Blickfeld geraten, wenn man dann abgebogen ist.

Klärung gab es auch, was Hähnchenbrustfilets angeht. Die haben mich bei meinem ersten Besuch im Supermarkt ziemlich abgeturnt, denn die waren schon eklig gelb. Dachte ich. Gelbsuchtverseuchte Hühnchen? Aber das gehört so und hätte ich die Etiketten besser gelesen (poulet jaune) hätte ich mir schon eher eins brutzeln können: die Tiere werden mit Mais gefüttert und deswegen ist das Fleisch gelblich. Watt ett net all jitt.

Ein riesiger Buchladen fehlt auch in dieser Stadt nicht und einzig die Tatsache, dass die Auswahl nicht ganz unerwartet hauptsächlich französisch war, hat mich vor schlimmerem bewahrt. Wann bin ich nach einer Stöberrunde je mit nur zwei Büchern aus einem Buchladen gekommen? Ich kann mich nicht erinnern. Wann ich die jetzt lese, wird sich herausstellen. Von den 4 die ich vor 2 Jahren in Aix gekauft habe, sind 3 noch ungelesen. Aber man wird sehen. Der Wille zählt.

Utopia

Wir haben ein wunderbares Kino aufgetan, das Utopia. Ein Programmkino mit fast ausschließlich Filmen, die man in Deutschland nicht zu sehen bekommen wird (außer auf Festivals vielleicht) und das im Ambiente einer ehemaligen Kirche. Im Eingangsbereich ein Cafe mit WLAN J und dann vier oder fünf kleine Säle. Bislang habe ich allerdings nur einen amerikanischen Film gesehen, Baujahr 1969 mit Sean Connery, THE MOLLY MAGUIRES – aber der war gut… als sie dann nach 10 Minuten mal anfingen, was zu sagen…

Einen ersten Ausflug in die Umgegend habe ich nun auch gemacht. Mit einer Kollegin aus dem Sprachkurs ging es per Zug nach Arcachon und dann weiter mit dem Shuttlebus zur Dune de Pyla, der größten Wanderdüne Europas, 117m hoch, 3 km lang. Sand en masse. Es war anfangs wenig beschwerlich, die Seite des Aufstiegs ist mit Treppen versehen. Oben angekommen blickt man wahlweise auf unendliche Pinienwälder, von denen an manchen Stellen der unverkennbare Duft herüber weht, oder aufs Meer mit vorgelagerten Sandbänken und dem Dünenbesteigung Villa VincenetteCap Ferret in der Ferne. So zieht es einen magisch an, das Meer, und man kann fast nicht anders, als im Laufschritt darauf zu zu eilen, um dann mit den Füßen im mäßig warmen Wasser am Strand entlang zu laufen, die Zeit völlig vergessend. Nur, um dann irgendwann mit der Einsicht konfrontiert zu werden, dass man die Düne wieder überwinden muss, 117m ohne Treppe, verdammt steil. Es hat eine Ewigkeit und drei Tage gedauert. Aber war sicher gut für die Waden…

In Arcachon haben wir uns noch flugs die Ville d’Hiver angesehen, einen Altstadt-Teil sozusagen, in dem ein schönes (oder zumindest ausgefallenes) Haus am anderen steht. Es gibt auch leerstehende und ich dachte, sollte das mit dem Lotto-Gewinn doch noch was werden und es gibt gerade kein passendes Objekt in der Südstadt, dann könnte ich mir mein Bed & Breakfast auch in einem solchen sehr gut vorstellen.

Ich weiß nicht, woher der Name Arcachon kommt, aber die Tatsache, dass man auf heruntergefallenen Eicheln läuft wie andernorts auf Rollsplit, lässt mich vermuten, dass VIELLEICHT, in Anlehnung an Englisch acorn, der Name damit zusammenhängt. Ich persönlich dachte eigentlich nur: hier liegen die Gummibärchen und Lakritzschnecken auf der Straße und keiner kümmert sich darum – der Tausch 1kg zu 1kg beim Hersteller würde wahrscheinlich den gesamten Kölner Karneval mit Kamelle versorgen können. In Bordeaux sind es die Kastanien, für die sich kein Schwein interessiert und die im Dreck liegenbleiben.

Unterwegs war ich mit einer Lettin, die am europäischen Gerichtshof inLes Ploucs Luxemburg arbeitet – und als wir dann den einen Zug verpasst hatten und feststellten, dass es gerade noch was mit dem letzten um 20:26 werden würde, kam über einer schnellen Pizza das Thema auf, dass in der lettischen Sprache noch viele Deutsche Worte übrig geblieben sind. “Speck” gehört dazu und “Durchschlag”, die Gabel ist als “Gaffel” übrig geblieben und – Hammer – die “Schublade” wird verwendet. So sagt man also auf lettisch “otver šúpládi”, “öffne die Schublade”.

Den Rest des heutigen Sonntags werde ich wohl damit verbringen müssen, mich mental auf einen Besuch beim Zahnarzt vorzubereiten; nach drei Tagen Zahnschmerzen mit Koffein-Therapie und dann zwei weiteren zugedröhnt mit Ibuprofen führt wohl kein Weg daran vorbei. Ich werde jedoch versuchen, es als sprachliches Experiment zu betrachten, “Lebendiges Französisch, Teil 1 – Au cabinet dentaire.” Merde alors.

Bis die Tage
Barbara

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