Wenig Hütchen, viel sehenswertes

Als mich um 4:41 der Muezzin weckte, regnete es immer noch in Bandung, aber zur Abfahrt hörte es dann auf und wieder einmal hatten wir einen Tag lang Glück. Wir hatten uns gegen die Schnellstraße und für die landschaftlich schönere Strecke entschieden, auch wenn die Fahrt etwa 2 Stunden länger dauern sollte. Aber man will ja was sehen vom Land. Meinen ersten richtigen Kulturschock in Sachen Gruppenreise habe ich nun auch hinter mir – aber wenigstens kam er nicht aus einer unerwarteten Ecke. Auf die Frage, wie sie denn nach viel Schwärmerei von der letzten Reise nach Vietnam nun Indonesien fände, kam die Antwort: “Des war was gaaaanz anderes, wirklisch. So viel scheener. Da hat man mal so richtisch was erlebt im Verkeeehr. Ein Moped mit fünf Schweinehälften drauf. Stellen Se sisch des e’mol vor. Die Leut hatten da auch halt noch alle diese Hütchen auf, so nett anzusehen. Und viel authentischer, gell?” Hauptsache nett anzusehen und möglichst arm, dann werden die Fotos exotischer. Oder die Feststellung, dass “die hier ja schon viel einfach nur rumsitzen, oder?“, während man gerade aus einem klimatisierten Bus steigt, um mal schnell und ohne zu fragen ein paar Fotos von den unproduktiven Faulenzern zu schießen. Also, mir gefällt es hier, auch wenn ich mich zugegebenermaßen schon gefragt habe, ob Südostasien tatsächlich die richtige Urlaubsregion für mich ist, rein klimatisch. Schwitzen gewinnt hier eine ganz neue Dimension. Aber wie formulierte eine weitere Mitreisende beim Anblick einer der folgenden Panoramen: “Wahrscheinlich können wir froh sein, dass es nicht auch noch blauen Himmel dazu gibt oder wir könnten das gar nicht mehr verkraften!”

An diesem Tag also ging es von Bandung nach Pangandaran, an der Südküste Javas gelegen – einem von zwei “Strandstandorten” im indonesischen Teil meiner Reise (ja, der Sand ist eingetütet!). Aber bis wir soweit kamen, standen ja noch andere Dinge auf dem Programm. Erster Besichtigungspunkt war der Candi Cangkuang, ein See in der Nähe von Garut, voller Lotusblüten bzw. Seerosen (trotz zahlreicher Besuche im Botanischen Garten kann ich die immer noch nicht auseinanderhalten). Dahin gelangt man mit kleinen Pferdekutschen, um dort umzusteigen auf Flöße, die einen zu einer kleinen Insel bringen, auf der ein unspektakulärer hinduistischer Tempel steht. Spektakulär ist die Landschaft und das Drumherum: neben dem Tempel (Größe einer Kapelle) ist das Grab von Arif Mohammed, dem Herrn, der den Islam in die nun zu 100% islamische Gemeinde gebracht hat – beides vereint in einem kleinen Areal. Beides wird gehegt und gepflegt von der Gemeinde. Nicht nur (wenn aber sicher auch), weil es ein kleines Touristenziel ist, sondern weil man ja immer noch gerne hierher kommt und seine hinduistischen Wurzeln aufleben lässt. Kann nicht schaden, bei Shiva um ein wenig Glück anzuhalten. Man nimmt, wo man es kriegen kann.

Einen Fotostopp haben wir hinter Garut eingelegt, um mal eine Reisterrassenlandschaft zu begutachten, die zu den ältesten auf Java gehört. “Leben im Grünen” hat da für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen, auch wenn mir gesagt wurde, dass das auf Bali noch mal eine ganz andere Nummer ist – wir werden sehen. Das mit dem Reis ist so irre wie so vieles andere hier und an anderen Orten: Indonesien produziert nicht genug Reis für die stetig wachsende Bevölkerung und exportiert große Teile des hochwertigen eigenen Reis, so dass (minderwertiger) aus Malaysia importiert wird für den Hunger zuhause. Reis, Reis, Reis… es fängt schon beim Frühstück mit Nasi Goreng an, ist oft mittags Nasi Goreng und abends dann mal Sate-Spieße… mit Reis. Aber mit Kartoffeln hätte ich größere Schwierigkeiten 😉 Und erstaunlicherweise macht mir die Schärfe noch nicht zu schaffen bzw. ich habe es bislang immer noch geschafft, etwas für meine Geschmacksnerven tolerierbares zu finden. Schon mal gebratene Bananen mit Schokosauce und geriebenem Käse probiert?? Kann ich nur wärmstens empfehlen!

Nachmittags stand das Dorf Kampung Naga auf dem Programm, wo die Menschen noch recht ursprünglich leben und das auch beibehalten wollen. Es ist kein Museumsdorf, sondern eine in alten (bewährten) Strukturen verhaftete Dorfgemeinschaft – die proaktiv ihren Lebensstil vorstellt und gerne interessierte Besucher empfängt. Ich denke, es ist eine risikoreiche Taktik: Geld kommt ins Dorf (die über 400 Treppenstufen, die man erst einmal dorthin hinabsteigen muss, sind gerade renoviert worden, so auch das “Dresch-Haus”), aber eben auch alle diese Leute. Einzelne Dorfbewohner sind als Guides abgestellt und geben teils sehr intime Einblicke in das tägliche Leben – da wird das eigene Haus zur Besichtigung zur Verfügung gestellt und es werden die Hochzeitsfotos an der Wand diskutiert. Oder die Vor- und Nachteile des neuen Fußbodens in der Küche. Hier ist alles irgendwie Wasser. Das Dorf ist von Teichen verschiedener Grüße umgeben und als Grenze fließt ein Fluss vorbei. Viele Dinge fand ich sehr praktisch angelegt, wie zum Beispiel den Hühnerstall direkt unter den Häusern: durch eine Klappe im Küchenboden werden die Tiere sowohl gefüttert als auch zum Schlachten gegriffen. Es gibt mir allerdings auch Ideen, wie sich die Vogelgrippe besonders in Asien ausbreiten konnte. Schockiert hat uns glaube ich alle (oder zumindest die noch nicht Südostasien-erfahrenen wie mich), die Tatsache, dass eine Art Badezimmer ohne Dach, also der Klo und eine wie auch immer geartete Vorrichtung zum Waschen, auf Stelzen in einem Teich stand und auch dorthin entwässerte. Das an sich ist ja nicht unbedingt bedenklich. Aber es war ein Fischteich. Es war ein sich ständig wiederholendes Muster. Das wurde in keiner Weise in Frage gestellt und das war vielleicht das erschreckendste… Es gibt keinen Strom und das nicht etwa, weil es zu teuer wäre oder es bei den Mächtigen keinen interessiert, sondern weil man sich dagegen entschieden hat. Die Regierung würde in regelmäßigen Abständen immer mal wieder nachfragen, ob sie nicht doch welchen wollten, aber man sehe darin mehr Nach- als Vorteile. Wo er denn die Autobatterie auflade, mit der er den Fernseher betreibt? Ja, oben im Dorf natürlich, die 400+ Treppenstufen hoch. Da ist von vorneherein klar, dass nicht jeder jeden Mist guckt… und jeder darauf achtet, dass das Ding auch aus ist, denn einer muss ja der nächste Dumme sein, der den Trip macht. Feuer ist ein großes Problem, also Brände. Die Häuser sind aus dünnen geflochtenen Wänden, die Böden meist aus Bambus, selten Teak – das Dach aus Reis…stroh? Das alles brennt wie Zunder und nachts patrouillieren 15 Leute, um mögliche Brände im Frühstadium zu erkennen und flugs zu löschen.

Ich könnte allein über dieses Dorf noch ca. 4 weitere Seiten schreiben, aber lassen wir das! Nun sind wir in Pangandaran und ich hole auf mit den Reiseberichten. Mal sehen, wie lange das halbwegs klappt mit dem Zugang zum Internet.

Viele Grüße
Barbara

Ein Kommentar zu “Wenig Hütchen, viel sehenswertes

  1. Liebe Barbara, schön von dir zu hören und spannend zu lesen! Wir haben auch Regenzeit aber mit dem, was du erlebst können wir nicht mithalten. Danke für die tollen Fotos und ich freue mich auf weitere Berichte. Take care, alles Liebe, Katja

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