Die Entdeckung der Langsamkeit

Hier sitze ich nun, mittlerweile in einem wunderschönen Hotel auf Bali (wozu ich aber erst in ein paar Tagen mit mehr Details komme) und könnte weinen vor Glück. Das jedoch weniger wegen der vielen Hindu-Tempel, des schwarzen Sandstrands oder der tot geschlagenen Mücke im Zimmer, als wegen der bloßenTatsache, dass ich diesen Eintrag schreibe. Danach sah es gestern nämlich nicht aus. Ich startete den Rechner und es kam nur ein nicht näher zu identifizierendes, schrilles Geräusch, dann die bitte, mich für ein Boot-Laufwerk zu entscheiden… und ich dachte, “Aha, da ist wohl der Garantiefall eingetreten.” Heute nun kam mir in meinem nie zum Erliegen kommenden Optimismus der Gedanke, “Komm, probier das noch mal – vielleicht hat er den Sprung von Meeresniveau/35° auf 2.500m/10° nur einfach genauso schlecht verkraftet wie du!” Und er will wieder!!

Beim Borobudur hatte ich aufgehört, nun geht es weiter mit dem Osterwochenende in Yogyakarta, kurz Jogja (gesprochen: Dschogg-Dscha). Das würde ich mit bei einem früheren Arbeitgeber gefundenen Freunden verbringen, die seit ca. anderthalb Jahren dort leben und arbeiten. Also Tage mit viel Gequatsche und den Insidern! Noch am Ankunftsabend nahm ich mir die Fortbewegungsart der Indonesier allgemein und bei 37° und Schwüle sehr zu Herzen: schlendern! Ich murmelte das immer wieder wie ein Mantra vor mich hin, wenn ich dann doch wieder ein meinen europäischen Gewaltmarsch verfiel: SCHLEN-DERN! Alles langsamer angehen, entschleunigen – hier fängt das dann schon beim gehen an, da reden wir noch nicht von Handys und e-mails. SCHLENDERN!

Nach einem leckeren Abendessen am Karfreitag in der Nähe meines Hotels waren wir am Ostersamstag für 10:30 Uhr verabredet (LANGSAM anfangen, wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht!), um die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden: den Sultanspalast (Kraton) und die Ruinen des Wasserschloss (Taman Sari). Der Sultan von Jogja ist gleichzeitig auch der Gouverneur, hat also nicht nur repräsentative, sondern tatsächlich politische Aufgaben zu erfüllen (noch, denn man will ja eigentlich den Gouverneur demokratisch wählen – der Sultanstitel jedoch wird vererbt). Und der lebt dort tatsächlich, in einem großen Areal mit Bauwerken in javanischer Architektur mit großen Säulenhallen. Es gibt einen Bau für die Frau(en) und Töchter des Sultans und einen für die Söhne. Der momentane Sultan, Hamengkubuwono X., hat nur eine Frau und fünf Töchter – weswegen die verwaiste Bleibe für Söhne besichtigt werden kann. Alles mit Führung und wir hatten einen Glücksgriff getan mit unserer netten Dame, die mich persönlich in Statur und Auftreten sehr an meine amerikanische “Oma” erinnert hat – für diejenigen, die sie kennen. So lebhaft wurden mir selten Dinge nahegebracht. “Ja, das hier ist wieder ein Foto von Hamengkubuwono VIII., dem Großvater des jetzigen Sultans. Der sieht immer müde aus, oder?? Ist ja auch kein Wunder bei 30 Frauen, oder?? Hi, hi, hi!” Jogja ist ein Zentrum für Batik – leider hauptsächlich in braunen und beigen Tönen, was mir so gar nicht liegt – und im Sultanspalast wurde erläutert, dass zu bestimmten Anlässen bestimmte Muster getragen werden: das eine von der Braut am letzten Abend vor der Hochzeit, dann eins für Jungs, die soeben beschnitten wurden oder für Mädchen nach der ersten Blutung – Intimsphäre ade Hochinteressant. “Und dies hier ist das Muster für Babysitter. Können Sie erkennen, dass unsere Uniformen genauso aussehen?? Das liegt daran, dass wir die Babysitter der Touristen sind, hi, hi, hi!” Nur, dass sie immer “babyshitter” sagte… zu diesem sprachlichen Problem später mehr.

Weiter ging es durch den Vogelmarkt, ein Areal, in dem Vögel aus allen Teilen des Landes zum Verkauf stehen – wie formulierte meine Freundin… “Der Indonesier allgemein hat ein eher eingesperrtes Verhältnis zu Tieren.” Dieser Vogelmarkt jedoch, ein Anziehungspunkt für Touristen und wichtiger noch: ein Wahrzeichen, wird Mitte April dem Erdboden gleich gemacht, um Platz zu schaffen für “moderne Einrichtungen des Tourismus”. Wahrscheinlich ein Alptraum in Beton ohne jeglichen Reiz. Am Rande des Vogelmarkts befindet sich ein Künstlerviertel, wo wir im Water Castle Café diverse frisch gepresste Säfte und Kaffees zu uns nahmen. Der Besitzer sagte, er sehe einer ungewissen Zukunft entgegen, da nicht ganz klar sei, bis wohin der Abriss ginge. Vielleicht habe er dann Ende des Monats kein Café mehr und müsse mit seinen Kunstwerken woanders einen Bleibe finden.

Wahrscheinlich ist das alles Teil eines großen Projekts, im Rahmen dessen das eigentliche Wasserschloss, das direkt daran anschließt, wieder aufgemöbelt und besser vermarktet werden soll. Das Wasserschloss ist von seiner Anlage her ein Lustschloss. Im ersten Innenhof zwei große Pools, der eine gedacht für die Kinder und Frauen des Sultans, der zweite, nahe den Gemächern, für die Konkubinen. Die Regel war wohl wie folgt: der Sultan würde aus einem Fenster über jenem zweiten Pool eine Blume werfen und wer sie fing, war fällig und wurde in den Privatpool und den anhängenden Vergnügungstrakt gebeten – inkl. SAUNABETTEN. Welcher hirnrissige Idiot kommt auf die Idee, in diesem Klima beheizte Betten zu installieren?!

Weiter ging’s zur Shoppingmeile Jalan Malioboro, wobei durch die Osterfeiertage (ja, auch in Indonesien gesetzliche Feiertage) dort derart die Hölle los war, dass es selbst einem Shopping-Freak wie mir schwer fiel, dafür noch Begeisterung aufzubringen. Das jedoch änderte sich schlagartig, als wir ein ganzes Kaufhaus voller Souvenirs betraten – und nicht nur Schrott, auch wirklich künstlerisch wertvolles… und das zu Preisen, die mir auf immer jeden Asia-Stand auf irgendeinem Jahrmarkt vermiest haben. Ich komme noch heute nicht über die Preise…

Nach diesem interessanten Tag dachte ich bei der abendlichen Grillparty unter Expats verschiedener in Jogja ansässiger Hilfsorganisationen auf einer netten Terrasse dann, dass ich vielleicht doch noch mal im Ausland arbeiten sollte – zur Abwechslung mal in einem Land, das nicht total abgewrackt ist und wo einen vielleicht auch mal einer besuchen kommt…

Ostersonntag war nach der Grillparty durch Ausschlafen gekennzeichnet und den nachmittäglichen Besuch in Prambanan, der größten hinduistischen Tempelanlage Indonesiens. Meine Gastgeber schlugen ERNSTHAFT vor, dort mit dem Fahrrad hinzufahren, was ich aber mit Blick auf weiter gestiegene Temperaturen ganz klar ablehnte… Also wurde es ein Taxi, was uns für 20km satte 4 Euro gekostet hat. Doch zurück zum kulturellen Input.

Errichtet um das Jahr 850 wurde die aus 8 Haupt- und mehr als 250 kleineren Tempeln bestehende Anlage aus ungeklärten Gründen schon bald nach der Fertigstellung verlassen und verfiel, bevor sie im 16. Jh. durch ein Erdbeben vollkommen zerstört wurde und in der Folge viele Steine zum Bau von Häusern zweckentfremdet wurden. Die Restaurierungsarbeiten (der Hauptgruppe) begannen 1937; seit 1991 ist sie als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt. Sehr viel Arbeit macht dabei das Wiederfinden von entführten Steinen – denn nur Tempel, von denen 75% der Originalbausubstanz vorhanden sind, werden restauriert. Durch ein starkes Erdbeben im Mai 2006 wurde die Tempelanlage schwer beschädigt und die daraus resultierenden strukturellen Schäden konnten noch nicht an allen Tempeln beseitigt werden. Und wieder einmal zitiere ich die bekannte Online-Enzyklopädie:

Charakteristisch ist die hohe und spitze Bauform, die typisch für hinduistische Tempel ist, sowie die strenge Anordnung zahlreicher Einzeltempel um das 47m hohe Hauptgebäude in der Mitte.
[…] Die drei größten Schreine, Trisakti (“drei heilige Orte”) genannt, sind den drei Göttern Shiva dem Zerstörer, Vishnu dem Bewahrer und Brahma dem Schöpfer geweiht. Das entspricht der Trimurti – der Hindu-Göttertrinität -, die sich in vielen hinduistischen Tempelanlagen […] wiederfindet.

Im Prambanan waren wir wieder mit einem sehr guten Führer unterwegs, auch wenn man sich sprachlich etwas reinhören musste in sein Englisch (siehe auch “babyshitter”). Anfangs dachte ich, Indonesier können kein “sch” aussprechen – so zum Beispiel wird der Name der Tochter meiner Brieffreundin nicht Aysha ausgesprochen, sondern Ays-ha. Ein zweites “Problem” fand ich im Buchstaben F, der als solcher äußerst selten vorkommt und wenn oft als P ausgesprochen wird (z.B. ist “kopi” eigentlich “coffee” – aber AUCH “copy“). Es ist also nicht stringent – wahrscheinlich so, wie Deutsche manchmal das “th” doch hinkriegen und manchmal eben nicht. Aber so wird die Interpretation von Sätzen wie folgendem sehr vielschichtig. “See wash slim and pitiful woman, like you, yes? Ha, ha, ha!” See wash muss eigentlich she was heißen… slim ist klar (dünn) – aber wieso pitiful (bemitleidenswert)? Dünn fasse ich ja noch als Kompliment auf, aber wieso sollen sowohl Sintha als auch ich bemitleidenswert sein?? Nach etwa dreifacher Wiederholung in anderen Zusammenhängen wurde klar: nix pitifulbeautiful!

In Speisekarten freue ich mich immer wieder über den jus stroberi oder auch es krim. Das jedoch sind einfach englische Worte, die ins indonesische transkribiert und sozusagen vereinnahmt wurden. Das warnet hingegen ist nicht etwa ein Kriegsnetz, sondern die Abkürzung für warung internet: ein Internetladen. Das gibt es auch als wartel. Weiter unklar ist mir die tiefere Bedeutung des Werbeslogans We safety your hunger oder auch, was den Happy Lawang Motor glücklicher macht als andere. Keine offenen Fragen verbleiben allerdings, was es mit dem Michael Jackson Whitening Center auf sich hat. Tatsächlich so gesehen in Jogja.

Nach dem Besuch im Prambanan fanden wir die ultimative Entspannung im Java Garden Spa, wo wir uns eine einstündige Ganzkörpermassage gönnten, Fußbad in Rosenwasser und so einiges andere inklusive. So was sollte bei mir um die Ecke sein… und das ebenfalls für 13 Euro im Angebot haben… Ich wäre da wohl mehrmals wöchentlich 😉

Für den Abend war noch ein Restaurantbesuch vorgesehen, der jedoch unerwartet einem anderen Amüsement zum Opfer fiel: eine Gasflasche hatte Feuer gefangen – was tun? Erstmal mit Wasser draufhalten und kühlen – Zeit gewinnen. Im “Blättchen” von Jogja die 5-stellige Nummer der Feuerwehr finden und anrufen – da ging aber keiner dran. Wer hätte das gedacht… Weiter kühlen. So lange es brennt, die Flasche nicht zu heiß wird und nichts anderes Feuer fängt, ist es ja so schlimm nicht. Barbara an die Internetrecherche setzen, die auch nicht viel mehr erbrachte, als dass das Zeug hoch brennbar und explosiv ist (Ach!) und gekühlt werden soll bis die Feuerwehr kommt – und dass eine Frau in Rheinland-Pfalz eine 5kg brennende Gasflasche aus dem Fenster warf, die NICHT explodierte… Und auf einer Schweizer Seite die Info, dass die allgemeine Feuerwehrnotruf-Nummer in Indonesien 118 ist. Und da ging einer dran. Der uns riet, die Flasche kühl zu halten…

Ja, was bin ich froh, dass dieses kleine Gerät hier wieder läuft und ich euch wieder was erzählen kann 🙂 Trotzdem muss ich nun ins Bett, denn letzte Nacht habe ich so gut wie gar nicht geschlafen… dazu bald, ganz bald, mehr! Denn auch morgen wird dieser Rechner wieder anspringen, ich muss nur ganz fest daran glauben!

Viele Grüße
Barbara

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