Tempel und Vulkane

Am Karfreitag war das erste Ziel das Dieng-Plateau, ein sumpfiger Kaldera-Komplex nahe Wonosobo. “Dieng” leitet sich her von “Di Hyang”, “Haus der Götter”, und befindet sich auf einer Höhe von ca. 2.000m. Dort oben ist es oft windig, neblig und ziemlich kalt – das aber meist erst nachmittags, weswegen wir uns früh auf den Weg machten. Unser Tourbus würde die engen Serpentinen nicht schaffen, so dass wir in zwei kleinere Vans verfrachtet wurden. Bei bestem Wetter und strahlendem Sonnenschein! Am spektakulärsten war eigentlich nicht das Dieng-Plateau, sondern der Blick auf die umliegenden Vulkane, allen voran der Sidoro, die wir unterwegs in Augenschein nehmen konnten. Es scheint dies landwirtschaftlich die “Kartoffel-Kammer” Javas zu sein. Viele Kartoffeln werden hier ja eigentlich nicht gegessen und sie sind auch vergleichsweise teuer, aber hier sind sie offenbar das Anbauprodukt der Wahl. Es gibt sicher größere Kalderen als das Dieng-Plateau, aber wenn man sich so vorstellt, dass die ursprüngliche Spitze des Vulkans so einfach weggesprengt wurde, ist das schon beeindruckend genug. Das Plateau bot auf jeden Fall genug Platz für – wie man annimmt – bis zu 400 Hindu-Tempel, die hier mal gestanden haben sollen. Acht sind noch übrig und können besichtigt werden. Interessanter war jedoch, dass die Gemeinde den weiter unter der Erdoberfläche befindlichen Dampf zur Stromerzeugung nutzt (der hat einen Druck von 300 bar und treibt Turbinen an, die 60 MW erzeugen, wenn ich die letzte Zahl noch richtig in Erinnerung habe). Der Strom wird an den staatlichen Energieversorger verkauft und so hat man eine gute Einnahmequelle abseits der Landwirtschaft. Dass die Gegend weiter vulkanisch aktiv ist sieht man auch an dem einen oder anderen Schlammsee, den man etwas entfernt begutachten kann – wenn man sich mit dem Schwefelgeruch, der davon aufsteigt, anfreunden kann.

Am Nachmittag stand dann eines der Highlights der ganzen Reise auf dem Programm: der Borobudur. Dabei handelt es sich um eine buddhistische Tempelanlage, die vermutlich zwischen 750 und 850 gebaut wurde. Nur ca. 200-300 Jahre später geriet die Anlage in Vergessenheit – evtl. im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Merapi 1006 und/oder eines Machtwechsels in Java. Erst 1814 wurde sie wiederentdeckt und seit 1991 ist sie auf der Liste der UNESCO Weltkulturerbe.

Die Basis des Baus ist quadratisch, mit einer Seitenlänge von 123 m. Er ist auf einem Hügel errichtet worden und hat die Form einer Stufenpyramide. Man geht nicht hinein (das Innenleben ist massiv – Erde und/oder Stein), sondern erklimmt die neun Stockwerke eines nach dem anderen und geht im Uhrzeigersinn die Umgänge ab. Auf allen vier Seiten gehen Treppenaufgänge hoch. Auf den oberen kreisförmigen Stockwerken (Terrassen) sind 72 mit Gittersteinen aufgebaute Stupas angeordnet, in denen jeweils eine Buddha-Statue sitzt. Was die Bedeutung der Architektur angeht, zitiere ich mal die bekannte Online-Enzyklopädie…

Gemäß der buddhistischen Kosmologie ist das Universum in drei Welten unterteilt: Arupyadhatu, Rupadhatu und Kamadhatu. Kamadhatu, die “unterste” Welt, ist die Welt der Menschen, die “Sinnenwelt”. Rupadhatu ist die Übergangswelt, in der die Menschen von ihrer körperlichen Form und weltlichen Angelegenheiten erlöst werden, die “Feinkörperliche Welt”. Arupyadhatu schließlich, die Welt der Götter, ist die Welt der Perfektion und der Erleuchtung, die “Unkörperliche Welt”.
Die Architektur des Borobudur wurde in Übereinstimmung mit dieser Kosmologie gestaltet. Jeder Teil des Monuments ist einer anderen Welt gewidmet. Das Kamadhatu ist eine große rechteckige Wand außen am Fuß des Monuments. Über dieser Basis erhebt sich das Rupadhatu, das aus vier rechteckigen Terrassen mit Prozessionswegen besteht, die mit zahlreichen Statuen und 1300 szenischen und 1200 figurativen Reliefs dekoriert sind. Darüber erhebt sich das Arupadhatu, bestehend aus drei kreisförmigen Terrassen, in deren Zentrum sich eine große glockenförmige Kuppel erhebt. […]
Die Architektur des Tempels besticht […] durch unglaubliche Präzision und zeugt von immenser menschlicher Arbeit. 55.000 Kubikmeter Steine aus Andesit oder mehr als zwei Millionen Steinblöcke wurden vom Fluss Progo zur Baustätte geschafft.

Soviel zum beeindruckenden Bauwerk. Mir wird der Tag jedoch mehr in Erinnerung bleiben wegen einer neuen Bekanntschaft. Wenn man sein Ticket gekauft hat und sich auf den ein paar hundert Meter weiten Weg zum Bauwerk macht, ist man innerhalb kürzester Zeit von Heerscharen von Souvenirverkäufern umringt. Fächer? Batikkleider? Ein Buch über den Borobudur? Stifte oder T-Shirts mit einem Aufdruck der Tempelanlage? Postkarten? Miniaturen des Bauwerks? Niedliche kleine Elefanten – einfach weil sie so niedlich sind??? Da ist nicht viel mit innerer Ruhe und Erleuchtung, soviel ist klar. Auf dem Hinweg konnte ich noch alle abwimmeln, auf dem Rückweg jedoch wurde es schwieriger – WEIL ich gekauft hatte: Postkarten. Alsbald sprach mich eine Frau an, sie habe die allerwunderschönsten Batikkleider, nur 20 Euro. Ich verkündete, kein wie auch immer geartetes Interesse an einem Batikkleid zu haben. Auch nicht in blau oder rot, einfach kein Interesse an einem Kleid. Sie wich jedoch nicht mehr von meiner Seite und meinte, ich müsse doch Souvenirs besorgen und das wäre das ideale Souvenir für meine Mutter. Mütter lieben diese Kleider. Nein, entgegnete ich, das sei sicher nicht das passende oleh-oleh, denn auch meine Mutter trägt eigentlich keine Kleider. Das war schwer als Wahrheit anzuerkennen – dann würde es doch sicher für meine Großmutter von Interesse sein. Naja, sagte ich, das könne man nun nicht mehr überprüfen, denn die sei verstorben. Oh je! Das tat ihr sehr leid, aber vielleicht interessiere mich das Kleid ja für 200.000 Rupien (etwa 16 Euro). Nein, immer noch nicht. Mittlerweile waren wir schon einige hundert Meter Richtung Ausgang gegangen. Ich wand mich dann einem jungen Mann zu, der Batikkarten verkaufte und wurde handelseinig, woraufhin sie mir auf den Arm tippte und meinte: “He, vergiss mich nicht!” Ich versuchte noch mal klarzustellen, dass sie einfach die falsche Produktpalette habe – Kleider seien es so gar nicht. Oh, oh, oh! Sie habe doch auch T-Shirts und wühlte in ihrer Tasche. Nein, auch an T-Shirts sei ich nicht interessiert, über Karten könnten wir reden, tut mir leid. Sie verschwende ihre kostbare Zeit mit mir, sagte ich, und gab ihr den Rat, es mit anderen Touristen zu versuchen. “Oh, sieh mich an! Mein Name ist Maddalena und ich brauche deine Hilfe. Wie heißt du?” Ich erteilte die gewünschte Auskunft und hob den Smalltalk auf die nächste Ebene, ob sie denn auch direkt aus dem Ort hier käme, ja, ja. Aber wie das denn mit dem Kleid aussähe – sie müsse unbedingt noch was verkaufen, es ginge so nicht weiter. Irgendwer würde doch sicher ein fantastisches Batikkleid aus Java wollen. Für 15 Dollar sei ich dabei (ca. 11 Euro). Und irgendwie dachte ich dann “Ach, scheiß doch der Hund drauf!” und sagte: “10 Dollar!” – “12!” – “Nein, 10!” – “Nicht weniger als 12!” – “Okay, 11.” – “Gut, dann 11.” Also ca. 8 Euro. Von 20 als Startpreis und wahrscheinlich immer noch mindestens 4 Euro zu teuer. Aber sie hatte es geschafft. Ich hätte es nicht für möglich gehalten (denn es ist noch nicht mal schön), aber ich tröste mich damit, dass ich mich wenigstens nicht kampflos geschlagenen gegeben habe 😉 So, wer will jetzt ein Batikkleid?!

Nun denn, abends erreichten wir Yogyakarta, wo ich mit Freunden zusammentraf, die dort seit ca. anderthalb Jahren arbeiten und mit denen ich das Osterwochenende verbringen würde. Doch dazu später mehr!

Viele Grüße
Barbara

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