Ein Hühnerleben

Kampala ist angenehm kühl bis kalt in diesen Tagen mit wolkenbruchartigen Regenfällen, in denen der Übergang von Straßen zu Bürgersteigen, wo vorhanden, verschwindet und sich die teilweise lächerlich großen Schlaglöcher mit schwerwiegenden Konsequenzen für Leib und Leben der Stoßdämpfer, Sprungfedern und Konsorten verstecken.

Man will die Meinung ja nicht zwingend verbreitet wissen, aber Ugandas Hauptstadt gefällt mir und ich frage mich woher das kommt. Nun ja, als ich das bisher erste und einzige Mal hier war, habe ich mehr oder weniger nur ermattet im Bett gelegen. Jetzt komme ich auch mal ein bisschen rum, wenn auch meist nur auf Fahrten zum Büro, zur Bank oder sonstigen Besorgungen. Aber: ich komme ins Gespräch und das hat den einzigen allentscheidenden Grund: die Leute sprechen Englisch. Ich kann rumlabern wie mir der Schnabel gewachsen ist und das macht es alles doch gleich soviel einfacher und angenehmer.

Apropos Schnabel. Neben zwei Kollegen aus der Finanzadministration ist ja auch unser neuer Logistiker hierher gekommen, der in Bonn bereits bei vielen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat 😉 Hier hat sich nun ein Graben entwickelt: eine Deutsche und eine Kanadierin stehen einem Franzosen und einer Italienerin gegenüber. Das ist unglaublich schwierig, wenn es um das Abendessen geht, das unserer Meinung nach vorzugsweise bis spätestens 18:30 Uhr eingenommen werden sollte, nach Meinung der mediterranen Gegenüber nicht vor 20:30 Uhr, eher später. Heute ging es soweit, dass wir um 19 Uhr im vereinbarten chinesischen Restaurant waren und uns während der Wartezeit auf die Südländer schon mal mit Frühlingsrollen vergnügt haben. Jedenfalls stellte der besagte Logistiker dann verschmitzt fest, wir führten doch ein Hühnerleben, „you live-e ö chickön loif“. Auf Nachfrage, was das denn genau heißen solle, spezifizierte er: „tu te couche comme une poule – du schläfst wie ein Huhn. Wenn die Sonne aufgeht raus aus den Federn und wenn sie hinter dem Horizont verschwunden ist, ab in die Falle.“ (Im italienischen gibt es eine ähnliche Redewendung). Das jedoch stimmt ja nicht wirklich, es geht hier nur ums Essen. Ich hingegen musste eigentlich nur daran denken, dass das Leben eines Huhns in Deutschland als erstrebenswert angesehen wird: „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn, dann hätt’ ich nichts zu tun…“ Schier unüberbrückbare kulturelle Unterschiede tun sich auf…

Mein Hühnerleben findet für heute ein Ende! Gute Nacht! (Es ist 23:13 Uhr!! 😉 )
Barbara

Zwischendrin

Selbst beim Aufsetzen des Flugzeugs in Entebbe/Uganda war ich irgendwie nicht bei mir. Das da draußen war offensichtlich nicht Deutschland, aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, in Afrika angekommen zu sein. Einen Hinweis in die richtige Richtung gab es dann beim Verlassen des Flugzeugs: Hitzetod in Sekundenbruchteilen, furchtbar schwül.

Die Fahrt zum Hotel dauerte eine Ewigkeit: Rush-hour in Kampala – es waren fast 2 Stunden. Dafür habe ich mich wieder finden können – auf dem Kontinent, wo Stoppschilder und durchgezogene Linien lediglich Handlungsempfehlungen sind und es Werbeplakate mit dem Slogan „See dirt differently“ gibt.

Nach einem kurzen Schläfchen bin ich mit zwei aus Bunia / Kongo angereisten Kollegen und zwei Freunden in einem äthiopischen Restaurant essen gewesen – es war superlecker und definitiv ganz anders als alles, was ich bisher zu mir genommen habe. Doch dann rief bald das Bett.

Den heutigen Sonntag habe wir hauptsächlich mit einem ganz, ganz langen und in vielerlei Hinsicht wichtigen Gespräch verbracht – die Zeit flog nur so dahin. Aber so konnte ich wenigstens den Eindruck gewinnen, dass diese Reise tatsächlich Sinn macht, wovon ich zuletzt, ob der Änderungen, die sich kurzfristig noch ergeben hatten, nicht mehr unbedingt überzeugt war.

Mal sehen, was der morgige Tag bringt…
Barbara

Das Konkurrenzunternehmen

Cover von Senk ju vor träwelling

Es entbehrte nicht gewisser Ironie, dass ich in der Nacht zuvor wegen Schlaflosigkeit bis in die frühen Morgenstunden das Buch „Senk ju vor träwelling“ Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen gelesen hatte. Ich wollte mal wieder in die Eifel, zu meinen Eltern, was am Bonner Hauptbahnhof öfter schonmal Schwierigkeiten verursacht und sich auch dieses Mal als eines der großen Abenteuer dieser Welt entpuppte.

Wohlwissend, dass ich an einem Samstagmorgen den Wecker sicher nicht wegen ewiger Schlangen im Reisezentrum eine Stunde früher stellen wollte, hatte ich meine Fahrkarte schon am Vortag besorgt. So erreichte ich, noch etwas muffelig wegen des fehlenden Schlafs, um 9:44 Uhr Gleis 4, wo der Zug gewöhnlich – und wie mir das Internet am Vorabend noch einmal bestätigt hatte – um 9:49 Uhr abfährt. Je höher mich die Rolltreppe brachte, um so größer wurden meine Augen: kein Zug angezeigt, dafür Dutzende von verzweifelten Wanderern gestiegenen Alters, die sich einen schönen Tag an der Ahr machen wollten. Die Rolltreppe in die Gegenrichtung war nicht weit und ich machte mich gleich auf zum Info-Point. Dort entspann sich folgender Dialog:

Barbara: „Guten Morgen! Können Sie mir sagen, was mit der Rhein-Ahr-Bahn los ist? Die scheint nicht zu kommen?“
SERVICEkraft: „Nein, die fahren heute alle wegen Gleisarbeiten ab Bonn Bad-Godesberg.“
„Ach Herrje… “ [Blick auf die Uhr]
„Das schaffen Sie nicht mehr. Das war aber überall angeschlagen im Bahnhof.“
„Nun, das setzt voraus, dass man vorher im Bahnhof ist UND aktiv die Glaskästen aufsucht, wo Änderungen stehen KÖNNTEN. Ich habe am Vorabend im Internet geguckt und da stand gar nichts zu Änderungen.“
„Ja, was haben wir mit dem Internet zu tun? Das ist ein Konkurrenzunternehmen.“
„Wie jetzt, Konkurrenzunternehmen? Ich meine http://www.bahn.de.“
„Ja, sag ich doch. Ein Konkurrenzunternehmen, damit haben wir nichts zu tun und können auch nichts dafür, wenn die das nicht ändern.“

Zu diesem Zeitpunkt hielt ich es für besser, einfach per U-Bahn Richtung Bad Godesberg aufzubrechen, denn unausgeschlafen und mit einem stetig ansteigenden Genervtheitspegel kann man mit einem derartigen Ausmaß an Absurdität nicht umgehen. Dass man mir servicehalber beim Kauf des Tickets am Schalter vielleicht einen Tipp hätte geben können, war offensichtlich auch zu viel verlangt… Warum muss man so einen Humbug reden und kann nicht einfach sagen „Das tut mir leid und war mir nicht bewusst – ich werde das melden, damit das an den kommenden Wochenenden behoben ist.“ SELBST WENN man es dann nicht tut?? Ich habe die Frage nach der Konkurrenz auch an das Unternehmen gestellt und bin gespannt auf die Antwort – wenn eine kommt.

Was das oben genannte Buch angeht: es hat gute Passagen und besonders gefallen mir die „Übersetzungen“ für besonders häufig gebrauchte Wendungen in Durchsagen am Bahnsteig (endlich weiß ich, warum es diese ganzen Böschungsbrände gibt, weswegen sich die Züge auf ungewisse Zeit verspäten). Alles in allem ist es aber derart übertrieben, dass es spätestens nach der Hälfte langweilig wird.

Mal wieder bei den Amis

Daran geglaubt hatte ich nicht mehr, aber ich bin angekommen: in Boston. Schon in Frankfurt war der Flug aus Newark zwei Stunden verspaetet und ich musste in Ermangelung meines mp3-Players Unterhaltungen folgen, die sich um den Besuch des “Googleheim Museum” in New York drehten… Aber wie gesagt klappte es dann doch noch, auch wenn der geplante Anschlussflug definitiv verpasst war. In der gigantischen Ankunftshalle fuehlte ich mich an Ellis Island Anfang des letzten Jahrhunderts erinnert, denn es waren ungelogen ca. 500 Leute vor mir in der Schlange, die einreisen wollten (die ganzen Amis hatten ihre eigene Schlange). Ich hatte zwei Stunden, um “reinzukommen”, mein Gepaeck durch den Zoll zu bringen und neu einzuchecken – das geht nicht anders. Nach gut einer Stunde war ich dann unerwartet schnell doch mit dem Einreisestempel ausgestattet, hetzte zum mittlerweise zum Stillstand gekommenen Gepaeckband und weiter… 17:30 Uhr. Abflug des neuen Anschlussflugs war 18:00 Uhr an einem anderen Terminal. Ich konnte eine Continental-Angestellte davon ueberzeugen, dass ich nur eins von 2 Gepaeckstuecken einchecken und mich ausserdem nicht anstellen muss dafuer. Dann schleppte ich das Gepaeck selber zu einem Anhaenger, an dem mich ein baeriger Afroamerikaner in Baggy Pants und einem an ein Zelt erinnernden T-Shirt empfing, so Gansta-Rapper-maessig. Der meinte dann kaum verstaendlich, dass der Flug doch ausgefallen sei und brach dann in schallendes Bass-Gelaechter aus und meinte, er scherze nur… Ich kam dann insofern noch puenktlich zum Gate als der Flug ebenfalls verspaetet war. Man liess uns einsteigen – und dann zweieinhalb Stunden am Gate im Flugzeug sitzen. Die zu erwartende Flugzeit betrug 39 Minuten…
In Boston, oder besser gesagt Milton, einem Vorort, bin ich bei meiner ehemaligen AuPair-Gastfamilie untergekommen und das ist schon so lange her, dass einen heutzutage Ex-Vierjaehrige im Volvo durch die Gegend kutschieren. Man hatte sich exzellent auf mich und meine Beduerfnisse vorbereitet und eine mit Schoko-Crème gefuellte Schokoladentorte mit Schokoguss besorgt… Abgesehen davon, dass “die Jungs” jetzt beide so an die 1,90m sind und ganz gute Football-Spieler gaeben, hat sich nicht viel geaendert und man fuehlt sich gleich wie zuhause. Auch alle vier Katzen und Winston, der French Bulldog, sind noch da, wenn auch letzterer nur noch gerade so – vergangene Woche ist er dem Tod in Form eines multiplen Organversagens von der Schippe gesprungen.

Meine Gastmutter, nennen wir sie Lucy, arbeitet seit geraumer Zeit nicht mehr in ihrer Managerposition wegen eines Gedaechtnisproblems. Dafuer ist sie nun um so mehr ehrenamtlich aktiv, unter anderem als “Associate” des Museum of Fine Arts (MFA) in Boston. Da macht man verschiedene Dinge, in ihrem Fall kuemmert sie sich mit einigen anderen um den Blumenschmuck im Museum. Man stelle sich riesige Gestecke in der Eingangshalle vor zum Beispiel. Oder man organisiert den Fundraiser “Art in Bloom” (Bluehende Kunst). Jedenfalls hatten die Damen ein Meeting eines fruehen Morgens und ich fuhr mit. Weniger wegen des Meetings, als wegen eines Blicks hinter die Kulissen eines riesigen Museums, Katakomben, gigantische Frachtaufzuege fuer grossvolumige Kunstwerke usw. UND ich war vor den Oeffnungszeiten im Museum. Das ist ein ziemlich abgefahrenes Gefuehl, da so mehr oder weniger mutterseelenallein durch die Hallen zu schreiten, das ganze MFA nur fuer mich. Fast. Dabei fiel mir auf, dass ich immer nur zu gewissen Sonderausstellungen da gewesen war und mir die gigantische Sammlung nie angesehen hatte. Dafuer braucht man auch mindestens 10 Tage. Auf die Ausstellung “El Greco” hatte ich keine Lust, dafuer auf die Werke von Antonio Lopez Garcia, der sich zumeist auf Madrider Hochhaeuser setzt und malt, was er von dort sieht. Zuerst dachte ich, mein Gott, dann mach doch einfach ein Foto, aber dann hatten sie doch was, die Bilder.

Das MFA ist dabei, einen riesigen Anbau zu bauen, da man noch soviel auf irgendwelchen Speichern rumstehen hat und das nun auch endlich mal zeigen will. Mit allem Drum und Dran kostet das 500 Millionen USD – die alle aus Spenden finanziert werden muessen, denn um sowas kuemmert sich in den USA die Regierung nicht. In einem Mitgliedsmagazin las ich den Kommentare eines Grossspenders: “Wenn man in den USA Kultur haben will, muss man dafuer bezahlen.” Und dann gibt man mal eben 5 Millionen USD fuer den guten Zweck. 456 Millionen sind bereits zusammen…

Und das, wo die Amerikaner unter rasant steigenden Benzin- und Heizoelpreisen zu leiden haben. Mein Gastvater, nennen wir ihn Ricky, bestreitet seinen Lebensunterhalt mit einigen Mietshaeusern, die nun alle renoviert in Dorchester stehen. Das war ehemals eine Boomtown (Schiffbau in den 50er Jahren), ist aber heute groesstenteils ziemlich heruntergekommen. Sein Problem ist nun, dass er einige der Wohnungen “warm” vermietet hat und sich die Preise fuer Heizoel mehr als vervierfacht haben. Seinen Monster-Ford, ein SUV, hat er schon vor knapp zwei Jahren aus Benzinkostengruenden gegen einen Volvo Kombi eingetauscht und Lucy wird ihren 5er BMW gegen ein Prius Hybridauto eintauschen. So schnell geht das, da wird gar nicht lange gefackelt – und ALLES haengt am Preis. Sogar mit der U-Bahn ist man schonmal in die Stadt gefahren und hat es entgegen aller Erwartungen ueberlebt. Aber auch die U-Bahn Preise sind rasant gestiegen. Beim letzten Aufenthalt zahlte ich noch 75 Cents pro Strecke, jetzt sind es fette 2 Dollar. Und wurde ich vor Jahren noch wegen meines VW Polo ausgelacht, so ist er zu meiner Ueberraschung nun auf Bostoner Strassen unter dem Pseudonym “Rabbit” immer mal wieder zu sehen – er boomt und so auch andere kleine Wagen. Wer einen SMART will, steht auf einer monatelangen Warteliste.

Dann war da noch der “Big Dig”, ein Strassenbau- und Stadtverschoenerungsvorhaben gigantischen Ausmasses. Es hat ewig gedauert (etwa 15 Jahre) und 15 anstatt 7 Milliarden Dollar geschluckt. Es ging hauptsaechlich darum, Entlastung fuer den innerstaedtischen Verkehr zu bringen, indem man u.a. eine der Hauptarterien in einen riesigen Tunnel umfunktioniert hat und dort, wo sich vorher Massen an Autos entlangquaelten, teilweise auf einer eher unansehnlichen Hochstrasse, ist nun der Wharf District Park. Damit ist die Waterfront nun nicht mehr eher unueberwindlich von der Innenstadt getrennt. Es ist alles noch sehr neu und das suedliche Ende des Parks wird jetzt noch gestaltet, aber man kann sich da durchaus schon sehr angenehm die Zeit vertreiben. Der Verkehr fliesst im Tunnel wunderbar, nur da, woe r im Norden und im Sueden rauskommt und auf die gleichen alten nur dreispurigen Highways trifft, steht man weiterhin im Stau… Aber so haben sich einige Ecken in Boston ziemlich veraendert, aber fast immer zu ihrem Vorteil. Nur eines meiner Lieblingsgeschaefte hat leider zugemacht, das „Christmas Dove“ / und ich habe noch keinen adaequaten Ersatz gefunden…

So geht es… und ich bin derweil aufgebrochen nach Ottawa. Doch dazu spaeter mehr 🙂

Viele Gruesse
Barbara

Ohne Worte

„Unser“ Schwedisch sprechender Kuwaiti mit seinem sudanesischen Director Operations wird das erste und das letzte Mal im Kongo gewesen sein, nachdem sie mehr als zwei Wochen gebraucht haben, um ihren Truck mit unseren beiden Containern aus den Zoll zu bekommen. In der Zwischenzeit kam es zu einer weiteren Krisensitzung mit den beiden, bei der außerdem die kongolesische Polizei und unser „Entzollungsagent“ anwesend waren. Der Polizist war eingeschaltet, um zu bestätigen, dass sie einem Kollegen ein nicht quittiertes Bestechungsgeld in Höhe von 600 USD gezahlt hatten, um den Ablauf zu beschleunigen. Im Ernst. Der Polizist, Mr. Ezechiel, wie der Erzengel, erklärte, dass jener Kollege die „Gebühr“ kassiert und sich geweigert habe den beiden zu unterschreiben, dass er das getan habe, damit er sie in voller Höhe für sich behalten könnte. (Gibt es in diesem „Geschäft“ auch Teilabrechnungen??) Nachdem ich diese Erklärung verdaut hatte, fragte ich mit einem guten Schuss verdattertern Interesses nach, was das denn für Folgen für den Kollegen habe. Der Erzengel sah auf seine wie zum Gebet gefalteten Hände vor ihm auf dem Tisch und sagte mit einem die Lippen zart umspielenden Lächeln: „Gar keine.“

Die Diskussionen gingen weiter und leider war ich als einziger wieder mal in der Lage, allen irgendwie zu übersetzen, was der andere gerade gesagt hatte. Das übliche Durcheinander im Hirn war schnell erreicht, so dass in einem Fall mein Gegenüber, Mr. Wenceslas, unser Agent – ein Bär von einem kongolesischen Mann, dabei aber mit einem leicht lächerlich wirkenden Charlie-Chaplin-Schnurrbart – mich liebevoll anlächelte und meinte: „Iiiinglisch!“ Das Elend nahm weiter seinen Lauf, als sich herausstellte, dass die Spediteure sich nicht in der Lage sahen, die zugegebenermaßen besch…. Straße zu unserem Lager runter zu fahren – die allerdings seit einer halben Ewigkeit befahren wird… unzählige dort bereits stehende Container legen Zeugnis davon ab. Mittlerweile vollkommen entnervt haben wir sie dann auf dem Bürogrundstück abladen lassen und das Intermezzo ist letztlich zu einem Ende gekommen. Der Unternehmer aus Mombasa, dessen Subunternehmer die Herren waren, meldete sich dann irgendwann telefonisch, ob denn nun alles geregelt und diese Episode abgeschlossen sei und ich sagte: „Es scheint so – es sei denn, sie tauchen wieder auf!“ Woraufhin selbiger sich halb weggeschmissen hat und meinte, wir könnten versichert sein, dass das nicht passieren würde… Aber ich hatte keinen weiteren Auftrag im Sinn, sondern vielmehr die Möglichkeit, dass sie noch an diesem Tag wieder auftauchen könnten mit irgendeinem Problem…

Wer definitiv nicht auftauchte, war der für Montag (21.4.) angekündigte Auditor und er hatte offensichtlich auch kein funktionierendes Telefon, um uns von evtl. Verschiebungen in Kenntnis zu setzen. Dienstags gegen 16:30 Uhr kam er dann, um anzukündigen, dass er mittwochs zwischen 10 und 11 Uhr seine Arbeit aufnehmen würde. Er kam auch, aber nur um mitzuteilen, dass es doch Donnerstag würde. Mittwoch hätte er eigentlich schon zu einem Ende kommen sollen, was gut getimed gewesen wäre mit der Ankunft meiner Nachfolgerin, mit der ich nach Ankunft umgehend in eine Power-Übergabe mit Monatsabschluss und der zweimonatlichen Abrechnung für einen unserer Geber steckte. Soviel zu dieser Idee, basierend auf geradezu schwachsinnig penibler deutscher Planung. Am Donnerstag kam er aber tatsächlich und machte sich an die Arbeit. Auch Freitagmorgen wurde er zwischen 8:40 und 8:50 Uhr von mehreren unabhängigen Zeugen gesichtet, denen ich aber allen Anonymität zusichern musste. Dann war er auf der Vermisstenliste bis etwa 14 Uhr. Gegen 15:30 Uhr fragte er entgeistert (und EINZIGE Frage bislang), ob ich die Zahlen aus dem letzten in Frage kommenden Monatsabschluss mal mit dem Kontoabgleich verglichen hätte, das würde hinten und vorne nicht stimmen. Ich konnte nur darauf hinweisen, dass er dabei war, USD mit EUR zu vergleichen. „Ja, aber wir prüfen doch in Euro!“ sagt er… „Ja,“ entgegnete ich, „aber deswegen ist und bleibt das Konto, dass Sie sich ansehen, ein USD-Konto!“ Gegen 17:30 Uhr am Freitag meinte ich, ich würde dann mal Schluss machen, aber ich könne diese Tür auflassen, wenn er dann das Schloss zumachen würde. „Okay, bis morgen,“ sagte er und ich hatte die Faxen dicke. „Äh – unser Büro ist morgen geschlossen!“ Ja, was das denn sei, wenn er drei Tage frei machen würde, könnte er nie zu einem Ende kommen. Und ich sagte „Naja, eigentlich wollten Sie ja auch am Montag anfangen und überhaupt: wie jetzt, drei? Morgen ist Samstag!“ – „Was, schon Samstag?“ Joooooo…. Ich Unverbesserliche sagte dann aber zu, gegen 11 Uhr im Büro zu sein und auch am Samstag das Audit zu betreuen. Das war ich dann auch, bis 15 Uhr. Aber ratet mal, wer nie kam? Ich fasse den Rest der Sache kurz: das Audit, das drei Tage hätte dauern sollen, zog sich über DREIZEHN Tage, mitten in einer nicht wirklich stressfreien Übergabe… Es gibt da so zwei Begriffe, viel unterschätzt: „billigstes Angebot“ und „wirtschaftlichstes Angebot“…

Mittlerweile bin ich in Kigali angekommen, wo rein terminlich auch nicht alles so läuft, wie mal angedacht, aber ich finde Erholung im Hotel bei CANAL+ und den Cartoon-Fröschen Sancho und Pancho auf Französisch – mit spanischem Akzent. Und die heißen hier Rancho und Wancho.

Als Kontrastprogramm habe ich es nach einigen Erledigungen „für Goma“ und einem Besuch in unserem Büro in Kigali heute Nachmittag noch zum Genozid-Museum geschafft. Dass das ein Besuch der anderen Art werden würde, war schon klar, als der freundliche Herr am Eingang seine Einführung in etwa mit den Worten: „Also, im Außenbereich haben wir Massengräber…“ begann. Die untere Etage befasst sich mit den geschichtlichen Entwicklungen, die zum Genozid in Ruanda führten – ein Hintergrund, der mir noch nicht bekannt war. Nicht wirklich überraschend dabei die Tatsache, dass Entscheidungen der Kolonialmächte entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich solche Hassgefühle entwickeln konnten. 1932 wurde eine Art Personalausweis eingeführt, in dem vermerkt war, ob man Tutsi oder Hutu war – das war vorher erstens ziemlich egal und konnte sich zweitens im Laufe des Lebens je nach Situation ändern. Ein Tutsi war man nach den neuen „Regeln“, wenn man 10 oder mehr Kühe besaß. Wie sich diese Tatsache im Detail auf die angeblich an ihrem Körperbau und ihren Gesichtszügen („Die langen mit dem dünnen Hals und dem Pferdegebiss“) zu erkennenden auswirken konnte, bleibt mir ein Rätsel. Daraufhin angesprochen meinte der Fahrer, der mich begleitete, dass das IMMER zu erkennen sei, ganz klar. So wie man ihn von mir unterscheiden könnte, könnte man einen Hutu von einem Tutsi unterscheiden. So sei es denn. Erste Massaker gab es 1959 nach dem Tod des Königs und in den 60er Jahren erfolgten Zwangsumsiedlungen und bis 1973 waren 700.000 Tutsi bereits im Exil. Der „Genozid auf Raten“ begann dann schon im Oktober 1990 und erreichte seinen grausigen Höhepunkt dann bekanntermaßen im Frühjahr 1994. Diese Entwicklungen, die Darstellung des „Höhepunkts“ und die Folgen sowie auch Beispiele von „kleinen Leuten“, die über Monate Menschen bspw. unter ihren Betten versteckt haben sind gut aufgearbeitet in großen, beschrifteten Fototafeln und Interviews und anderen bewegten Bildern die man auf Touchscreens aufrufen kann. Im Obergeschoss ist Genozid… als „Konzept“ allgemein dargestellt und definiert, die frage, obund wie man dagegen arbeiten kann wird diskutiert, andere Beispiele werden genannt – als erstes der Genozid der Deutschen an den Herero in Namibia 1904/05… davon hört man bei uns ja eigentlich nur mit viel Glück mal was, wohl weil die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg alles andere überschatten. Dann erfährt man mehr zum Völkermord an den Armeniern 1915-1918, natürlich zum Holocaust, zu den Roten Khmer in Kambodscha 1975-1979 und dem Balkan-Konflikt der 90er Jahre. Das alles kann man noch irgendwie verdauen, der abschließende Schlag in die Magengrube ist dann eine Ausstellung von überlebensgroßen Kinderfotos, die als Titel den Namen des Kindes tragen. Darunter dann eine Tafel, die sich in etwa so lesen lassen (frei erinnert):

Eric, 4 Jahre
Lieblinssport: Fußball
Lieblingsessen: Milch mit Keksen
Bester Freund: sein Cousin Jean Paul
Charakter: Lausbub
Todesursache: Zerhackt durch Machete

Oder

Josephine, 2 Jahre
Lieblingsessen: Bananen
Bester Freund: Schwester Adolphine
Charakter: weint viel
Todesursache: Schädel an einer Wand zertrümmert

Abschließend kamen wir dann in den Bereich der anfangs angekündigten Massengräber, in Sachen Gestaltung unspektakuläre, betonierte Felder, hier und da Blumengebinde, in einer kleinen Parkanlage. Wie genau ich den Brunnen einstufen soll, der als Eckpunkte tönerne Statuen in Form von am Handy telefonierenden Schweinen hatte, weiß ich noch nicht…

Ab Mittwoch darf ich mich wieder so profanen Fragen widmen wie „Wieso ist die Frischmilch alle?“ oder „Kauf ich jetzt die lila Kuh oder doch quadratisch?“ und kann darauf bauen, dass Signore Franco von der Pizzeria nebenan erstens eine Pizza anbietet, die vom Preis-Leistungsverhältnis her definitiv das wirtschaftlichste Angebot ist und er zweitens um PUNKT 23:00 Uhr die Küchentür ein letztes Mal zuknallt. Wer hätte gedacht, dass man mal Einwohner mit mediterranem Migrationshintergrund in einem solchen Zusammenhang als Paradebeispiele darstellen würde. Aber das ist alles Relativitätstheorie in Reinform.

Ommmmmmmmmmmm.
Barbara

Barbara und ich

„Goma kann man nicht erklären, das musst du dir selber ansehen,“ hatte im Herbst der angereiste Freund des Projektleiters geantwortet auf die Frage, warum er sich Goma (und nur Goma) für einen Urlaub ausgesucht habe – das sei ihm so gesagt worden und er könne das auch nur unterstreichen. Ich habe in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen, dass sich hier schleichend eine Persönlichkeitsspaltung breit macht, die Realität von 99% derer in Goma lebenden und die Realität des anderen 1%. Dumm, wenn man da in beiden irgendwie drinhängt.

Vergangene Woche habe ich mich mit einer Ethnologin der Universität Bayreuth getroffen, die uns ausfindig gemacht hatte. Sie beschäftigt sich im Rahmen ihrer Promotion mit jugendlichen IDPs – Internally Displaced Persons, oder auch Binnenvertriebenen. Dazu hat sie bereits in Kolumbien gearbeitet und möchte nun Vergleiche ziehen, allgemein gültige Muster finden und beschreiben usw. Dazu macht sie Interviews und kommt in der Stadt und auch außerhalb viel rum, immer auf den Motorrad-Taxis. Untergekommen ist sie allerdings bei einer wohlhabenden kongolesischen Familie mit Bediensteten, was für sie den täglichen Schuss Schizophrenie ausmacht. Wir haben uns zum Abendessen getroffen und lange geredet – saßen dabei auf einer Terrasse am Ufer des Kivu-Sees, ließen uns Fischgerichte bringen und zum Nachtisch einen Crepe mit Cognac und haben mit 50 USD alles in allem fast das Doppelte von dem ausgegeben, was der Bedienstete im Haus ihrer Gastgeber im Monat verdient. Nun, jetzt auch nicht mehr, denn er hat sie gleich am ersten Tag um ihre gesamte Barschaft erleichtert und ward nicht mehr gesehen. Kommt mir ein bisschen bekannt vor… Es war wie an der Côte d’Azur, leichter Wellengang, Palmen, Sonnenuntergang – das Licht war so gut, dass man die umliegenden Hügelketten ungewohnt scharf sehen konnte. „Draußen vor der Tür“ ist es mittlerweile soweit, dass sich mir morgens auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise Menschen vor das Auto werfen, um Geld bitten, um sich ihr deutlich erkennbares Hautproblem behandeln zu lassen, die Reise nach Goma habe schon alle Mittel aufgebraucht. Und wenn man den einen oder anderen Kilometer weitergeht, ist man am Flüchtlingslager – und jenseits davon ist eigentlich weiterhin mehr oder weniger „no go area“.

Das Flüchtlingslager war auch das i-Tüpfelchen auf einer bizarren Erfahrung in deren Genuss der Projektleiter und ich am Freitag gekommen sind. Es hatte sich eine Delegation deutscher Parlamentarier angekündigt. Einige Tage zuvor hatten wir bereits den Eindruck gewonnen, mindestens George Bush müsse im Anflug sein, als ein Trupp kahl rasierter Deutscher in beige und pastell-khaki mit „Mann ihm Ohr“ Einlass erbaten um festzustellen, ob unser Grundstück für den Besuch auch sicher sei (keine zu versiegelnden Kanaldeckel). Wer das für surreal gehalten hat, wurde freitags dann eines besseren belehrt. Nachdem sie verspätet eingetroffen waren, hatten sie noch genau 30 Minuten, um unsere Arbeit kennen zu lernen. Wir hatten uns für einen 20-minütigen Film entschieden und schnell war man sich einig, dass wir dann einfach mit in den UN-Bus steigen und Fragen dazu auf der Weiterfahrt zum nächsten „Termin“ beantworten sollten. Jetzt war es dann soweit, dass mindestens auch noch Condoleeza Rice mit irgendwo im Auto saß: vorne dran ein blauer Pickup mit acht bis an die Zähne bewaffneten und im Anti-Demo-Outfit ausgestatteten kongolesischen Polizisten, die hatten was von Armadillos, diesen Panzertieren. Dahinter ein dicker weißer Wagen der UN und dann wir in unserem Bus – rasten in einem AFFENZAHN, mit Fernlicht, Dauer-Warnblinker und Gehupe ohne abzubremsen durch die Stadt und raus zum Flüchtlingslager, wo wir ankamen, drehten und direkt weiter zum Flughafen fuhren, da der Abflug kurz bevor stand. Noch nicht mal Zeit für ein Foto! In diesem Konvoi des Wahnsinns auch an der Absturzstelle vorbei, die eigentlich weiter großräumig abgesperrt ist. Am Flughafen sind wir raus gefahren bis direkt ans Flugzeug und der Projektleiter und ich, die wir wohl sowieso aussahen wie Pat und Patachon, da wir uns an diesem Morgen beide für Jeans und ein dunkelgrünes Hemd/T-Shirt entschieden hatten, fiel wirklich unisono die Kinnlade runter beim Anblick der Maschine, in die die Herrschaften einstiegen. „No name“, ist wohl noch das positivste, was man dazu sagen kann – aber wer weiß, vielleicht war es ja ein auf alt gemachter Kranich und alles war Undercover…

Als wäre das nicht schon alles des Guten zuviel gewesen, habe ich mich am Abend entschieden, mir „The Last King Of Scotland“ anzusehen – ein Film über den ehemaligen ugandischen Präsidenten Idi Amin, „der mörderischste der Diktatoren, die bald nach der Unabhängigkeit ihre Länder ruinierten“, wie es im Spiegel Special vom Februar 2007 zu lesen ist. Der Film ist gut und nicht nur wegen des mit dem Oscar ausgezeichneten Forest Whitaker in der Hauptrolle, aber sicher nichts für zarte Gemüter, besonders zum Ende hin – ich konnte es nicht nur nicht mit ansehen, ich konnte es auch nicht mit anhören.

Trotz allem gibt es die den Expats eigenen Luxusprobleme: die Schwierigkeiten in der Schokoladenversorgung spitzten sich noch zu. Nachdem ich unseren Fahrer gebeten hatte, im deutschen Laden in Kigali für 30 USD quadratisch, praktisch, gut zu einkaufen, war mein Gewissen schon schlecht genug. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass es nicht nur für mich war… Als er dann zurückkam, gab es zwei furchtbare Erkenntnisse: die Preise sind erhöht worden, eine Tafel nun etwa 5 USD. Ich sehe mich schon am Rande der Beschaffungskriminalität, aber mit dem Preis kann ich gerade noch umgehen. ABER: unwissentlich hatte er für das ganze Geld ausschließlich DIÄT-Schokolade gekauft – ich habe selten widerlicheres gegessen; wahrscheinlich lässt sich selbst amerikanische Schokolade dem noch vorziehen und das will was heißen. Meine Erkenntnis daraus (wenn schon aus nichts anderem): eine Diabetes muss unter allen Umständen vermieden werden, der Verlust an Lebensqualität ist doch wesentlich größer, als ich gedacht hätte. Aus schierer Verzweiflung bin ich dann tatsächlich dazu übergegangen, 85%ige Schokolade im Wasserbad zu schmelzen, Puderzucker, Sahne und Milchpulver unterzurühren und dann in Eiswürfel-Formen zu füllen. Es ist essbarer als vorher, aber ein Gaumenschmeichler ist was anderes. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, Rum hinzuzufügen…


Manchmal wickle ich auch Geschäfte mit Blutgeld ab… Geld ist hier ja immer dreckig, aber das fand ich dann doch richtig eklig
Sometimes I also do business with „blood money“… Money is always dirty here but this was really disgusting

Der schwedisch sprechende Kuwaiti und sein sudanesischer Scherge sind immer noch in Goma im Zoll, seit 12 Tagen. Mittlerweile sind sie übernächtigt und verzweifelt und haben uns gestern fast erweicht, ihnen privat unter die Arme zu greifen. Dem Kuwaiti ist sein Telefon mit allen Firmenkontakten geklaut worden, jeder, wirklich JEDER bittet nicht sondern VERLANGT Geld, Zigaretten oder sonst was, die Leute seien herablassend und unfreundlich. So was wie hier hätten sie noch nie erlebt und das sei das erste und das letzte Mal gewesen, dass sie eine Lieferung in den Kongo gemacht hätten. In Mombasa würde man, um die Dinge zu beschleunigen, hier und da vielleicht mal einem 5 USD in die Hand drücken und damit hätte sich die Sache, hier müsse man offenbar mehrmals das Hundertfache investieren. Der eine Fahrer steigt gar nicht mehr aus seinem Truck aus. Vor ein paar Tagen hatte ich schon den Eindruck, dass der Kuwaiti an sich, als quasi Weißnase, das „Problem“ ist – wäre der nicht dabei, wäre das vielleicht etwas anders ausgegangen. Selbst bei ihrem ersten Auftritt bei uns im Büro redeten die kongolesischen Kollegen nur von „dem Araber da hinten“. Man hat ihnen sicher von Anfang an angemerkt, dass sie zum ersten Mal im Kongo sind, dann haben sie niemanden dabei, der Französisch spricht (das Kisuaheli hier finden sie total unverständlich) und mit Blick auf den leichten Fang ist der Blutsaugermechanismus voll angelaufen. Aber selbst der Sudanese meinte, so was habe er noch nirgendwo in Afrika erlebt und offensichtlich müsse man in den Kongo kommen, um das wahre Afrika kennen zu lernen – diese Schlussfolgerung fand ich bedenklich…

Mittlerweile könnte ich mich „beömmeln“ (ja, dieses Wort kennt das Rechtschreibprogramm nicht!) was die Wasserversorgung angeht. Aus dem Leck sprudelt es munter weiter und das, was bisher daran repariert wurde, haben offenbar Nachbarn gemacht: etwa 7346 schwarze Einmal-Plastiktüten darum gewickelt. In der Zwischenzeit sind die Leitungen an der „Hauptstraße“ entlang des UNHCR-Grundstücks und Richtung Innenstadt frei gegraben worden, als sei man auf der Suche nach dem Leck, während unsere Straße nicht nur deutlich sichtbar und einsehbar unter Wasser steht, sondern die kleine Fontäne eigentlich den Weg weist…

Derweil gebe ich mir hier einen Vitamin-C-Schock nach dem anderen: in „meinem“ Garten stehen nämlich ein Orangen- und ein Zitronenbaum. Die Orangen lassen sich zu sehr, sehr leckerem Saft verarbeiten und eine halbe Zitrone drücke ich mir immer in ein Glas Cola. Aber die zu ernten ist kein Zuckerschlecken: Zitronenbäume haben lange und ausgesprochen spitze Dornen!! Und wenn mir ganz langweilig wird, massiere ich mir zur Abendunterhaltung einen Hauch Pili-Pili ins rechte Auge… Das ist eine extrem scharfe Sauce, die ich auch 1:1.000.000 mit Wasser verdünnt nicht essen kann – meine chinesische Mitbewohnerin in Deutschland ist begeistert, treibt sie doch selbst ihr Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber ich vermute, es waren Reste an der Flasche Mayo, die ich benutzte, dann habe ich mir nur die Brille zurecht geschoben und dann dachte ich plötzlich und unerwartet, ich muss sterben, ja so schnell ging das…

Ab dem heutigen Mittwoch, 10 Uhr, geht hier der Punk ab: die Auditoren kommen zur Prüfung eines Projekts und am Nachmittag dann „die Neue“  Ich fühle die Ruhe vor dem Sturm…

Macht’s gut und viele Grüße von
Barbara und mir

Ett kütt wie ett kütt, wat fott es, es fott un ett es noch immer jot jejange…

… bis auf vorgestern – obwohl: 19 Flugzeugabstürze in Kongo seit Jahresbeginn?! Eigentlich war dieser Blog-Eintrag ja schon fertig, aber der heftige Flugzeugabsturz vorgestern kann irgendwie nicht unerwähnt bleiben – besonders da ich nun weiß, wie wir davon erfahren haben. Unser Fahrer Bola war nämlich gerade einkaufen, als er den Riesenkrach hörte, das Gebäude erschüttert wurde und die brennende Maschine quasi vor ihm auf der Straße lag… das war um Haaresbreite noch mal gut gegangen für ihn. Ich habe mal meine Fotoordner durchgeguckt, ob ich ein Foto der Absturzstelle vorher habe, um die Gegend etwas darzustellen, aber das habe ich nicht. Leider auch keine Luftaufnahme, da es ja direkt hinter der Startbahn runtergekommen ist, wovon man aus dem Flieger kein Foto machen kann. Das unten stehende zeigt die Startbahn, am linken (nördlichen) Ende durch den erkalteten Lavastrom von 2002 verkürzt. Das war erst eine Vermutung: dass diese (zu) kurze Startbahn vielleicht der Grund war, aber dann hätte die Maschine ja gar nicht erst abgehoben. Der rote Punkt ist die ungefähre Absturzstelle und unser Büro muss man sich direkt am See, aber sicher drei Kilometer oder mehr zur rechten, nach Westen vorstellen.


Die Start-/Landebahn am Flughafen in Goma (verkürzt durch den Lavastrom von 2002)
The airfield at the Goma airport (shortened by the lava stream 2002)

Der Tag hatte schon chaotisch begonnen, als ich am späten Vormittag in ein babylonisches Sprachgewirr geriet und dann ab 14 Uhr nicht mehr in der Lage war, einen Satz vollständig in einer Sprache zu formulieren. Wir erwarten weiter die Anlieferung von zwei Containern mit Ersatzteilen und Reifen – ursprünglich aus Deutschland, angeliefert in Mombasa, Kenia, wo sie seit den Unruhen mehr oder weniger festsaßen. Jetzt sitzen sie seit einer Woche im Zoll zwischen Ruanda und Goma fest. Und an jenem schicksalhaften Tag tauchten die verzweifelten Spediteure auf, weil sie durch die lange Warterei, einer Panne auf der Strecke und Dieselklau unterwegs in Geldnöte geraten waren. Der „Director Operations“ (der Fahrer) war aus dem Sudan und sprach gewöhnungsbedürftiges Englisch. Der Chef des Unternehmens, der in der Zwischenzeit schon mit einer ersten Finanzspritze extra angereist war, war ein Kuwaiti, der ständig lautststark arabisch telefonierte, mit dem die Kommunikation allerdings bald auf Schwedisch verlief, ist er doch schwedischer Staatsbürger und wohnt eigentlich in Stockholm und vermisst seine beiden Kinder ganz furchtbar. Wer hätte jemals gedacht, dass mir schwedische Sprachkenntnisse im Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit noch mal von Nutzen sein würden. Dazwischen das französische Alltagsgeschäft und Telefonate mit der ursprünglichen Spedition in Deutschland. Irgendwann hat mein Hirn nicht mehr mitgemacht und ich sprach Deutsch mit Kambale und verstand nicht, warum der mich so verständnislos ansah, wo doch einmal ein Satz grammatikalisch einwandfrei raus kam… Wie auch immer, die Container sind immer noch im Zoll und werden auch so bald nicht rauskommen, da aufgrund des Flugzeugunglücks erstmal keiner mehr arbeitet. Warum eigentlich?

Seit letzter Woche weiß ich, wann Hektik ausbricht. Keine Panik, aber echte, die Ereignisse sich überschlagen lassende Hektik. Wasserversorgung weiterhin besch….. Ich stehe morgens auf, dusche kurz, ziehe mich an und fange an den Tisch zu decken und bleibe mitten in der Bewegung stehen – was rauscht hier so??? Oh mein Gott, das ist die Klospülung vom Gästeklo!! Dass ich den Teller nicht habe fallen lassen, war echt alles. Sie lief und lief und lief – und ich hatte keine Ahnung, wann sie angefangen hatte zu laufen. Wie sich hinterher rausstellte, nachdem mein einer Kubikmeter fast weg war, wohl die ganze Nacht. (Obwohl ja eigentlich der Hahn zwischen Tank und Leitung hätte zu gewesen sein sollen – und wieso fängt sie überhaupt unaufgefordert an zu laufen???). Und ich kriegte sie nicht zum Stoppen. Der Hahn im Bad war fest gerostet, also Deckel beiseite geschoben und versucht zu stoppen ging auch nicht… ich musste den Deckel ganz abnehmen, die Schnur durchschneiden, die den Knopf obendrauf mit dem Ding im Spülkasten verbindet (heute wieder Wortfindungsstörungen hier) und habe den Pin von Hand runtergedrückt, lief aber weiter. Wahrscheinlich irgendwie kaputter als gedacht. Da ich aber auch den Wassernachlauf nicht stoppen konnte, habe ich in einer waghalsigen Konstruktion aus einem Schnürriemen und einer Dose feuchter Toilettentücher den Schwimmer auf einen Level heben können, an dem der Zulauf nun gestoppt ist. Der Nutzen von Klospülungen wird wirklich allgemein überbewertet – aber ich habe sie trotzdem reparieren lassen 


© CM
Freizeitbeschäftigungen im Kongo – der nächste Uri Geller
After hours in Congo – the next Uri Geller

Wie die Jungfrau zum Kinde kam ich in den Genuss eines Treffens mit dem Minister für Öffentliche Arbeiten, Infrastruktur, Grund und Boden, Transport und Kommunikation und Stadtfragen der Provinz. (Ich werde das Gefühl nicht los, der Mann könnte überfordert sein). Oder so war es zumindest angekündigt. Der Projektleiter im Urlaub war eigentlich klar, dass ich, wenn wegen nichts anderem, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse da gar nicht auftauchen muss. Der Kollege Herr Kambale sollte die Dinge regeln, Allgemeinplätze von sich geben und repräsentativ wirken. Er und Madame Chanty waren jedoch der Ansicht, dass es besser sei, wenn ich als „peau blanche“, als Weißhaut, auch mitgehe – selbst wenn ich nach einem Satz Vorstellung das Wort an Kambale abtrete. Das Treffen war angesetzt für Mittwoch, 11 Uhr. Schon bald wurde es verschoben auf Donnerstag 11 Uhr. Gegen 10:30 Uhr kam ein Abgesandter und meinte, seine Exzellenz habe erst gegen 14 Uhr Zeit, wir würden dann einen Anruf bekommen. Der kam kurz nach 14 Uhr und in deutscher Eile brachen wir gleich auf. „Zehn Minuten, länger nimmt sich so ein Minister eh nicht Zeit,“ meinte Kambale und in Gedanken stimmte ich ihm zu. Empfang in einem schmucklosen Raum im Ministerium. Dafür ausgestattet mit den auch in Afghanistan beliebten Klotzmöbeln, die genau so konzipiert sind, dass man entweder die Füße nicht auf den Boden kriegt oder die Lehne mit dem Rücken nicht erreicht – es sei denn man fläzt sich so richtig dahin. Wahrscheinlich sollen die Teile einfach viel zu groß angelegte Räume füllen. Der Hausmeister bemühte sich mit einer kongolesischen Flagge als Tischtuch stundenlang um ein angemessenes Ambiente, Zupf hier, Zupf da, zurück, wieder hin… nur, damit es am Ende schiefer nicht hätte sein können. Auf Erfrischungen, zumindest in Form eines Tees, warteten wir vergeblich. Gewöhnt an diese Form afghanischer Gastfreundschaft ist mir das sehr negativ aufgefallen, muss ich sagen. Nicht, dass der afghanische Tee immer mundet, aber wenigstens klebt einem nach drei Stunden nicht die Zunge am Gaumen fest. Ja, so lange blieben wir nämlich. Nicht, dass wir so lange auf den Minister gewartet hätten, oh nein! Der kam gar nicht, sondern seine rechte Hand, ein „Maître“, was irgendwas juristisches sein muss… wenn ich nach der Moderation des Gesprächs gehe, ein Richter oder ein niederer Schlichter. Trotz allem war er des Öfteren mit seinem Chef in extrem wichtigen Telefonaten, „Ouiiiiiiiii, Excellence“, „d’accord, Excellence“. Derweil lief die Diskussion mehr oder weniger zwischen uns und dem Vertreter einer anderen Hilfsorganisation, die wir beide in dieser speziellen Region tätig zu sein versuchen, was sich aber aufgrund der Sicherheitslage als schwierig gestaltet. Deswegen war auch das Treffen anberaumt worden. Die andere Weißnase, Paul (vom Richter immer als Pool angeredet), sprach nur Englisch und hatte den Übersetzer dabei. Und nachdem ich mich bereits mit „Leider ist mein Französisch nicht so gut, deswegen gebe ich das Wort an Herrn Kambale“ vorgestellt hatte, hab ich irgendwann einfach nicht mehr den Mund halten können, und habe mich in die Übersetzung eingeschaltet, die einfach teilweise haarsträubend war. Und oh Wunder, ich konnte mich doch allen Ernstes halbwegs sinnvoll äußern, mit einigen Vokabeln von Kambale dazwischen geworfen. Ich war außerdem überrascht, welche Feinheiten er aus dem Englischen übersetzen konnte. Da muss man wirklich aufpassen 
Alsbald lernte ich, dass, wenn der schlichtende Richter „einen kurzen Einwurf“ machen wollte, Geduld angesagt war. Einer Diskussion über Straßenbau, in der es um Befestigungsmauern, Drainagerohre, schweres Gerät und Regensperren ging, konnte ich problemlos folgen, aber als er dann zu einem mittlerweile gefürchteten „kleinen Einwurf“ anhob und das Thema von kompaktierten Erdstraßen auf Milchkühe brachte, habe ich den Faden verloren und konnte meine gesamte Konzentration nur noch darauf verwenden, das breite Grinsen zu unterdrücken.
Ich fand es außerdem sehr interessant, die Leute zu beobachten, außer mir alles Männer. Was ich jetzt sage, könnte wieder einige zum Aufschreien bringen, aber ich schicke voraus, dass ich solche Überlegungen auch in Europa anstelle und jede Wette eingehe, dass ich einen Schweden von einem Finnen unterscheiden kann, ohne sie reden zu hören. Oder einen Italiener von einem Spanier. Und Amis erkennt man IMMER. Also, hier in Goma ist eine ethnische Gruppe die der Nande. In Butembo bilden sie die Mehrheit. Und ich finde für mich, dass es gewisse Gesichtszüge gibt, die eine Zuordnung zu dieser Gruppe wahrscheinlich sein lassen. Ich kann noch nicht mal festmachen, woran ich das zu erkennen glaube, aber es stimmt sehr oft. In dieser Runde waren aber zwei Männer, die deutlich aus der Reihe fielen und, wie ich dachte, beide wiederum zu unterschiedlichen Ethnien gehören müssen. Auf der Heimfahrt habe ich dann zu Kambale gemeint, mir fehle ja das sprachliche Vermögen für diplomatische Umschreibungen, deswegen käme die Frage jetzt vielleicht etwas unsensibel rüber, aber der Herr, der so aggressiv gesprochen habe (und groß gewachsen war, mit einem längeren Gesicht und härteren Zügen), wo der denn wohl her sei. Nein, der sei nicht von hier, der sei aus Ruanda, ein Hutu. Direkt neben ihm saß ein kleinerer Mann (in einem NEONGELBEN Oberhemd), den ich wirklich schlecht beschreiben kann. Oder schon, aber ich weiß, ich höre mich dann endgültig an wie ein Vorkriegsmodell von Ethnologe: er hatte eine deutlich andere Schädelform. Nein, der sei auch nicht von hier, der käme aus Walikale und sei ein Munyanga. Alles sehr interessant, aber wir kamen zurück von den Milchkühen auf den Erdstraßenbau und die Diskussion begann erste Funken zu sprühen, als sich Maître Robert einschaltete und sagte, er wolle uns die Geschichte von Herrn Sowieso erzählen, der einmal mit seinen Aussagen zu einem bestimmten Thema alle Gesprächspartner verprellt habe. Aber dann sei Herr Nocheinsowieso eingeschritten und habe die Wogen geglättet, indem er sagte, niemand solle sich verletzt fühlen von den Aussagen. Die seien sehr direkt und hart, aber so sei Herr Sowieso eben, das sei seine Natur und niemand müsse sich persönlich angegriffen fühlen. Und so sei das eben wohl auch die Natur des Herrn zu seiner Rechten, kein Grund zur Aufregung. Ruhe kehrte ein und ich wartete vergeblich auf die Milchkuh.

Der Büro-Tag hatte aus fluglogistischen Gründen schon um 6 Uhr begonnen und endete erst gegen 17:30 Uhr… Für mein allabendliches Privatkino schien mir „Stirb langsam“ als Ausklang angemessen…

Su jon die Jäng, sacht man in der Eifel – such is life?
Bis bald
Barbara

P.S.: Es gibt aber auch schwedisch aussehende Spanier, die mich vollkommen vom Hocker hauen können: letzte Woche kam ein spanischer Vertreter einer benachbarten Organisation mit einer Bitte zu uns und mir ist fast die Kinnlade runtergefallen – er sah aus wie Mats Wilander, nur mediterran angehaucht (und in Echtzeit etwa 10 Jahre jünger). Die Bedeutung dieser Begegnung zu erklären würde zu weit führen – so ist dieser Abschnitt nur was für Leute, die mich seit etwa den Australian Open im Januar 1988 kennen 😉

My Goma life

Hach, ich habe soviel Strom, ich weiß gar nicht, was ich damit anfangen soll  Nein, so schlimm ist es noch nicht! Die Blackouts sind momentan nur zwischen 17:30 und 20:00 Uhr – zwar ist das die Zeit, in der man gemeinhin am hungrigsten wird, aber das ist doch schon ein Anfang! Die Wasserleitung ist auch repariert. So komme ich momentan heim, gucke erstmal eine DVD auf dem Laptop und kippe eine kalte Cola bis der Strom kommt und dann ziehe ich die Kochschürze an…

Der gute alte Rod (zusammen mit dem ebenso guten Billy (Joel)) haben mich am vorvergangenen Sonntag derart in einen Wahn versetzt, es ist gefluppt wie verrückt! Irgendwann kam Donald und ich war auf dem totalen High, mich unmerklich (?) im Takt wiegend, und meinte nur „Boah, weißt du, was das für ein geiles Gefühl ist, wenn man 500 Buchungen einhackt, sich dabei die Seele aus dem Leib schreit und hinterher stimmt der Saldo??????“ Er hat mich nur mitleidig angeguckt… So aber war der Monatsabschluss am 3.4. drin und nach Bonn geschickt – aber im Ernst, es war ja nur ein Akt der Verzweiflung mit Blick auf das Restprogramm dieses Monats und der ersten Maiwoche. Aber immer eins nach dem anderen…


Butembo – das Interesse an Kameras und dem Posieren vor denselben ist immer noch groß
Butembo – interest in cameras and posing in front of them is still big

Die nächste Erkältung ist auch schon wieder im Abklingen begriffen – die habe ich mir bestimmt auf der Gorilla-Tour eingehandelt. Es ist aber auch immer irgendwas… da ich jetzt ausschließlich selber koche lässt mich mein Magen-Darm-Trakt, auf den meine Reiseapotheke eingestellt ist, total in Frieden, klopf auf Holz, und ich muss stattdessen meine Papiertaschentücher rationieren. Wie man’s macht… Und nicht nur die Nieserei raubt einem den Schlaf. Ich glaube, es war in der Nacht auf Montag, da war hier ein unglaubliches Gewitter. Dass man das Blitzspektakel über den Bergen rund um den See bewundern kann, habe ich ja letztes Jahr schon berichtet – aber das war ne ganz andere Nummer. Es hat stundenlang, mindestens von 22 bis 3 Uhr, gegossen wie in Strömen und dabei jede Minute gedonnert, dass du gedacht hast, der Vulkan bricht gerade auseinander. An schlafen war nicht zu denken, auch nicht mit Ohrstöpseln, das Gedröhne hat die Eingeweide zum Vibrieren gebracht, wie in der Disko. Der Wächter und Haushälter meinte am nächsten Morgen, er habe gar nichts gehört… ich konnte nur ungläubig staunen, aber vielleicht wohnt er ja ganz weit weg, Butembo oder so, und kommt jeden Morgen mit der 5-Uhr-Maschine der Lufthansa um seinen Dienst anzutreten 😉

Apropos Fliegen… meinen Empfang am Flughafen in Goma muss ich ja doch noch kurz schildern, auch wenn er chronologisch zum vorherigen Eintrag gehört. Alles steigt aus, man geht zu Fuß die paar Schritte zum „Arrivée F“ und stellt sich in der Schlange zur Passkontrolle an. Stehe ich also da, gedanklich noch total bei den Gorillas und dem tollen Osterfest in Butembo, da höre ich jemanden rufen: „Hooooooochchchch!“ Ich gucke hoch und es ist der befreundete „Bruder“, der sich hier um die armen Seelen kümmert, und sich nun geradewegs entgegen der vorgesehen Bewegungsrichtung durchkämpft und scherzhaft aber lauthals in die Menge ruft: „Elle est ma fiancée! Sie ist meine Verlobte!“ Damit ging die Passkontrolle mit einem Grinsen vonstatten und meine Tasche wurde auch nur sehr oberflächlich gefilzt…

In der Zwischenzeit habe ich mir – wer weiß, ob man Karneval nicht doch noch mal aktiv werden wollen könnte – ein kongolesisches Ensemble nähen lassen. Für die Oper dann doch ungeeignet. Alles in allem stellte es sich als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Schwester einer unserer Angestellten heraus, aber was soll’s: wollte ich sowieso machen lassen und so ging es ruckzuck. Nur leider hat der Reißverschluss am Rock schon die erste Anprobe nicht überstanden… mal sehen, ob ich das noch reklamiert kriege.


Mode à la Congolaise
Fashion à la Congolaise

Tja, oben schrieb ich noch, vor ein paar Tagen, dass die Wasserleitung repariert sei, was auch den Tatsachen entspricht. Nur leider ist ganz Goma momentan ohne Wasser, der Grund ist mir noch unbekannt. Aber den lieben langen Tag lang bewegen sich Ströme von Menschen mit gelben Kanistern in allen möglichen Größen zum See, um sich dort zu versorgen. Nahebei gibt es (immer, nicht nur jetzt) eine Stelle, an der sich jeder kostenlos eine Portion Chlor holen kann, um das Wasser vom gröbsten zu reinigen. Das wird auch rege in Anspruch genommen. Mal sehen, wie lange die Wasserversorgung noch ein Problem bleibt. Es ist mir wirklich vollkommen unverständlich, in einer Gegend, wo es soviel Wasser gibt – man muss keine teuren Meerwasserentsalzungsanlagen bauen oder kilometertief bohren um auf irgendwelche fossilen Vorkommen zu stoßen. Da gibt es meiner Meinung nach Regionen, in denen es auf den ersten Blick wesentlich schwieriger und teurer sein sollte, die Wasserversorgung aufzubauen und am laufen zu halten.

Derweil haben wir ein Schokoladennachschub-Problem. Der deutsche Laden in Kigali hatte nichts quadratisch, praktisch, gutes mehr und nun haben wir nur noch Aachener Produktion zu 85% Kakao – das kann ja keiner essen. Nun überlegen wir, ob man diese nicht einfach erwärmen, mit etwas Sahne und Zucker anreichern und für die tägliche Suchtbefriedigung anpassen kann. Der eine meint allerdings, so mit Sahne mit das zu dünn, man sollte Milchpulver nehmen. Vielleicht sollte ich den mir bekannten Chocolatier in spe mal privat anschreiben und nach einem improvisierten Rezept fragen…

Was mache ich sonst noch so, wenn ich mich nicht gerade in Ekstase buche? Ich sichte Angebote für eine mittlerweile etwas unübersichtlich große Anzahl an Ersatzteilbestellungen für LKWs und Baumaschinen unterschiedlichster Bauart, von Kettenspannern über Bremsbeläge und Scharmesser hin zu Hydraulikpumpen. Ich bespreche diese Angebote mit dem Verantwortlichen und es wird entschieden, wo was gekauft wird. Das obliegt dann mir in Kooperation mit einer Kollegin in Deutschland. Ich beschäftige mich mit einer Bestellung riesiger Massen an Öl- und Schmierstoffen in Kenia (welches Öl in welcher Menge für welches Projekt – die Entscheidung fälle natürlich aufgrund fachlicher Unzulänglichkeiten nicht ich, aber wie was bezahlt wird, liegt bei mir). Ich regele alle möglichen Angelegenheiten, was das europäische Personal angeht. Ich bin in ewigem Kampf mit dem Internet, das von Tag zu Tag langsamer wird und mittlerweile den Versand von Anhängen komplett verweigert. Ich versuche, 35 lokale Angestellte nach Goma fliegen zu lassen. Die Maschinen, die dafür in Frage kommen, weil sie weniger schlecht gewartet sind als der kongolesische Durchschnitt, kann man an einer dreifünftel Hand abzählen. Eine fällt flach, da zu klein. Die andere – „große“ verlässliche – war schon gechartert und hat plötzlich Hydraulikprobleme und muss sofort zu einer ausgedehnten Wartung nach Nairobi. Eine andere halb große kommt ins Gespräch, die auch gut gewartet zu sein scheint. Die haben wir schon gechartert und voll beladen für den Hinflug – da kommt die Meldung, dass in dem Ort, wo sie landen soll, gerade die Mayi-Mayi Milizen den Aufstand proben und nicht geflogen wird. Wir treiben eine weitere Maschine auf, die wohl kurzfristig an einen anderen Ort fliegen würde – aber weil da die Landebahn so kurz ist, würde der Pilot maximal 4 Passagiere wieder mit nach Goma bringen; das alles lohnt sich nicht wirklich… Und so vergehen sie, die Tage, und zwar wie im Flug, auch wenn keiner stattfindet.


Madame Chanty, Kassiererin, und Monsier Kambale, Administrator
Madame Chanty, cashier, and monsieur Kambale, administrator

Und zwischendurch führe ich mit meinen direkten Admin-Kollegen, der Kassiererin Madame Chanty (deren Charme und Sinn für modische Extravaganzen die Herren in ihren Bann zieht – in vier Wochen habe ich darüber hinaus schon mindestens 5 total verschiedene Frisuren (auch Farben) gesehen und eines Morgens, als ich besonders verdutzt war, meinte sie nur lachend „Madame, das ist ein „chapeau““ – ein Hut. Sie hatte eine fesche Perücke auf)… mit ihr also und dem Administrator und für die Angelegenheiten des lokalen Personals zuständigen Monsieur Kambale führe ich hin und wieder ein interessantes Gespräch – soweit es mein sprachliches Vermögen zulässt. Zuletzt drehte es sich aus aktuellem Anlass um die Todesstrafe. In der Stadt waren Demos von aufgebrachten Frauen, die forderten, dass der gefasste Mörder einer der ihren gefälligst umgehend auch die Radieschen von unten zu sehen habe. Diese Meinung teilte Chanty, Kambale aber nicht. Er sagte, es liege in der Hand Gottes über Leben und Tod zu entscheiden. Da lagen wir insofern ähnlich als ich denke, man sollte sich durch die Verhängung und Ausführung der Todesstrafe nicht auf eine Stufe stellen mit dem Täter. Viel interessanter aber, wenn auch grausam, waren die Umstände der Ermordung, die so noch gar nicht nachvollziehbar sind… man steigt nicht recht dahinter oder will mir nicht alles beleuchten. Am helllichten Tag wurde ein Haus gestürmt, Schmuck sollte rausgerückt werden, Geld und andere wertvolle Dinge, was man auch tat. Die ganze Familie war zu Hause, Mann, Frau und Baby. Nachdem alles eingesackt war, richteten die Diebe die Waffe auf die Frau und ihr Mann soll gesagt haben, wenn denn einer dran glauben müsse, so solle man doch ihn erschießen, damit sich danach noch jemand um das Baby kümmern könne. Das Baby schrie wie am Spieß, so dass der Mutter befohlen wurde, sie solle es beruhigen, stillen, was sie auch tat. Als es ruhig war wurde sie geheißen es zur Seite zu legen, was sie ebenfalls tat – und dann wurde sie erschossen. Der Mann nicht. Es heißt, es seien Bekannte des Mannes gewesen… da sie auch bereits gefasst sind, liegt das vielleicht nicht so fern. Nur – was soll das alles? Man sagte mir, in Goma passierten viele Dinge wegen Eifersüchteleien. Ich fragte nach, ob es sich dabei um romantische Eifersüchte handelt oder rein materielle – darauf wurde ausweichend geantwortet. Wahrscheinlich war es ein vertrackter Mix aus allem möglichen…

Und nun wieder auf in den täglichen Wahnsinn!

Auge in Auge mit der Verwandschaft

Wie mir zu Ohren kam, hat das Osterfest in Deutschland eher an Weihnachten erinnert, so in Sachen Schneefall und Temperaturen. Also kann das mit dem Klimawandel vielleicht doch noch nicht so weit her sein, denn erst kürzlich las ich eine uralte Bauernregel, die sinngemäß so etwa lautete: wenn es an Weihnachten grün ist, wird Ostern weiß. Traf also wohl zu?

Das Osterfest in Butembo war ein festliches in großer Runde. Seit Mittwoch war ich schon in Butembo und dort bei den Kollegen „Chez Rebicky“ gemütlich in einem gerade eingerichteten Gästezimmer untergebracht. Für die Feiertage, die hier nicht zwingend solche sind, hatte sich viel Besuch angesagt – es war Full House; neben mir noch einige Kollegen und andere Bekannte aus Bunia, dem nördlichsten unserer drei Standorte im Ostkongo… alles in allem 8 Leute. Ostersonntag war zum organisationenübergreifenden Brunch geladen worden, für den nicht nur Ostereier gefärbt wurden. Unser Buffet hatte durchaus was festliches.


Brunch am Ostersonntag
Easter Brunch

Dass der Gorilla zum Centerpiece wurde und nicht etwa ein Osterhase, hatte zwei Gründe. Erstens sind die Kunsthandwerker der Region weder traditionell noch aufgrund etwaiger moderner Nachfrage auf die Produktion niedlicher Häschen eingerichtet: hier sind Löwen, Elefanten und eben Gorillas angesagt. Der zweite Grund war der, dass es ein besonderes Überraschungsei seitens der Gastgeberin gab: einen anderthalbtägigen „Ausflug“ zu den Gorillas im Virunga Nationalpark, dessen erfolgreichen Abschluss wir mit der Gorillafigur nochmal besonders gewürdigt haben. Jede weitere Würdigung meinerseits gestaltete sich äußerst schwierig, da sich der „Besuch“ bei unseren Vorfahren als Gewaltmarsch herausstellte. Die Auswirkungen auf meinen Körper sind in etwa mit denen zu vergleichen, die mich nach dem (Kort)Vasa-Lauf 1999 ereilt haben… zwei Zeugen können davon berichten. Aber fangen wir von vorne an.

Für diesen Besuch bei den Gorillas war eine kleine Ecke des Virunga Nationalparks gewählt worden, die in der Nähe unserer Projektgebiete liegt, von Butembo über Kyondo nach Tshiarimbi – Orte, die auf dem Kartenausschnitt unten nicht erscheinen. Aber man finde Ishango am Westufer des Edward-Sees und bewege sich weiter Richtung Westen auf den Gipfel von 3095m zu… um den haben wir uns rumbewegt.


(Source: ReiseKnow-How Karte Kongo 1:2.000.000 (2007) – Maßstab durch Scan mit Sicherheit verzerrt)

Die Planung war wie folgt: am Nachmittag des ersten Tages anreisen. Mit dem Auto bis zum Parkeingang auf 2200m: wir waren auf dem Weg, uns die berühmten Berggorillas anzusehen und mir war vorher bewusst, dass das allein wegen der Höhe, die ich schlecht vertrage und noch schlechter überwinden kann, nicht einfach werden würde. Österreich-Urlaube sind mir in traumatischer Erinnerung geblieben und ich kann mein Einverständnis zu dieser Unternehmung nur damit erklären, dass der Besuch einer 6-köpfigen Gorilla-Familie einen ungleich größeren Reiz ausübt als ein Glas Kräuterlimo und ein Kaiserschmarrn in einer Almhütte im Gasteiner Tal.

Am Parkeingang entrichteten wir die Eintrittsgebühr: 150 USD, die den 7 Tage geltenden Zutritt zum Park erlauben, in dem es neben Gorillas auch noch viel anderes zu sehen gibt: Elefanten, drei Sorten Antilopen, Krokodile, Nilpferde und vieles mehr. Und das ziemlich weit ab von allem Massentourismus – dafür in symphatischer Begleitung eines Vertreters der kongolesischen Armee mit Kalaschnikow. Von dort ging es noch am gleichen Tag weiter auf 2700m zum Basislager, wo wir die Nacht verbringen sollten. Diese knapp zwei Stunden Weg haben mich schon übermenschliche Anstrengungen gekostet und ich sah aus wie frisch geduscht, als ich ankam, eigentlich immer weit hinter der Truppe her, aber in Begleitung des Italieners Sergio, der ein außerordentliches botanisches Interesse entwickelte und jeden Bambusstamm einzeln fotografierte, damit ich nicht alleine vor mich hindamfen musste. Er erzählte außerdem, dass er aus der schönsten Stadt Italiens stamme, der südlichsten an der „Ferse“ des Stiefels, und wusste nicht, was er anrichtete, als er erklärte warum es die schönste Stadt sei: es gebe dort vier verschiedene Sorten Sand! Nichts wie hin!!

Sorge um mich breitete sich schnell aus, sah ich doch wie gewohnt bei sportlicher Aktivität binnen weniger Minuten aus als stünde ich kurz vor dem Herzinfarkt. Zu diesem Zeitpunkt war meine Sauerstoffschuld schon so hoch, dass ich eh kein Französisch mehr hinbekam und selbst auf Englisch nur noch gedröseltes von mir gab. Anstatt aufzuklären, dass ich anämisch („anemic“) bin, beharrte ich darauf, ich sei „anorexic“ – magersüchtig 🙂 Das versammelte Gelächter später beim Abendessen, als wir aus gegebenem Anlass darauf zurückkamen, war langanhaltend und Victoria, die Amerikanerin in der Truppe, versicherte mir, sie sei ehrlich froh zu wissen, dass ich nicht in dem Sinne krank sei! Die von uns mitgbrachten Nahrungsmittel wurden in stundenlanger Arbeit zubereitet und noch bevor das Essen auf dem Tisch stand, fragte der anwesende Armeechef, ob wir denn nicht die einen oder anderen Alkoholika dabei hätten. Hatten wir, wiesen aber darauf hin, dass es wohl doch noch ein bisschen zu früh sei dafür. Nach Anbruch der Dunkelheit und im Scheine des Bambus-Lagerfeuers packten wir unseren Whiskey aus, der in großer Runde und zum Gesang kongolesischer Armeelieder recht schnell ein Ende fand. Wir aber ebenfalls, denn schließlich sollte es am kommenden Morgen um 6:30 Uhr losgehen. Die Gorillafamilie sei nämlich gewandert und leider nicht mehr wie meist nur anderthalb Stunden entfernt, sondern drei. Und ob wir denn nicht doch lieber nur die kleine sehen wollten, eine dreiköpfige, die viel näher logierte. Aber wir waren beharrlich – hinterher wurde uns gesagt, dass die Parkranger und alle drumherum nicht davon ausgegangen waren, dass wir es schaffen würden.

Die Gruppe vor dem Start – teilweise kopflos da dem „Chef“ die Füße wichtiger waren… im Nachhinein gar kein so abwegiger Gedanke
The group before setting off – partly beheaded as the boss decided that feet were more important… not such a bad thought after all

Es begann ganz einfach in mehr oder weniger ebenem Terrain, wenn auch sumpfig und sehr matschig. Abgesehen von den mit langen Flechten behangenen Bäumen und übermannsgroßen roten Blumen hätte man sich, da der Blick ja meist auf den Boden gerichtet war, auch im Hohen Venn fühlen können – das etwas größenwahnsinnige Sternmoos erinnerte an die Austattung einer Eifler Krippe. Und zu bedenken ist ja auch, dass man bei dieser afrikanischen Landschaft nicht die Serengeti mit weiten, heißen Savannen im Kopf haben sollte: Bambuswald bei vielleicht 15 Grad und Nebelschwaden, was dem ganzen einen deutlich märchenhaften Charakter verleiht. Und Berge, bergauf, bergab. Dass wir denselben Bach sieben mal in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden queren mussten, war nicht wirklich nervig 😉

Bachüberquerungen
Crossing the stream

Aus Spaß wurde Ernst: ein langanhaltender Anstieg in nicht einfacher Umgebung: überall Wurzeln, sowas wie Brombeerbüsche (einige behaupten, auch Brombeeren gesehen zu haben), riesige Büsche, die aussahen wie Brennesseln aber nicht brannten, Übergang in Laubwald. Ich hing bald zurück und Jonathan, der kongolesische Armeeangehörige unseres Vertrauens, blieb immer einen Schritt hinter mir, während die anderen mit den Führern vorangingen. Nein, so wirklich freiwillig sei er nicht in der Armee; eigentlich sei er Lehrer in Goma gewesen, aber die Umstände hätten ihm keine Wahl gelassen und mit einem verlegenen Blick in den Wald sagte er, er würde eigentlich lieber wieder Lehrer sein. Als wir noch Empfang hatten, rief seine Mutter an, um zu hören, ob alles klar sei, denn ihr gefiele sein neuer Job auch nicht so besonders, die Patroullien im Park, auf der Jagd nach Wilderern und bis vor kurzem auch Mai-Mai Milizen, sie würde sich viele Sorgen machen. Aber sie seien mit 11 Kindern zuhause, der Vater seit 1995 tot – und die Mutter ist heute 48, jetzt fangt mal an zu rechnen… Der junge Mann hat jedenfalls eine Engelsgeduld mit mir und meiner Kurzatmigkeit bewiesen und nicht verstanden, dass ich in der Ebene nach einem Anstieg nach kurzer Pause in meinem üblichen strammen Gang verfallen konnte, als sei nichts gewesen. „Oben“ angekommen, vielleicht knapp unter 3000m, hatte sich der Nebel gelichtet und wir hatten einen atemberaubenden Blick über den Park, die Ebene, „le Graben“, hin zum Edward-See und auf Ishango – siehe Karte.

Blick auf den Virunga Nationalpark und den Edward-See
View onto Virunga National Park and Lake Edward

Von da an ging es abwärts… was mich aber auch nicht wirklich erfreute, denn wie schon Till Eulenspiegel feststellte, muss man ja jeden Berg den man runter geht, früher oder später auch wieder hochsteigen. Das versuchte ich aber zu verdrängen. Irgendwann erreichten wir eine Stelle, wo uns die Park Ranger sagten „Tja, gestern waren die Gorillas noch hier, aber sie sind wohl weiter gezogen…“ Ich kam nicht umhin mich zu fragen, wer in dieser Umgebung freiwillig eine Wohnortverlagerung in Erwägung ziehen würde. Jonathan erklärte, dass es länger nicht mehr ordentlich geregnet habe (bis auf die letzte Nacht, was für den formidablen Matsch verantwortlich war) und dass deswegen der Bambus keine frischen Sprossen habe, die die Gorillas am liebsten essen – deswegen hatten sie sich eh schon in den Laubwald zurückgezogen und nun eben noch weiter. Eben: weiter. Und so ereilte uns der Hammer, was wir den „Hike from Hell“ tauften, den Höllentrip. Ein Abstieg, den wir über schätzungsweise 200-300 Höhenmeter (es kam mir vor wie 2 km, aber das kann schlecht sein…) bei einem Gefälle von 45 bis 90 Grad größtenteils auf allen Vieren bewältigt haben und einige unangenehme und plötzliche Zusammentreffen mit dem Mutterboden und dem Gestein erleben durften. Ob meine Jeans und die Goretex-Jacke jemals wieder ohne Braunschleier zu tragen sein werden, wage ich zu bezweifeln. 10 Höhenmeter in 30 Schritten überwinden – wenn man die am Stück schafft. Dafür hätte ich mir den Spruch aus dem letzten Eintrag aufheben sollen: „Macht ihr Bergheinis das eigentlich öfters?“ – „Jeden gottverdammten Tag!“… denn das ist tatsächlich so: dieses Stück ist Teil Jonathans täglicher Route…

Dann: Spuren der Gorillas! Wer hätte jemals gedacht, dass man beim Anblick frischer Gorilla-Scheiße ekstatisch werden könnte… die sieht übrigens ein bisschen aus wie helle, leicht geplättete Pferdeäpfel, falls es jemanden interessiert. Fast alle Leiden waren vergessen und wir waren voller Spannung und plötzlich hieß es: Silberrücken in Sicht!! Aber wo???? Deutlich sichtbares Geraschel in den dann doch Bambusbäumen etwa 20 Meter vor uns gab uns den Tipp. Da oben sollte er sitzen, aber man bekam nicht soviel zu sehen, wildes Geraschel. Dann weiteres wildes Geraschel in den Baumkronen nebendran… da war der Rest zu vermuten. Diese schweren „Geschosse“ auf den dünnen Bambusdingern? Aber so musste es wohl sein, denn der Big Boss begann den Abstieg.

Der Silberrücken
The silver back

Wie er da so scheinbar gelangweilt in den Hang gelehnt saß, hatte er was von Marlon Brando, fand ich. Die Arme verschränkt kratzte er sich hin und wieder mit einem Finger am Kopf und checkte die Lage – ob wir wohl eine Gefahr für seinen Harem darstellen könnten? Aus dem Dickicht der Bambuskronen kam Geschrei, wahrscheinlich von den beiden halbstarken Damen, die zur Gruppe gehören, was den Chef dann auch veranlasste, sich zu voller Größe zu erheben und seine Macht zur Schau zu stellen – gebleckte Zähne und im wahrsten Sinne des Wortes tierisches Gebrüll. Und wir standen irgendwas unter 10 Meter daneben und waren instruiert, einfach ruhig stehen zu bleiben (vergleiche auch „Bär“ in „Mörderischer Vorsprung“…). Ich weiß nicht, wie sich Faszination noch steigern lässt. Dann zeigte sich in den Baumkronen auch noch Frau Chef mit dem anderthalb Jahre alten Nachwuchs – auch ohne den Gedanken an anstehende Strapazen wollte ich eigentlich nur noch sitzen bleiben und die Nacht mit den Herrschaften verbringen.


Mama Gorilla und anderhalbjähriges Baby, darunter ein „Teenager“
Gorilla Mom and her one and a half year old, a „teenager“ below

Aber das war natürlich nicht möglich… ein laaaaaaanger Rückweg stand uns noch bevor. Und da der Big Boss sich langsam auf den Weg weiter hangabwärts machte, wollte der Rest gerne folgen, traute sich aber nicht wegen uns, so dass das Geschrei immer größer wurde und wir als weitere Maßnahme in den zweifelhaften Genuss von Gorilla-Exkrementen von oben kamen, was dann weniger Anlass zur Ekstase gab.

Belassen wir die Beschreibung des Rückwegs damit, dass es alptraumhaft war und ich danach durchaus in der Lage gewesen wäre, jeden, der mich von meiner Digitalkamera mit den Fotos hätte trennen wollen, kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken mit meinem frisch geschlagenen Bambus-Wanderstab zu pfählen. Eins ist sicher: Massentourismus stellt für diese Gorillas keine Gefahr dar…

Im Basislager gab es dann zum dritten Mal in weniger als 24 Stunden Reis mit Rindfleisch und Sauce, was eilig runtergeschlungen werden musste, da uns ja noch der Abstieg zum Parkeingang und die Heimfahrt bevorstand, wo wir dann auch ankamen:

Die Gruppe zurück am Parkeingang – kurz vor dem Zusammenbruch
The group back the park entrance – ready to crash

Was für ein Trip – es ist nun Mittwochmorgen danach und ich habe immer noch Muskelkater, unglaublich. Ostern 2008 war wohl DAS Ostern, dass mir am besten in Erinnerung bleiben wird 🙂
Auf bald!

“If it’s yellow, let it mellow…

… if it’s brown, flush it down!” Das Motto bei zahlreichen Aufenthalten auf der Insel meiner amerikanischen Gasteltern, auf die jeder Tropfen Wasser im Schweiße unseres Angesichts geschleppt werden musste, kam für mich in Goma wieder zur Anwendung: „Wenn’s gelb ist, lass es reifen, wenn’s braun ist, spül es weg!“ Ich sage dazu nur: es geht um die Toilette. Und: mir wurde das Wasser abgedreht. Schon seit ich angekommen war, liefen Mengen kostbaren Trinkwassers aus einem Leck ein paar Meter oberhalb. Die quasi „auf Putz“ liegende Wasserleitung (ein Rohr AUF der Straße) war von einem LKW gerammt worden. Und eines Abends, als ich heimkam, jubilierte ich schon, dass es repariert sei, denn die Straße war trocken. Das war aber leider deswegen so, weil die „Stadtwerke“ einfach den Hahn abgedreht haben. Nun sitze ich hier mit nicht mehr 2 Kubikmetern in Tanks und weiß nicht, wie lange die halten sollen… Am Spülen zu sparen hat auch keinen Sinn, denn in wenigen Minuten kommen die Ameisen und wollen den Job erledigen.

Der Samstag war der Tag, an dem meine Stimme nach 48 Stunden Gekrächze vollständig genesen war, wie sich um 7:50 Uhr herausstellte, als mich Said von der Baustelle anrief und ich sprechen konnte. Ich hätte diese Erkenntnis allerdings gerne ein, zwei Stunden nach hinten verschoben. Dafür kam die Erkenntnis, dass es damit nicht weit her war, umso schneller. Mit meinen „Reise-Boxen“ zu 120 Watt habe ich mich im verwaisten Büro eingerichtet und das Power-Buchen begonnen, mit der Unterstützung von Rod Stewart, dem ich nach zwei, drei mitgesungenen Liedern rein stimmmäßig in nichts mehr nachstand und die „waltzende“ Mathilda nur noch mitbrummen konnte. So oder so: Donald, mit dem ich noch einiges in Sachen Baufahrzeugersatzteile zu besprechen hatte, fand die neuen Sitten im samstäglichen Büro erschütternd…

Dieses Mal bin ich ohne Koch (in einem anderen Haus) untergebracht, was ich bislang auf jeden Fall besser finde. Schwierig wird es nur manchmal, weil die Dinge hier dann doch immer mal wieder anders sind als gewohnt. In einem Anflug von Betriebsamkeit hatte ich am Freitag meinen sich nun langweilenden Ex-Koch gebeten, für mich einkaufen zu gehen, u.a. Rinderfilet, das es freitags frisch gibt… Man kann nur ganze Filetstücke kaufen, das zu 5 USD. Was soll ich mit dem Riesending, aber gut. Ich bat ihn, es im Büro in den Kühlschrank zu legen, damit ich es abends dann mitnehmen könnte. Als ich zuhause auspackte (auch Ananas, Avocado und anderes) entfuhr mir ein Schrei des Entsetzens: es war gefroren! Er hatte es wohl gut gemeint… Also gab es Ananas zum Abendessen, eine ganze – und ich werde nie verstehen, warum ein Mensch die noch würde zuckern wollen. Das Intermezzo mit dem Fleisch war aber noch nicht ausgestanden, denn wie sich zeigen sollte, bin ich ja doch ein Kind der Konsumentengeneration. Donald eröffnete mir abends so nebenbei, dass das ja hier gar nicht richtig abgehangen sei. „Aha…“ konnte ich dazu nur sagen und ließ mir erklären, dass man einen ähnlichen Effekt damit erreicht, die zugeschnittenen Stücke in literweise Öl zwei, drei Tage luftdicht einzulagern im Kühlschrank. Das habe ich wohlwollend zur Kenntnis genommen und nach auftauen umgesetzt, nur war meine Wochenendessensplanung dahin… Aber vergiftet habe ich mich damit auch nicht!

Des Abends bin ich nun dabei, die ausgedehnte Videosammlung meiner Vorgängerin zu sichten und entdecke wahre Schätze, so dass ich sonntags noch nicht mal auf den TATORT verzichten muss, auch wenn der dann älteren Modells ist  Sie ist außerdem die einzige mir bekannte Person, die die „Stadtgeschichten“ von Maupin gelesen hat (ohne von mir ständig dazu gedrängt zu werden) UND den Film „Mörderischer Vorsprung“ kennt und gut findet, so dass wir uns direkt gegenseitig zuriefen „Der ELCH!!!“ Den habe ich dann auch in der Sammlung gefunden und gleich geguckt und quasi mitgesprochen („Macht ihr Bergheinis das eigentlich öfters?“ – „Jeden gottverdammten Tag!“). Den brauche ich unbedingt noch auf DVD, auf die USA-Liste für Juni/Juli. Um das Interesse an diesem Film mit Sidney Poitier und Tom Berenger sowie Kirsty Alley noch weiter zu wecken und in der Tradition meiner Filmkritiken zu bleiben, noch eine Kurzkritik: ein äußerst spannender Thriller mit atemberaubenden Action Elementen, der sich dabei aber selbst nicht zu ernst nimmt und viele komische Momente hat (siehe „Elch“, „Bär“, „Nager“ u.a.).

Nach zwei hier mehr oder weniger durchgearbeiteten Wochen werde ich mich am morgigen Mittwoch nach Butembo begeben (bis Ostermontag, der im Kongo, genau wie der Karfreitag, nicht als Feiertag begangen wird), wo es auch noch so einiges zu besprechen gibt, aber vielleicht auch mal ein Wochenende im Zeichen sozialen Lebens ansteht. So stelle ich diesen Beitrag doch gleich noch ein… Und wünsche Frohe Ostern! Bis nächste Woche dann!