Mal wieder bei den Amis

Daran geglaubt hatte ich nicht mehr, aber ich bin angekommen: in Boston. Schon in Frankfurt war der Flug aus Newark zwei Stunden verspaetet und ich musste in Ermangelung meines mp3-Players Unterhaltungen folgen, die sich um den Besuch des “Googleheim Museum” in New York drehten… Aber wie gesagt klappte es dann doch noch, auch wenn der geplante Anschlussflug definitiv verpasst war. In der gigantischen Ankunftshalle fuehlte ich mich an Ellis Island Anfang des letzten Jahrhunderts erinnert, denn es waren ungelogen ca. 500 Leute vor mir in der Schlange, die einreisen wollten (die ganzen Amis hatten ihre eigene Schlange). Ich hatte zwei Stunden, um “reinzukommen”, mein Gepaeck durch den Zoll zu bringen und neu einzuchecken – das geht nicht anders. Nach gut einer Stunde war ich dann unerwartet schnell doch mit dem Einreisestempel ausgestattet, hetzte zum mittlerweise zum Stillstand gekommenen Gepaeckband und weiter… 17:30 Uhr. Abflug des neuen Anschlussflugs war 18:00 Uhr an einem anderen Terminal. Ich konnte eine Continental-Angestellte davon ueberzeugen, dass ich nur eins von 2 Gepaeckstuecken einchecken und mich ausserdem nicht anstellen muss dafuer. Dann schleppte ich das Gepaeck selber zu einem Anhaenger, an dem mich ein baeriger Afroamerikaner in Baggy Pants und einem an ein Zelt erinnernden T-Shirt empfing, so Gansta-Rapper-maessig. Der meinte dann kaum verstaendlich, dass der Flug doch ausgefallen sei und brach dann in schallendes Bass-Gelaechter aus und meinte, er scherze nur… Ich kam dann insofern noch puenktlich zum Gate als der Flug ebenfalls verspaetet war. Man liess uns einsteigen – und dann zweieinhalb Stunden am Gate im Flugzeug sitzen. Die zu erwartende Flugzeit betrug 39 Minuten…
In Boston, oder besser gesagt Milton, einem Vorort, bin ich bei meiner ehemaligen AuPair-Gastfamilie untergekommen und das ist schon so lange her, dass einen heutzutage Ex-Vierjaehrige im Volvo durch die Gegend kutschieren. Man hatte sich exzellent auf mich und meine Beduerfnisse vorbereitet und eine mit Schoko-Crème gefuellte Schokoladentorte mit Schokoguss besorgt… Abgesehen davon, dass “die Jungs” jetzt beide so an die 1,90m sind und ganz gute Football-Spieler gaeben, hat sich nicht viel geaendert und man fuehlt sich gleich wie zuhause. Auch alle vier Katzen und Winston, der French Bulldog, sind noch da, wenn auch letzterer nur noch gerade so – vergangene Woche ist er dem Tod in Form eines multiplen Organversagens von der Schippe gesprungen.

Meine Gastmutter, nennen wir sie Lucy, arbeitet seit geraumer Zeit nicht mehr in ihrer Managerposition wegen eines Gedaechtnisproblems. Dafuer ist sie nun um so mehr ehrenamtlich aktiv, unter anderem als “Associate” des Museum of Fine Arts (MFA) in Boston. Da macht man verschiedene Dinge, in ihrem Fall kuemmert sie sich mit einigen anderen um den Blumenschmuck im Museum. Man stelle sich riesige Gestecke in der Eingangshalle vor zum Beispiel. Oder man organisiert den Fundraiser “Art in Bloom” (Bluehende Kunst). Jedenfalls hatten die Damen ein Meeting eines fruehen Morgens und ich fuhr mit. Weniger wegen des Meetings, als wegen eines Blicks hinter die Kulissen eines riesigen Museums, Katakomben, gigantische Frachtaufzuege fuer grossvolumige Kunstwerke usw. UND ich war vor den Oeffnungszeiten im Museum. Das ist ein ziemlich abgefahrenes Gefuehl, da so mehr oder weniger mutterseelenallein durch die Hallen zu schreiten, das ganze MFA nur fuer mich. Fast. Dabei fiel mir auf, dass ich immer nur zu gewissen Sonderausstellungen da gewesen war und mir die gigantische Sammlung nie angesehen hatte. Dafuer braucht man auch mindestens 10 Tage. Auf die Ausstellung “El Greco” hatte ich keine Lust, dafuer auf die Werke von Antonio Lopez Garcia, der sich zumeist auf Madrider Hochhaeuser setzt und malt, was er von dort sieht. Zuerst dachte ich, mein Gott, dann mach doch einfach ein Foto, aber dann hatten sie doch was, die Bilder.

Das MFA ist dabei, einen riesigen Anbau zu bauen, da man noch soviel auf irgendwelchen Speichern rumstehen hat und das nun auch endlich mal zeigen will. Mit allem Drum und Dran kostet das 500 Millionen USD – die alle aus Spenden finanziert werden muessen, denn um sowas kuemmert sich in den USA die Regierung nicht. In einem Mitgliedsmagazin las ich den Kommentare eines Grossspenders: “Wenn man in den USA Kultur haben will, muss man dafuer bezahlen.” Und dann gibt man mal eben 5 Millionen USD fuer den guten Zweck. 456 Millionen sind bereits zusammen…

Und das, wo die Amerikaner unter rasant steigenden Benzin- und Heizoelpreisen zu leiden haben. Mein Gastvater, nennen wir ihn Ricky, bestreitet seinen Lebensunterhalt mit einigen Mietshaeusern, die nun alle renoviert in Dorchester stehen. Das war ehemals eine Boomtown (Schiffbau in den 50er Jahren), ist aber heute groesstenteils ziemlich heruntergekommen. Sein Problem ist nun, dass er einige der Wohnungen “warm” vermietet hat und sich die Preise fuer Heizoel mehr als vervierfacht haben. Seinen Monster-Ford, ein SUV, hat er schon vor knapp zwei Jahren aus Benzinkostengruenden gegen einen Volvo Kombi eingetauscht und Lucy wird ihren 5er BMW gegen ein Prius Hybridauto eintauschen. So schnell geht das, da wird gar nicht lange gefackelt – und ALLES haengt am Preis. Sogar mit der U-Bahn ist man schonmal in die Stadt gefahren und hat es entgegen aller Erwartungen ueberlebt. Aber auch die U-Bahn Preise sind rasant gestiegen. Beim letzten Aufenthalt zahlte ich noch 75 Cents pro Strecke, jetzt sind es fette 2 Dollar. Und wurde ich vor Jahren noch wegen meines VW Polo ausgelacht, so ist er zu meiner Ueberraschung nun auf Bostoner Strassen unter dem Pseudonym “Rabbit” immer mal wieder zu sehen – er boomt und so auch andere kleine Wagen. Wer einen SMART will, steht auf einer monatelangen Warteliste.

Dann war da noch der “Big Dig”, ein Strassenbau- und Stadtverschoenerungsvorhaben gigantischen Ausmasses. Es hat ewig gedauert (etwa 15 Jahre) und 15 anstatt 7 Milliarden Dollar geschluckt. Es ging hauptsaechlich darum, Entlastung fuer den innerstaedtischen Verkehr zu bringen, indem man u.a. eine der Hauptarterien in einen riesigen Tunnel umfunktioniert hat und dort, wo sich vorher Massen an Autos entlangquaelten, teilweise auf einer eher unansehnlichen Hochstrasse, ist nun der Wharf District Park. Damit ist die Waterfront nun nicht mehr eher unueberwindlich von der Innenstadt getrennt. Es ist alles noch sehr neu und das suedliche Ende des Parks wird jetzt noch gestaltet, aber man kann sich da durchaus schon sehr angenehm die Zeit vertreiben. Der Verkehr fliesst im Tunnel wunderbar, nur da, woe r im Norden und im Sueden rauskommt und auf die gleichen alten nur dreispurigen Highways trifft, steht man weiterhin im Stau… Aber so haben sich einige Ecken in Boston ziemlich veraendert, aber fast immer zu ihrem Vorteil. Nur eines meiner Lieblingsgeschaefte hat leider zugemacht, das „Christmas Dove“ / und ich habe noch keinen adaequaten Ersatz gefunden…

So geht es… und ich bin derweil aufgebrochen nach Ottawa. Doch dazu spaeter mehr 🙂

Viele Gruesse
Barbara

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