Barbara und ich

„Goma kann man nicht erklären, das musst du dir selber ansehen,“ hatte im Herbst der angereiste Freund des Projektleiters geantwortet auf die Frage, warum er sich Goma (und nur Goma) für einen Urlaub ausgesucht habe – das sei ihm so gesagt worden und er könne das auch nur unterstreichen. Ich habe in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen, dass sich hier schleichend eine Persönlichkeitsspaltung breit macht, die Realität von 99% derer in Goma lebenden und die Realität des anderen 1%. Dumm, wenn man da in beiden irgendwie drinhängt.

Vergangene Woche habe ich mich mit einer Ethnologin der Universität Bayreuth getroffen, die uns ausfindig gemacht hatte. Sie beschäftigt sich im Rahmen ihrer Promotion mit jugendlichen IDPs – Internally Displaced Persons, oder auch Binnenvertriebenen. Dazu hat sie bereits in Kolumbien gearbeitet und möchte nun Vergleiche ziehen, allgemein gültige Muster finden und beschreiben usw. Dazu macht sie Interviews und kommt in der Stadt und auch außerhalb viel rum, immer auf den Motorrad-Taxis. Untergekommen ist sie allerdings bei einer wohlhabenden kongolesischen Familie mit Bediensteten, was für sie den täglichen Schuss Schizophrenie ausmacht. Wir haben uns zum Abendessen getroffen und lange geredet – saßen dabei auf einer Terrasse am Ufer des Kivu-Sees, ließen uns Fischgerichte bringen und zum Nachtisch einen Crepe mit Cognac und haben mit 50 USD alles in allem fast das Doppelte von dem ausgegeben, was der Bedienstete im Haus ihrer Gastgeber im Monat verdient. Nun, jetzt auch nicht mehr, denn er hat sie gleich am ersten Tag um ihre gesamte Barschaft erleichtert und ward nicht mehr gesehen. Kommt mir ein bisschen bekannt vor… Es war wie an der Côte d’Azur, leichter Wellengang, Palmen, Sonnenuntergang – das Licht war so gut, dass man die umliegenden Hügelketten ungewohnt scharf sehen konnte. „Draußen vor der Tür“ ist es mittlerweile soweit, dass sich mir morgens auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise Menschen vor das Auto werfen, um Geld bitten, um sich ihr deutlich erkennbares Hautproblem behandeln zu lassen, die Reise nach Goma habe schon alle Mittel aufgebraucht. Und wenn man den einen oder anderen Kilometer weitergeht, ist man am Flüchtlingslager – und jenseits davon ist eigentlich weiterhin mehr oder weniger „no go area“.

Das Flüchtlingslager war auch das i-Tüpfelchen auf einer bizarren Erfahrung in deren Genuss der Projektleiter und ich am Freitag gekommen sind. Es hatte sich eine Delegation deutscher Parlamentarier angekündigt. Einige Tage zuvor hatten wir bereits den Eindruck gewonnen, mindestens George Bush müsse im Anflug sein, als ein Trupp kahl rasierter Deutscher in beige und pastell-khaki mit „Mann ihm Ohr“ Einlass erbaten um festzustellen, ob unser Grundstück für den Besuch auch sicher sei (keine zu versiegelnden Kanaldeckel). Wer das für surreal gehalten hat, wurde freitags dann eines besseren belehrt. Nachdem sie verspätet eingetroffen waren, hatten sie noch genau 30 Minuten, um unsere Arbeit kennen zu lernen. Wir hatten uns für einen 20-minütigen Film entschieden und schnell war man sich einig, dass wir dann einfach mit in den UN-Bus steigen und Fragen dazu auf der Weiterfahrt zum nächsten „Termin“ beantworten sollten. Jetzt war es dann soweit, dass mindestens auch noch Condoleeza Rice mit irgendwo im Auto saß: vorne dran ein blauer Pickup mit acht bis an die Zähne bewaffneten und im Anti-Demo-Outfit ausgestatteten kongolesischen Polizisten, die hatten was von Armadillos, diesen Panzertieren. Dahinter ein dicker weißer Wagen der UN und dann wir in unserem Bus – rasten in einem AFFENZAHN, mit Fernlicht, Dauer-Warnblinker und Gehupe ohne abzubremsen durch die Stadt und raus zum Flüchtlingslager, wo wir ankamen, drehten und direkt weiter zum Flughafen fuhren, da der Abflug kurz bevor stand. Noch nicht mal Zeit für ein Foto! In diesem Konvoi des Wahnsinns auch an der Absturzstelle vorbei, die eigentlich weiter großräumig abgesperrt ist. Am Flughafen sind wir raus gefahren bis direkt ans Flugzeug und der Projektleiter und ich, die wir wohl sowieso aussahen wie Pat und Patachon, da wir uns an diesem Morgen beide für Jeans und ein dunkelgrünes Hemd/T-Shirt entschieden hatten, fiel wirklich unisono die Kinnlade runter beim Anblick der Maschine, in die die Herrschaften einstiegen. „No name“, ist wohl noch das positivste, was man dazu sagen kann – aber wer weiß, vielleicht war es ja ein auf alt gemachter Kranich und alles war Undercover…

Als wäre das nicht schon alles des Guten zuviel gewesen, habe ich mich am Abend entschieden, mir „The Last King Of Scotland“ anzusehen – ein Film über den ehemaligen ugandischen Präsidenten Idi Amin, „der mörderischste der Diktatoren, die bald nach der Unabhängigkeit ihre Länder ruinierten“, wie es im Spiegel Special vom Februar 2007 zu lesen ist. Der Film ist gut und nicht nur wegen des mit dem Oscar ausgezeichneten Forest Whitaker in der Hauptrolle, aber sicher nichts für zarte Gemüter, besonders zum Ende hin – ich konnte es nicht nur nicht mit ansehen, ich konnte es auch nicht mit anhören.

Trotz allem gibt es die den Expats eigenen Luxusprobleme: die Schwierigkeiten in der Schokoladenversorgung spitzten sich noch zu. Nachdem ich unseren Fahrer gebeten hatte, im deutschen Laden in Kigali für 30 USD quadratisch, praktisch, gut zu einkaufen, war mein Gewissen schon schlecht genug. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass es nicht nur für mich war… Als er dann zurückkam, gab es zwei furchtbare Erkenntnisse: die Preise sind erhöht worden, eine Tafel nun etwa 5 USD. Ich sehe mich schon am Rande der Beschaffungskriminalität, aber mit dem Preis kann ich gerade noch umgehen. ABER: unwissentlich hatte er für das ganze Geld ausschließlich DIÄT-Schokolade gekauft – ich habe selten widerlicheres gegessen; wahrscheinlich lässt sich selbst amerikanische Schokolade dem noch vorziehen und das will was heißen. Meine Erkenntnis daraus (wenn schon aus nichts anderem): eine Diabetes muss unter allen Umständen vermieden werden, der Verlust an Lebensqualität ist doch wesentlich größer, als ich gedacht hätte. Aus schierer Verzweiflung bin ich dann tatsächlich dazu übergegangen, 85%ige Schokolade im Wasserbad zu schmelzen, Puderzucker, Sahne und Milchpulver unterzurühren und dann in Eiswürfel-Formen zu füllen. Es ist essbarer als vorher, aber ein Gaumenschmeichler ist was anderes. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, Rum hinzuzufügen…


Manchmal wickle ich auch Geschäfte mit Blutgeld ab… Geld ist hier ja immer dreckig, aber das fand ich dann doch richtig eklig
Sometimes I also do business with „blood money“… Money is always dirty here but this was really disgusting

Der schwedisch sprechende Kuwaiti und sein sudanesischer Scherge sind immer noch in Goma im Zoll, seit 12 Tagen. Mittlerweile sind sie übernächtigt und verzweifelt und haben uns gestern fast erweicht, ihnen privat unter die Arme zu greifen. Dem Kuwaiti ist sein Telefon mit allen Firmenkontakten geklaut worden, jeder, wirklich JEDER bittet nicht sondern VERLANGT Geld, Zigaretten oder sonst was, die Leute seien herablassend und unfreundlich. So was wie hier hätten sie noch nie erlebt und das sei das erste und das letzte Mal gewesen, dass sie eine Lieferung in den Kongo gemacht hätten. In Mombasa würde man, um die Dinge zu beschleunigen, hier und da vielleicht mal einem 5 USD in die Hand drücken und damit hätte sich die Sache, hier müsse man offenbar mehrmals das Hundertfache investieren. Der eine Fahrer steigt gar nicht mehr aus seinem Truck aus. Vor ein paar Tagen hatte ich schon den Eindruck, dass der Kuwaiti an sich, als quasi Weißnase, das „Problem“ ist – wäre der nicht dabei, wäre das vielleicht etwas anders ausgegangen. Selbst bei ihrem ersten Auftritt bei uns im Büro redeten die kongolesischen Kollegen nur von „dem Araber da hinten“. Man hat ihnen sicher von Anfang an angemerkt, dass sie zum ersten Mal im Kongo sind, dann haben sie niemanden dabei, der Französisch spricht (das Kisuaheli hier finden sie total unverständlich) und mit Blick auf den leichten Fang ist der Blutsaugermechanismus voll angelaufen. Aber selbst der Sudanese meinte, so was habe er noch nirgendwo in Afrika erlebt und offensichtlich müsse man in den Kongo kommen, um das wahre Afrika kennen zu lernen – diese Schlussfolgerung fand ich bedenklich…

Mittlerweile könnte ich mich „beömmeln“ (ja, dieses Wort kennt das Rechtschreibprogramm nicht!) was die Wasserversorgung angeht. Aus dem Leck sprudelt es munter weiter und das, was bisher daran repariert wurde, haben offenbar Nachbarn gemacht: etwa 7346 schwarze Einmal-Plastiktüten darum gewickelt. In der Zwischenzeit sind die Leitungen an der „Hauptstraße“ entlang des UNHCR-Grundstücks und Richtung Innenstadt frei gegraben worden, als sei man auf der Suche nach dem Leck, während unsere Straße nicht nur deutlich sichtbar und einsehbar unter Wasser steht, sondern die kleine Fontäne eigentlich den Weg weist…

Derweil gebe ich mir hier einen Vitamin-C-Schock nach dem anderen: in „meinem“ Garten stehen nämlich ein Orangen- und ein Zitronenbaum. Die Orangen lassen sich zu sehr, sehr leckerem Saft verarbeiten und eine halbe Zitrone drücke ich mir immer in ein Glas Cola. Aber die zu ernten ist kein Zuckerschlecken: Zitronenbäume haben lange und ausgesprochen spitze Dornen!! Und wenn mir ganz langweilig wird, massiere ich mir zur Abendunterhaltung einen Hauch Pili-Pili ins rechte Auge… Das ist eine extrem scharfe Sauce, die ich auch 1:1.000.000 mit Wasser verdünnt nicht essen kann – meine chinesische Mitbewohnerin in Deutschland ist begeistert, treibt sie doch selbst ihr Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber ich vermute, es waren Reste an der Flasche Mayo, die ich benutzte, dann habe ich mir nur die Brille zurecht geschoben und dann dachte ich plötzlich und unerwartet, ich muss sterben, ja so schnell ging das…

Ab dem heutigen Mittwoch, 10 Uhr, geht hier der Punk ab: die Auditoren kommen zur Prüfung eines Projekts und am Nachmittag dann „die Neue“  Ich fühle die Ruhe vor dem Sturm…

Macht’s gut und viele Grüße von
Barbara und mir

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