My Goma life

Hach, ich habe soviel Strom, ich weiß gar nicht, was ich damit anfangen soll  Nein, so schlimm ist es noch nicht! Die Blackouts sind momentan nur zwischen 17:30 und 20:00 Uhr – zwar ist das die Zeit, in der man gemeinhin am hungrigsten wird, aber das ist doch schon ein Anfang! Die Wasserleitung ist auch repariert. So komme ich momentan heim, gucke erstmal eine DVD auf dem Laptop und kippe eine kalte Cola bis der Strom kommt und dann ziehe ich die Kochschürze an…

Der gute alte Rod (zusammen mit dem ebenso guten Billy (Joel)) haben mich am vorvergangenen Sonntag derart in einen Wahn versetzt, es ist gefluppt wie verrückt! Irgendwann kam Donald und ich war auf dem totalen High, mich unmerklich (?) im Takt wiegend, und meinte nur „Boah, weißt du, was das für ein geiles Gefühl ist, wenn man 500 Buchungen einhackt, sich dabei die Seele aus dem Leib schreit und hinterher stimmt der Saldo??????“ Er hat mich nur mitleidig angeguckt… So aber war der Monatsabschluss am 3.4. drin und nach Bonn geschickt – aber im Ernst, es war ja nur ein Akt der Verzweiflung mit Blick auf das Restprogramm dieses Monats und der ersten Maiwoche. Aber immer eins nach dem anderen…


Butembo – das Interesse an Kameras und dem Posieren vor denselben ist immer noch groß
Butembo – interest in cameras and posing in front of them is still big

Die nächste Erkältung ist auch schon wieder im Abklingen begriffen – die habe ich mir bestimmt auf der Gorilla-Tour eingehandelt. Es ist aber auch immer irgendwas… da ich jetzt ausschließlich selber koche lässt mich mein Magen-Darm-Trakt, auf den meine Reiseapotheke eingestellt ist, total in Frieden, klopf auf Holz, und ich muss stattdessen meine Papiertaschentücher rationieren. Wie man’s macht… Und nicht nur die Nieserei raubt einem den Schlaf. Ich glaube, es war in der Nacht auf Montag, da war hier ein unglaubliches Gewitter. Dass man das Blitzspektakel über den Bergen rund um den See bewundern kann, habe ich ja letztes Jahr schon berichtet – aber das war ne ganz andere Nummer. Es hat stundenlang, mindestens von 22 bis 3 Uhr, gegossen wie in Strömen und dabei jede Minute gedonnert, dass du gedacht hast, der Vulkan bricht gerade auseinander. An schlafen war nicht zu denken, auch nicht mit Ohrstöpseln, das Gedröhne hat die Eingeweide zum Vibrieren gebracht, wie in der Disko. Der Wächter und Haushälter meinte am nächsten Morgen, er habe gar nichts gehört… ich konnte nur ungläubig staunen, aber vielleicht wohnt er ja ganz weit weg, Butembo oder so, und kommt jeden Morgen mit der 5-Uhr-Maschine der Lufthansa um seinen Dienst anzutreten 😉

Apropos Fliegen… meinen Empfang am Flughafen in Goma muss ich ja doch noch kurz schildern, auch wenn er chronologisch zum vorherigen Eintrag gehört. Alles steigt aus, man geht zu Fuß die paar Schritte zum „Arrivée F“ und stellt sich in der Schlange zur Passkontrolle an. Stehe ich also da, gedanklich noch total bei den Gorillas und dem tollen Osterfest in Butembo, da höre ich jemanden rufen: „Hooooooochchchch!“ Ich gucke hoch und es ist der befreundete „Bruder“, der sich hier um die armen Seelen kümmert, und sich nun geradewegs entgegen der vorgesehen Bewegungsrichtung durchkämpft und scherzhaft aber lauthals in die Menge ruft: „Elle est ma fiancée! Sie ist meine Verlobte!“ Damit ging die Passkontrolle mit einem Grinsen vonstatten und meine Tasche wurde auch nur sehr oberflächlich gefilzt…

In der Zwischenzeit habe ich mir – wer weiß, ob man Karneval nicht doch noch mal aktiv werden wollen könnte – ein kongolesisches Ensemble nähen lassen. Für die Oper dann doch ungeeignet. Alles in allem stellte es sich als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Schwester einer unserer Angestellten heraus, aber was soll’s: wollte ich sowieso machen lassen und so ging es ruckzuck. Nur leider hat der Reißverschluss am Rock schon die erste Anprobe nicht überstanden… mal sehen, ob ich das noch reklamiert kriege.


Mode à la Congolaise
Fashion à la Congolaise

Tja, oben schrieb ich noch, vor ein paar Tagen, dass die Wasserleitung repariert sei, was auch den Tatsachen entspricht. Nur leider ist ganz Goma momentan ohne Wasser, der Grund ist mir noch unbekannt. Aber den lieben langen Tag lang bewegen sich Ströme von Menschen mit gelben Kanistern in allen möglichen Größen zum See, um sich dort zu versorgen. Nahebei gibt es (immer, nicht nur jetzt) eine Stelle, an der sich jeder kostenlos eine Portion Chlor holen kann, um das Wasser vom gröbsten zu reinigen. Das wird auch rege in Anspruch genommen. Mal sehen, wie lange die Wasserversorgung noch ein Problem bleibt. Es ist mir wirklich vollkommen unverständlich, in einer Gegend, wo es soviel Wasser gibt – man muss keine teuren Meerwasserentsalzungsanlagen bauen oder kilometertief bohren um auf irgendwelche fossilen Vorkommen zu stoßen. Da gibt es meiner Meinung nach Regionen, in denen es auf den ersten Blick wesentlich schwieriger und teurer sein sollte, die Wasserversorgung aufzubauen und am laufen zu halten.

Derweil haben wir ein Schokoladennachschub-Problem. Der deutsche Laden in Kigali hatte nichts quadratisch, praktisch, gutes mehr und nun haben wir nur noch Aachener Produktion zu 85% Kakao – das kann ja keiner essen. Nun überlegen wir, ob man diese nicht einfach erwärmen, mit etwas Sahne und Zucker anreichern und für die tägliche Suchtbefriedigung anpassen kann. Der eine meint allerdings, so mit Sahne mit das zu dünn, man sollte Milchpulver nehmen. Vielleicht sollte ich den mir bekannten Chocolatier in spe mal privat anschreiben und nach einem improvisierten Rezept fragen…

Was mache ich sonst noch so, wenn ich mich nicht gerade in Ekstase buche? Ich sichte Angebote für eine mittlerweile etwas unübersichtlich große Anzahl an Ersatzteilbestellungen für LKWs und Baumaschinen unterschiedlichster Bauart, von Kettenspannern über Bremsbeläge und Scharmesser hin zu Hydraulikpumpen. Ich bespreche diese Angebote mit dem Verantwortlichen und es wird entschieden, wo was gekauft wird. Das obliegt dann mir in Kooperation mit einer Kollegin in Deutschland. Ich beschäftige mich mit einer Bestellung riesiger Massen an Öl- und Schmierstoffen in Kenia (welches Öl in welcher Menge für welches Projekt – die Entscheidung fälle natürlich aufgrund fachlicher Unzulänglichkeiten nicht ich, aber wie was bezahlt wird, liegt bei mir). Ich regele alle möglichen Angelegenheiten, was das europäische Personal angeht. Ich bin in ewigem Kampf mit dem Internet, das von Tag zu Tag langsamer wird und mittlerweile den Versand von Anhängen komplett verweigert. Ich versuche, 35 lokale Angestellte nach Goma fliegen zu lassen. Die Maschinen, die dafür in Frage kommen, weil sie weniger schlecht gewartet sind als der kongolesische Durchschnitt, kann man an einer dreifünftel Hand abzählen. Eine fällt flach, da zu klein. Die andere – „große“ verlässliche – war schon gechartert und hat plötzlich Hydraulikprobleme und muss sofort zu einer ausgedehnten Wartung nach Nairobi. Eine andere halb große kommt ins Gespräch, die auch gut gewartet zu sein scheint. Die haben wir schon gechartert und voll beladen für den Hinflug – da kommt die Meldung, dass in dem Ort, wo sie landen soll, gerade die Mayi-Mayi Milizen den Aufstand proben und nicht geflogen wird. Wir treiben eine weitere Maschine auf, die wohl kurzfristig an einen anderen Ort fliegen würde – aber weil da die Landebahn so kurz ist, würde der Pilot maximal 4 Passagiere wieder mit nach Goma bringen; das alles lohnt sich nicht wirklich… Und so vergehen sie, die Tage, und zwar wie im Flug, auch wenn keiner stattfindet.


Madame Chanty, Kassiererin, und Monsier Kambale, Administrator
Madame Chanty, cashier, and monsieur Kambale, administrator

Und zwischendurch führe ich mit meinen direkten Admin-Kollegen, der Kassiererin Madame Chanty (deren Charme und Sinn für modische Extravaganzen die Herren in ihren Bann zieht – in vier Wochen habe ich darüber hinaus schon mindestens 5 total verschiedene Frisuren (auch Farben) gesehen und eines Morgens, als ich besonders verdutzt war, meinte sie nur lachend „Madame, das ist ein „chapeau““ – ein Hut. Sie hatte eine fesche Perücke auf)… mit ihr also und dem Administrator und für die Angelegenheiten des lokalen Personals zuständigen Monsieur Kambale führe ich hin und wieder ein interessantes Gespräch – soweit es mein sprachliches Vermögen zulässt. Zuletzt drehte es sich aus aktuellem Anlass um die Todesstrafe. In der Stadt waren Demos von aufgebrachten Frauen, die forderten, dass der gefasste Mörder einer der ihren gefälligst umgehend auch die Radieschen von unten zu sehen habe. Diese Meinung teilte Chanty, Kambale aber nicht. Er sagte, es liege in der Hand Gottes über Leben und Tod zu entscheiden. Da lagen wir insofern ähnlich als ich denke, man sollte sich durch die Verhängung und Ausführung der Todesstrafe nicht auf eine Stufe stellen mit dem Täter. Viel interessanter aber, wenn auch grausam, waren die Umstände der Ermordung, die so noch gar nicht nachvollziehbar sind… man steigt nicht recht dahinter oder will mir nicht alles beleuchten. Am helllichten Tag wurde ein Haus gestürmt, Schmuck sollte rausgerückt werden, Geld und andere wertvolle Dinge, was man auch tat. Die ganze Familie war zu Hause, Mann, Frau und Baby. Nachdem alles eingesackt war, richteten die Diebe die Waffe auf die Frau und ihr Mann soll gesagt haben, wenn denn einer dran glauben müsse, so solle man doch ihn erschießen, damit sich danach noch jemand um das Baby kümmern könne. Das Baby schrie wie am Spieß, so dass der Mutter befohlen wurde, sie solle es beruhigen, stillen, was sie auch tat. Als es ruhig war wurde sie geheißen es zur Seite zu legen, was sie ebenfalls tat – und dann wurde sie erschossen. Der Mann nicht. Es heißt, es seien Bekannte des Mannes gewesen… da sie auch bereits gefasst sind, liegt das vielleicht nicht so fern. Nur – was soll das alles? Man sagte mir, in Goma passierten viele Dinge wegen Eifersüchteleien. Ich fragte nach, ob es sich dabei um romantische Eifersüchte handelt oder rein materielle – darauf wurde ausweichend geantwortet. Wahrscheinlich war es ein vertrackter Mix aus allem möglichen…

Und nun wieder auf in den täglichen Wahnsinn!

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