Sommertage in Südfrankreich

Auf dem Weg zur Schule an der Place Gambetta

Auf dem Weg zur Schule an der Place Gambetta

Viele Grüße aus Bordeaux! Ich bin hier bestens angekommen, auch wenn mich der Thalys schockiert hat – so was gammeliges! Aber gammelig hin oder her, er war pünktlich auf die Minute in Paris und auch den Transfer von einem Bahnhof zum anderen per Metro habe ich gut regeln können… in 35 Minuten von einem Bahnsteig zum anderen. Das mit verdrehtem Knie, einer Monstertasche und so gut wie keinen Rolltreppen oder Aufzügen. Erschreckend.

Dass Bordeaux es schwer haben würde im Vergleich mit Aix-en-Provence, war von vorneherein klar, obwohl ich mir ja fast ständig das Mantra vorsagte “Bordeaux ist nicht Aix, das ist ne ganz andere Nummer, Bordeaux ist nicht Aix”. Und natürlich ist hier auch abgesehen von der Sprache so ziemlich alles anders

Die Blaue Ecke gibt es nicht nur in Adenau...

Die Blaue Ecke gibt es nicht nur in Adenau...

(und selbst die, wenn man genau hinhört… aber lassen wir das). Ich wohne in einem zweckmäßigen “Apartel”, 20 Minuten zu Fuß von der Sprachschule weg und schon in die Richtung, was der Reiseführer Vorstadt nennt – das halte ich jedoch für übertrieben. Auch wenn ich wohl die ersten Corbusiers mal auf einem kleinen Spaziergang nach dem Abendessen ablaufen könnte…

“Ein klassizistisches Highlight” nennt der Reiseführer diese Stadt und breite Straßen, üppige Plätze, ausladende Bauten und überwältigende Statuen und Denkmäler prägen das Bild. Man ist begeistert von den nicht mehr existierenden Hafenanlagen und wie schön es nun am Ufer der Garonne ist… ich habe den Vergleich nicht, aber hauptsächlich finde ich den Blick auf die andere Uferseite furchtbar öde und die “Waterfront” macht mit ihrer Bepflanzung noch einen sehr künstlichen Eindruck, wenn auch belebt – zumindest an einem supersonnigen Sonntagnachmittag (ja, die Wettervorhersage stimmte bis hierhin und morgen soll es auch entsprechend weitergehen – wie dumm nur, dass ich bis 16:15 in der Schule hocke…). Faszinierend jedoch finde ich den Miroir d’eau, den Wasserspiegel, am Place de la Bourse. Eine große Fläche am Flussufer, auf der minimal (weniger als 1 cm??) Wasser steht in dem sich das Ensemble auf der anderen Seite der Straße spiegelt.

Miroir d'eau, Place de la Bourse

Miroir d'eau, Place de la Bourse

Einkaufen kann hier auf jeden Fall gut, wer 800 Euro in Handtaschen investieren kann bzw. will – mir kamen da gleich gewisse asiatische Beispiele in den Sinn. Für mich selbst habe ich an der Haupteinkaufsstraße noch nicht wirklich was entdecken können, aber da gibt es noch so viele Nebenstraßen, die erst noch ausgekundschaftet werden wollen – also den Tag mal nicht vor dem Abend loben. Was ich allerdings schon entdeckt habe, sind die Chocolatiers… Sonntags hat ja so gar nichts auf, aber dann doch dieser eine – der mich dann schon von seinen Künsten überzeugt hat (und es ist noch nicht mal eine von den beiden, die man laut Reiseführer getestet haben muss…). Für mich können sie sich das Angebot der Weinprobe sparen, ich teste lieber die Chocolatiers! Die Anonymen Dicken haben mich den ganzen Tag, inkl. Abendessen, voll im Griff und dann meine ich auf einmal, ich müsse noch was haben zum Hausaufgaben machen oder Fernsehen oder Paris Match lesen. Und der Kühlschrank quillt über von den verschiedensten Obstsorten, aber das ist dann alles irgendwie unbrauchbar. Das kriege ich nicht abgestellt. Hm. Schau’n wir weiter.

Ich habe sowohl vormittags als auch nachmittags wie es scheint gute Kurse erwischt mit Lehrerinnen, von denen der Funke überspringt. Und interessante Leute… eine Koreanerin, eine Australierin, ein Pole, zwei Letten usw. – hier sind die Dinge mal nicht fest in deutscher Hand. Und es passiert ausgesprochen selten, dass jemand dabei ist, der auf die Frage “Was machst du beruflich?”, die in meinem Fall immer eng gefolgt ist von “Wo hast du denn schon gearbeitet?”, ähnlich antwortet und den Vogel abschießt: weiblich, ledig, jung, zwei Jahre Afghanistan als britische Soldatin in Mazar-i-Sharif und Helmand. Ich vermute, wir habe noch einige interessante Gespräche vor uns. Sie hat nun einen Master in internationalen Beziehungen gemacht und beim Roten Kreuz gearbeitet und ist auf Jobsuche. Und Hammer: unser “Laden” war ihr in der deutschen Fassung ein Begriff…

Meine erste Entdeckung - moderne Kunst im Garten des Rathauses beim Museum der schönen Künste

Meine erste Entdeckung - moderne Kunst im Garten des Rathauses beim Museum der schönen Künste

Auch immer wieder interessant finde ich diese Momente, wo 30 neue Schüler nach und nach morgens gegen 8 Uhr eintrudeln, zur Einführung im Salon Platz nehmen und die Konversation IMMER über eine Person läuft. Diese eine Person ist immer US-amerikanischer Herkunft. In diesem Fall weiblich, ca. 60, edel gekleidet und sprach davon, dass sie beruflich “in interior design” macht. Und diese Person hatte ich vor ihrem dritten Satz voll durchschaut. Mein Tipp war, “Boston” – die Antwort war “Beacon Hill” (DER Stadtteil von Boston)… wieviel genauer kann man treffen?? Wir machen dann mal ein paar Monate Französischkurs weil wir vielleicht für das Sommerhalbjahr nach Frankreich ziehen wollen – im Winter sind wir ja schon länger immer in Florida. In Bezug auf Bordeaux war ihr gesagt worden, dass die Stadt mit Boston vergleichbar sei. Hhmmmmmm. Das sehe ich noch nicht so ganz, außer evtl. an der wiederhergestellten “Waterfront”. Ich sehe die Stadt nun jedenfalls mit anderen Augen.

Wie kann es sein, dass es bis zum 6.9. eines Jahres dauern kann, bis man sich mal in ein Café in schöner Lage niederlässt, einen Milchkaffee zu sich nimmt, dabei liest und sie die Sonne ins Gesicht scheinen lässt (ja, meine Nase hat gelitten)?? Allen Ernstes, dazu war ich bislang nicht gekommen – wahrscheinlich weil es immer fatale Konstellationen von freier Zeit mit schlechtem Wetter und Nähe eines Cafés in schöner Lage gab…?

In diesem Sinne – ich gucke gar nicht, wie das Wetter in Deutschland ist!
Viele Grüße
Barbara