Und dann war Chaos

Eigentlich, ja: eigentlich wollte ich einfach nur noch heim. Die 25 Minuten Fahrt lesend oder vielleicht sogar dösend im Zug sitzen. Die Woche war höllisch anstrengend und an diesem Donnerstag war es schon gefühlter Freitagabend. So saß ich also mit dem Rücken zum Fenster im Fahrradabteil in der RB zwischen zwei rheinischen Metropolen und wunderte mich noch, warum um alles in der Welt es wohl so voll war, dass man sich vorkam wie in Tokio zur Rush hour – und das an einem Wochentag um diese Zeit. Dann versuchte ich, mich auf einen Artikel über die kubanisch-amerikanischen Beziehungen zu konzentrieren.

„Sie müssen aufstehen!“ hörte ich eine fordernde ältliche Frauenstimme und beobachtete aus dem Augenwinkel, dass sie es darauf absah, ihr Fahrrad diagonal gegenüber an den Rand zu stellen, vor die Klappsitze. Dafür würde sie die Breite von drei Sitzen brauchen, nur zwei waren frei – und das auch nur, weil ein Kinderwagen in der Mitte den Durchgang versperrte. „Stehen Sie auf! Das ist ein Fahrradabteil! Mein Fahrrad muss da hin!“ Die Frau, an die sie ihre Aufforderung gerichtet hatte, blickte ungläubig von ihrem Buch hoch. „Das meinen Sie doch jetzt wohl nicht ernst, dass Ihr Fahrrad in einem derart vollen Zug drei Plätze blockieren kann?!“ Mittlerweile war die Aufmerksamkeit aller geweckt. „Stehen Sie auf! Da gehört mein Fahrrad hin!“ – „Ja, das ist ein Fahrradabteil!“ meldete sich ein Herr mit Fahrrad von der Tür her zu Wort. Und diesen Satz würde er Wort für Wort in der exakt gleichen Tonlage immer wieder sagen in den kommenden 15 Minuten, wie eine Schallplatte mit Sprung.

Die Rentnerin neben mir begann zu vermitteln und sagte zu dem Geschäftsreisenden, dessen Koffer den einen Sitz am ganz anderen Ende der Reihe blockierte: „Gucken Sie doch mal: wenn Sie den Koffer da weg nehmen und dann alle einen Platz aufrücken, dann hat das Fahrrad doch Platz.“ Das machte der dann auch und alle rückten auf. Missmutig nahm die Frau ihr Fahrrad und lehnte es an die drei Sitze, um sich dann Richtung 1. Klasse Abteil zurückzuziehen. Es dauerte ca. 37 Sekunden, bis das Fahrrad einfach umfiel und mit dem Lenker fast das Baby im Kinderwagen erwischte. „Boah eh, dat kann ja wohl nisch wahr sein, oder wat?“ stieß die erboste Teenage Mom aus. „Die Alte hat se ja wohl nisch mehr alle, oder wat?“ Eine junge Frau und ein nicht mehr ganz so junger Mann aus der Stehplatzfraktion schlugen blitzschnell zu und besetzten zwei der drei freigewordenen Klappsitze. „Das ist ein Fahrradabteil!“ kam es von der Tür. Wenige Augenblicke später kam besagte Alte aus dem 1. Klasse Abteil, um sich anzusehen, was da los war. „SIE haben mein Fahrrad umgeworfen!!! Heben Sie es SOFORT auf!“ schrie sie die lesende Frau an, die sie nur fassungslos anstarrte und dann wahrheitsgemäß meinte, sie habe ihr Fahrrad ja gar nicht berührt und was sie denn erwarte, wenn sie es weder anbinde, noch den Ständer ausklappe?? Alle nickten und ich hatte schon lange den roten Faden in den kubanisch-amerikanischen Beziehungen verloren. „Wenn isch hier gleisch nisch mit dem Kinderwagen durschkomm, mach ich dat Rad platt, dat sach isch dir,“ warnte die Teenage Mom und sah beifallheischend in die Runde. Der Geschäftsmann gegenüber jedoch vermutete, dass es sich wahrscheinlich um eine Aktionskünstlerin handelte und wir nur alle zu blöd seien um die Kunst zu erkennen.

„Das Fahrrad ist jetzt kaputt und die Tüte auch!! Was mache ich denn jetzt? Ich verlange Schadenersatz!“ sagte die Fahrradbesitzerin und setzte sich ihre Sehhilfe, die annähernd die Größe einer Taucherbrille hatte, zurecht. Ein ungläubiges Kichern ging durch die Reihen, wurde jedoch jäh unterbrochen durch ein „Ja, das ist ein Fahrradabteil!“ Das wiederum löste eine neue Attacke auf den Mann aus, der sich zwischenzeitlich auf einen der Plätze gesetzt hatte und las. Oder es zumindest versuchte. Anfangs führte er die Diskussion noch mit rationalen Argumenten, aber dann wurde er einfach nur noch sauer. „Die Alte krischt dat doch jar nisch auf de Reihe, dat sind doch Perlen vor die Säue,“ wandte die Teenage Mom ein. Dann zog die Alte wieder ab und sie fuhr fort, „Dat is doch läscherlisch, die sollte mal in den Kindergarten gehen, da lernen die wenigstens wie man sisch benimmt.“

Wir standen schon erstaunlich lange an einem Unterwegsbahnhof und plötzlich erkannte ich durch die Glastür zum 1. Klasse Abteil, dass die Alte den Lokführer aus seiner Kabine zerrte, damit er sich in ihrem Sinne der Sache annehme. Der kam total genervt mit und fragte „Würden Sie aufstehen, damit die Dame ihr Fahrrad abstellen kann?“ worauf das gesamte Abteil unisono mit „NEIN!“ antwortete. „Ja, das ist ein Fahrradabteil!!“ kam es wieder von der Tür. Es ließ den Lokführer jedoch kalt und er meinte nur: „Da hab ich keine Zeit für, ich muss noch nach Remagen,“ und drehte sich um und ging. Die Alte zog sich ebenfalls wieder zurück, aber eine junge Frau kriegte ihr Gemurmel noch mit und verkündete, dass wir nun offenbar alle mit einer Klage zu rechnen hätten und die Bahnpolizei am Zielort sich dann zuerst mal der Sache annehmen würde.

Der Zielort nahte und die Teenage Mom begann die Vorbereitungen zum Aussteigen, was uns den wenig erstrebenswerten Blick ganz, ganz tief in ihre Jeans bescherte und die obligatorische Mitteilung per Handy „Ja, isch bin im Zuch. Wir sin gleisch da…. Watt weiß isch denn, 3 Minuten oder watt. Is ja wohl net so wischtisch oder?… Ja, bis gleisch.“ Ein junger Mann, den ich rein ethnografisch in Nordafrika einordnen würde, bückte sich und hob das Fahrrad auf. „Nä, lassen se doch liegen, da heb isch den Kinderwagen ja lieber drübber.“ – „Nein,“ sagte der vermutete deutsche Mitbürger nordafrikanischer Herkunft, „das geht so nicht, Sie müssen doch da durch,“ und drückte den Lenker dem Mann mit dem Buch in die Hand, der auch gerne festhielt. Die Alte war im Anflug und von rechts kam ein deutlich slawisch beeinflusstes, „Ooh, jetz gibs Krrriek!“ Aber sie schien wohl aufgegeben zu haben. Nach dem Aussteigen beobachtete ich noch, wie von außen eine junge Frau von wesentlich weiter hinten im Zug noch an die Führerkabine klopfte und der Lokführer das Fenster öffnete. „Da hinten rauchen so ein paar kleine Jungs im Zug!“

Die Alte war sicher auf den Weg in meinen Stadtteil, wo nach Auskunft einiger derangierter Mitbürger sowohl ein Massenmörder frei herumläuft, als auch das Leben am Umspannwerk alle ständig unter Strom stehen lässt. Ich wurde nur den Gedanken nicht los, dass es ja irgendwie kein Wunder ist, dass die Bahn „immer“ Verspätung hat, oder?

Schönes Wochenende!
Barbara

3 Kommentare zu “Und dann war Chaos

  1. SUUUUUUUPERRRRRRR!!! :-))) Habe mich beim Lesen köstlich amüsiert und Kiana hat mich aus grossen Augen verständnislos angeschaut 🙂

    MannMannMann- die Fahrradwürde ich unantastbar! Ich habe mich besonders über das einstimmige NEIN gefreut 🙂

    Ich hoffe, dir gehts ansonsten gtu und ich freue mich wie immer, dich wiederzusehen! Aber- huch- du fliegst ja bald!! Kriegen wir das noch hin?

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  2. Hallo Barbara,
    habe Muskelkater im Gesicht vom ständigen Grinsen und Lachen über deine Story in der RB!! Unheimlich gut geschrieben, mit jener von dir ja bekannten Mischung aus Humor und Realitätswahrnehmung! Bin echt begeistert. Im Generalanzeiger lese ich täglich Schlechteres aus der Rubrik kleiner Dönekens von freien JournalistInnen. Biete doch den Artikel „Ja, das ist ein Fahrradabteil“ mal einer Zeitung an!!
    Danke für dieses Highlight!!
    Gruß von Jörg

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  3. Einfach nur großartig. Und sowas passiert leider häufig: Vor allem den Spruch „Das hier ist ein Fahrradabteil“ kenne ich auch schon :-).
    Lieben Gruß, Annika

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