Unterwegs mit Othello

Am späten Montagnachmittag bin ich pünktlich in Monrovia angekommen und wurde von einem Kollegen in Empfang genommen, mit dem es dann die ca. 60km vom Flughafen in die Stadt und zum Büro ging. Was mir gleich die Frage in den Mund legte, welche Gründe es denn wohl gegeben haben mag, den Flughafen so weit weg zu bauen? Tja, es sei ja auch eigentlich gar nicht der von Monrovia, da gebe es einen kleineren nahe bei. Dieser internationale sei gebaut worden, als Firestone noch aktiv war in Liberia, siehe dazu später zum Thema Kautschuk.

Zu einem kleinen Willkommensumtrunk ging es zu Linda’s Enterprise gleich um die Ecke, eine kleine Kaschemme mit ca. 20 Plastikstühlen an ebensolchen Tischen davor, ohrenbetäubender Pop aus Nigeria kam aus irgendwelchen Lautsprechern und zwischen den Tischen musste man aufpassen, dass man nicht über unzählige Verlängerungen von Verlängerungskabel stolperte, denn hier war surfen angesagt: WLAN und im Schnitt an jedem Tisch zwei Laptops vertieft im WWW.

Nach Abendessen und anschließender „Eimerdusche“ im Guesthouse war ich dann ziemlich schnell im Reich der Träume – bis gegen 3 Uhr morgens der verdammte Hahn von gegenüber meinte, den Tag einläuten zu müssen. Und da es nicht wurde und nicht wurde mit dem Tag, hat er das stundenlang durchgehalten. So war es dann wirklich kein Problem, bereits um 7 Uhr abfahrbereit nach Zwedru zu sein.

Dass ich das mit dem Liberian English nicht draufhabe, merkte der Fahrer Othello alsbald grinsend an – musste ich jede Aussage mindestens dreimal nachfragen und verstand meist immer noch nichts. Was man aus How da body? zu machen hat, versteht man irgendwann (Wie geht’s?). Die häufige Antwort I’m tryin‘ small interpretiere ich als Man schlägt sich so durch.. Viel schlimmer jedoch ist es in ganz normalen Zusammenhängen, wo das Problem nicht nur etwa eine, sagen wir mal „alternative“ Grammatik ist, sondern einfach die Beschränkung auf die Anfangssilben von Worten – bei fast jedem Wort. Schon am Abend vorher wurde mir im Restaurant mixfreirei angeboten, was denn da mixed fried rice wäre. Hoffnungslos verloren hingegen war ich heute im Auto nach dem Hinweis „wiegobäro“. Nachdem ich viermal nachgefragt hatte meinte Othello dann, er würde das schon merken, ich verstünde das alles nicht (no shit, Sherlock!) – es war der dezente Hinweis, dass wir von der Asphalt- auf die Staub-bzw. Matschpiste wechseln würden, also „we go bad road“ bzw. „we go on the bad road now“. Manchmal denke ich, es ist der arabischen oder persischen Schriftsprache nicht unähnlich, wo man sich auch so seinen Teil dazu denken muss, um daraus Sinn zu machen…

Die Straßen Liberias, ob nun asphaltiert oder nicht, bieten immer wieder neue Entdeckungen. Zuerst dachte ich an Löwenzahn, als ich herausgerissene Grasbüschel auf dem nicht vorhandenen Mittelstreifen sah, erkannte jedoch bald, dass die nicht durch den Asphalt gebrochen waren, sondern eben darauf lagen. Der Zusammenhang war aber erst klar, als ich es dann mal frisch erlebte: es ist sozusagen das Warndreieck und man knallt auf 50m alle drei Meter oder so einen Büschel hin, damit der nachfolgende Verkehr weiß: Achtung! Da vorne ist ein Unfall / eine Panne. Auch noch nie gesehen war die menschliche Kühlerfigur: auf einem wunderbar gelben Taxi saß ganz leger im Damensitz ein junger Mann auf der Beifahrerseite auf der Motorhaube, während das Gefährt mit geschätzten mindestens 60 km/h durch die Welt bretterte. Ob der für den Trip auch noch zahlen musste?

Die Aufschriften auf den LKW und anderen Beförderungsmitteln sind wieder wunderbar, so zum Beispiel Barcelona FC – Thank God I made it Was? Wohin hast du es geschafft? Und was hat der FC Barcelona damit zu tun? Fragen über Fragen… Obama Transport USA. Das ist mal eine Aussage, da bleiben keine Fragen offen. Auf einem Mülltransporter stand Sanitation is dignity und ich dachte: ja, genau das ist es und wieso muss das erst bekannt gemacht werden? Die Kellnerin im Restaurant in Zwedru hatte das noch nicht gelesen, räumte sie doch Kronkorken, leere Zigarettenschachteln und Klopapier (!) vom Tisch, indem sie alles zusammenknüllte und kurzerhand von der Terrasse in den vollkommen überfluteten Hinterhof warf. Das mit dem Klopapier ist auch so ein Dingen. Das wird in Restaurants und Kneipen nämlich offenbar als ästhetisch wertvoll angesehen, wird damit doch vor dem Servieren der Flaschenhals umwickelt… oder aber es macht den Anschein von gesteigerter Hygiene?

In der Zwischenzeit ist es Mittwochabend, die Zeit vergeht wie im Flug – obwohl hier „die Welt untergeht“ vor lauter Regen und ich deswegen heute auch nicht wie geplant zu Projekten rausfahren konnte. So insgesamt war das nicht weiter tragisch, es gab auch im Büro ein Betätigungsfeld. Man „so einige“ Stellen ausgeschrieben und es waren „so einige“ Bewerbungen reingekommen. Wir schätzen mindestens 1500. Heute haben wir – die Administratorin, die Funkerin, weitere wechselnde Kollegen und ich – schon mal etwa 800 Umschläge aufgemacht und nach Standorten sortiert. In liberianischer Namensgebung bin ich nun sehr bewandert. Es schickt mich jedoch auch in diesem Kontext, wie wenige Leute es fertig brachten, den Namen des zuständigen Kollegen richtig auf den Briefumschlag zu schreiben. In einem Fall wäre dies „Hamid“ gewesen. Da war alles dabei, von Hanid, Homid, Honid, Hameen, Harnid – bis hin zu Humid. Aber festgeschriebene Rechtschreibung gibt es wohl auch nicht. Nancy kann auch schon mal Nensee geschrieben werden. Cool hingegen finde ich die mir bislang unbekannten weiblichen Formen von John und Stephen: Johnetta und Stephenetta. Denke dabei aber zumeist an „Ich möchte Loretta genannt werden“ und ihre Volksfront von Judäa. Michael Jackson lebt und schlägt sich nun als Fahrer durch; auch Anthony Yeboah versucht sein Glück nun in Liberia – als Logistik-Assistent.

Aber ich wollte ja auch noch was zu Kautschuk sagen… und dann ist’s gut, denn morgen will ich das dann in Fishtown vielleicht doch langsam auch mal posten. Auf dem Weg von Monrovia nach Zwedru sind wir neben so vielem anderen auch an ehemaligen Firestone Kautschuk-Plantagen und dazugehörigen Wohnsiedlungen vorbeigekommen. Die waren hier groß im Geschäft und riesige mit Kautschukbäumen bestandene Monokulturen säumten unseren Weg. Die Bäume werden sozusagen angeritzt, dann wird ein Schälchen drangehängt und da läuft der Saft dann rein, wird eingesammelt und – wie ich vermute, habe vergessen zu fragen: eingekocht. Überall gibt es Kautschukankaufstellen, ich habe ganze Pick-up-Ladeflächen voll der wabbeligen dreckig-weißen Masse gesehen… wie diesen Schleim, den man an die Wand werfen kann. Und gerochen habe ich es auch… kann’s zwar nicht beschreiben, aber ich würde es jetzt jederzeit wiedererkennen… Da ist wohl noch ein ganz nettes Geschäft mit zu machen. Aber so richtig Kohle ist woanders; Eisenerz oder Gold zum Beispiel. Und wie man das häufiger sieht auf diesem Kontinent, gibt es dann schonmal eine großzügig angelegte Uni außerhalb der Hauptstadt, funkelnagelneu, nur scheint kein Schwein drin zu sein. Oder ein schickes Krankenhaus, vor 6 Wochen feierlich eröffnet. Aber keiner drin. Dabei ist es unklar, ob es ein Mangel an Personal und/oder Medikamenten ist. Viele Grüße aus Fernost, die Konzessionen sind vergeben.

Schauen wir mal, was uns die Fahrt morgen noch alles offenbart. Ich bin gespannt, ob auch wieder soviel Getier unterwegs ist. Ich habe zwar nichts exotisches gesehen, aber so ziemlich alles andere: Hunde, Ziegen, Schafe, Kühe, Mäuse, Eichhörnchen, Schweine, Hühner… letztere dann auch KLATSCH voll vor meinen Teil der Windschutzscheibe, aber das Gackern war noch im Abprallen zu hören. Obwohl… dafür sind die bekannt, oder?? Noch lange nach Ladenschluss Lebenszeichen von sich zu geben??

Hier ist jetzt auch Ladenschluss und ich stelle die Lebenszeichen jetzt vorübergehend ein, Gute Nacht!
Barbara

Ein Kommentar zu “Unterwegs mit Othello

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