Zweiter Besuch im Herz der Finsternis

Meine Nachbarn sind informiert, sie können die Zeichen deuten: wenn meine gefühlskranken Musikvorlieben, wie eine Freundin aus Schultagen sie zu nennen pflegte, innerhalb einer Stunde den Bogen spannen von Xavier Naidoo über Ravels Bolero hin zu Eros Ramazzotti, Robbie Williams auch noch dazwischen swingt und JUMP von VanHalen den krönenden (und dröhnenden) Abschluss bildet, dann kann es sich nur um den Auswahlvorgang der Reisemusik für alle Lebenslagen handeln. Zeit für einen Punkt. Und wenn man dann morgens noch die Wäsche trocken bügelt und packt, geht es über in einen musikalischen Pep-Talk…

Heute Abend geht es los, auf nach Goma, in die Höhle des Löwen oder vielleicht wird es ja auch nur das Auge des Sturms… Ich lasse alles auf mich zukommen. Nutella ist eingepackt und ich sage euch: es ist ein FLUCH, wenn man 45kg Gepäck mitnehmen kann, man packt nur überflüssigen Kram ein. Hoffen wir, dass alles ankommt, morgen Mittag in Kigali. Von da geht’s mit dem Auto weiter, so dass ich am Nachmittag in Goma sein werde, insh’allah.

Man hört sich!
Barbara

Ein Geständnis

Wenn ich die Fenster an der Wohnung öffne, liegt ein Lavendelduft über Poppelsdorf, so schwer wie das Eau de Lakritz über Kessenich… Hier ist er nun, so ein bisschen im Nachhinein, der Bericht zur letzten Etappe: Marseille. Oft habe ich mich gefragt, was man gemeinhin eigentlich mit Marseille verbindet? Ich, glaube ich, so vollkommen unbeleckt, wertungsfrei und ohne weitere Überlegungen vorher, nur Fußball (Olympique Marseille, OM) und „Anlaufpunkt für Immigranten aus dem Maghreb“. Aber offensichtlich gibt es das herrschende Vorurteil, dass es sich um eine hässliche, heruntergekommene Stadt mit hoher Kriminalität handelt. Und sowas nennen Leute wie der mir nach wie vor symphatische Kopfstoßer Zinédine Zidane ihre Heimat.

Es gibt drei Krimis des Autos Jean-Claude Izzo, die „Marseille-Trilogie“, die ich mir auf Empfehlung besorgt habe. Ambitioniert habe ich sie auf Französisch besorgt und entsprechend moderat ist das Vorankommen in der Geschichte, aber ich kann nach einem Drittel des ersten den Krimifans unter euch bereits sagen: lesen! Aber dieser Autor, der sein Leben lang in Marseille gewohnt hat und aus dessen Zeilen man die Liebe zu dieser Stadt leicht herauslesen kann, schreibt selbst (in freier und etwas holpriger Übersetzung):

Marseille ist keine Stadt für Touristen. Es gibt nichts zu sehen. Ihre Schönheit lässt sich nicht fotografieren. Sie zerteilt sich. Hier muss man Partei ergreifen, leidenschaftlich werden. Dafür sein, dagegen sein. Sein, und das heftig.

Man muss sich also einlassen auf diese Stadt und das habe ich versucht, soweit das in zwei Tagen möglich ist. Ihre Schönheit, dort wo sie zu finden ist, ist auf jeden Fall sichtbar, wenn auch vielleicht nicht zu fotografieren, sie ist weder subtil, noch erschließt sie sich erst nach langer Zeit. Mir hat Marseille gefallen – so, jetzt ist es raus. Vielleicht hat der Autor, der leider bereits im Jahr 2000 verstorben ist, den letzten Kick an Aufschwung nicht mehr miterlebt. Ab wann der für alle offen sichtbar war, weiß ich nicht.

Was man wieder alles nicht weiß: ein großer Teil der Altstadt wurde, als „Nest der Résistance“, im Januar 1943 auf Anweisung von ganz oben aus Berlin gesprengt. Die Frage die sich mir immer wieder gestellt hat ist, was genau „ein großer Teil ist“ (angeblich 1.924 Häuser) oder aber, ob die Altstadt in großen Teilen wieder aufgebaut wurde. Sicher, hier und da gibt es eindeutig gefüllte Baulücken, besonders an der Westseite des Alten Hafens, und einige architektonische Alpträume, riesige Wohnbunker – aber nicht in Ghetto-Lage sondern direkt Downtown. Eine große Mall, das Centre Bourse, ist eingebunden, die seit wenigen Wochen aktive, schnieke Straßenbahn führt daran vorbei. (Folgendes Foto ist NICHT von einem der Gebäude direkt am Hafen – die sind wesentlich kleiner! Dieses liegt am Cours Belsunce, nahe des Einkaufszentrums.)

Was mir an den zweireihigen, eher unattraktiven und klotzigen Nachkriegsgebäuden an genannter Seite des Alten Hafens trotz allem sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass man von den belebten Plätzen, die im traditionellen Statteil Le Panier dahinter liegen, durch wohl platzierte Durchgänge bis zum Hafen sehen und sogar die berühmte Notre Dame de la Garde auf einem Hügel auf der anderen Seite erblicken kann. Dieser Inbegriff an Kitsch einer Kirche ist sowieso von so ziemlich jedem Punkt des Zentrums auch zu sehen – und wegen der stark erhöhten Lage wohl auch von so einigen Randgebieten. Darüber hinaus ist sie auf jeden Fall den Besuch wert, allein wegen dieser Lage, von der man einen Blick auf das gesamte Stadtgebiet, die vorgelagerten Inseln und die Côte Bleu noch hinter dem eingeschlafenen, nur noch von Kreuzfahrtschiffen angesteuerten Industriehafen bewundern kann.

Eine eben jener Inseln ist, bzw. beherbergt Château d’If, wo im Roman von Alexandre Dumas der Graf von Monte Christo darben musste. Den Tag, den ich mir für den Besuch derselben ausgesucht hatte, ließ gerade das aber nicht zu: der Mistral blies mit bis zu 100km/h und nur die anderen beiden Inseln, mit geschützteren Häfen, wurden angelaufen. Da kann man zur Ruhe kommen, wunderbar schwimmen und das verfallene Hôpital Caroline betrachten: hier wurden früher Pest- und andere stark infektiöse Kranke untergebracht, damit die Gefahr für den Rest der Bewohner so gering wie möglich gehalten wurde. Der Mistral war Teil der Strategie: als ablandiger Wind hat er, wenn er kam, die Bakterien, Viren und andere Erreger noch weiter hinaus auf’s Meer geblasen.

Aber kommen wir doch noch mal auf Marseille insgesamt zurück. Es ist eine uralte Stadt; schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert kamen griechische Händler in die Nähe der Rhône-Mündung. Auf diese Geschichte ist man stolz in der heutigen Millionenstadt. Ob es die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist, hängt vom Wohnort des Betrachters ab. Jene aus Marseille sind sich da ganz sicher, die aus Lyon glauben dagegen ganz an ihre Vormacht.

Marseille wurde im 19. Jahrhundert zur bedeutensten Hafenstadt des französischen Kaiserreichs, wozu die kolonialistischen Bestrebungen erheblich beigetragen haben. Auch nach dem 2. Weltkrieg boomte Marseille und drohte durch die kontinuierliche Zuwanderung bis Ende der 1970er Jahre „in Dreck, Kriminalität und Verkehr zu ersticken.“ Daher dann wahrscheinlich das Vorurteil, das zur Zeit seiner Entstehung keins war. Angetrieben auch durch entstehende soziale Unruhen setzte eine Abwanderung ein und die Stadt verlor innerhalb von zehn Jahren wieder 10% ihrer Bevölkerung. Die Sanierung der Stadt und besonders auch des Altstadtviertels Le Panier läuft seit 1983. Deutlich gewandelt hat sich das Gesicht der Stadt wohl seit den 1990er Jahren, die Wirtschaft wächst wieder, aber die Arbeitslosigkeit liegt nach Aussagen einer unserer in Marseille wohnenden Lehrerinnen weiterhin bei nahezu 20% (nicht verifiziert!). Wie es bei dieser noch nicht wirklich guten Situation zu einem Bau- und Renovierungsboom kommen kann, wie er momentan herrscht, ist mir unbegreiflich. Ich habe selten eine Stadt gesehen, in der ein solcher Aufbruch herrscht – außer vielleicht in Berlin Mitte der 90er Jahre, aber das war ja wohl ein Sonderfall. Die Stadt wird im wahrsten Sinne des Wortes herausgeputzt und das einst verrufene Panier strahlt mit bunten Fassaden und beherbergt in einem Bereich nahe der Alten Charité eine Kolonie an kreativen Töpferwerkstätten, wo wirklich wunderbare Dinge hergestellt werden. Die Renovierungsarbeiten, auch bspw. am Boulevard de la République, wo man sich wie in Paris vorkommt, haben natürlich zur Folge, dass bezahlbarer Wohnraum gerade für Geringverdienende knapp wird und viele verdrängt wurden; da wird die Stadt dann wohl doch nach und nach strukturell umgekrempelt. Angeblich verläuft sich allerdings weiterhin kaum ein Tourist nach Le Panier, obwohl einer der „Entdeckungspfade“ des Tourist Office sich darauf konzentriert – ähnlich dem Freedom Trail in Boston entlang einer auf den Asphalt gemalten roten Linie.

Ein weiterer dieser Pfade führt vom Alten Hafen in einer fast schnurgeraden Linie die breite Canebière und dann den Boulevard Longchamps nach Norden – direkt auf den Palais Longchamps zu. Hinter diesem größenwahnsinnig anmutenden ehemaligen Wasserschloss liegt ein kleiner Park, wo ich mich auf einer Bank ein ganzes Weilchen zum „People Watching“ niedergelassen habe. Nach wenigen Minuten breitete schon eine freundlich grüßende ältere Dame ein Frotteehandtuch neben mir aus, nahm Platz und strickte gemütlich an einem Paar Socken. Drei Bänke weiter hatte sich ein Rentner mit Kaffee und einer Tageszeitung häuslich eingerichtet und viele Kinder strömten herbei, um im nahegelegenen „Theater der Giraffe“ eine Marionettenaufführung zu besuchen. Der Blickfang auf dem Spielplatz gegenüber der Bank war der muskulöse junge Vater nordafrikanischer Abstammung, in Baggy-Pants, Muskelshirt, Baseballkappe und reichlich Gold am Handgelenk, der den Buggy von einer Wippe zur nächsten Rutsche schob und sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ. Apropos Kinder. Frankreich quillt über von Kindern. Sie sind überall und wenn man sich die Frauen so ansieht, werden es auch bald noch viel mehr sein 😉 Das war auch ein Thema im Kurs – woran das wohl liegen mag, dass in Frankreich momentan so viele Kinder geboren werden (und warum in Deutschland so wenige). Vielleicht lag es an der bloßen Menge, aber ich habe auch schon sehr lange nicht mehr so viele Kinder in Schreikrämpfe verfallen sehen – und so viele mehr oder weniger starke Klapse auf das Hinterteil. Amerikanische Touristen müssen empört sein…

Was ich alles NICHT gesehen habe, aus Zeitmangel… die Cité Radieuse, die 1953 fertiggestellte „Lichterstadt“ des Architekten Le Corbusier. Den Industriehafen aus der Nähe. (Irgend) Ein Museum von innen. Details des Migrantenviertels Belsunce, weiter rein als die direkt an die Canebière angrenzenden Basarbereiche – und ich meine Basar! Mit geschlossenen Augen und offener Nase hätte man wahrscheinlich auf Tunis getippt, wenn man dort hinein gebracht worden wäre. Überhaupt kann man in Marseille Urlaub machen und sich authentische Souvenirs sehr vieler Ecken dieser Welt mitbringen, ob nun tunesische Töpferarbeiten, senegalesische Stoffe oder japanische Kimonos. Und das alles maximal zwei Querstraßen hinter der Nobeleinkaufsmeile; der Bruch könnte nicht wesentlich härter sein. Aber genau das hat mir wahrscheinlich gefallen: die Tatsache überhaupt, dass es so viele grundsätzlich verschiedene Ecken gibt und dann, dass sie so vollkommen ohne Ankündigung ineinander übergehen.

Also, traut euch an Marseille heran… vielleicht zuerst über die Krimis 😉

Viele Grüße
Barbara

Eingeschoben: Kinotipp “Persepolis”

Eigentlich muss es für diesen Film mehr als nur den Tipp zwischendurch geben – es ist einer der mitreißensten Streifen, die ich jemals gesehen habe. Man weint und lacht mit Marjane, verkrampft sich in die Sessellehne und lacht (als einziger in einem französischen Kino) laut auf, als Inspektor Derrick im Hintergrund einen Fernsehbildschirm ziert. Seit Ende Juni ist der Film in französischen Kinos und vielleicht haben wir ja Glück und bald auch bei uns. Eine unserer Lehrerinnen in Aix hatte uns davon erzählt. Ursprünglich als autobiographischer Comic veröffentlicht, hat die Autorin (selbst) jetzt den Film dazu gemacht. Ich bin kein allzu großer Freund von Comics und hatte nach Ansicht im Buchladen darauf verzichtet. Aber in den Film bin ich trotzdem gegangen, was für ein Glück!

Es ist die Geschichte von Marjane Satrapi, die in Teheran als Kind liberaler Eltern aufwächst und die Hochs und Tiefs – oder vielleicht auch nach der Abdankung des Schahs 1979 ein Tief nach dem anderen – erlebt. Aber sie möchte Prophetin werden und als solche für drei Dinge sorgen: 1) alle sollen ein Auto haben, 2) alle Dienstmädchen sollen mit am Tisch essen und 3) keine Großmutter soll Knieschmerzen haben. Ihre Großmutter lernen wir natürlich kennen, ein echtes Original. Auch ihren Onkel, der allerdings aufgrund seiner marxistischen Ideen hingerichtet wird. Als sie 14 ist, wird sie von ihren Eltern allein nach Wien geschickt, wo sie auf einer französischsprachigen Schule ihren Abschluss machen soll (sie hat Französisch schon in Teheran gelernt). Diese Zeit ist für sie hauptsächlich schwierig, wie man sich vielleicht vorstellen kann, und endet mit einer vorzeitigen Rückkehr in den Iran („Ich möchte nach Hause kommen, aber versprecht mir, dass ihr keine Fragen stellt!“ sagt sie zu ihren Eltern am Telefon – die tun das und halten sich daran.)

Von da an bekommt man einen Eindruck vom Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinter den Kulissen im Iran – vom Schwarzmarkt für Musikrichtungen aller Art (Marjane liebt IRON MAIDEN…) über verbotene Parties, die Auftritte der Sittenpolizei und anderem.

Auf einer französischen Website gibt es den Spot zum Film, auf Französisch natürlich, aber man bekommt einen guten Eindruck – auch vom Charakter der Hauptdarstellerin/Autorin, die in der kurzen Szene, in der sie von den Polizisten angesprochen wird, sie solle nicht laufen, weil dann ihr „äh, Hinterteil“ zu unrein wackelt und dann entnervt zurückschreit: „Dann guckt doch einfach nicht auf meinen Hintern!!“

In der ZEIT erschien 2004 ein Artikel zu den Comics, als diese in Deutschland erschienen sind, zu diesem Zeitpunkt zwei von vier Bänden. Mittlerweile gibt es alle (und viel billiger als in Frankreich… ich denke das liegt daran, dass die Deutschen vielleicht weniger Comic-Leser sind als die Franzosen, wenn ich mir die Buchhandlungen so in Erinnerung rufe…) Ein bisschen mehr Hintergrund bietet auch, klar, WIKIPEDIA

Wie ich gehört habe, soll dieser Film in den kommenden Wochen in Teheran in den Kinos gezeigt werden – und Marjane Satrapi wird zur Premiere vor Ort sein. Ich kann es mir noch nicht ganz vorstellen, aber ich werde das verfolgen. Und wenn er hier läuft, werde ich ihn mir noch einmal ansehen… ich komme dann darauf zurück 🙂

Bis bald!
Barbara

Pardong, sche schärsch ün bongk

Nun bin ich also doch wieder im Internetcafé gelandet – aber das macht die Hitze. Am Sonntag waren es noch um 18 Uhr 38 Grad, heute ist es etwas besser. Da setzt die sofortige Verwelkung ein. Aber was beschwere ich mich: eben las ich dann auch mal wieder Nachrichten und es könnte ja viel schlimmer kommen, siehe Waldbrände in Griechenland.

Aix-en-Provence liegt nun hinter mir und am Ende ging wirklich alles viel zu schnell. Und vorab müssen wir mal dringend mit einem Vorurteil aufräumen, von wegen der „Kommst du heut nicht, kommst du morgen“-Mentalität unserer italienischen Miteuropäer. Ich habe an beiden Tagen mit Conchetta und Giovanni mehrfach erleben müssen, als letzter am vereinbarten Treffpunkt aufgetaucht zu sein – wenn auch natürlich immer noch pünktlich 😉 Das sind Ereignisse, die passieren sonst einfach nicht.

So sind wir dann am Samstag aufgebrochen, Richtung Camargue – und offenbar mit Aussicht auf das heiße Wochenende halb Frankreich mit uns. Erstmal ans Meer, dachten wir uns und steuerten Saintes-Maries-de-la-Mer an… was für ein Schock: gelandet am Ballermann der Camargue. Bis auf die Tatsache, dass man sich architektonisch eher in Spanien vorkam und bis auf die Kirche würde ich sagen, gibt es keinen Grund, den Ort als solchen aufzusuchen, geschweige denn nochmal. Sand gesammelt, abgehakt. Aber vielleicht ist uns ja auch das wahre SMdlM verborgen geblieben. Hotelzimmer gabs auch keine mehr, also haben wir uns nach Arles zurückgezogen. Dort gab es das gleiche Problem, denn am letzten Wochenende endete u.a. ein großes Festival an „Römerfilmen“, aufgeführt in der antiken Arena – leider Freitag mit GLADIATOR schon der letzte Streifen… das wäre doch wirklich was gewesen in der Kulisse. Letztlich sind wir dann etwas außerhalb noch fündig geworden (also, für 300 Euro die Nacht wäre auch in Arles noch was zu haben gewesen…).

Ein erneuter Versuch mit der Camargue hat uns am Folgetag die Salins-de-Giraud beschert, die großen Salzgewinnungsanlagen – soweit das Auge reicht – auf dem Weg an den Strand Piemancon. Das war schon wesentlich besser als SMdlM – vollkommen ohne jede Infrastruktur, keine einzige Eisbude… gar nichts. Allerdings auch kein Baum und als es kurz vor 13 Uhr war, waren die Temperaturen nicht mehr auszuhalten… man kann ja schlecht stundenlang im Wasser stehen. Und bei diesen Temperaturen wollten wir auch keinen Pferderücken mit unserer Anwesenheit beglücken – das macht man nämlich am allerstilvollsten zur Erkundung der Gegend. Der geordnete Rückzug folgte: in das ausgefallene Restaurant „La Chastagnette“. Woraufhin nun unwiderruflich klar ist, dass mein Budget vor Neujahr keine weiteren Restaurantbesuche mehr vorsieht.

Nach einer kurzen Siesta im Hotel, denn das braucht der gemeine Italiener und dem ist der gemeine Deutsche ja auch nicht grundsätzlich abgeneigt, machten wir uns erneut auf den Weg, dieses Mal in Richtung Nordosten, ins Gebiet der Apilles, wovon wir uns temperaturtechnisch eine deutliche Abkühlung um mindestens zwei Grad erhofften. Auf dem Weg zum Ort Les-Baux-de-Provence machten wir noch Halt bei der von Alphonse Daudet, einem berühmten Autor, oft beschriebenen Mühle. Die Hitze sagte uns nach erfolgreicher Besteigung des Hügels jedoch: Foto und weg. Und das war auch gut so, denn was hat uns Les-Baux-de-Provence begeistert – dieses Schätzchen wäre vollkommen an uns vorbeigegangen! Es ist ein Ort, der, wie soll ich es beschreiben, auf einer Art aus der Landschaft ragenden Kalksteinkliff gebaut wurde. Ganz zuoberst eine riesige Burganlage, deren Ruinen wir mit Hilfe eines sehr guten Audio-Guides besichtigt haben. Dafür muss man sich aber wohl mindestens 2 Stunden Zeit nehmen und die hatten wir nicht mehr ganz. Von der Südspitze der Festungsanlagen hat man einen überwältigenden Blick auf die Kulturlandschaft in der Ebene (u.a. auf die endlosen Felder mit uralten Olivenbäumen). Unterhalb der Burg dann das dazugehörige Dorf, komplett wie im Mittelalter, Anlage unverändert, nur liebevoll renoviert. Passend auch die festungsähnliche Kirche – ich glaube, ich habe noch nie eine Kirche mit so wenigen Fenstern gesehen, ein wahrer Bunker.

Am Montag trennten sich dann die Wege meiner Wenigkeit und meiner Mitreisenden. Die beiden wollten sich so langsam über die Côte d’Azur Richtung Rom aufmachen um vor dem Ferienverkehr am Wochenende dort anzukommen. Ich hatte mich entschieden, noch einen Tag in Arles zu verbringen – die dort vorhandenen römischen Bauten (eine riesige Arena, ein Amphitheater, die Konstantinthermen) waren für die Römer von geringerem Interesse – „das gibt’s bei uns besser!“ Aber fasziniert war ich dann mehr von „Les Alyscamps“, was ich für einen jahrhundertealten Friedhof hielt. Und irgendwie ist es das auch, aber dann doch anders. Es sind unzählige Sarkophage, einer am anderen, aufgereiht entlang einer alten mit Platenen bestandenen römischen Straße, Teil des Jakobswegs, den ich somit nun auch schon zu 0,34% oder so gegangen bin 🙂 Diese Praktik war wohl weit verbreitet… aber wenn ich mir das vorstelle, so zu Hochzeiten des Römischen Reiches, rush hour auf der Via Aurelia und statt Leitplanken besetzte Sarkophage… schon komisch, oder? Sie dienten aber wie so einiges mehr in Arles Vincent van Gogh als Motive.

Also, wenn ich nochmal in die Provence kommen sollte, muss das unter einem bestimmten Aspekt geschehen. Hier gibt es soviel, und so viel verschiedenes, dass man so ein bisschen kirre wird und vor lauter Möglichkeiten gar nicht mehr weiß, was man machen soll. Also sollte man sich ein Thema raussuchen: Römer, Mittelalter, berühmte Maler aus und in der Provence, provencalisches Kunsthandwerk, architektonische Zeitreise, Naturparks – was auch immer.

Dass ich wiederkommen muss, ist allerdings schon klar, denn ich habe es nicht nach Avignon geschafft. Und das liegt an Nimes. Der Plan war: morgens nach Nimes, nachmittags weiter nach Avignon, dort übernachten, dann am folgenden Tag wenn „nötig“ weiter Avignon und am späten Nachmittag nach Marseille. Nun, es fing gut an: der Überlandbus kam pünktlich und auf der einstündigen Fahrt nach Nimes konnte ich u.a. konstatieren, dass fast jedes Kaff eine eigene Stierkampfarena hat (noch so ein Thema). In Nimes angekommen liest man als erstes riesige Plakate: fantastische Neurenovierung des Bahnhofs – sehr gelungen…. bis auf die Tatsache, dass die Schließfächer aus Sicherheitsgründen abgebaut wurden. So stand ich da mit meinem dicken Rucksack, 35 Grad und klatschnass geschwitzt. Die Idee, den Rucksack bei einem der Hotels in Bahnhofsnähe unterzustellen, hatten vor mir schon einige: an JEDER Tür ein Schild, dass man kein Gepäck zwischenlagern könne. Gott, was hab ich in mich hineingeflucht. Für Nimes und Avignon hatte ich das Treffen mit Roy platzen lassen! Dem Handy sei Dank erreichte ich Roy bei einer Wanderung in der Nähe von Aubagne und fragte, ob ein spontanes Treffen am gleichen Abend noch möglich sei – das war es, also auf nach Aubagne, oder vielmehr Rocquevaire, wo er mit seiner Frau und zwei Jugendlichen bei einer Freundin und deren Kindern untergekommen war. Und das war ein Glück! Ein herrliches Haus in den Bergen der Provence, mit Pool und tollem Abendessen bei netter Unterhaltung. Sämtliche Mitglieder sind mindestens dreisprachig, Französisch, Englisch, Holländisch, tendenziell mehr – DAS ist faszinierend. Am nächsten Morgen sind alle außer der Hausherrin und mir schon um 6:30 Uhr nach Belgien aufgebrochen… ich dann ein paar Stunden später nach Marseille, von wo ich gerade in ein, wie es den Anschein hat, Internetcafé in Tunis oder Marrakech gebeamt wurde. Von der Stadt mache ich mir noch einen Eindruck, später mehr dazu. Morgen Nachmittag werde ich noch eine weitere „Kollegin“ aus dem Sprachkurs treffen, eine Ungarin namens Zsuzsa, die Marseille lieber nur in Begleitung aufsuchen wollte. Die Vorurteile die Stadt betreffend scheinen also noch zu bestehen, mal sehen, wie lange sie halten.

Viele Grüße!
Barbara

P.S.: Solche Glanzleistungen wie den Titel dieser Mail findet man im Anhang seines Reiseführers, wenn man über drei Stunden in Nimes am Bahnhof hockt und die „Le Monde“ schon zweimal von vorne nach hinten und zurück gelesen hat…

Tour de Provence

Nach dem vergangenen Wochenende weiß ich nun auch wieder, warum man nach Frankreich fährt. Man fährt wegen des Dufts von Lavendel und der Kiefernwälder an einem heißen Sommertag. Man fährt wegen einer Auswahl von grob geschätzt 120 Käsesorten in einem stinknormalen Supermarkt – mal ganz abgesehen von den Märkten, die neben Käse, Gourmet-Salamis und Oliven in allen möglichen Variationen so ziemlich alles zu bieten haben, was man jemals brauchen könnte. Man fährt wegen der Konfitüren in traditionellen und avantgardistischen Geschmacksrichtungen, die man am liebsten mit dem Esslöffel angehen möchte. Man fährt, um sich nichts besseres vorstellen zu können als ein frisches Baguette und ein Schüsselchen Oliven dazu. (Ja, ich mag jetzt Oliven!) Man fährt wegen der Backwaren im allgemeinen (Brot, nicht Baguette, ausgenommen) – es tut mir leid, aber da kann kein mir bekanntes Land mithalten. Seien es die Schoko-Croissants in Luxusausstattung mit Marzipan, Mandeln und Puderzucker oder die kleinen Frucht-Törtchen. Erschreckt musste ich feststellen, dass man dieses Land eigentlich nur mit dem Auto bereisen sollte, denn im Flugzeug kann ich ja nun so gut wie nichts mitnehmen! Andererseits… vielleicht ist das auch ein Segen, denn könnte ich nach Gusto einkaufen, wäre mein Konto bereits seit Tagen überzogen. Dazu kommen dann noch vortrefflich ausgestattete Schreibwarenläden und Bastel-Ausstatter – ich versuche verstärkt, diese zu umgehen, aber es fällt schwer. Dass es hier Taschenbücher ab 2 Euro zu kaufen gibt, ist auch nicht gerade hilfreich.

Weshalb man jedoch auf keinen Fall nach Frankreich kommt, das sind die zahlreichen Tretminen der Zivilisation – das ist hier noch schlimmer als in Brüssel, habe ich den Eindruck. Der Hund ist des Franzosen liebstes Tier und der darf sich immer und überall seiner Abfallprodukte entledigen. Was besonders schön ist, wenn es sich dabei mehr um eine Flüssigkeit handelt… Aber, klopf auf Holz, noch konnte ich jeden Kontakt vermeiden.

Aber um näher auf das vergangene Wochenende einzugehen: ich war im Luberon. Mal wieder unterwegs mit Georges ging es auf eine Tour der kleinen Dörfchen. Die Namen kamen mir alle so bekannt vor – ich glaube, das liegt an meinem neu entdeckten Interesse am Radsport… Den Mont Ventoux mit seinem immer weißen Höhenrücken (Kalkstein, kein Schnee) in der Ferne als ständigem Begleiter ging es zuerst nach Lourmarin. Dort hat der Schriftsteller Albert Camus seine letzte Ruhe gefunden. Der Zustand des Grabs ist bemitleidenswert, aber es war allgemein interessant, den Stil der Grabdekoration und -pflege zu begutachten. Vom Schloss des Städtchens konnte man nur die Außenanlagen begutachten, deswegen ging es schnell weiter. Nächste Station: Apt. Es war Samstag, der Tag des Wochenmarkts. Für ein riesiges Gewimmel an Ständen und Menschen hatten wir leider nur anderthalb Stunden Zeit – ich hätte mindestens 4 gebraucht, aber wie sich herausstellte, waren andere bereits gelangweilt. Den Markt würde ich also gerne nochmal besuchen und außerdem das Städtchen mal an einem normalen Tag ansehen, es schien mir nämlich auch nicht unattraktiv zu sein.

Von Apt dann gleich weiter nach Roussilon, für mich das Highlight des Tages. Erstens wegen des 1.200 Einwohner zählenden Städtchens selbst, mit seinen Häusern in hell leuchtenden Fassaden in warmen Ockertönen von hellgelb bis rostrot, dazu hellblaue Fensterläden. Es war mal wieder ein Tag der Fotografie. Aber das wichtigste für mich: der Ockerweg im ehemaligen Ockerbruch. Dort wandelt man durch wirklich alle Schattierungen, die Ocker wohl haben kann, durch eine bewaldete Abbruchlandschaft.

Unser letzter Halt an diesem Tag war Gordes – 2.000 Einwohner, und schon das wird im Reiseführer als „Flecken“ bezeichnet… für mich sind das kleine Städte mit all ihren Geschäften usw. Dieser Ort aber ist total anders als Roussilon, hier ist jedes Gebäude aus hellen Kalksteinen, also mehr so gräulich weiß und gar nicht mehr warm. Ein riesiges Renaissanceschloss dominiert die Szene, schmalste Gässchen mit halbrecherischem Pflaster der allerersten Stunde, wie es scheint. Sehr abgelegen gibt es in und um Gordes auch noch gleich drei Zisterzienserklöster, von deren Existenz wir allerdings nur gehört haben. Dies ist außerdem die Gegend der sog. Bories, einfacher Steinhütten, die in einer traditionellen Bauweise ohne Mörtel aufgeschichtet wurden. Eigentlich wohl nur als Lagerraum und Stallungen, aber in Zeiten der Not auch als Wohnhäuser. Sie sehen wirklich „steinzeitlich“ aus!

Auch in die Kunst des Pétanque bin ich mittlerweile eingeführt, wieder mal Dank Georges, der ein passionierter Pétanque-Spieler ist und in Aix einem Club angehört, auf dessen Areal wir das mal testen konnten – es handelt sich quasi um Boule, die genauen Unterschiede sind mir nebulös, liegen aber irgendwo im Regelwerk. Den meisten war das etwas langweilig, aber ich fand es entspannend unter den uralten, schattenspendenden Platanen ein paar ruhige Kugeln zu schieben und dabei mehr oder weniger dumm rumzulabern. Das dann auch noch im Kreise der Profis, alle über 60, und ein Barbeque im Hintergrund, bei dem es als Vorspeise „escargots“ gab, Schnecken. Das habe ich aber nicht über mich gebracht… Dafür lieber den ausgefallenen Kartoffelsalat von Georges‘ Frau, mit Hering. Den muss ich zuhause mal nachmachen.

Im Straßenbild fiel mir eigentlich gleich am ersten Tag der riesige Anteil an Peugeots/ Renaults/ Citroens auf. Der Anteil der Autos französischer Produktion ist darüber hinaus meiner Meinung nach wesentlich höher als der deutscher in Deutschland, man sieht hier kaum Japaner, jedenfalls nicht als Autos. Dafür eben umso mehr heimisches… Naja, irgendwer muss sie ja fahren.

Eine Steuer auf Schokolade zieht man hier meines Wissens zwar noch nicht in Betracht, dafür sind jedoch die Werbespots für Schokolade, Eis und andere „Snacks“ mit der Warnung versehen „Achtung! Snacken zwischen den Mahlzeiten schadet Ihrer Gesundheit!“ Als ich das im Kino zum ersten Mal nach einer Langnese-Werbung eingeblendet sah, dachte ich zuerst, ich hätte das falsch verstanden. Aber war doch richtig… Im Fernsehen gibt es eine UNMENGE an Spielshows, wer die wohl alle guckt?! Sogar das Glücksrad ist noch im Rennen. Der weibliche Teil der Kursteilnehmer ist sich indes nicht einig, ob der Nachrichtensprecher von TF1, der mit einer Strafe eines Namens leben muss (Harry Roselmack), absolut gutaussehend ist oder ob ihm dafür die Haare fehlen… Egal welches Thema, Hauptsache Verkehrssprache französisch. Wer sich ein eigenes Bild vom glatzköpfigen aber feschen Harry machen und in die Diskussion einsteigen möchte: http://videos.tf1.fr/video/news/

Wenn dieses Mal das Glück mitspielt, werde ich evtl. am Mittwoch oder Donnerstag in Marseille noch Roy treffen, einen ehemaligen Kollegen aus Herat – der gerade mit seiner Frau hier zu Besuch bei Freunden ist. Mal sehen, ob es klappt. Aber eigentlich muss ich dringend noch einen Tag in Marseille unterbringen, denn bislang hat es nur zu einer 2-stündigen Stippvisite mit dem Kurs gereicht. Die Meinungen derer, die der Ein-Millionenstadt schon einen echten Besuch abgestattet haben, gehen sehr weit auseinander… allerdings sagen die meisten, es lohne sich eher nicht. Aber das muss man mal selbst in Augenschein nehmen. Ich fand die Stippvisite eher vielversprechend.

Es gibt Ermüdungserscheinungen zu konstatieren. So habe ich mich gestern Abend in einem Buchladen an der Kasse mit „Bon revoir“ verabschiedet, mich auf „Au soiree“ verbessert und dann entschieden, dass ich lieber einfach gehe…

Selbst da wir nun eben unsere Zertifikate erhalten haben, ist das „Gehen“ noch nicht so ganz in Sicht, denn ein paar Tage bleibe ich ja noch in der Region. Nachdem ich mein Appartement leider nicht noch eine weitere Woche anmieten konnte (bereits vergeben, aber wen wundert’s?!) und das billigste Hotel mit Toilette auf dem Flur und Sammeldusche im Keller 43 Euro pro Nacht kosten sollte, habe ich mich nach anderen Alternativen umgesehen und werde nun am morgigen Samstag mit „meiner Frau in Rom“ und ihrem Freund in die Camargue aufbrechen. Letzterer ist vor ein paar Tagen aus Neapel gekommen, und wir haben bereits interessante Unterhaltungen auf Französisch und Italienisch geführt. 😉 Er ist ein ruhiger „Stage Manager“ beim Theater – da fehlt mir die deutsche Vokabel – und ich bin mal gespannt, wie es sich so dritt reisen lässt… Die Wetteraussichten sind jedenfalls sehr gut, am Sonntag 33 Grad. Ich bin gespannt!

A bientôt!
Barbara

La vie en “Aix”

Wieder mal in Frankreich – und wenn mich nicht alles täuscht, dann zum ersten Mal seit 1991… damals 3 Wochen zum Kriegsgräberschrubben in der Normandie. Lange habe ich gerätselt, ob es mit mangelnder Affinität für Land, Leute und Sprache zusammenhängen könnte. Das kann aber eigentlich nicht sein, denn es würde unter dieser Voraussetzung ja an Masochismus gegrenzt haben, in der Schule den Leistungskurs Französisch durchzuziehen. Dann wohl eher einfach „das Leben“, das mich nach dem Abitur direkt in die USA verschlagen hat. Masochismus ist dann wohl eher die französische Tastatur, auf der ich mich gerade quäle. Ja, GANZ grosser Fehler: ohne Laptop zu reisen! Aber ich wollte mich ja damit nicht abends in meinem Apartment verschanzen und baute auf das Vorhandensein von Internetcafés. Nun ja, eins habe ich gefunden; das jedoch läd nicht zum Verweilen ein. So nutze ich die Mittagspause in der Sprachschule…

So habe ich letzte Woche Dienstag begonnen, voller Enthusiasmus – bis mir der Blog abstürzte, ironischerweise bei dem Versuch der Zwischenspeicherung. Heute sieht alles ganz anders aus, so vom Layout hinter den Kulissen… vielleicht habe ich genau den Tag der Umstellung erwischt. Jedenfalls war ALLES weg bis auf den obersten Absatz und ich fange nun quasi von vorn an. On y va, wie man hier sagt.

Eine problemlose Anreise brachte mich dann auch gleich noch in den Genuss eines ausgedehnten Hafenrundflugs über Marseille und seinen Hafen mit azurblauem Wasser und unzähligen Segelbooten. Da hätte ich so vom Gefühl her auch gleich bleiben können 🙂 Den Flughafen möchte ich mal als übersichtlich bezeichnen, was die Suche nach dem Bus nach Aix-en-Provence ernorm erleichterte. Aber es rief mir auch irgendwie in Erinnerung, dass es nach Meinung einiger Leute und gewissen stadtgeografischen Modellen einerseits Paris gibt und dann die Provinz… Was sage ich, das beruht nur auf der oberflächlichen Betrachtung des Flughafens. Vom Flugzeug ging es per pedes ins Gebäude, unter der Aufsicht eines für unsere Sicherheit zuständigen Menschen, der und uns mit „Allez! Vite, vite!“ über den Asphalt hetzte… und ich dachte nur: „Genau das ist ja mein Problem: schnell geht für mich in dieser Sprache eigentlich gar nichts!“

Dann nach Aix-en-Provence. Die Kolleginnen hatten noch am Vorabreisetag zum Ausdruck gebracht, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Vergangenheit abschließen und fürderhin in Aix würde leben wollen. Nun, könnte sein 😉 Ich hatte auch genau den richtigen Einstieg. Vom Busbahnhof direkt an die „Rotonde“, geschmückt mit einem riesigen Brunnen voller Statuen, das eine Ende des Prachtboulevards „Cours Mirabeau“, wie ich mit runtergefallener Kinnlade feststellte: 53, Cours Mirabeau – das war die Adresse des Apartments, in dem ich zumindest für die zwei Wochen des Sprachkurses wohnen sollte – an der „Kö“ von Aix! Es ist tatsächlich wahr und das Apartment ist ebenso unglaublich, klein aber bestens ausgestattet und direkt über dem Café/Restaurant „Les Deux Garçons“, in dem Cézanne sich angeblich gerne mal die Zeit vertrieben hat. Einziger Nachteil: 74 Treppenstufen bis unters Dach.

Die (Alt-)Stadt ist ein malerisches Labyrinth an kleinen Straßen und Gässchen, mit vielen kleinen und größeren Plätzen, die häufig ein Brunnen ziert. Mein Lieblingsplatz ist der Place d’Albertas – da gibt es zwar keine Cafés, in denen man über einem Café au Lait die Sonne genießen könnte, denn es handelt sich um Wohnungen, aber die Anlage ist phänomenal. Dabei ist sie an sich wohl nur schmückendes Beiwerk. Direkt gegenüber ist ein so genanntes „Hôtel“. Das ist kein Hotel, sondern ein riesiges Wohnhaus. Dessen Erbauer wollte nicht nur schön wohnen, sondern auch eine schöne Aussicht haben – und hat den gegenüberliegenden Platz dementsprechend gleich mitgestaltet. Dieses Labyrinth habe ich noch nicht ganz im Griff, und das, obwohl ich weiß,wo „der Nord“ ist 😉

Die Kirchendichte ist wohl in etwa so hoch wie in Köln – wobei die Kathedrale Saint-Saveur den Mittelpunkt bildet. Sie ist ein Mischmasch an Stilrichtungen, an dem 1000 Jahre lang gebaut wurde. Die geschnitzten Eingangstore aus dem 16. Jahrhundert bilden quasi den letzten Schliff. Der Grundriss erscheint mir eher ungewöhnlich, aber wahrscheinlich liegt das an den immer wieder erfolgten Aus- und Anbauten. Am besten hat mir das Baptisterium gefallen, erbaut an der Stelle der ersten Fundamente aus dem 5. Jahrhundert.

Abgesehen von den durchschnittlich 27 Grad bei oft angenehmem Wind herrscht hier eine warme Atmosphäre: durch die in allen möglichen gelben Ockertönen gestrichenen Häuser. Wobei nicht alle gestrichen sind – es finden sich alle Zustände des Verfalls, ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Hier und da auch mal eine Fassade à la Porta Nigra, aber selten. Und dann die aufwändig geschnitzten Holztüren… oder sollte ich sagen „Portale“? In einer Woche habe ich es geschafft, trotz 30 Stunden Unterricht, 512 MB an Fotos zu machen… dabei sicher 50 Türen. Es kam allerdings dazu, dass es einen Feiertag gab und wir Georges kennenlernten.

Georges organisiert für die Schüler der Sprachschule Touren – einen ersten Rundgang durch Aix beispielsweise oder eben am Feiertag, dem 15. August, eine Fahrt nach La Ciotat und Cassis. Wer Georges und somit den Dialekt eines Originals aus La Ciotat kennt, muss sich als Eifler keine Sorgen mehr über den Akzent machen. Da heißt es nicht „bon“ (gut), sondern „bong“. „Matin“ (Morgen) ist „Mattäng“ – und sagt man in der Eifel schon mal „a demäng“ (bis morgen), so geht man damit hier als Eingeborener durch.

La Ciotat ist die Heimat der „Frères Lumières“, der beiden Herren, die das Kino erfunden haben – Auguste und Louis. Zweites wichtiges Charakteristikum: Schiffbau. Allerdings schon länger nicht mehr: erst waren es dann nur noch Reparaturdocks, dann war ganz Schluss. Riesige Anlagen aus Krupp-Stahl stehen nach am Hafen, aber wahrscheinlich auch nur, bis der Stahlpreis exorbitante Höhen erreicht hat und sich ein Abriss lohnt. Nach einer kleinen Erkundungstour durch die Stadt ließen wir den „Touristenstrand“ links liegen (Sand hatte ich ja bereits letztes Jahr bekommen) und fuhren zum Parc Mugel, westlich der Stadt. Neben dem dort herrschenden Mikroklima gibt es auch eine kleine Bucht, wo man zwar nicht am Strand liegen, aber aus den verschiedensten Höhen von den Kliffs springen kann. Was das Meer angeht, bin ich zwar ungern in Bereichen, wo ich nicht mehr stehen kann, aber das war einfach zu einladend – wieder so azurblau, etwas Wellengang – wunderbar erfrischend. Erfreulicherweise war es auch kein Problem, wieder an Land zu kommen. 😉

Weiter ging es über die „Route des Crêtes“ zu den Calanques und nach Cassis. Bei den Calanques handelt es sich um fjordartige Buchten, tiefe Einschnitte in die Küste. Die „Route des Crêtes“ führt serpentinenartig entlang eines steilen Küstenabschnitts, mehrere hundert Meter steil abfallender Kliffs (ich will „Kliff“ immer mit „C“ schreiben, aber das liegt wohl am Duschgel?!). Die letzte beeindruckende Erhebung ist das Cap Canaille bei Cassis. Cassis hat einen schönen kleinen Hafen mit einer Häuserfront in allen möglichen Farben. Viel mehr habe ich allerdings nicht gesehen, da ich mich für den Zeitraum unseres Aufenthalts für eine Bootstour in drei der Calanques entschieden habe. Ziemlich beeindruckend! Aber: keine Zeit zum Sand sammeln!!!

Des Abends schlendert man durch die Stadt, oder trifft sich zum Essen – ins Kino habe ich mich auch gewagt, nachdem ich vor ein paar Tagen schonmal das Gucken eines Films als entspannend empfunden habe. Langsam angefangen habe ich mit „Ratatouille“, in guter Gesellschaft mit unzähligen Kleinkindern. Aber der Film war gut! Oder aber, um auf die feierabendlichen Vergnügungen zurückzukommen, man wandelt den Cours Mirabeau auf und ab, auf dem zurzeit ein Händler am anderen seinen Stand aufgebaut hat, bis spät in die Nacht. Und so schlendere ich da lang, vorbei an Lavendelprodukten jedweder Art, ausgefallenen Schmuckstücken, Töpferwaren, Klamotten, blauem Glas aus Herat, Tischwäsche mit provençalischen Motiven… Moment!!! Blaues Glas aus Herat? Nett arrangiert auf Kelims, im Hintergund Bottiche voller Lapislazuli, kunstvoll geschnitzte Möbelstücke aus Holz… Ich werde verfolgt – egal, VOLLKOMMEN EGAL, wohin ich gehe. Den Händler musste ich natürlich trotzdem ansprechen, nein, er sei kein Afghane, sein Freund habe das Zeug besorgt (ein seit 1984 in Frankreich lebender Kandahari, den ich am Folgeabend kennenlernte). Für wieviel er denn das simple Wasserglas im Design „Senfkristall“ verkauft? 5 Euro. Einkauf, für den Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation vor Ort, 50 US Cent, wenn ich mich recht erinnere. Uli, wir hätten diese Geschäftsidee weiterverfolgen sollen. Da stecken Millionen drin… 😉

Zum Abschluss für heute noch ein paar Worte zum Kurs: die erste Woche war gut. Vormittags als einzige Deutsche in einer Gruppe von 8 Schülern, nachmittags sind wir zu fünft (davon dann allerdings 4 deutschsprachige Teilnehmer). Hauptaugenmerk ist die gesprochene Sprache – also labern, labern, labern, egal, ob die Dinge grammatikalisch einwandfrei rauskommen oder nicht – genau das, was ich brauche. Bin in eine Clique Südeuropäer geraten, Maria aus Madrid, Conchetta aus Rom, noch ne Maria aus Barcelona und Nina aus Ljubljana. Auch nach Feierabend ist die Sprache der Wahl Französisch.

Das soll es für heute gewesen sein… bis zum nächsten Eintrag sollte aber hoffentlich nicht wieder soviel Zeit vergehen! Tja, was die Fotos angeht… die sind nun drin! 😉

Viele Grüße
Barbara

Warum ich so gerne Bahn fahre!

Zum x-ten Mal versuchte die junge Frau in Ferrari-Fan-Hemd und Jeans, mittlerweile leicht entnervt, den Fahrkartenautomaten in Ahrbrück dazu zu überreden, einen 20-Euro-Schein zu akzeptieren. Leise vor sich hinfluchend gab sie auf und kam in den Zug. Mein Blick fiel auf die draußen noch die letzten Neuigkeiten austauschenden Schaffner, die mir trotz Auftreten in Zivil auf dieser Strecke alle quasi persönlich bekannt sind.

„Da draußen sind schon die Schaffner – Sie haben keine Chance!“ sagte ich daraufhin zu ihr, was sie mit einem heftigen „Inglisi – no!!“ beantwortete. Hm. Die Schaffner, die sich in ihrer Unterhaltung schwer gestört fühlten und am Beitrag zu einer Lösung des Problems kein Interesse zu haben schienen, reagierten auf meine Frage, ob es eine andere Möglichkeit gäbe, ein Ticket zu bekommen, nur mit Kopfschütteln. Super. Daraufhin setzte sich die junge Frau, liebevoll geschminkt und mit zum Ferrari-Fan-Hemd passenden Rucksack und Sneakers zu mir und leerte ihre Geldbörse aus. Nach so einem Erlebnis mit dem Fahrkartenautomat erwartet man als durchschnittliche Reaktion des mehr oder weniger gewieften (deutschen) Bahnfahrers die Hasskappe, verbale Entgleisungen über die Automaten, die DB im allgemeinen, den insgesamt immer schlechter werdenden Service und im besonderen dann die Chuzpe, in dieser Lage auch noch zu streiken. Die erfahrene Moskauerin, Lena, wie sich herausstellte, zieht als erste Erklärung in Betracht, dass man ihr Blüten angedreht hat und unterzieht ihr gesamtes Barvermögen einer Wasserzeichen- und sonstigen Prüfung, um mir dann den Stapel in die Finger zu drücken und zu fragen: „Okay?“ Mein geübtes Auge stellte natürlich sofort fest, dass die Scheine alle einwandfrei waren und so konnte ich bestätigen: „Okay!“

Die weitere Unterhaltung gestaltete sich aufgrund der sprachlichen Barrieren als schwierig, wobei sie noch ungefähr doppelt soviel Deutsch wie ich Russisch konnte. Eine Bankangestellte aus Moskau, die zur Formel 1 in die Eifel gereist war und den Freund am heimischen Fernseher gelassen hatte.

„Schumacher!“ sagte sie, lächelte triumphierend und streckte mir den Daumen entgegen.
„Aber Schumacher,“ sagte ich mit ungläubigem Augenausdruck und Kopfschütteln… und gestikulierte „Ende!“
Da,“ stimmte sie mir zu, „Massa, Räikkönen!“
„Ja genau,“ sagte ich und kramte den schon erfolgreich an afghanischen Männern mittleren Alters und mit gewissem Erfahrungshintergrund ausgestatteten (inkl. Vorliebe für das Kartoffelwässerchen der Besatzer) getesteten Eisbrecher heraus… und alle tatsächlich Russisch sprechenden Menschen mögen mir die Lautschrift-Verhackstückung verzeihen: „Räikkönen – Otschn chadascho! [Sehr gut!]“ Woraufhin sie sich fast wegschmiss. Es war am Samstagnachmittag, nach dem Qualifying für den Grand Prix am darauffolgenden Sonntag. Der Tag, an dem Lewis Hamilton, der einen dann doch auf seine alten Tage noch zum Formel 1-Fan werden lassen könnte, den Frontalcrash mit dem Reifenstapel hatte. „Chämilltonn…,“ sagte sie und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ja, Hamilton,“ antwortete ich, zeigte auf meinen Knöchel und machte abwägende Handbewegungen. „Krank?“ fragte sie. „Vielleicht,“ gestikulierte ich. Ein weiteres Thema waren die landschaftlichen Reize Deutschlands. Der Rhein bei Koblenz hatte sie fasziniert, ebenso wie das wunderschöne Ahrtal, das wir gerade durchquerten – wohingegen das Gebiet um den Nürburgring nur ein Kopfschütteln hervorrief. Die Gesprächsstoffe waren damit ausgereizt, auch wenn ich mir noch ein paar Minuten den Kopf zerbrach, wie ich „Nastarowje“ noch unterbringen könnte oder was „Auf Wiedersehen“ heißt – dabei weiß ich genau, ich weiß es, aber es ist einfach weg. So sagte sie „Danke!“ als sie in Remagen den Zug verließ und ich antwortete mit „spaciwa„.

Das so ein „großes Wochenende“ am Nürburgring auch in der Bahn interessant werden könnte, hatte sich schon bei der Hinfahrt abgezeichnet, als ein Mann, Typ: nepalesischer Sherpa, in Ahrbrück aus dem Zug stieg und auch noch den Bus bis Adenau nahm – vergiss den Everest, es gilt die Eifel zu erobern.

Schon ein paar Halte zuvor hatte das Vierergrüppchen direkt neben meiner russischen Bekanntschaft und mir meine Aufmerksamkeit erregt und gefangen – was habe ich mich in der Folge aufgeregt, dass ich meine Digi-Cam nicht zwecks einer Tonaufnahme zur Hand hatte. Es handelte sich um ein Pärchen Chinareisende (CR) und ein Pärchen Daheimgebliebene (DG). Dat waren echte Eifler und ich werde nun nicht umhin kommen, die Unterhaltung in all ihren im Gedächtnis gebliebenen Details „up Platt“ wiederzugeben. Die wahre Komik wird sich also nur Muttersprachlern erschließen…

CR 1 (er): „Jelöwste dat, kom der Zuch pünklich! Sus hätte mer et su jemach wie in PEE-King – da konntste für 3 Euro Taxi fahre – dä janze Daach, kreuz un quer!“
DG 1 (er): „Näää, ächt? Wann word ihr da ejentlich do?“
CR 1: „Em Fröhjohr, un der Pitter wor och dabei. Ewwer der wor fruh, als er wie’er deheem wor.“
DG 2 (sie): „Ja warför dat dann?“
CR 2: „Der hätt do jo nur jehoost. Die Luft wor esu schlääch, de janze Smog un esu, weeste.“
DG 2: „Ah su.“
DG 1: „Wat mächt mer denn su in PEE-King?“
CR 1: „Ene Tempel am annere kicke, mit denne Buddhas un dem janze Jedier.“
DG 2: „Hat ihr da uch Hund probiert?“
CR 1: „Ja, häst dau se noch all? Obwohl… Net dat ich wüsst.“
CR 2 (sie): „Kannste ewwer em Supermarkt kofe, vakumierte Hundeköpp ham’mer jesinn.“
DG 2: „Bah, dat es jo widderlich.“
CR 1: „Mir sin dann jo uch noch im Land jereest, no SCHI-ANNN. Dat es 2 Fluchstunne von PEEE-King.“
DG 1: „Wat os da do, dat mer dohin flücht?“
CR 1: „Dat is de Terrakottaarmee.“
DG 2: „TERRAKOTTAARMEE? Wat os dat dann?“
CR 2: „Ja, kennst dau dann die Terrakottaarmee net? Wat sed ihr da für Banause?“
DG 2: „Isch han ke Ahnung, wat os dat da?“
CR 1: „Dat sin massig Tonfijuren, ünner de‘ Ääd.“
DG 2: „TONFIJUREN? Verzillst du mir dat ihr stunnelang fliecht für e paar Tonpüppche?“
CR 1: „Wat heesch hei TONPÜPPCHE? Dat sin 8000 Stück, ÜNNER DE‘ ÄÄD!!!“
DG 2: „Ünner de‘ Äad oder owwe drupp – dat es doch WAHNSINN, 2 Stunne Fluch für e paar Püppche!“
CR 2: „Da häst dau wirklich nix von jehürt? Dat os beröhmt!“
DG 2: „Nä, ewwer su Tonpüppche interessiere mich och net esu besonnersch…“

Für den an Tonpüppchen interessierten Leser: http://de.wikipedia.org/wiki/Xi’an 😉
Viele Grüße
Barbara