La vie en “Aix”

Wieder mal in Frankreich – und wenn mich nicht alles täuscht, dann zum ersten Mal seit 1991… damals 3 Wochen zum Kriegsgräberschrubben in der Normandie. Lange habe ich gerätselt, ob es mit mangelnder Affinität für Land, Leute und Sprache zusammenhängen könnte. Das kann aber eigentlich nicht sein, denn es würde unter dieser Voraussetzung ja an Masochismus gegrenzt haben, in der Schule den Leistungskurs Französisch durchzuziehen. Dann wohl eher einfach „das Leben“, das mich nach dem Abitur direkt in die USA verschlagen hat. Masochismus ist dann wohl eher die französische Tastatur, auf der ich mich gerade quäle. Ja, GANZ grosser Fehler: ohne Laptop zu reisen! Aber ich wollte mich ja damit nicht abends in meinem Apartment verschanzen und baute auf das Vorhandensein von Internetcafés. Nun ja, eins habe ich gefunden; das jedoch läd nicht zum Verweilen ein. So nutze ich die Mittagspause in der Sprachschule…

So habe ich letzte Woche Dienstag begonnen, voller Enthusiasmus – bis mir der Blog abstürzte, ironischerweise bei dem Versuch der Zwischenspeicherung. Heute sieht alles ganz anders aus, so vom Layout hinter den Kulissen… vielleicht habe ich genau den Tag der Umstellung erwischt. Jedenfalls war ALLES weg bis auf den obersten Absatz und ich fange nun quasi von vorn an. On y va, wie man hier sagt.

Eine problemlose Anreise brachte mich dann auch gleich noch in den Genuss eines ausgedehnten Hafenrundflugs über Marseille und seinen Hafen mit azurblauem Wasser und unzähligen Segelbooten. Da hätte ich so vom Gefühl her auch gleich bleiben können 🙂 Den Flughafen möchte ich mal als übersichtlich bezeichnen, was die Suche nach dem Bus nach Aix-en-Provence ernorm erleichterte. Aber es rief mir auch irgendwie in Erinnerung, dass es nach Meinung einiger Leute und gewissen stadtgeografischen Modellen einerseits Paris gibt und dann die Provinz… Was sage ich, das beruht nur auf der oberflächlichen Betrachtung des Flughafens. Vom Flugzeug ging es per pedes ins Gebäude, unter der Aufsicht eines für unsere Sicherheit zuständigen Menschen, der und uns mit „Allez! Vite, vite!“ über den Asphalt hetzte… und ich dachte nur: „Genau das ist ja mein Problem: schnell geht für mich in dieser Sprache eigentlich gar nichts!“

Dann nach Aix-en-Provence. Die Kolleginnen hatten noch am Vorabreisetag zum Ausdruck gebracht, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Vergangenheit abschließen und fürderhin in Aix würde leben wollen. Nun, könnte sein 😉 Ich hatte auch genau den richtigen Einstieg. Vom Busbahnhof direkt an die „Rotonde“, geschmückt mit einem riesigen Brunnen voller Statuen, das eine Ende des Prachtboulevards „Cours Mirabeau“, wie ich mit runtergefallener Kinnlade feststellte: 53, Cours Mirabeau – das war die Adresse des Apartments, in dem ich zumindest für die zwei Wochen des Sprachkurses wohnen sollte – an der „Kö“ von Aix! Es ist tatsächlich wahr und das Apartment ist ebenso unglaublich, klein aber bestens ausgestattet und direkt über dem Café/Restaurant „Les Deux Garçons“, in dem Cézanne sich angeblich gerne mal die Zeit vertrieben hat. Einziger Nachteil: 74 Treppenstufen bis unters Dach.

Die (Alt-)Stadt ist ein malerisches Labyrinth an kleinen Straßen und Gässchen, mit vielen kleinen und größeren Plätzen, die häufig ein Brunnen ziert. Mein Lieblingsplatz ist der Place d’Albertas – da gibt es zwar keine Cafés, in denen man über einem Café au Lait die Sonne genießen könnte, denn es handelt sich um Wohnungen, aber die Anlage ist phänomenal. Dabei ist sie an sich wohl nur schmückendes Beiwerk. Direkt gegenüber ist ein so genanntes „Hôtel“. Das ist kein Hotel, sondern ein riesiges Wohnhaus. Dessen Erbauer wollte nicht nur schön wohnen, sondern auch eine schöne Aussicht haben – und hat den gegenüberliegenden Platz dementsprechend gleich mitgestaltet. Dieses Labyrinth habe ich noch nicht ganz im Griff, und das, obwohl ich weiß,wo „der Nord“ ist 😉

Die Kirchendichte ist wohl in etwa so hoch wie in Köln – wobei die Kathedrale Saint-Saveur den Mittelpunkt bildet. Sie ist ein Mischmasch an Stilrichtungen, an dem 1000 Jahre lang gebaut wurde. Die geschnitzten Eingangstore aus dem 16. Jahrhundert bilden quasi den letzten Schliff. Der Grundriss erscheint mir eher ungewöhnlich, aber wahrscheinlich liegt das an den immer wieder erfolgten Aus- und Anbauten. Am besten hat mir das Baptisterium gefallen, erbaut an der Stelle der ersten Fundamente aus dem 5. Jahrhundert.

Abgesehen von den durchschnittlich 27 Grad bei oft angenehmem Wind herrscht hier eine warme Atmosphäre: durch die in allen möglichen gelben Ockertönen gestrichenen Häuser. Wobei nicht alle gestrichen sind – es finden sich alle Zustände des Verfalls, ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Hier und da auch mal eine Fassade à la Porta Nigra, aber selten. Und dann die aufwändig geschnitzten Holztüren… oder sollte ich sagen „Portale“? In einer Woche habe ich es geschafft, trotz 30 Stunden Unterricht, 512 MB an Fotos zu machen… dabei sicher 50 Türen. Es kam allerdings dazu, dass es einen Feiertag gab und wir Georges kennenlernten.

Georges organisiert für die Schüler der Sprachschule Touren – einen ersten Rundgang durch Aix beispielsweise oder eben am Feiertag, dem 15. August, eine Fahrt nach La Ciotat und Cassis. Wer Georges und somit den Dialekt eines Originals aus La Ciotat kennt, muss sich als Eifler keine Sorgen mehr über den Akzent machen. Da heißt es nicht „bon“ (gut), sondern „bong“. „Matin“ (Morgen) ist „Mattäng“ – und sagt man in der Eifel schon mal „a demäng“ (bis morgen), so geht man damit hier als Eingeborener durch.

La Ciotat ist die Heimat der „Frères Lumières“, der beiden Herren, die das Kino erfunden haben – Auguste und Louis. Zweites wichtiges Charakteristikum: Schiffbau. Allerdings schon länger nicht mehr: erst waren es dann nur noch Reparaturdocks, dann war ganz Schluss. Riesige Anlagen aus Krupp-Stahl stehen nach am Hafen, aber wahrscheinlich auch nur, bis der Stahlpreis exorbitante Höhen erreicht hat und sich ein Abriss lohnt. Nach einer kleinen Erkundungstour durch die Stadt ließen wir den „Touristenstrand“ links liegen (Sand hatte ich ja bereits letztes Jahr bekommen) und fuhren zum Parc Mugel, westlich der Stadt. Neben dem dort herrschenden Mikroklima gibt es auch eine kleine Bucht, wo man zwar nicht am Strand liegen, aber aus den verschiedensten Höhen von den Kliffs springen kann. Was das Meer angeht, bin ich zwar ungern in Bereichen, wo ich nicht mehr stehen kann, aber das war einfach zu einladend – wieder so azurblau, etwas Wellengang – wunderbar erfrischend. Erfreulicherweise war es auch kein Problem, wieder an Land zu kommen. 😉

Weiter ging es über die „Route des Crêtes“ zu den Calanques und nach Cassis. Bei den Calanques handelt es sich um fjordartige Buchten, tiefe Einschnitte in die Küste. Die „Route des Crêtes“ führt serpentinenartig entlang eines steilen Küstenabschnitts, mehrere hundert Meter steil abfallender Kliffs (ich will „Kliff“ immer mit „C“ schreiben, aber das liegt wohl am Duschgel?!). Die letzte beeindruckende Erhebung ist das Cap Canaille bei Cassis. Cassis hat einen schönen kleinen Hafen mit einer Häuserfront in allen möglichen Farben. Viel mehr habe ich allerdings nicht gesehen, da ich mich für den Zeitraum unseres Aufenthalts für eine Bootstour in drei der Calanques entschieden habe. Ziemlich beeindruckend! Aber: keine Zeit zum Sand sammeln!!!

Des Abends schlendert man durch die Stadt, oder trifft sich zum Essen – ins Kino habe ich mich auch gewagt, nachdem ich vor ein paar Tagen schonmal das Gucken eines Films als entspannend empfunden habe. Langsam angefangen habe ich mit „Ratatouille“, in guter Gesellschaft mit unzähligen Kleinkindern. Aber der Film war gut! Oder aber, um auf die feierabendlichen Vergnügungen zurückzukommen, man wandelt den Cours Mirabeau auf und ab, auf dem zurzeit ein Händler am anderen seinen Stand aufgebaut hat, bis spät in die Nacht. Und so schlendere ich da lang, vorbei an Lavendelprodukten jedweder Art, ausgefallenen Schmuckstücken, Töpferwaren, Klamotten, blauem Glas aus Herat, Tischwäsche mit provençalischen Motiven… Moment!!! Blaues Glas aus Herat? Nett arrangiert auf Kelims, im Hintergund Bottiche voller Lapislazuli, kunstvoll geschnitzte Möbelstücke aus Holz… Ich werde verfolgt – egal, VOLLKOMMEN EGAL, wohin ich gehe. Den Händler musste ich natürlich trotzdem ansprechen, nein, er sei kein Afghane, sein Freund habe das Zeug besorgt (ein seit 1984 in Frankreich lebender Kandahari, den ich am Folgeabend kennenlernte). Für wieviel er denn das simple Wasserglas im Design „Senfkristall“ verkauft? 5 Euro. Einkauf, für den Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation vor Ort, 50 US Cent, wenn ich mich recht erinnere. Uli, wir hätten diese Geschäftsidee weiterverfolgen sollen. Da stecken Millionen drin… 😉

Zum Abschluss für heute noch ein paar Worte zum Kurs: die erste Woche war gut. Vormittags als einzige Deutsche in einer Gruppe von 8 Schülern, nachmittags sind wir zu fünft (davon dann allerdings 4 deutschsprachige Teilnehmer). Hauptaugenmerk ist die gesprochene Sprache – also labern, labern, labern, egal, ob die Dinge grammatikalisch einwandfrei rauskommen oder nicht – genau das, was ich brauche. Bin in eine Clique Südeuropäer geraten, Maria aus Madrid, Conchetta aus Rom, noch ne Maria aus Barcelona und Nina aus Ljubljana. Auch nach Feierabend ist die Sprache der Wahl Französisch.

Das soll es für heute gewesen sein… bis zum nächsten Eintrag sollte aber hoffentlich nicht wieder soviel Zeit vergehen! Tja, was die Fotos angeht… die sind nun drin! 😉

Viele Grüße
Barbara

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