Ein Geständnis

Wenn ich die Fenster an der Wohnung öffne, liegt ein Lavendelduft über Poppelsdorf, so schwer wie das Eau de Lakritz über Kessenich… Hier ist er nun, so ein bisschen im Nachhinein, der Bericht zur letzten Etappe: Marseille. Oft habe ich mich gefragt, was man gemeinhin eigentlich mit Marseille verbindet? Ich, glaube ich, so vollkommen unbeleckt, wertungsfrei und ohne weitere Überlegungen vorher, nur Fußball (Olympique Marseille, OM) und „Anlaufpunkt für Immigranten aus dem Maghreb“. Aber offensichtlich gibt es das herrschende Vorurteil, dass es sich um eine hässliche, heruntergekommene Stadt mit hoher Kriminalität handelt. Und sowas nennen Leute wie der mir nach wie vor symphatische Kopfstoßer Zinédine Zidane ihre Heimat.

Es gibt drei Krimis des Autos Jean-Claude Izzo, die „Marseille-Trilogie“, die ich mir auf Empfehlung besorgt habe. Ambitioniert habe ich sie auf Französisch besorgt und entsprechend moderat ist das Vorankommen in der Geschichte, aber ich kann nach einem Drittel des ersten den Krimifans unter euch bereits sagen: lesen! Aber dieser Autor, der sein Leben lang in Marseille gewohnt hat und aus dessen Zeilen man die Liebe zu dieser Stadt leicht herauslesen kann, schreibt selbst (in freier und etwas holpriger Übersetzung):

Marseille ist keine Stadt für Touristen. Es gibt nichts zu sehen. Ihre Schönheit lässt sich nicht fotografieren. Sie zerteilt sich. Hier muss man Partei ergreifen, leidenschaftlich werden. Dafür sein, dagegen sein. Sein, und das heftig.

Man muss sich also einlassen auf diese Stadt und das habe ich versucht, soweit das in zwei Tagen möglich ist. Ihre Schönheit, dort wo sie zu finden ist, ist auf jeden Fall sichtbar, wenn auch vielleicht nicht zu fotografieren, sie ist weder subtil, noch erschließt sie sich erst nach langer Zeit. Mir hat Marseille gefallen – so, jetzt ist es raus. Vielleicht hat der Autor, der leider bereits im Jahr 2000 verstorben ist, den letzten Kick an Aufschwung nicht mehr miterlebt. Ab wann der für alle offen sichtbar war, weiß ich nicht.

Was man wieder alles nicht weiß: ein großer Teil der Altstadt wurde, als „Nest der Résistance“, im Januar 1943 auf Anweisung von ganz oben aus Berlin gesprengt. Die Frage die sich mir immer wieder gestellt hat ist, was genau „ein großer Teil ist“ (angeblich 1.924 Häuser) oder aber, ob die Altstadt in großen Teilen wieder aufgebaut wurde. Sicher, hier und da gibt es eindeutig gefüllte Baulücken, besonders an der Westseite des Alten Hafens, und einige architektonische Alpträume, riesige Wohnbunker – aber nicht in Ghetto-Lage sondern direkt Downtown. Eine große Mall, das Centre Bourse, ist eingebunden, die seit wenigen Wochen aktive, schnieke Straßenbahn führt daran vorbei. (Folgendes Foto ist NICHT von einem der Gebäude direkt am Hafen – die sind wesentlich kleiner! Dieses liegt am Cours Belsunce, nahe des Einkaufszentrums.)

Was mir an den zweireihigen, eher unattraktiven und klotzigen Nachkriegsgebäuden an genannter Seite des Alten Hafens trotz allem sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass man von den belebten Plätzen, die im traditionellen Statteil Le Panier dahinter liegen, durch wohl platzierte Durchgänge bis zum Hafen sehen und sogar die berühmte Notre Dame de la Garde auf einem Hügel auf der anderen Seite erblicken kann. Dieser Inbegriff an Kitsch einer Kirche ist sowieso von so ziemlich jedem Punkt des Zentrums auch zu sehen – und wegen der stark erhöhten Lage wohl auch von so einigen Randgebieten. Darüber hinaus ist sie auf jeden Fall den Besuch wert, allein wegen dieser Lage, von der man einen Blick auf das gesamte Stadtgebiet, die vorgelagerten Inseln und die Côte Bleu noch hinter dem eingeschlafenen, nur noch von Kreuzfahrtschiffen angesteuerten Industriehafen bewundern kann.

Eine eben jener Inseln ist, bzw. beherbergt Château d’If, wo im Roman von Alexandre Dumas der Graf von Monte Christo darben musste. Den Tag, den ich mir für den Besuch derselben ausgesucht hatte, ließ gerade das aber nicht zu: der Mistral blies mit bis zu 100km/h und nur die anderen beiden Inseln, mit geschützteren Häfen, wurden angelaufen. Da kann man zur Ruhe kommen, wunderbar schwimmen und das verfallene Hôpital Caroline betrachten: hier wurden früher Pest- und andere stark infektiöse Kranke untergebracht, damit die Gefahr für den Rest der Bewohner so gering wie möglich gehalten wurde. Der Mistral war Teil der Strategie: als ablandiger Wind hat er, wenn er kam, die Bakterien, Viren und andere Erreger noch weiter hinaus auf’s Meer geblasen.

Aber kommen wir doch noch mal auf Marseille insgesamt zurück. Es ist eine uralte Stadt; schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert kamen griechische Händler in die Nähe der Rhône-Mündung. Auf diese Geschichte ist man stolz in der heutigen Millionenstadt. Ob es die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist, hängt vom Wohnort des Betrachters ab. Jene aus Marseille sind sich da ganz sicher, die aus Lyon glauben dagegen ganz an ihre Vormacht.

Marseille wurde im 19. Jahrhundert zur bedeutensten Hafenstadt des französischen Kaiserreichs, wozu die kolonialistischen Bestrebungen erheblich beigetragen haben. Auch nach dem 2. Weltkrieg boomte Marseille und drohte durch die kontinuierliche Zuwanderung bis Ende der 1970er Jahre „in Dreck, Kriminalität und Verkehr zu ersticken.“ Daher dann wahrscheinlich das Vorurteil, das zur Zeit seiner Entstehung keins war. Angetrieben auch durch entstehende soziale Unruhen setzte eine Abwanderung ein und die Stadt verlor innerhalb von zehn Jahren wieder 10% ihrer Bevölkerung. Die Sanierung der Stadt und besonders auch des Altstadtviertels Le Panier läuft seit 1983. Deutlich gewandelt hat sich das Gesicht der Stadt wohl seit den 1990er Jahren, die Wirtschaft wächst wieder, aber die Arbeitslosigkeit liegt nach Aussagen einer unserer in Marseille wohnenden Lehrerinnen weiterhin bei nahezu 20% (nicht verifiziert!). Wie es bei dieser noch nicht wirklich guten Situation zu einem Bau- und Renovierungsboom kommen kann, wie er momentan herrscht, ist mir unbegreiflich. Ich habe selten eine Stadt gesehen, in der ein solcher Aufbruch herrscht – außer vielleicht in Berlin Mitte der 90er Jahre, aber das war ja wohl ein Sonderfall. Die Stadt wird im wahrsten Sinne des Wortes herausgeputzt und das einst verrufene Panier strahlt mit bunten Fassaden und beherbergt in einem Bereich nahe der Alten Charité eine Kolonie an kreativen Töpferwerkstätten, wo wirklich wunderbare Dinge hergestellt werden. Die Renovierungsarbeiten, auch bspw. am Boulevard de la République, wo man sich wie in Paris vorkommt, haben natürlich zur Folge, dass bezahlbarer Wohnraum gerade für Geringverdienende knapp wird und viele verdrängt wurden; da wird die Stadt dann wohl doch nach und nach strukturell umgekrempelt. Angeblich verläuft sich allerdings weiterhin kaum ein Tourist nach Le Panier, obwohl einer der „Entdeckungspfade“ des Tourist Office sich darauf konzentriert – ähnlich dem Freedom Trail in Boston entlang einer auf den Asphalt gemalten roten Linie.

Ein weiterer dieser Pfade führt vom Alten Hafen in einer fast schnurgeraden Linie die breite Canebière und dann den Boulevard Longchamps nach Norden – direkt auf den Palais Longchamps zu. Hinter diesem größenwahnsinnig anmutenden ehemaligen Wasserschloss liegt ein kleiner Park, wo ich mich auf einer Bank ein ganzes Weilchen zum „People Watching“ niedergelassen habe. Nach wenigen Minuten breitete schon eine freundlich grüßende ältere Dame ein Frotteehandtuch neben mir aus, nahm Platz und strickte gemütlich an einem Paar Socken. Drei Bänke weiter hatte sich ein Rentner mit Kaffee und einer Tageszeitung häuslich eingerichtet und viele Kinder strömten herbei, um im nahegelegenen „Theater der Giraffe“ eine Marionettenaufführung zu besuchen. Der Blickfang auf dem Spielplatz gegenüber der Bank war der muskulöse junge Vater nordafrikanischer Abstammung, in Baggy-Pants, Muskelshirt, Baseballkappe und reichlich Gold am Handgelenk, der den Buggy von einer Wippe zur nächsten Rutsche schob und sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ. Apropos Kinder. Frankreich quillt über von Kindern. Sie sind überall und wenn man sich die Frauen so ansieht, werden es auch bald noch viel mehr sein 😉 Das war auch ein Thema im Kurs – woran das wohl liegen mag, dass in Frankreich momentan so viele Kinder geboren werden (und warum in Deutschland so wenige). Vielleicht lag es an der bloßen Menge, aber ich habe auch schon sehr lange nicht mehr so viele Kinder in Schreikrämpfe verfallen sehen – und so viele mehr oder weniger starke Klapse auf das Hinterteil. Amerikanische Touristen müssen empört sein…

Was ich alles NICHT gesehen habe, aus Zeitmangel… die Cité Radieuse, die 1953 fertiggestellte „Lichterstadt“ des Architekten Le Corbusier. Den Industriehafen aus der Nähe. (Irgend) Ein Museum von innen. Details des Migrantenviertels Belsunce, weiter rein als die direkt an die Canebière angrenzenden Basarbereiche – und ich meine Basar! Mit geschlossenen Augen und offener Nase hätte man wahrscheinlich auf Tunis getippt, wenn man dort hinein gebracht worden wäre. Überhaupt kann man in Marseille Urlaub machen und sich authentische Souvenirs sehr vieler Ecken dieser Welt mitbringen, ob nun tunesische Töpferarbeiten, senegalesische Stoffe oder japanische Kimonos. Und das alles maximal zwei Querstraßen hinter der Nobeleinkaufsmeile; der Bruch könnte nicht wesentlich härter sein. Aber genau das hat mir wahrscheinlich gefallen: die Tatsache überhaupt, dass es so viele grundsätzlich verschiedene Ecken gibt und dann, dass sie so vollkommen ohne Ankündigung ineinander übergehen.

Also, traut euch an Marseille heran… vielleicht zuerst über die Krimis 😉

Viele Grüße
Barbara

2 Kommentare zu “Ein Geständnis

  1. Barbara. Hörst Du bitte auf. Wo muß ich denn noch überall hinfahren. Soviel Urlaub habe ich nicht. Oder warte doch mit Deinen Tipps bis ich in 6 Jahren in die Altersteilzeit gehe. 😉
    Gruß Hering

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  2. Nun, dann habe ich ja mein Ziel erreicht! Gerade heute habe ich gelesen, dass die Franzosen entsetzt sind: sie sind in der Gunst der Touristen auf Platz drei abgerutscht, hinter die USA und Spanien… man denkt über Maßnahmen nach, um das wieder zurechtzurücken. Bin gespannt, wann sie sich bei mir melden 😉
    Gruß, Barbara

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