Wirtschaftswunder / „Economic Miracle“

Dieser Tage gehe ich durch eine Menge alter Dinge im Haus meines Vaters. Vieles geht in den Müll, ebenso vieles findet Abnehmer über diverse Online-Börsen, auf denen man Dinge verschenken kann. Oder auch einfach über eine Kiste an meiner Haustür. Aber manches braucht zumindest den zweiten Blick. Es gibt z.B. hunderte Dias aus den 60ern, die ich nicht wegwerfen möchte, ohne einen letzten Blick darauf geworfen zu haben. Der erste Schwung ist angeguckt und eine Auswahl habe ich digitalisieren lassen. Zum Beispiel diesen weihnachtlichen Eindruck:

I’m sifting through loads of stuff at my Dad’s house these days. Much of it goes right to the trash bin, about as much finds new owners via online platforms where you give away things for free. Or just by putting it in a box outside my front door, inviting people to take it. But some things need at least a second look. There are hundreds of slides from the 60s that I don’t want to throw out without having had a last look at them. I’ve checked out the first bunch and had some digitalized. This Christmas impression for example:

Das ist mein Opa mütterlicherseits mit der charakteristischen Zigarre – manchmal glaube ich, er hat damit geduscht. Wie es sich für Kinder im Vorschulalter gehört, wird da wohl gerade einer meiner Großcousins an den Genuss von Bier herangeführt. Erstaunlicherweise sieht das nach einem Pils-Glas aus – was mich, vor dem Hintergrund, dass das Foto in Düsseldorf entstanden sein muss, dann doch wieder zweifeln lässt… ist es doch Apfelsaft? Mit Schaum? Gott sei Dank kein Kölsch; das hätte mich jetzt nachhaltig aus der Bahn geworfen 😉 Und dann das: das stehen frische Tulpen! Im Dezember! Aus Kenia werden die damals doch wohl nicht gekommen sein? Und das, wo ich gelernt habe, dass diese Unsitte sich erst relativ kürzlich entwickelt hat…

That’s my maternal Grandpa with his trademark cigar – sometimes I think he took showers with it. And as is customary for pre-schoolers, one of my great cousins (I suppose) is learning to appreciate beer. The weird part is that this looks like a Pils beer glass – and knowing that this picture must have been taken in Düsseldorf (where „Alt“ is what you drink) makes me wonder… is it apple juice after all? With foam? Thank heavens it’s clearly not „Kölsch“ beer. That is from Cologne and as there’s a deep rivalry between these two cities you just CAN’T drink that within Düsseldorf city limits. Try ordering it in a pub and prepare for the worst! And then look again: there are real tulips! In December! I don’t think these came from Kenya as they do nowadays? That’s a real shocker – now that I have always been told that this was a bad habit that’s developed only rather recently…

Die Dame in der grünen Bluse ist meine Oma mütterlicherseits, links von ihr eine ihrer Schwestern… und der Schnittige mit der Aktentasche ist wahrscheinlich ihr Mann. Sie sind irgendwo in Urlaub, aber ich habe keine Ahnung wo. Jedenfalls scheinen sie voller Tatendrang, bereit, die Welt zu erobern – oder zumindest, sich richtig gut zu amüsieren. Was ich neben Dias außerdem noch gefunden habe, war die gesammelte Sozialversicherungsgeschichte meines Opas. Einzahlungen bei der „Allgemeinen Ortskrankenkasse“ seit 1928:

The lady in the green blouse above is my maternal Grandma, one of her sisters to her left… and I think the smart guy with the briefcase must be her husband. They are on vacation somewhere but there’s no telling where. Anyhow, they seem to be ready to conquer the world – or to have a really good time at least. In addition to all these slides, I also found the complete social security history of my Grandpa. Deposits at a well-known insurance company from 1928 onwards:

Man kann fast einfach nach den Stempeln gehen, um grob einzuschätzen, was von wann ist… Für „Wehrdienst“ wurden in Sachen Rentenberechnung Ersatzzeiten anerkannt – 100 Monate, für Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft. Ab 1948 wird dann wieder zivil gearbeitet. Das erste Gehalt noch in Reichsmark – was dann 1:1 in Deutsche Mark übernommen wurde (das war der Wechselkurs für laufende Verpflichtungen; für abgeschlossene lag er bei 10:1). Und dann gucke ich mir die Zahlen so an und der Statistik-Freak in mir wird wach, denn nur ein Blick reicht eigentlich, um das Wirtschaftswunder erkennen zu können. Irre Lohnsteigerungen, bis zu 16% von einem Jahr auf’s andere. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass mein Großvater mal in eine höhere Position aufgestiegen ist, bleibt das Ganze atemberaubend – bis auf ein Jahr gab es immer eine Erhöhung… im Mittel 6,9% pro Jahr. Und das, obwohl für drei Jahre die Steigerung nicht errechnet werden kann. Ich glaube, ich lege meinen eigenen Verlauf lieber nicht daneben…

You can pretty much tell by the designs of the stamps which slip is from which year… „military service“ was considered for the calculation of his pension – 100 months, for actual military service and then as prisoner of war. From 1948 onwards he held down a „civil“ job again. The first salary was still paid in Reichsmark – which was converted 1:1 into Deutschmark (this exchange rate was for ongoing obligations only; others were at 10:1). Then I look at all the numbers and the hidden statistics nerd comes to life: one quick look is enough, really, to see the post-war „economic miracle“ (Wirtschaftswunder). Crazy salary increases, the highest at 16% from one year to the next. Even if I consider that maybe Grandpa moved up the career ladder a little bit, it is breathtaking. There was an increase every year save one… on average 6.9% per annum. And that’s including three years at zero value as the salary is missing. I thought of comparing it with mine but then reconsidered…

Die Dias sind fast ausschließlich entweder Urlaubsaufnahmen oder dokumentieren Familienfeiern. Süddeutschland, Österreich und Südtirol waren die bevorzugten Ziele – aber es ist nicht nachvollziehbar, welche Aufnahmen wo gemacht wurden. Manch ein Gipfel könnte für das geübte Auge zu erkennen sein… aber nicht von mir! Es muss die Mode gewesen sein, andere Menschen mit dem Fernglas vor Bergpanorama zu fotografieren. Und das sind nur die aus der zweiten Hälfte der Diakiste… ich habe das Muster zu spät erkannt.

The slides I’ve been through so far are all either from my grandparents‘ vacations or document family parties. Southern Germany, Austria and South Tyrol were the preferred destinations – I just don’t know which were taken where. I guess the trained eye could recognize some of the summits but that is so not me! Anyhow, it must have been the fashion at the time to take pictures of people using binoculars to check out the landscape. And these are only the ones of the second half of the slide box – I recognized the pattern rather late.

Ein paar solcher „Nostalgie-Posts“ werden folgen… wann immer ich dazu komme. Bis dahin – lasst’s euch gut gehen.

I think there will be a few more of these „nostalgia posts“… whenever I get around to them. Take care!

Barbara

8 Kommentare zu “Wirtschaftswunder / „Economic Miracle“

  1. Ahoi,
    ich gehe davon aus, dass es sich um Pils handelt, denn Onkel Paul war bekennender Pils- statt Alttrinker. Der alte Revoluzzer. Entsprechend ist es einer von den beiden Sprösslingen. Tulpen aus Amsterdam, Kenia oder Plaste und Elaste aus (Bayer) Leverkusen. Man weiß es nicht 😂😂😂

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  2. Liebe Barbara, das ist eine echt tolle Art mit Familiengeschichte umzugehen! Toll! Musst Du das elterliche Haus leeren?

    Liebe Grüße Jeannette

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  3. Barbara! Das sind unfassbare Funde! Sie lassen das Fotografenherz höher schlagen. Und die investigative Journalistin an dessen Seite hat natürlich flugs recherchiert, dass mein Favoriten-Foto — ein Höhepunkt der Street Photography — in Wien aufgenommen wurde (Überraschung!!!): »Trude Kleemann Optik« und »Mayr & Fessler Schreibwaren« gibt es nämlich bis heute. LG aus den Bergen der Vulkaneifel & ein hallendes HOLDRIO von Uwe & Petra

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