“Barbara, ach Barbara – komm zu uns nach Afrika!”

…waren die Eröffnungsworte eines Briefs, den ich am vergangenen Donnerstag von meinem bekannten Missionar in Goma erhalten habe. Ich gehe davon aus, dass er noch nicht weiß, dass es schon am kommenden Montag, 3. März, so sein wird! Noch hoffe ich, dass ein aufregender Besuch beim Zahnarzt nicht noch aufregenderes nach sich zieht, verkürzte Darstellung:

„Also, das liegt so offen, der Nerv muss tot sein! Wir müssen das ohne Betäubung machen, damit wir es wissen. Sonst muss da noch eine Wurzelbehandlung dazu.“
„Äh, wie jetzt, Wurzelbehandlung? Das könnte ein Problem werden, weil ich in vier Tagen auf eine Dienstreise fahre.“
„So schlimm wird’s schon nicht werden, es geht ja wohl nicht nach Afrika!“
„Äh, doch. Kongo. Neun Wochen.“
(Schallendes Gelächter von Zahnarzt und Assistentin, ungläubiger Blick meinerseits.)
„Kongo! Das gibt’s nicht! Das sagen wir sonst immer so und dann antworten die Leute, ‚Nein, nein, ich muss zwei Tage nach Bad Neuenahr!‘ Dass Sie jetzt Kongo sagen…“

Naja, nach Lachen war mir nicht, zum ersten Mal eine Zahnarztaktion ohne Betäubung (ja, ich bin ein bekennender Schisser) und trotzdem ohne größere Schmerzen und dachte dann nur noch an diesen Satz zu den Aussichten des Patienten aus einem Film, vielleicht war es in Fackeln im Sturm, ein durch lange Kriegswirren gezeichneter Nordstaatler, dem gerade ohne Anästhesie in einem dreckigen Lazarett-Zelt beiden Beine amputiert wurden und der gnädigerweise bald in die Bewusstlosigkeit sank: „Wir müssen erst die Nacht abwarten.“ Die Nacht habe ich abgewartet und der Zahn blieb ruhig… ich hoffe also, dass sich über’s Wochenende nicht noch was ergibt.

Also, nun wird es wieder Kongo und wieder hauptsächlich Goma. Aber wohl auch Butembo für ein paar Tage, da gibt es ebenfalls einiges auf Vordermann zu bringen, nachdem wir die Kollegen dort nach dem Hin und Her mit Goma eigentlich sträflich vernachlässigt haben. Und hoffentlich auch Walikale und Lubutu, die Baustellen, wo ich ein Modul eines Buchhaltungsprogramms installieren und den lokalen Kollegen eine Art Training dazu zu geben möchte. Hoffentlich klappt das alles… Und da ich ja dann doch immer wieder gefragt werde, „Wo liegt das denn eigentlich?“ habe ich noch mal Google Earth besucht:

Der rote Pfeil zeigt die Richtung „der Straße“ an, die unsere Kollegen bauen, mehr oder weniger von Goma auf Kisangani zu (ganz oben links). Zieht man den Maßstab links unten zu Rate stellt man fest, dass es von Goma bis nach Lubutu, bis wohin die Baustelle sich in der Zwischenzeit im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschlagen hat, knapp 300 km Luftlinie sind. Straßenkilometer sind es wohl etwa 400. Von Lubutu geht es dann aber nicht weiter Richtung Kisangani, sondern Richtung Süden auf Kindu zu, aber nur bis Punia (Kindu vieleicht in einem neuen Projekt). Gerade ist ENDLICH eine Kongo-Karte von Reise Know-how erschienen, wo man sich das alles mal im Detail ansehen kann – ich musste allerdings feststellen, dass dort Straßen als geteert und quasi autobahnähnlich definiert sind, die de facto entweder noch gar nicht (bzw. nicht mehr) existieren oder eben aus unseren Pisten bestehen.

Auch konnte ich mir nicht verkeifen, in Sachen Vulkane noch mal ein bisschen zu surfen und kann nun eine Idee davon vermittlen, warum der Himmel nachts über dem Vulkan immer orange leuchtet. Man sagt das immer so, da ist ein Lavasee, aber kann man es sich vorstellen? Jetzt vielleicht!


Night photo of the lava lake in Mount Nyiragongo, by Jack Lockwood, USGS 1994

Da muss man doch mal hin, oder? Ich finde das komplett faszinierend. Es geht auch nicht ohne Übernachtung „oben“, da man bis auf über 3000 Meter hochkraxeln muss… Aber erstmal sehen, wie überhaupt alles so läuft und wie sich die Sicherheitslage außerhalb Gomas entwickelt hat. Nun ja, noch ein paar Fotos und auch einen Erlebnisbericht von einem Besuch in Goma, einer Besteigung des Mt. Nyiragongo und einer Beobachtungstour bei den Gorillas hat ein Martin Rietze ins Netz gestellt (Januar 2007). Und zu guter letzt kann man auf YouTube den Vulkan in bewegten Bildern vor sich hinbrubbeln sehen.

Dann noch ein Wort zur Größe des Landes. Es gibt eine ganz gute Seite zur Demokratischen Republik Kongo, vereinfacht „Kongo Kinshasa“ genannt (im Gegensatz zur Republik Kongo, „Kongo Brazzaville“). So heißt sie denn auch, die Seite, Kongo-Kinshasa.de. Da hat ein fähiger Mensch die Umrisse der DR Kongo mal auf Europa projiziert, siehe unten. Goma ist ungefähr da, wo der weiße Punkt ist auf der roten Grenzlinie, quasi in der Tschechischen Republik. Kinshasa ist in der norwestlichsten Ecke Spaniens und Ebola bricht hier und da auf Sardinien und Korsika aus – also alles verdammt weit weg 🙂

„Ich bin dann mal weg“ bis Anfang Mai und freue mich auf viele Mails an bekannte Adresse!
Barbara

Wenig fröhliches aus dem Ostkongo

Entscheidungsschlacht gegen Nkunda

Die Regierungsarmee startet eine Großoffensive gegen Laurent Nkundas Tutsi-Rebellen im Ostkongo. Der regionale Krisengipfel mit den USA ist gescheitert. VON DOMINIC JOHNSON

Die Kämpfe sind laut Augenzeugen von beispielloser Heftigkeit. Kongolesische Zeitungen sprechen vom „totalen Krieg“. Seit Montag wird an allen Fronten der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu, wo sich Regierungsarmee und Rebellen des Tutsi-Generals Laurent Nkunda gegenüberstehen, erbittert gekämpft.

Kongos Armee hat über 20.000 Soldaten in die Schlacht mit 4.000 Rebellen geworfen und massiv schwere Artillerie ins Kampfgebiet gebracht. Gestern meldete sie die Eroberung der Rebellenbasis Mushake in den Masisi-Bergen westlich von Goma. „Die 82. Brigade steht in Mushake“, sagte Armeechef Dieudonné Kayembe in Goma. Am Wochenende hatten Nkundas Rebellen ihrerseits die Regierungsbasis Nyanzale nördlich von Goma erobert. Sie erbeuteten dabei acht Tonnen Munition.

Die Eskalation trifft vor allem die Zivilbevölkerung. Seit Wochenbeginn ist die gesamte humanitäre Hilfe in Nord-Kivu außerhalb Gomas und Umgebung eingestellt. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms schneidet diese von der UN-Mission im Kongo (Monuc) verfügte Maßnahme 300.000 Flüchtlinge von jeglicher Versorgung ab. Nord-Kivu zählt 800.000 Kriegsvertriebene; 437.000 davon sind nach UN-Angaben dieses Jahr geflohen, mehr als in jedem anderen Konfliktgebiet der Welt. Nur 50.000 davon seien noch für die Hilfsorganisationen erreichbar.

Laut Informationen der taz hat die Monuc das UN-Personal in Goma angewiesen, sich auf die Evakuierung vorzubereiten. Dies wurde gestern dementiert – halbherzig. „Wir sind immer auf Evakuierung vorbereitet“, sagte Monuc-Sprecher Kemal Saiki. Ein UN-Mitarbeiter in Goma erklärt, man sei diese Woche neu an bestehende Bestimmungen erinnert worden. Nach internen UN-Sicherheitshinweisen, die der taz vorliegen, sollen alle UN-Mitarbeiter in Goma einen Notfallkoffer bereithalten, nachts Funkgeräte anlassen und schusssichere Westen griffbereit halten.

Kongos UN-Blauhelme unterstützen die Regierungsoffensive. Allein seit Dienstag hätten UN-Hubschrauber 3,4 Tonnen Munition an die Front geflogen und mindestens 40 Verwundete evakuiert, bestätigt Monuc-Sprecher Saiki. Direkt mitgekämpft hätten die derzeit 4.800 Blauhelmsoldaten in Nord-Kivu nicht – weil Kongos Armee das nicht verlangt habe. Aber „wir haben explizit gesagt, dass wir zur Unterstützung bereit sind“. Möglich sei ein Raketenbeschuss von Rebellenstellungen. UN-Truppen und Regierungsarmee teilen sich ein Feldhauptquartier im Ort Sake.

Offiziell begründet die Regierung ihren Krieg gegen Nkunda damit, der Rebell verweigere seine Eingliederung in die integrierte nationale Armee. Aber die 82. Brigade der Regierung, die als Eroberer Mushakes genannt worden ist, zählt auch nicht zur integrierten nationalen Armee. Zudem bestätigen unabhängige Beobachter, dass Kongos Armee mit ruandischen Hutu-Milizen zusammenarbeitet – damit begründet Nkunda seinen Krieg.

Die jüngste Eskalation kommt pünktlich zu einem Gipfel in Äthiopien, bei dem US-Außenministerin Condoleezza Rice gestern mit den Präsidenten Kongos, Ugandas, Ruandas und Burundis zusammentreffen wollte. Kongos Präsident Joseph Kabila kam aber nicht, und konkrete Ergebnisse gab es auch nicht. „Wir haben uns verpflichtet, weiterhin nach Lösungen zu suchen“, sagte Ruandas Präsident Paul Kagame.

Quelle: http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/entscheidungsschlacht-gegen-nkunda/?src=AR&cHash=3df10fda69

Extrem

Der Countdown läuft; es sind weniger als zwei Wochen, bis ich wieder deutschen Boden unter den Füßen und endlich die Möglichkeit habe, meinen voll eingesetzten Weihnachtswahn auszuleben… und es ist noch einiges zu tun… vielleicht ist das das letzte Mal, dass ich mich aus Goma melde – wir werden sehen.

Das ZDF hat mich verlassen! Ich vermute, dass zum 31. Oktober das Abo des Kollegen ausgelaufen ist. Wie der Zufall es wollte hatte meine Mitbewohnerin in Bonn mir vor einiger Zeit mal die ersten beiden Staffeln „Prison Break“ auf die Festplatte gespielt, so dass ich nun trotz Fernsehausfall noch abendliche Zerstreuung finde. Aber ganz schön heftige. Und das auch noch mit chinesischen Untertiteln! Zusätzlich erschwert wird das ganze, weil wir nun so langsam wirklich in die Regenzeit zu kommen scheinen. Nachdem es mehrere Tage lang überhaupt nicht geregnet und sich immer weiter schwül aufgeheizt hatte, regnet es jetzt wirklich viel und stark, immer Gewitter. Und da auch mein Wohnhaus quasi ein Wellblechdach hat, ist das mit Fernsehen dann schwer, geht nur mit Kopfhörer, sonst versteht man überhaupt nichts.

Das sind die Problemchen, mit denen man als Expat in Goma zu kämpfen hat. Gestern kam ich mir so richtig dekadent vor. Im TRAMECO, einer Art Supermarkt mit Lebensmitteln für den dem europäischen Gaumen angepassten Geschmack, fand ich unglaublicherweise Danone Joghurts. Neben frischem Brot, das diesen Namen verdient, und Frischmilch ist das das am dritthäufigsten vermisste Produkt, wenn ich außerhalb Deutschlands weile. Haltbar bis zum 13.11., kein Preis drauf, was ja immer Anlass zu Vorsicht ist. Aber ach was, dachte ich, wenn der auch 3 Dollar kostet, den nehme ich jetzt mit, gleich zweimal. Lecker war er, keine Frage, aber als ich dann später auf der Quittung den Preis sah, musste ich mich doch setzen: 6 Dollar pro Stück. Ich hatte für 300g Joghurt 12 Dollar ausgegeben. Das ist mehr, als der Koch an zwei Tagen verdient – und der hat sieben Kinder. Ich denke nur immer, hoffentlich geht der da nicht mal rein, nur so aus Neugier, und guckt sich an, was die Sachen kosten, die bei mir im Kühlschrank oder im Regal stehen…

Ganz andere Probleme habe ich auf einem „Ausflug“ vergangene Woche gesehen und ich muss ehrlich sagen, die haben mich nachhaltig aus der Bahn geworfen. Wir hatten einen Besucher von der deutschen Botschaft in Kinshasa und nachmittags fragte mein Chef, ob ich nicht auch Interesse hätte, Richtung Sake raus zu fahren, soweit es die Sicherheitslage eben zulässt. Richtung Sake heißt Richtung Masisi Berge – dort, wo momentan Krieg herrscht, wo die reguläre kongolesische Armee mit logistischer Unterstützung der UN-Blauhelmmission MONUC den abtrünnigen General Nkunda bekämpft. Das ist eine sehr vereinfachte Darstellung von hochgradig verzwickten Beziehungsgeflechten und entsprechenden Versuchen grenzüberschreitender Einflussnahmen. Aber das ist ein anderes Thema, über das Interessierte in regelmäßigen, zurzeit wohl mindestens wöchentlichen Artikeln von Dominic Johnson in der taz mehr erfahren können. Auch online, http://www.taz.de, bspw. Vermittlung im Kongo oder Kongolesen wehren sich gegen den Krieg


General Laurent Nkunda

An dieser geteerten Straße aus Goma hinaus steppt der Bär. Da gibt es kleine Stände, wo Bananen, Kartoffeln u.ä. verkauft werden, dann welche für Telefonkarten oder Plastiklatschen – eben alles, was man so brauchen könnte. Und da sind unglaubliche Menschenmengen unterwegs, mehr als in Goma selbst. Das geht über Kilometer so weiter, bis die Bananenplantagen anfangen. Da laufen immer noch so viele Menschen rum – und plötzlich sieht man in den Plantagen notdürftig zusammen gebastelte Hüttchen aus Blättern der Bananenstauden und Plastikplanen, oft vom UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der UN. Überall Militärs. Straßensperren an den Seitenstraßen. Und dann sind es nicht mehr nur einzelne Hüttchen – und ich sage Hüttchen: geht man davon aus, dass eine kongolesische Familie sicher im Schnitt 5 oder 6 Köpfe hat, können die sich gemeinsam in einer solchen nur sitzend aufhalten. Dann sind es eben nicht mehr nur einzelne Hüttchen, sondern eine riesige Ansammlung davon, soweit das Auge reicht: das Flüchtlingscamp Mugunga. Ich kann’s nicht anders beschreiben als „und das in dem Dreck“ – der schwarze Boden, voller Pfützen, im ständigen Sturzregen, dafür keine Wasserversorgung, die was wert wäre, von Strom ganz zu schweigen… Du kannst die Cholera quasi rumlaufen sehen. Ich habe keine Ahnung, wie groß das Camp ist (und kurz darauf folgt ein zweites) – es gibt sicher wesentlich größere; ich erinnere mich an Luftbildaufnahmen eines ehemaligen Kollegen aus Darfur. Aber, und das ist jetzt als absoluter Laie gesprochen, ich stelle mir die Organisation einer halbwegs funktionierenden Infrastruktur aufgrund der natürlichen und kulturlandschaftlichen Gegebenheiten hier wesentlich schwieriger vor. Hier ist ja nirgendwo mal ein freier Platz – entweder genutzt für Bananenplantagen oder anderen Anbau, oder, aber das selten, einfach nur verwildert, und dann immer als Bodenbelag diese Lavabrocken. Und dann kommt die große Schranke, schwerst bewacht. Dahinter keine Menschenseele mehr zu sehen, aber du weißt genau, dass in den pittoresken Hügeln dahinter die Hölle losgebrochen ist. Die Zahl der Menschen, die es nicht bis auf die Goma’er Seite dieser Schranke geschafft haben und die sich irgendwo im Busch durchschlagen, wenn überhaupt, ist mir nicht bekannt, aber man weiß, dass es sehr viele sind. Und dass die Lage nun das dritte Mal in gut zehn Jahren derart eskaliert ist. Ich hörte von einem Logistiker einer anderen Hilfsorganisation, dass die Händler in Goma NIE mehr auf Lager haben, als für 5 Tage, auch wenn sie durch größere Einkäufe und damit verbundener Einlagerung wesentlich größere Gewinnmargen hätten. Aber das Risiko ist zu groß.

Nun, wie auch immer. Das alles war nur das Vorspiel dafür, was mich eigentlich aus der Bahn geworfen hat, auf dem Rückweg. Da haben wir einen anderen Weg genommen, ab dieser Hauptstraße, nicht geteert. Es waren höchstens 15 Minuten Fahrzeit in sehr langsamem Tempo und man erreichte das Villenviertel, inkl. der ehemaligen Mobutu-Residenz. Und da reden wir nicht von Joghurts für 6 Dollar, sondern von palastartigen Anwesen mit gepflegtem Golfrasen hinter hohen Mauern, auf denen der Abschluss mit razor wire nur selten durch die Ozeane an wunderbar pink blühenden Büschen sichtbar ist. (Ich kenne das deutsche Wort für razor wire leider nicht – es ist wie Stacheldraht, nur sind es Rasierklingen statt Stacheln). Dieser krasse Bruch auf nur wenigen Kilometern ist wirklich… nicht zu beschreiben.

Was die unterschiedliche Wahrnehmung von Risikoabsicherung zwischen dem durchschnittlichen Westeuropäer und dem leicht besser gestellten Kongolesen angeht, zeigte sich ebenfalls auf der schon im letzten Blog beschriebenen Party. Da erklärte ein Italiener seine Arbeit hier in Goma: er versucht sich am Aufbau einer öffentlichen Krankenversicherung und löste minutenlanges hysterisches Gelächter aller Anwesenden aus, die nur wissend nickend, als er dann seine Probleme weiter ausführte. Es ist untersucht worden, dass die Familien in der Zielgruppe durchschnittlich 50 USD im Monat für Arztbesuche und Medikamente ausgeben. Die Versicherung soll 20 Dollar im Monat kosten und immer, wenn er potenzielle Kunden anspricht und erklärt, dass man eben die 20 USD immer bezahlt und dann auch wesentlich höhere Kosten im Ernstfall gedeckt sind, erntet er nur Unverständnis; es ist kein attraktiver Deal. Wer weiß, was kommt und überhaupt.

Meine Deckung ist aufgeflogen… der geografische Quereinsteiger in der Finanzwelt. Mein Chef hier erfuhr es auch erst, als der Besucher der deutschen Botschaft fragte und mein lokaler Admin-Kollege hat mich zur Rede gestellt. Im Zusammenhang mit der „sachlich richtigen Zuordnung von Kosten“ war es nötig, das Haus, in dem ich momentan unterkomme, zu vermessen und somit sagen zu können, dass die Zimmer A und B für Zweck C genutzt werden und deswegen die Miet- und andere Kosten über Projekt D abgerechnet werden, während das bei den Zimmer E und F ganz anders aussieht. Da das Haus 290m² Wohnfläche hat, davon aber allein knapp 100 auf das Wohnzimmer entfallen, schien es uns angebracht, das vielleicht in einem Grundriss festzuhalten. Die ganze Messerei habe ich einen Abend gemacht und auch den Grundriss gezeichnet. Den habe ich morgens dann noch so klein kopiert, dass er auf eine DIN A4-Seite passte… und habe wohl eine Kopie, die noch nicht so ganz perfekt war, am Kopierer liegen lassen. Die fand der Admin und kam damit zu mir: „Madame Barbara, jetzt müssen wir mal Klartext reden: sind Sie Architekt? Oder Ingenieur? So einen Plan kann nicht jeder zeichnen.“ Tja, da flog ich dann auf als der Geograf, der eben deswegen mit diesen ganzen buchhalterischen Ausdrücken immer mal wieder Schwierigkeiten hat (auf Deutsch schon, auf Französisch bin ich auf verlorenem Posten)… aber ein Interesse an allem hat (außer Boxen, rhythmischer Sportgymnastik und Synchronschwimmen) … und Karten zeichnen hat man ja auch mal gelernt… und wie das alles kam… Afghanistan… „Das ist in Asien, oder?“

In diesem Sinne, shab ba kher, gute Nacht.
Viele Grüße
Barbara

Das kongolesische Parfum

Sollte ich jemals ernsthaft in Erwägung gezogen haben, für eine längere Zeit in den Kongo zu gehen, so lässt sich das nach einem Abend letzte Woche sicher in Goma nicht mehr ohne herben Gesichtsverlust verwirklichen. Zwar hatte ich ja in einer längeren Auswahlsitzung Musik für jeden Anlass mitgenommen – und die Auswahl war gut – aber leider keine Lautsprecher, nur den DiscMan und die Kopfhörer. Nun, wer mich und die seltenen Momente, in denen ich Musik höre kennt, weiß, dass das nicht ohne Mitsingen geht. Und wenn es dann auch noch den gewünschten entspannenden Effekt haben soll, muss das aus voller Kehle sein, mit hervortretenden Adern am Hals…. Das ist dann wahrscheinlich der gleiche Effekt wie „das gigantische YAAAAAAAAAAAAWP“, das Robin Williams im „Club der toten Dichter“ fordert. Nu ja, wenn dann bei Billy Joel noch Luft-Banjo und –Fidel dazukommen und… wie heißt das Teil… Mundharfe??… dann ist das schon ein Schauspiel – und wenn das in spastisch anmutenden Verrenkungen à la Joe Cocker endet, dann denke ich, haben die Nachtwächter mit mir abgeschlossen. Besonders die drei, die ihren Job in Jackett und Krawatte verrichten. Für die wie ein Damokles-Schwert über mir baumelnde Karaoke-Party im Dezember bin ich allerdings bestens gerüstet. Wenn meine Stimmbänder dann wieder mit von der Partie sind…

Wer mich noch besser kennt, weiß von meinem feinen Näschen, das ich ja meist verdamme, weil man dann Sachen spitzkriegt, von denen andere nichts merken. An diesem Wochenende hat es vielleicht schlimmeres verhindert. Es war am Morgen, den ich wie immer bis kurz nach 9 lesend im Bett verbracht habe. Dann habe ich zur Luftzirkulation die Terrassentüren aufgemacht und mich sofort ins Badezimmer begeben, um zu duschen. Während ich mich ausziehe, bei offener Badezimmertür, denke ich so „Boah, das kann doch wohl unmöglich ich sein, was hier so riecht.“ Und dann vollends im Eva-Kostüm „Nä, das ist ein Mann.“ Zuerst hatte ich den Koch im Verdacht, dass er vielleicht in einem Moment der Umnachtung auch samstags gekommen sein könnte. Ich strecke den Kopf raus auf den Flur und da steht der etwa 16-jährige in Bermuda Shorts, der dann schnell das Weite suchte, als ich ihn nur mit einem etwas einfallslosen „RAUS HIER!“ bedachte. Aber das hätte auch anders ausgehen können, und es wäre einfach gewesen. Weniger als zwei Stunden danach schleicht ein weiterer nahe der Küchentür rum, sieht mich und ist total unbeeindruckt. Ich habe die Tür aufgemacht und gefragt, was er da tut, es sei meines Wissens nicht sein Zuhause. Er hat sich entschuldigt und gemeint, nein, er wohne auf dem Grundstück neben dran und er habe Hunger. Das habe ich ehrlich bedauert, mir aber doch weitere Besuche verbeten… Wir haben die Zahl der Wächter erhöht und denken über die Anschaffung von Hunden nach.

Das alles, nachdem ich am Vorabend einen Kulturschock erlitten hatte. Ich war auf die Geburtstagsparty eines Bekannten eingeladen, eines kanadischen Piloten einer kongolesischen Fluggesellschaft. Aber das ist eigentlich ein nebensächliches Detail. Auf dieser Party waren nicht nur Massen an Menschen, sondern die waren auch noch alle maximal 40… Nach der Konzentration meines sozialen Umfelds auf das Team der DWHH, die zumeist fortgeschrittenen Alters sind, war das echt wie ein Schock. Überhaupt so viele Weiße auf einmal – in der Stadt sieht man nicht viele, wenn, dann nur in vorbeifahrenden Autos, nie mal auf dem Markt oder so. Was wohl auch daran liegt, dass viele NGOs Kongo von der Sicherheitslage fast wie Afghanistan einstufen und im Extremfall hier um 18 Uhr Ausgangssperre ist. Andere haben auch, aber etwas lockerere Curfews und kümmern sich nicht drum. Ich war mit Abfahrt um 23:30 Uhr erst die zweite, die ging. Und es war noch so ein bisschen was wie Leben auf den Straßen. Der Blick auf den Nyiragongo hat mir den Atem verschlagen und ich wäre fast mitten auf der, zugegeben nicht stark befahrenen, Kreuzung stehen geblieben. In der relativ hellen Nacht waren die Umrisse des Vulkans eindeutig auszumachen, der Riese, der über der Stadt wacht. Insgesamt war es aber leicht dunstig, wahrscheinlich wegen des ganzen Regens, der hier täglich runterkommt. Und dieser Dunst über dem Gipfel des Vulkans leuchtete intensiv dunkelorange, gefärbt von der glühenden Lava im Innern. Das ist Faszination pur, da will man einfach hingehen. Magisch angezogen.

Vielversprechend begann auch ein Ausflug im Motorboot meines Chefs hier auf dem Kivu-See… es war eine Fahrt wie entlang der Côte d’Azur oder so, die ganzen Villen und Hotels mit wunderschönen Gärten direkt am See. Schöne Blicke auf die Vulkane (und, oh Elend, meine Kamera hat nun definitiv und unwiederbringlich den Dienst quittiert), auf diverse Waschplätze, wo viele Frauen mit der Wäsche beschäftigt waren, aber auch Badeplätze, die weniger ein Strand sind als Open Air Badezimmer, wo man der persönlichen Hygiene wegen hinkommt. So waren wir dann unterwegs, bis der Motor anfing, aufzumucken und ausfiel… immer mal wieder lief für 10 Sekunden und wieder ausfiel. Nach längerem Hin und Her haben wir es so noch wieder zurück geschafft – wahrscheinlich war gepanschtes Benzin in die Tanks gefüllt worden. Da merkst du dann halt doch, dass du nicht an der Côte d’Azur bist.

Von Anfang an habe ich es hier als ausgesprochen schwierig empfunden, einen Draht zu den lokalen Angestellten zu finden – und das hauptsächlich auf sprachliche Unzulänglichkeiten meinerseits zurückgeführt. Das ist wohl auch tatsächlich so… es ist schwierig, wenn man sich, seine Gedanken, seine Gefühle, seinen Humor etc. nicht so präsentieren kann, wie sie sind und wie man es gewohnt ist. Zwischen dem Administrator und mir ist aber in der vergangenen Woche wohl endgültig das Eis gebrochen, nachdem wir über 14 Stunden an zwei Arbeitstagen mit dem Buchungsprogramm gekämpft haben, um es nach einem Festplattenaustausch wieder ans Laufen zu kriegen – mit den Buchungen der letzten zwei Jahre. Das schweißt zusammen, und wenn solche Programme zu sonst nichts gut sind, dann wenigstens als „Teambuilding“-Maßnahme 😉 Wir haben gewonnen und das Ereignis mit einem High Five und einer virtuellen Pulle Sekt gefeiert…

Aber nun auf in eine neue Arbeitswoche!
Viele Grüße aus der „Stadt, die man nicht beschreiben kann, die man erlebt haben muss“
Barbara

Geschlafen wird im Dunkeln!

So kann’s gehen: nur wenige Augenblicke, nachdem ich (vor-)vergangene Woche das neueste gebloggt und noch so vom Wetterleuchten über den Bergen geschwärmt hatte, stand ich mittendrin im Wetterleuchten. Hammer. Es fing an zu regnen und ich dachte, „Komm, mach den Laden dicht und mach, dass du nach Hause kommst.“ (50 Meter) Als ich den Laden dicht hatte, regnete es bereits so stark, dass ich nicht mehr wegkam, warten war angesagt – und sein eigenes Wort verstand man sowieso nicht mehr. Auf einmal stehe ich, scheinbar, voll im Rampenlicht, es kracht, dass ich mein innerstes vibrieren fühle als stünde ich in der Disko direkt vor den Lautsprecherboxen, und dann ist der Strom weg. So stehe ich da vielleicht 5 Minuten in absoluter Dunkelheit und fange an, mir mit SMS-Tippen die Zeit zu vertreiben, als zwei der Nachtwächter herbeigeeilt kommen, um sich neben mich zu stellen, damit ich nicht die, wie sich dann herausstellte, weitere halbe Stunde allein im Dunkeln stehen muss. Ergo: nach 17:00 Uhr IMMER die Taschenlampe dabei haben…

Irgendwie schaffe ich es immer noch nur nach Einbruch der Dunkelheit, irgendwohin zu fahren und ich sag’s euch: hier im Dunkeln zu fahren ist eine echte Herausforderung und das hat nichts mit Nachtblindheit zu tun. Alles ist lavaschwarz, die Straße, die „Gehwege“, die Grundstücksmauern – und die Menschen und meist auch ihre Klamotten. Das dann in strömendem Regen, die, die mit Licht fahren, fahren grundsätzlich mit Fernlicht und es gibt keine netten weißen Streifen als Fahrbahnbegrenzung, an denen man sich orientieren könnte. Dazu waghalsige Motorradfahrer, die offensichtlich jedes Schlagloch wie aus ihrer Westentasche kennen, aber für mich vollkommen ohne jeden Grund ausscheren oder allgemein einem unsichtbaren Slalomkurs zu folgen scheinen. Trotzdem kam es auch schon mal vor, dass ich diesen dunklen Pick-Up bedrängt habe… bis ich feststellte, dass die Ladefläche voller Polizisten mit den Waffen im Anschlag war. Nä, des Abends ist man insofern schon froh, wenn man dann wieder zuhause ist 😉

Dafür entschädigt die Vogelwelt, die sich im Garten und den Bäumen um „mein“ Haus in außergewöhnlicher Vielfalt zu tummeln scheint. Beim Duschen beobachtet mich immer so ein kleiner Spanner mit gebogenem Schnabel und einem Kopfputz, der in hellblau glänzt wie dieses Metallpapier, aus dem man an Weihnachten Sterne bastelt. Irgendwas flattert hier rum, dass man denkt, es war ein Feuerstreif, ein Vogel mit orange-rotem Schwanz. Und dann die Geräusche, größtenteils unbeschreibbar, dann aber auch einer, der sich wie ein schwuler Kuckuck anhört und von einem anderen dachte ich, es sei Willfrieds Wecker, so ein rhythmisches und metallisch klingendes Piep…Piep…Piep…Piep. Als der Rhythmus dann Gott sei Dank irgendwann brach – denn der macht das BEVOR mein Wecker klingelt – war klar, dass es kein Wecker ist. Oder dann eben doch irgendwie.


Eine Mammut-Motte in der Küche
A mammoth moth in the kitchen

Tja, als Ehrenmitglied der Vogelfamilie habe ich mich am letzten Wochenende auch gefühlt, so in etwa, als sei ich mit dem Verdienstkreuz der Reiher ausgezeichnet worden. Die Nacht von Freitag auf Samstag war nach dem Besuch eines Restaurants der nobleren Art ein Elend und somit der Samstag dann auch. Dazu kam Fieber, so dass ich mir schon weitere Sorgen machte, aber das war am Sonntag alles wie verflogen. Dumm trotzdem, war es doch das Wochenende, an dem mich die ehemalige Bonner Kollegin, die nun in Butembo arbeitet, besucht hat.

Nichtsdestotrotz (und auch, weil sich der Besuch bis Mittwoch erstreckte) kamen wir viel zum quatschen, stellten in o.a. Restaurant fest, dass einer der Piloten, den wir noch vom letzten Jahr kennen, nun in Goma lebt mit seiner uns ebenfalls bekannten Partnerin – und so waren wir dann auch gleich auf ein nettes Beisammensein eingeladen. Da waren allerdings drei Piloten, aus deren Gesprächen über Landebahnen, Witterung und technische Zustände mancher Maschinen man sich wirklich besser schnell verabschiedet.

Am Sonntagnachmittag wollten wir uns was gönnen (ohne die Nacht danach nähere Bekanntschaft mit der Toilette zu schließen) und sind zum Essen schnell rüber nach Ruanda. Das ist kürzer als von Trier nach Luxemburg. Dauert aber wesentlich länger, im Kongo auschecken, in Ruanda einchecken – alles in allem dauern die Formalitäten über eine halbe Stunde. Aber das war die Express-Schlange – die uns die Kollegin mit ihrem Charme (oder sollte ich sagen Laberschnüss?) geöffnet hat. So saßen wir dann etwas später in einem schnieken Hotel, wo wir uns benommen haben wie Julia Roberts beim Essen der „schlüpfrigen kleinen Scheißerchen“ in Pretty Woman. Plötzlich zog über dem künstlichen Sandstrand ein Hubschrauber auf, kreiste immer und immer wieder und landete dann. Es kam mir vor wie die Flieger von PacTec, die in Qala-i-Nau immer erst ein-, zweimal über die Landebahn hinweggebraust sind, um Schafe und Esel zu vertreiben. Dann kam ein zweiter und ein dritter, die Kellner rannten raus mit Drinks und ich dachte schon, es muss mindestens Brad Pitt sein, wenn nicht George Clooney… aber es waren nur irgendwelche amerikanischen Touristen, die sich von den Gorillas zum Abendessen in das 5-Sterne-Etablissement haben fliegen lassen. Unser Tischgespräch befasste sich zu diesem Zeitpunkt gerade mit der in den letzten Jahren in Butembo in Mode gekommenen Ausstattung für Frauen: Rock über noch einem Rock über langer Hose über noch einer langen Hose über kurzer Hose über Slip. Kein Witz, furchtbarer Ernst: das trägt man nach den bürgerkriegsbedingten Vergewaltigungswellen nun zum Schutz. Solche Erlebnisse in Kombination lassen schon die eine oder andere Synapse heißlaufen und den Dienst verweigern.

Eine bescheiden schöne Seite am Leben in dieser Region aber ist das Schwimmen im Kivu See. Unter der Woche kann ich mich morgens leider nie aufraffen, auch wenn es dann am angenehmsten ist: ein glatter Spiegel, der sich bis zum Horizont erstreckt; am späten Nachmittag, kurz bevor der alltägliche Regen einsetzt, gibt es richtig Wellengang, dann ist es nicht ganz so angenehm. Aber die Temperatur ist perfekt – zum rein steigen und genießen… kein kalter Bergsee und kein Warmwassertag im örtlichen Hallenbad. Fröhliches Getratsche hört man von der einen Seite: nicht weit entfernt ist ein öffentlicher Waschplatz. Zur anderen Seite stehen Männer auf den Lava-Klippen und angeln. Allein bleibt man nicht lange, schnell paddelt die Goma’er Jugend heran und macht Small-Talk auf offenem See.


Goma’er Jugend beim Schwimmen – man beachte den Rucksack!
Goma youth taking a dip – pay attention to the backpack!

Eine weitere Bekanntschaft, die ich gemacht habe, ist die mit einem Ordensbruder fortgeschrittenen Alters, der von der Figur her Günther Strack in den Schatten stellen würde und immer in so „afrikanischen Schlabberanzügen“ rum läuft, die an ihm aussehen wie ein Pyjama. Der kommt hin und wieder vorbei, um ein bisschen Deutsch „ze babbele“ und Trivialliteratur zu borgen, da man bei ihnen nur fromme Bücher hat und die kann man einfach nicht immer lesen. Er scheint seit Menschengedenken in Afrika zu arbeiten, hält aber den Kongo nach Erfahrungen im Tschad, Tansania und noch irgendwo für den härtesten Trip. So oder so gehört die Hälfte der Menschheit erwürgt, besonders das Kamel von Gottes Gnaden, das ihm am Morgen die Vorfahrt nahm – und warum ihn der seit 19 Jahren anhaltende Tinitus ausgerechnet beim Beten in Jerusalem befiel, wird ihm ein ewiges Rätsel bleiben. Auf einer Wellenlänge waren wir dann gleich als er fragte, ob ich vielleicht Mitte November seine ca. 100 Stück zählende Weihnachtspost mitnehmen könnte nach Deutschland. Sischer dat. 😉

Der ganz normale Wahnsinn erwischt mich jeden Tag. Entweder, wenn mich die Mitarbeiter freundlich anlächeln, wenn ich in drei nicht wirklich einwandfreien Sätzen ein Wort umschrieben habe und ich sage „Herrje, dann SAG MIR das Wort doch jetzt damit ich mir morgen nicht wieder aus dem gleichen Grund einen abbreche!“ Es gibt noch ausreichend andere Gründe… Ich finde es sprachlich weiter schwierig und betreibe quasi nicht freiwillig Small-Talk, was ein „warmwerden“ besonders mit den lokalen Angestellten zu einer zähen Angelegenheit macht. Telefonieren ist ein Alptraum, besonders, da die Verbindungen hier in den seltensten Fällen gute Qualität haben. Aber was machst du, wenn’s klingelt? Da gehst du natürlich dran und betreibst Schadensbegrenzung! Und dann gibt es diese bizarren Momente wie vor ein paar Tagen: ich stelle morgens fest „Mist, beide Birnen im Badezimmer sind durchgebrannt!“ Also bitte ich den Koch/Haushälter, ob er sich nicht darum kümmern kann. Als ich abends wiederkomme, brennt das Licht wieder – nur in meinem Schlafzimmer leider nicht mehr, denn da fehlen jetzt die Birnen. Dabei handelte es sich allerdings weniger um ein sprachliches Problem, als um offensichtlich nicht ausreichend spezifische Ausführungen meinerseits. Aber was brauche ich auch Licht zum schlafen…

Stichwort… Ich mache mich auf ins Land der Träume. Allerdings nicht, ohne vorher einen Buchtipp abgegeben zu haben. Wer mehr wissen möchte über die Person und Kongo bzw. Zaire unter Mobutu Sese Seko, dem lege ich mit Nachdruck „In the footsteps of Mr. Kurtz“ von Michela Wrong ans Herz, gibt’s auch in deutscher Übersetzung. Es stockt einem der Atem.

Barbara

Leben am Rande der Apokalypse

Heute morgen fand ich in meinem Postfach den Link zu einem interessanten Artikel, den ich hiermit zitieren möchte… mehr was für die geografisch/geologisch/alternative Energiegewinnung-Interessierten. Oder auch einfach so – ich wohne ja direkt DRAN!

Strom statt Gefahr aus der Tiefe des Sees

Dübendorf, 11.10.2007 – Seit Jahren beobachtet das Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag den afrikanischen Kivu-See mit wachem Auge. Denn in dessen Tiefe lauert Gefahr in Form von vielen Milliarden Kubikmetern an gelösten Gasen. Nun könnte eine kontrollierte Nutzung von Methan zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen: die Stromversorgung in der Region für Jahrzehnte sichern und das Risiko eines tödlichen Gasausbruchs langfristig beseitigen.

Der Kivu-See zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo ist rund eineinhalbmal so gross wie der Kanton Zürich und fast 500 Meter tief. Die Landschaft rund um den See erinnert an die Voralpen – statt mit Tannen und Buchen sind die Hänge allerdings mit Maniok und Bananen bewachsen. Doch die Idylle trügt. In der Tiefe des einzigartigen Sees lauert Gefahr. Rund 250 Milliarden Kubikmeter Kohlendioxid und 55 Milliarden Kubikmeter Methan sind im Wasser gelöst. Die Schweizer Forscher haben in den letzten Jahren nachgewiesen, dass die Konzentrationen steigen – die Methanwerte gegenüber den 1970er Jahren um bis zu 20 Prozent. Noch bleibt das Gas in den tiefen Wasserschichten gelöst, weil dort der Druck hoch ist und der See darüber extrem stabil geschichtet ist. So findet zwischen dem Tiefenwasser und der Oberfläche kaum ein Austausch statt. Wenn jedoch die Konzentrationen weiter steigen oder wenn eine starke Störung eintritt – ein Vulkanausbruch oder ein grosses Erdbeben zum Beispiel – könnte sich das schlagartig ändern. Dann könnten Gasblasen in grosser Zahl aufsteigen und in einer Kettenreaktion gigantische Gasmassen freisetzen. Das Gasgemisch aus Kohlendioxid und Methan könnte zur Katastrophe führen, denn die Ufer des Kivu-Sees sind dicht besiedelt. Rund zwei Millionen Menschen leben dort. Hunderttausende könnten ersticken. Das ist 1986 am Nyos-See in Kamerun geschehen, als ein Gasausbruch den Tod von 1800 Menschen verursacht hat.

Erste Konzessionen erteilt
Nun will Ruandas Regierung die Gasreserven im Kivu-See zur Stromgewinnung nutzen. Kürzlich hat sie der Südafrikanischen Engineering-Firma Murray & Roberts die Konzession für das Pilotprojekt eines Kraftwerks erteilt. 2008 soll dieses starten. Das Prinzip ist einfach: Wird ein Rohr in die Tiefe des Sees gelegt, strömt das Wasser wegen der im Rohr entstehenden Gasblasen von selbst nach oben. An der Oberfläche sprudelt das Gas aus dem Wasser, wie aus einer geschüttelten Mineralwasserflasche. Das Methan muss anschliessend vom Kohlendioxid getrennt werden, bevor es genutzt werden kann. „Die Nutzung des Gases macht Sinn, insbesondere, wenn damit gleichzeitig die Gefahr eines Ausbruchs vermindert werden kann. Doch niemand weiss exakt, wie der See auf eine Entnahme reagieren wird. Daher müssen selbst kleine Pilotversuche sehr sorgfältig ausgeführt und überwacht werden“, sagt Professor Alfred Wüest, Leiter der Abteilung Oberflächengewässer an der Eawag.

Workshops in der Schweiz
Wüest und sein Team begleiten im Auftrag der Regierung Ruandas und der holländischen „Commission for Environmental Impact Assessment“ die Planung der Methanausbeutung am Kivu-See. In mehreren Workshops mit internationalen Experten werden diese Woche Randbedingungen ausgehandelt, damit sowohl die Stabilität der Schichtung als auch der Seeökologie jederzeit unter Kontrolle bleibt. Umstritten ist zum Beispiel die Frage, in welche Tiefe das ausgegaste Wasser in den See zurückgeleitet werden muss, um die Schichtung möglichst nicht zu stören. Oder ob das Kohlendioxid zumindest teilweise wieder in die Tiefe zurückgeleitet werden kann, damit durch die Methannutzung möglichst wenig Treibhausgas in die Atmosphäre gelangt. Eine zentrale Frage ist sodann, wie sich die Methannutzung auf das Wachstum der Algen im See auswirken wird. Eine Fehlplanung könnte zum Desaster werden für das sensible Ökosystem und die Menschen, die davon leben. Nebst einem Computermodell, welches das Verhalten des Sees simuliert, erarbeiten die Forscherinnen und Forscher daher auch ein Konzept zu dessen Dauerüberwachung. Es darf nicht sein, dass niemand merkt, falls sich in der Tiefe das Unheil anbahnt.

Der Kivu-See
Der Kivu-See liegt knapp 1500 Meter über Meer in Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Er ist 2400 Quadratkilometer gross und bis zu 500 Meter tief. Weltweit sind nur noch zwei Seen bekannt, in denen ähnliche Gasvorkommen lagern: der Monoun- und der Nyos-See in Kamerun. Bei beiden überwiegt aber Kohlendioxid; die Methanmengen sind viel zu klein, um für eine Nutzung interessant zu sein. Das Kohlendioxid in der Tiefe des Kivu-Sees stammt zur Hauptsache aus vulkanischer Aktivität; das Methan wird von Bakterien gebildet, welche im sauerstofffreien Tiefenwasser das tote organische Material, abgestorbene Algen, abbauen. Gegenwärtig schätzen Experten den Wert der Gasreserven im Kivu-See auf rund 16 Milliarden Franken. Als Ursache für den in den letzten 20 bis 30 Jahren beobachteten Anstieg der Methankonzentration vermutet der Eawag-Forscher Martin Schmid zwei Gründe: Ein massiver Anstieg des Nährstoffeintrags, der mit dem Bevölkerungswachstum rund um den See einhergeht und eine eingeführte Sardinenart, welche den Nährstoffkreislauf im See stark beeinflusst. In einem Nationalfondsprojekt untersucht die Eawag daher zurzeit die Entwicklung der Nährstoffflüsse und -bilanzen im See. Die Zusammenarbeit mit Gruppen vor Ort dient dabei nicht nur der Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen, sondern fördert gleichzeitig die Forschungsaktivitäten der lokalen Fachhochschulen und Universitäten.

Internet: http://www.eawag.ch
Quelle: http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=14981

Machen Sie eine charakteristische Handbewegung!

Puh. Wieder eine Woche um und sie steckt mir in den Knochen. Wir haben quasi bis zur letzten Minute vor der Abreise meiner Kollegin geackert, aber wenigstens das grundlegende sollte erledigt sein, damit sie halbwegs beruhigt in Urlaub gehen konnte. Aber wir sind gut vorangekommen und ich hoffe, ich kann das Tempo halbwegs halten.

Nun bin ich umgezogen, in das Haus eines anderen Kollegen, das auf dem Grundstück des Büro steht – direkt am Kivu See. Da gibt es kein Drumrumreden, es ist einfach malerisch: eine kleine, überdachte Terrasse inmitten eines tropischen Gartens, Blick auf den See und die ihn umrahmenden Berge – bis zum Horizont nichts als Wasser. Abends das Wetterleuchten links und rechts, es ist wirklich schön. Die Regenzeit, die richtige, erwartet uns wohl im November (man beachte, dass die Überschwemmungen, zumindest in dieser Region, VOR der eigentlichen Regenzeit stattfanden… Klimawandel wo man nur hinguckt). Aber schon jetzt zeichnet sich ab, wie das dann läuft: der Tag heizt sich auf, am frühen Nachmittag rückt das Donnern heran und plötzlich, aus nicht mehr ganz so heiterem Himmel, gehen Wolkenbrüche nieder, so laut, dass man im Wellblech-bedachten Büro sein eigenes Wort nicht mehr versteht… es ist ein Riesenlärm. Danach ist es angenehm kühl – so kühl, dass ich nachts dann doch das Fenster schließen musste. Natürlich nicht unter einer Kälte abweisenden Federbettdecke liegend, aber trotzdem.


Blick von der Terrasse auf den Kivu-See
View from the terrace onto Lake Kivu


Blick entlang der Küste zu den Bergen
View along the coastline towards the mountains

Ja, und hier bin ich nun in einer WG mit mindestens 12 Mitbewohnern, aber ich habe wohl noch nicht alle kennen gelernt. Schaue ich mich gerade mal nur schnell im Wohnzimmer um, sehe ich drei Geckos, in meinem Schlafzimmer sind drei weitere, im Hauseingang erschrecken sie mich immer wieder, wenn sie flüchten und eben habe ich im Badezimmer fast einen in die Jalousie eingerollt. Aber ich habe sie nun als bewegliche Wand- und Decken-Deko akzeptiert und hoffe, dass mir keiner von der Decke in den Schoß oder sonst wohin fällt. Meine erste Bekanntschaft war, was ich wegen des geschäftigen Davoneilens für eine Kakerlake hielt, eine beträchtliche Spinne – aber die ist noch am gleichen Abend in die ewigen Jagdgründe befördert worden. Mücken halte ich mehr oder weniger außen vor, aber da eine reicht, muss ich mich trotzdem noch um das Netz kümmern, das man mir freundlicherweise überlassen hat, das aber noch angebracht werden muss.

Meine neue Behausung bietet auch einen Luxus, den ich von Deutschland nicht kenne: einen Trockner (obwohl ich eigentlich lieber luftgetrocknete Wäsche habe, aber egal, es bleibt Luxus). Der ist nicht zu verachten, weil man ja sonst sicherheitshalber ALLES bügeln muss, Unterhosen und Socken inkl. Ich bin ja schon dem Bügeln kein abgeneigter Mensch, aber das wird dann auf die Dauer etwas nervig. Der Grund ist nicht der, dass platt gebügelte Wäsche etwa eine Tradition wäre im Kongo, nein, es geht um die Tumbufliege. Diese Fliege hat einen fiesen Charakterzug: sie setzt sich u.a. auf feuchte Wäsche und hinterlässt da ihre Eier. Wenn man das T-Shirt dann anzieht, verziehen sich die Maden in die Haut und wachsen da; nach 8 bis 12 Tagen kann man sie sehen, als Beule. Denen muss man dann, wenn sie „reif“ sind, durch Auflage eines Stücks Speck die Luft abdrehen, dann kommen sie an die Oberfläche und man muss sie blitzschnell rausziehen. Aber ehe es soweit ist, muss das ganze HÖLLISCH jucken. Als säße ich nicht über Tag schon lange genug am Rechner, habe ich ein bisschen recherchiert und u.a. in der Rubrik „Tip“ in der Ärztezeitung einen Artikel zu diesem Thema mit den Titel „Manche Maden lockt Speck nicht raus“ gefunden. Mehr Infos gibt’s aber, wie immer, bei Wikipedia.

Was mich weiter immer wieder erschreckt, sind die Nachtwächter. Davon laufen hier drei rum und die kann man im Dunkeln dank ihrer Hautfarbe immer erst wahrnehmen, wenn sie einem quasi die Hand auf die Schulter legen. In die hell erleuchteten Bereiche kommen sie nicht, die kann man ja von weitem überwachen. Diese Bereiche, um das ganze Haus rum, erinnern mich an einen ersten gewagten Versuch meines Vaters, in unserem Hof eine Beleuchtung für laue Sommerabende anzubringen – da gingen die Meinungen innerhalb der Familie auseinander wie der mittelatlantische Rücken zwischen heimelig und 1000-Watt-Flutlicht, mehr Binford-Power! Wou, wou, wou!

Das Französische geht weiter seinen holprigen Weg. Mit der Abreise meiner Kollegin rede ich zwar übergangslos deutlich mehr, aber es ist immer noch ein ziemliches Desaster. Mein Quereinstieg lässt es ja an Fachvokabular eh mangeln, und wenn mir dann auch noch auf Französisch erklärt wird, wie das mit der Abführung der Steuer und aller möglicher anderer Abgaben funktioniert, stehe ich schon manchmal dumm da. Dabei liegt das hauptsächlich an der weiter mangelnden Fähigkeit zu verständlichen und daher qualifizierten Rückfragen. So spielen Gesten weiter eine große Rolle, so zum Beispiel, wenn ich erklären will, dass in „meinem“ Büro die Glühbirne gewechselt werden muss. Diese Vokabel fehlte mir und anstatt dass ich flexibel reagiere und einfach sage „Das Licht funktioniert nicht“ fange ich an mit „Man muss wechseln…“, sitze fest und deute mit einem wissenden Blick zur Zimmerdecke dann mit der Hand das Rausdrehen einer Glühbirne an. Dafür werde ich diese Vokabel („ampoule“) eher nie wieder vergessen. Diverse charakteristische Handbewegungen musste ich auch beim ersten Gespräch mit dem Koch ausführen, der hier zum Haus „gehört“. Was er einkaufen soll, was er kochen soll – dabei fänd ich’s gut, wenn er mich einfach überraschen würde… wenn ich überlegen muss, kann ich auch selber kochen. Verkompliziert wird das ganze, weil man ihn wegen furchtbaren Mundgeruchs auf mindestens 2m Abstand halten muss. Als er mich dann noch mal zurückrief, mir eine Flasche Odol unter die Nase hielt und fragte, wie man das benutzt, war klar, dass andere Kollegen das auch schon bemerkt hatten… Also stand ich früh morgens „trocken“ gurgelnd in der Küche, wies darauf hin, dass man sich aber zuerst die Zähne putzen muss und wir haben uns köstlich amüsiert.

Seit Donnerstag bin ich im Besitz eines auf 6 Monate begrenzten kongolesischen Führerscheins. Mit einem Foto, 15 USD und einer europäischen Fahrerlaubnis ging das alles ganz fix. Gefahren bin ich noch nicht, aber das werde ich umgehend nachholen und mich mal auf den Weg zum europäischen Supermarkt machen. Die Preise für eine Tafel RitterSport in Kigali gehen zwar noch (1,80 Euro), aber hier soll es auch Nutella geben Und das charakteristische Gedröhne eines Toyota Landcruiser hat direkt wieder heimische Gefühle geweckt… Wahrscheinlich bin ich doch ein Kind des Nürburgrings… auch wenn der sich nicht vereinbaren lässt mit den entweder aus einer Aneinanderreihung von Schlaglöchern bestehenden Straßen oder mit Lavabrocken übersäten Pisten! Und wie man im Straßenverkehr nahe dem Vulkan enden kann, ist in Goma eindrucksvoll festgehalten. Die meisten werden den Anblick noch vom letzten Jahr kennen, aber das Bild muss rein, wenn von Goma berichtet wird.


Erkalteter Lavastrom in Goma
Hardened lava flow in Goma

Während ich das so geschrieben habe, habe ich entschieden, mir einen improvisierten Badeanzug zu basteln und das Schwimmen im Kivu-See auszuprobieren. Ob und was daraus geworden ist, erfahrt ihr nächste Woche!

A bientôt – bis bald!
Barbara