Meine Welt ist voller Tampons

Nun ist sie vorbei, die erste Woche in Goma – und es ging verflixt schnell. Von der Stadt habe ich während dieser Reise noch nicht viel gesehen, da wir lange Tage im Büro hatten, uns bei meiner Kollegin dann noch ausgefallene Dinge gebrutzelt und abschließend ermattet das Abendprogramm im ZDF genossen haben. Aber das war zu erwarten, die intensive Bekanntschaft mit dem Büro. Wie das alles laufen soll ab Donnerstag, wenn ich allein da bin, werden wir dann sehen.

Langsam lerne ich auch den kleinen Anteil an Angestellten kennen, die in Goma arbeiten – die weitaus meisten von ich glaube so um die 180 arbeiten auf der Straßenbaustelle, die ihre Basis mittlerweile in Lubutu hat, etwa 350 km nordwestlich von Goma. Diese Entfernung macht die Versorgung des Projekts mit allem möglichen, von Trinkwasser über Gemüse bis hin zu Geldversorgung, Diesel und Ersatzteilen in riesigen Mengen für den großen Fuhrpark an Jeeps, LKW und Baumaschinen verschiedenster Ausführung sehr schwierig. Die Logistik wird momentan zusätzlich durch die angespannte Sicherheitslage auf der Strecke erschwert – da ist kein Durchkommen ohne großes Risiko und deswegen wird ALLES per Luft transportiert. Wie viel Diesel braucht ein LKW in schwierigem Gelände am Tag? Es fahren um die 40. Raupen, Bagger und Walzen sind sicher auch keine Gewinner im ÖKO-Test für geringen Kraftstoffverbrauch…

Aber zurück zur Belegschaft in Goma. Wie ich schon während meines Besuchs letztes Jahr bemerkt habe, hat man es hier nicht wie häufig in Afghanistan mit 19-jährigen Schulabgängern zu tun, deren Hauptqualifikation eine gewisse Beherrschung der englischen Sprache und des Computers ist. Es gibt zum Beispiel einen ausgebildeten Buchhalter so um die 40, seit 10 Jahren dabei, wo ich dann spätestens mit mangelndem Fachvokabular, besonders auf Französisch, auffalle. Dazu gibt es eine/n KassiererIn, die Stelle ist momentan aber nicht besetzt. Neben einer Sekretärin, die mich offensichtlich als Delegation gleich ausgehorcht hat zu meinen großfamiliären Gegebenheiten gibt es noch einen Logistiker. Ein Fahrer und ein… wie soll man sie nennen… „Mädchen für alles“ runden mit den Wächtern das Büro-Team ab. Einer der letzteren stellte sich mir vor als „Emmanuel, Vater von 9 Kindern“, was ich mit „Barbara, Single“ beantwortete. Dieser „Zustand“ wiederum ist, wie er erläuterte, ein Geschenk Gottes, weil man dann die Zeit und die Energie hat, sich um all das Elend in der Welt zu kümmern.

Dadurch, dass ich zurzeit noch intensiv mit meiner deutschen Kollegin zusammenarbeite, stockt es weiter mit dem Französischen; ich muss aufpassen, dass ich nicht wieder in diese Redehemmung verfalle. Aber das wird sich dann wohl spätestens ab Donnerstag geben, wenn ich vorläufig als einzige Nicht-Muttersprachlerin zurückbleibe. Gestern habe ich mich mal ausführlicher mit dem Vokabular für Alltagsgegenstände im Büro vertraut gemacht, von der Büroklammer über den Locher zum Stempel. Und da wurde mir dann klar, dass hier nicht alles wie vermutet voller „Tampons“ hängt 😉 ein Begriff, der immer mal wieder auf Belegen auftaucht, sondern dass es sich dabei um das französische Wort für Stempel handelt.

Bobo, der Hund, scheint seine Liebe zu mir entdeckt zu haben – was bei Hunden häufiger vorkommt, aber nie erwidert wird. So auch jetzt… und er macht es sich nicht einfacher, indem er mir in schöner Regelmäßigkeit frische Hosen und T-Shirts vollsabbert und verdreckt, den Hauch des Todes 10 cm von meinem Gesicht entfernt ausstößt oder abends beim Fernsehen Giftgasalarm auslöst. Da lausche ich doch lieber dem ausgefallenen Vogelgezwitscher bewundere die riesigen Bäume, die aussehen wie Kakteen – aber dafür dürfte es hier zu feucht sein… auf Lanzarote gab es sie auch, nur kleiner, und da kamen sie mir schon unglaublich groß vor.

Das Wochenende in Goma zeichnet sich (bislang) durch zwei Dinge aus: rigide Stadtreinigungsaktionen mit anschließender öffentlicher – und atemberaubender – Müllverbrennung (hauptsächlich Plastik) an allen möglichen Straßenecken und sonntags das Mittagsbuffet im „Le Chalet“. Ein Treffpunkt der Vertreter von NGOs und anderer Ausländer in Goma. An diesem Sonntag war es neben einer großen Gruppe Inder (wohl die Ärzteschaft der hier stationierten UN-Blauhelmmission MONUC) eine noch größere Gruppe Chinesen. Letztere augenscheinlich Ingenieure und Techniker von CCT, einer neuen Telekommunikationsfirma, die mit dem Slogan „Zahle weniger, rede mehr“ für sich wirbt. Ich fands irgendwie treffend, dass überall nur noch von China und Indien die Rede ist und diese auch so verstärkt vertreten sind. In der vergangenen Woche las ich irgendwo von zugesagten 10 Milliarden Euro der chinesischen an die kongolesische Regierung, umgesetzt in 3.400 km Asphaltstraße von Kisangani bis an die sambische Grenze, dazu 145 Gesundheitsstationen und andere Infrastruktur – im Gegenzug für Schürf- und Abholzrechte. Hier wird wahrlich nicht gekleckert.

So, und deswegen gehe ich nun an die Arbeit 😉
Viele Grüße
Barbara

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