Das kongolesische Parfum

Sollte ich jemals ernsthaft in Erwägung gezogen haben, für eine längere Zeit in den Kongo zu gehen, so lässt sich das nach einem Abend letzte Woche sicher in Goma nicht mehr ohne herben Gesichtsverlust verwirklichen. Zwar hatte ich ja in einer längeren Auswahlsitzung Musik für jeden Anlass mitgenommen – und die Auswahl war gut – aber leider keine Lautsprecher, nur den DiscMan und die Kopfhörer. Nun, wer mich und die seltenen Momente, in denen ich Musik höre kennt, weiß, dass das nicht ohne Mitsingen geht. Und wenn es dann auch noch den gewünschten entspannenden Effekt haben soll, muss das aus voller Kehle sein, mit hervortretenden Adern am Hals…. Das ist dann wahrscheinlich der gleiche Effekt wie „das gigantische YAAAAAAAAAAAAWP“, das Robin Williams im „Club der toten Dichter“ fordert. Nu ja, wenn dann bei Billy Joel noch Luft-Banjo und –Fidel dazukommen und… wie heißt das Teil… Mundharfe??… dann ist das schon ein Schauspiel – und wenn das in spastisch anmutenden Verrenkungen à la Joe Cocker endet, dann denke ich, haben die Nachtwächter mit mir abgeschlossen. Besonders die drei, die ihren Job in Jackett und Krawatte verrichten. Für die wie ein Damokles-Schwert über mir baumelnde Karaoke-Party im Dezember bin ich allerdings bestens gerüstet. Wenn meine Stimmbänder dann wieder mit von der Partie sind…

Wer mich noch besser kennt, weiß von meinem feinen Näschen, das ich ja meist verdamme, weil man dann Sachen spitzkriegt, von denen andere nichts merken. An diesem Wochenende hat es vielleicht schlimmeres verhindert. Es war am Morgen, den ich wie immer bis kurz nach 9 lesend im Bett verbracht habe. Dann habe ich zur Luftzirkulation die Terrassentüren aufgemacht und mich sofort ins Badezimmer begeben, um zu duschen. Während ich mich ausziehe, bei offener Badezimmertür, denke ich so „Boah, das kann doch wohl unmöglich ich sein, was hier so riecht.“ Und dann vollends im Eva-Kostüm „Nä, das ist ein Mann.“ Zuerst hatte ich den Koch im Verdacht, dass er vielleicht in einem Moment der Umnachtung auch samstags gekommen sein könnte. Ich strecke den Kopf raus auf den Flur und da steht der etwa 16-jährige in Bermuda Shorts, der dann schnell das Weite suchte, als ich ihn nur mit einem etwas einfallslosen „RAUS HIER!“ bedachte. Aber das hätte auch anders ausgehen können, und es wäre einfach gewesen. Weniger als zwei Stunden danach schleicht ein weiterer nahe der Küchentür rum, sieht mich und ist total unbeeindruckt. Ich habe die Tür aufgemacht und gefragt, was er da tut, es sei meines Wissens nicht sein Zuhause. Er hat sich entschuldigt und gemeint, nein, er wohne auf dem Grundstück neben dran und er habe Hunger. Das habe ich ehrlich bedauert, mir aber doch weitere Besuche verbeten… Wir haben die Zahl der Wächter erhöht und denken über die Anschaffung von Hunden nach.

Das alles, nachdem ich am Vorabend einen Kulturschock erlitten hatte. Ich war auf die Geburtstagsparty eines Bekannten eingeladen, eines kanadischen Piloten einer kongolesischen Fluggesellschaft. Aber das ist eigentlich ein nebensächliches Detail. Auf dieser Party waren nicht nur Massen an Menschen, sondern die waren auch noch alle maximal 40… Nach der Konzentration meines sozialen Umfelds auf das Team der DWHH, die zumeist fortgeschrittenen Alters sind, war das echt wie ein Schock. Überhaupt so viele Weiße auf einmal – in der Stadt sieht man nicht viele, wenn, dann nur in vorbeifahrenden Autos, nie mal auf dem Markt oder so. Was wohl auch daran liegt, dass viele NGOs Kongo von der Sicherheitslage fast wie Afghanistan einstufen und im Extremfall hier um 18 Uhr Ausgangssperre ist. Andere haben auch, aber etwas lockerere Curfews und kümmern sich nicht drum. Ich war mit Abfahrt um 23:30 Uhr erst die zweite, die ging. Und es war noch so ein bisschen was wie Leben auf den Straßen. Der Blick auf den Nyiragongo hat mir den Atem verschlagen und ich wäre fast mitten auf der, zugegeben nicht stark befahrenen, Kreuzung stehen geblieben. In der relativ hellen Nacht waren die Umrisse des Vulkans eindeutig auszumachen, der Riese, der über der Stadt wacht. Insgesamt war es aber leicht dunstig, wahrscheinlich wegen des ganzen Regens, der hier täglich runterkommt. Und dieser Dunst über dem Gipfel des Vulkans leuchtete intensiv dunkelorange, gefärbt von der glühenden Lava im Innern. Das ist Faszination pur, da will man einfach hingehen. Magisch angezogen.

Vielversprechend begann auch ein Ausflug im Motorboot meines Chefs hier auf dem Kivu-See… es war eine Fahrt wie entlang der Côte d’Azur oder so, die ganzen Villen und Hotels mit wunderschönen Gärten direkt am See. Schöne Blicke auf die Vulkane (und, oh Elend, meine Kamera hat nun definitiv und unwiederbringlich den Dienst quittiert), auf diverse Waschplätze, wo viele Frauen mit der Wäsche beschäftigt waren, aber auch Badeplätze, die weniger ein Strand sind als Open Air Badezimmer, wo man der persönlichen Hygiene wegen hinkommt. So waren wir dann unterwegs, bis der Motor anfing, aufzumucken und ausfiel… immer mal wieder lief für 10 Sekunden und wieder ausfiel. Nach längerem Hin und Her haben wir es so noch wieder zurück geschafft – wahrscheinlich war gepanschtes Benzin in die Tanks gefüllt worden. Da merkst du dann halt doch, dass du nicht an der Côte d’Azur bist.

Von Anfang an habe ich es hier als ausgesprochen schwierig empfunden, einen Draht zu den lokalen Angestellten zu finden – und das hauptsächlich auf sprachliche Unzulänglichkeiten meinerseits zurückgeführt. Das ist wohl auch tatsächlich so… es ist schwierig, wenn man sich, seine Gedanken, seine Gefühle, seinen Humor etc. nicht so präsentieren kann, wie sie sind und wie man es gewohnt ist. Zwischen dem Administrator und mir ist aber in der vergangenen Woche wohl endgültig das Eis gebrochen, nachdem wir über 14 Stunden an zwei Arbeitstagen mit dem Buchungsprogramm gekämpft haben, um es nach einem Festplattenaustausch wieder ans Laufen zu kriegen – mit den Buchungen der letzten zwei Jahre. Das schweißt zusammen, und wenn solche Programme zu sonst nichts gut sind, dann wenigstens als „Teambuilding“-Maßnahme 😉 Wir haben gewonnen und das Ereignis mit einem High Five und einer virtuellen Pulle Sekt gefeiert…

Aber nun auf in eine neue Arbeitswoche!
Viele Grüße aus der „Stadt, die man nicht beschreiben kann, die man erlebt haben muss“
Barbara

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