Machen Sie eine charakteristische Handbewegung!

Puh. Wieder eine Woche um und sie steckt mir in den Knochen. Wir haben quasi bis zur letzten Minute vor der Abreise meiner Kollegin geackert, aber wenigstens das grundlegende sollte erledigt sein, damit sie halbwegs beruhigt in Urlaub gehen konnte. Aber wir sind gut vorangekommen und ich hoffe, ich kann das Tempo halbwegs halten.

Nun bin ich umgezogen, in das Haus eines anderen Kollegen, das auf dem Grundstück des Büro steht – direkt am Kivu See. Da gibt es kein Drumrumreden, es ist einfach malerisch: eine kleine, überdachte Terrasse inmitten eines tropischen Gartens, Blick auf den See und die ihn umrahmenden Berge – bis zum Horizont nichts als Wasser. Abends das Wetterleuchten links und rechts, es ist wirklich schön. Die Regenzeit, die richtige, erwartet uns wohl im November (man beachte, dass die Überschwemmungen, zumindest in dieser Region, VOR der eigentlichen Regenzeit stattfanden… Klimawandel wo man nur hinguckt). Aber schon jetzt zeichnet sich ab, wie das dann läuft: der Tag heizt sich auf, am frühen Nachmittag rückt das Donnern heran und plötzlich, aus nicht mehr ganz so heiterem Himmel, gehen Wolkenbrüche nieder, so laut, dass man im Wellblech-bedachten Büro sein eigenes Wort nicht mehr versteht… es ist ein Riesenlärm. Danach ist es angenehm kühl – so kühl, dass ich nachts dann doch das Fenster schließen musste. Natürlich nicht unter einer Kälte abweisenden Federbettdecke liegend, aber trotzdem.


Blick von der Terrasse auf den Kivu-See
View from the terrace onto Lake Kivu


Blick entlang der Küste zu den Bergen
View along the coastline towards the mountains

Ja, und hier bin ich nun in einer WG mit mindestens 12 Mitbewohnern, aber ich habe wohl noch nicht alle kennen gelernt. Schaue ich mich gerade mal nur schnell im Wohnzimmer um, sehe ich drei Geckos, in meinem Schlafzimmer sind drei weitere, im Hauseingang erschrecken sie mich immer wieder, wenn sie flüchten und eben habe ich im Badezimmer fast einen in die Jalousie eingerollt. Aber ich habe sie nun als bewegliche Wand- und Decken-Deko akzeptiert und hoffe, dass mir keiner von der Decke in den Schoß oder sonst wohin fällt. Meine erste Bekanntschaft war, was ich wegen des geschäftigen Davoneilens für eine Kakerlake hielt, eine beträchtliche Spinne – aber die ist noch am gleichen Abend in die ewigen Jagdgründe befördert worden. Mücken halte ich mehr oder weniger außen vor, aber da eine reicht, muss ich mich trotzdem noch um das Netz kümmern, das man mir freundlicherweise überlassen hat, das aber noch angebracht werden muss.

Meine neue Behausung bietet auch einen Luxus, den ich von Deutschland nicht kenne: einen Trockner (obwohl ich eigentlich lieber luftgetrocknete Wäsche habe, aber egal, es bleibt Luxus). Der ist nicht zu verachten, weil man ja sonst sicherheitshalber ALLES bügeln muss, Unterhosen und Socken inkl. Ich bin ja schon dem Bügeln kein abgeneigter Mensch, aber das wird dann auf die Dauer etwas nervig. Der Grund ist nicht der, dass platt gebügelte Wäsche etwa eine Tradition wäre im Kongo, nein, es geht um die Tumbufliege. Diese Fliege hat einen fiesen Charakterzug: sie setzt sich u.a. auf feuchte Wäsche und hinterlässt da ihre Eier. Wenn man das T-Shirt dann anzieht, verziehen sich die Maden in die Haut und wachsen da; nach 8 bis 12 Tagen kann man sie sehen, als Beule. Denen muss man dann, wenn sie „reif“ sind, durch Auflage eines Stücks Speck die Luft abdrehen, dann kommen sie an die Oberfläche und man muss sie blitzschnell rausziehen. Aber ehe es soweit ist, muss das ganze HÖLLISCH jucken. Als säße ich nicht über Tag schon lange genug am Rechner, habe ich ein bisschen recherchiert und u.a. in der Rubrik „Tip“ in der Ärztezeitung einen Artikel zu diesem Thema mit den Titel „Manche Maden lockt Speck nicht raus“ gefunden. Mehr Infos gibt’s aber, wie immer, bei Wikipedia.

Was mich weiter immer wieder erschreckt, sind die Nachtwächter. Davon laufen hier drei rum und die kann man im Dunkeln dank ihrer Hautfarbe immer erst wahrnehmen, wenn sie einem quasi die Hand auf die Schulter legen. In die hell erleuchteten Bereiche kommen sie nicht, die kann man ja von weitem überwachen. Diese Bereiche, um das ganze Haus rum, erinnern mich an einen ersten gewagten Versuch meines Vaters, in unserem Hof eine Beleuchtung für laue Sommerabende anzubringen – da gingen die Meinungen innerhalb der Familie auseinander wie der mittelatlantische Rücken zwischen heimelig und 1000-Watt-Flutlicht, mehr Binford-Power! Wou, wou, wou!

Das Französische geht weiter seinen holprigen Weg. Mit der Abreise meiner Kollegin rede ich zwar übergangslos deutlich mehr, aber es ist immer noch ein ziemliches Desaster. Mein Quereinstieg lässt es ja an Fachvokabular eh mangeln, und wenn mir dann auch noch auf Französisch erklärt wird, wie das mit der Abführung der Steuer und aller möglicher anderer Abgaben funktioniert, stehe ich schon manchmal dumm da. Dabei liegt das hauptsächlich an der weiter mangelnden Fähigkeit zu verständlichen und daher qualifizierten Rückfragen. So spielen Gesten weiter eine große Rolle, so zum Beispiel, wenn ich erklären will, dass in „meinem“ Büro die Glühbirne gewechselt werden muss. Diese Vokabel fehlte mir und anstatt dass ich flexibel reagiere und einfach sage „Das Licht funktioniert nicht“ fange ich an mit „Man muss wechseln…“, sitze fest und deute mit einem wissenden Blick zur Zimmerdecke dann mit der Hand das Rausdrehen einer Glühbirne an. Dafür werde ich diese Vokabel („ampoule“) eher nie wieder vergessen. Diverse charakteristische Handbewegungen musste ich auch beim ersten Gespräch mit dem Koch ausführen, der hier zum Haus „gehört“. Was er einkaufen soll, was er kochen soll – dabei fänd ich’s gut, wenn er mich einfach überraschen würde… wenn ich überlegen muss, kann ich auch selber kochen. Verkompliziert wird das ganze, weil man ihn wegen furchtbaren Mundgeruchs auf mindestens 2m Abstand halten muss. Als er mich dann noch mal zurückrief, mir eine Flasche Odol unter die Nase hielt und fragte, wie man das benutzt, war klar, dass andere Kollegen das auch schon bemerkt hatten… Also stand ich früh morgens „trocken“ gurgelnd in der Küche, wies darauf hin, dass man sich aber zuerst die Zähne putzen muss und wir haben uns köstlich amüsiert.

Seit Donnerstag bin ich im Besitz eines auf 6 Monate begrenzten kongolesischen Führerscheins. Mit einem Foto, 15 USD und einer europäischen Fahrerlaubnis ging das alles ganz fix. Gefahren bin ich noch nicht, aber das werde ich umgehend nachholen und mich mal auf den Weg zum europäischen Supermarkt machen. Die Preise für eine Tafel RitterSport in Kigali gehen zwar noch (1,80 Euro), aber hier soll es auch Nutella geben Und das charakteristische Gedröhne eines Toyota Landcruiser hat direkt wieder heimische Gefühle geweckt… Wahrscheinlich bin ich doch ein Kind des Nürburgrings… auch wenn der sich nicht vereinbaren lässt mit den entweder aus einer Aneinanderreihung von Schlaglöchern bestehenden Straßen oder mit Lavabrocken übersäten Pisten! Und wie man im Straßenverkehr nahe dem Vulkan enden kann, ist in Goma eindrucksvoll festgehalten. Die meisten werden den Anblick noch vom letzten Jahr kennen, aber das Bild muss rein, wenn von Goma berichtet wird.


Erkalteter Lavastrom in Goma
Hardened lava flow in Goma

Während ich das so geschrieben habe, habe ich entschieden, mir einen improvisierten Badeanzug zu basteln und das Schwimmen im Kivu-See auszuprobieren. Ob und was daraus geworden ist, erfahrt ihr nächste Woche!

A bientôt – bis bald!
Barbara

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