Geschlafen wird im Dunkeln!

So kann’s gehen: nur wenige Augenblicke, nachdem ich (vor-)vergangene Woche das neueste gebloggt und noch so vom Wetterleuchten über den Bergen geschwärmt hatte, stand ich mittendrin im Wetterleuchten. Hammer. Es fing an zu regnen und ich dachte, „Komm, mach den Laden dicht und mach, dass du nach Hause kommst.“ (50 Meter) Als ich den Laden dicht hatte, regnete es bereits so stark, dass ich nicht mehr wegkam, warten war angesagt – und sein eigenes Wort verstand man sowieso nicht mehr. Auf einmal stehe ich, scheinbar, voll im Rampenlicht, es kracht, dass ich mein innerstes vibrieren fühle als stünde ich in der Disko direkt vor den Lautsprecherboxen, und dann ist der Strom weg. So stehe ich da vielleicht 5 Minuten in absoluter Dunkelheit und fange an, mir mit SMS-Tippen die Zeit zu vertreiben, als zwei der Nachtwächter herbeigeeilt kommen, um sich neben mich zu stellen, damit ich nicht die, wie sich dann herausstellte, weitere halbe Stunde allein im Dunkeln stehen muss. Ergo: nach 17:00 Uhr IMMER die Taschenlampe dabei haben…

Irgendwie schaffe ich es immer noch nur nach Einbruch der Dunkelheit, irgendwohin zu fahren und ich sag’s euch: hier im Dunkeln zu fahren ist eine echte Herausforderung und das hat nichts mit Nachtblindheit zu tun. Alles ist lavaschwarz, die Straße, die „Gehwege“, die Grundstücksmauern – und die Menschen und meist auch ihre Klamotten. Das dann in strömendem Regen, die, die mit Licht fahren, fahren grundsätzlich mit Fernlicht und es gibt keine netten weißen Streifen als Fahrbahnbegrenzung, an denen man sich orientieren könnte. Dazu waghalsige Motorradfahrer, die offensichtlich jedes Schlagloch wie aus ihrer Westentasche kennen, aber für mich vollkommen ohne jeden Grund ausscheren oder allgemein einem unsichtbaren Slalomkurs zu folgen scheinen. Trotzdem kam es auch schon mal vor, dass ich diesen dunklen Pick-Up bedrängt habe… bis ich feststellte, dass die Ladefläche voller Polizisten mit den Waffen im Anschlag war. Nä, des Abends ist man insofern schon froh, wenn man dann wieder zuhause ist 😉

Dafür entschädigt die Vogelwelt, die sich im Garten und den Bäumen um „mein“ Haus in außergewöhnlicher Vielfalt zu tummeln scheint. Beim Duschen beobachtet mich immer so ein kleiner Spanner mit gebogenem Schnabel und einem Kopfputz, der in hellblau glänzt wie dieses Metallpapier, aus dem man an Weihnachten Sterne bastelt. Irgendwas flattert hier rum, dass man denkt, es war ein Feuerstreif, ein Vogel mit orange-rotem Schwanz. Und dann die Geräusche, größtenteils unbeschreibbar, dann aber auch einer, der sich wie ein schwuler Kuckuck anhört und von einem anderen dachte ich, es sei Willfrieds Wecker, so ein rhythmisches und metallisch klingendes Piep…Piep…Piep…Piep. Als der Rhythmus dann Gott sei Dank irgendwann brach – denn der macht das BEVOR mein Wecker klingelt – war klar, dass es kein Wecker ist. Oder dann eben doch irgendwie.


Eine Mammut-Motte in der Küche
A mammoth moth in the kitchen

Tja, als Ehrenmitglied der Vogelfamilie habe ich mich am letzten Wochenende auch gefühlt, so in etwa, als sei ich mit dem Verdienstkreuz der Reiher ausgezeichnet worden. Die Nacht von Freitag auf Samstag war nach dem Besuch eines Restaurants der nobleren Art ein Elend und somit der Samstag dann auch. Dazu kam Fieber, so dass ich mir schon weitere Sorgen machte, aber das war am Sonntag alles wie verflogen. Dumm trotzdem, war es doch das Wochenende, an dem mich die ehemalige Bonner Kollegin, die nun in Butembo arbeitet, besucht hat.

Nichtsdestotrotz (und auch, weil sich der Besuch bis Mittwoch erstreckte) kamen wir viel zum quatschen, stellten in o.a. Restaurant fest, dass einer der Piloten, den wir noch vom letzten Jahr kennen, nun in Goma lebt mit seiner uns ebenfalls bekannten Partnerin – und so waren wir dann auch gleich auf ein nettes Beisammensein eingeladen. Da waren allerdings drei Piloten, aus deren Gesprächen über Landebahnen, Witterung und technische Zustände mancher Maschinen man sich wirklich besser schnell verabschiedet.

Am Sonntagnachmittag wollten wir uns was gönnen (ohne die Nacht danach nähere Bekanntschaft mit der Toilette zu schließen) und sind zum Essen schnell rüber nach Ruanda. Das ist kürzer als von Trier nach Luxemburg. Dauert aber wesentlich länger, im Kongo auschecken, in Ruanda einchecken – alles in allem dauern die Formalitäten über eine halbe Stunde. Aber das war die Express-Schlange – die uns die Kollegin mit ihrem Charme (oder sollte ich sagen Laberschnüss?) geöffnet hat. So saßen wir dann etwas später in einem schnieken Hotel, wo wir uns benommen haben wie Julia Roberts beim Essen der „schlüpfrigen kleinen Scheißerchen“ in Pretty Woman. Plötzlich zog über dem künstlichen Sandstrand ein Hubschrauber auf, kreiste immer und immer wieder und landete dann. Es kam mir vor wie die Flieger von PacTec, die in Qala-i-Nau immer erst ein-, zweimal über die Landebahn hinweggebraust sind, um Schafe und Esel zu vertreiben. Dann kam ein zweiter und ein dritter, die Kellner rannten raus mit Drinks und ich dachte schon, es muss mindestens Brad Pitt sein, wenn nicht George Clooney… aber es waren nur irgendwelche amerikanischen Touristen, die sich von den Gorillas zum Abendessen in das 5-Sterne-Etablissement haben fliegen lassen. Unser Tischgespräch befasste sich zu diesem Zeitpunkt gerade mit der in den letzten Jahren in Butembo in Mode gekommenen Ausstattung für Frauen: Rock über noch einem Rock über langer Hose über noch einer langen Hose über kurzer Hose über Slip. Kein Witz, furchtbarer Ernst: das trägt man nach den bürgerkriegsbedingten Vergewaltigungswellen nun zum Schutz. Solche Erlebnisse in Kombination lassen schon die eine oder andere Synapse heißlaufen und den Dienst verweigern.

Eine bescheiden schöne Seite am Leben in dieser Region aber ist das Schwimmen im Kivu See. Unter der Woche kann ich mich morgens leider nie aufraffen, auch wenn es dann am angenehmsten ist: ein glatter Spiegel, der sich bis zum Horizont erstreckt; am späten Nachmittag, kurz bevor der alltägliche Regen einsetzt, gibt es richtig Wellengang, dann ist es nicht ganz so angenehm. Aber die Temperatur ist perfekt – zum rein steigen und genießen… kein kalter Bergsee und kein Warmwassertag im örtlichen Hallenbad. Fröhliches Getratsche hört man von der einen Seite: nicht weit entfernt ist ein öffentlicher Waschplatz. Zur anderen Seite stehen Männer auf den Lava-Klippen und angeln. Allein bleibt man nicht lange, schnell paddelt die Goma’er Jugend heran und macht Small-Talk auf offenem See.


Goma’er Jugend beim Schwimmen – man beachte den Rucksack!
Goma youth taking a dip – pay attention to the backpack!

Eine weitere Bekanntschaft, die ich gemacht habe, ist die mit einem Ordensbruder fortgeschrittenen Alters, der von der Figur her Günther Strack in den Schatten stellen würde und immer in so „afrikanischen Schlabberanzügen“ rum läuft, die an ihm aussehen wie ein Pyjama. Der kommt hin und wieder vorbei, um ein bisschen Deutsch „ze babbele“ und Trivialliteratur zu borgen, da man bei ihnen nur fromme Bücher hat und die kann man einfach nicht immer lesen. Er scheint seit Menschengedenken in Afrika zu arbeiten, hält aber den Kongo nach Erfahrungen im Tschad, Tansania und noch irgendwo für den härtesten Trip. So oder so gehört die Hälfte der Menschheit erwürgt, besonders das Kamel von Gottes Gnaden, das ihm am Morgen die Vorfahrt nahm – und warum ihn der seit 19 Jahren anhaltende Tinitus ausgerechnet beim Beten in Jerusalem befiel, wird ihm ein ewiges Rätsel bleiben. Auf einer Wellenlänge waren wir dann gleich als er fragte, ob ich vielleicht Mitte November seine ca. 100 Stück zählende Weihnachtspost mitnehmen könnte nach Deutschland. Sischer dat. 😉

Der ganz normale Wahnsinn erwischt mich jeden Tag. Entweder, wenn mich die Mitarbeiter freundlich anlächeln, wenn ich in drei nicht wirklich einwandfreien Sätzen ein Wort umschrieben habe und ich sage „Herrje, dann SAG MIR das Wort doch jetzt damit ich mir morgen nicht wieder aus dem gleichen Grund einen abbreche!“ Es gibt noch ausreichend andere Gründe… Ich finde es sprachlich weiter schwierig und betreibe quasi nicht freiwillig Small-Talk, was ein „warmwerden“ besonders mit den lokalen Angestellten zu einer zähen Angelegenheit macht. Telefonieren ist ein Alptraum, besonders, da die Verbindungen hier in den seltensten Fällen gute Qualität haben. Aber was machst du, wenn’s klingelt? Da gehst du natürlich dran und betreibst Schadensbegrenzung! Und dann gibt es diese bizarren Momente wie vor ein paar Tagen: ich stelle morgens fest „Mist, beide Birnen im Badezimmer sind durchgebrannt!“ Also bitte ich den Koch/Haushälter, ob er sich nicht darum kümmern kann. Als ich abends wiederkomme, brennt das Licht wieder – nur in meinem Schlafzimmer leider nicht mehr, denn da fehlen jetzt die Birnen. Dabei handelte es sich allerdings weniger um ein sprachliches Problem, als um offensichtlich nicht ausreichend spezifische Ausführungen meinerseits. Aber was brauche ich auch Licht zum schlafen…

Stichwort… Ich mache mich auf ins Land der Träume. Allerdings nicht, ohne vorher einen Buchtipp abgegeben zu haben. Wer mehr wissen möchte über die Person und Kongo bzw. Zaire unter Mobutu Sese Seko, dem lege ich mit Nachdruck „In the footsteps of Mr. Kurtz“ von Michela Wrong ans Herz, gibt’s auch in deutscher Übersetzung. Es stockt einem der Atem.

Barbara

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