Rügen – Day 2

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Vorab: dieser Beitrag trägt einen falschen Titel… der Einordnung in diese Reise halber habe ich mich aber dafür entschieden. Wir waren nämlich heute nicht lange auf Rügen. Der gestern angekündigte Überraschungsausflug brachte uns auf den Vilm, eine Rügen vorgelagerte Insel. Die, genauer betrachtet, gar nicht so richtig von Rügen getrennt ist. An der schmalsten Stelle ist die Entfernung zu Rügen nur 1,2 km und das auch erst seit 3.000 Jahren – und davon könnte man fast die Hälfte noch gehend überwinden. Wir haben uns trotzdem für die „MS Julchen“ und eine Führung entschieden.

Let me put this straight: the title of this post is a misnomer but just to make sure it is recognized as part of this trip I stuck to Rügen. But in fact, we didn’t spent much time on Rügen today. The surprise event I mentioned yesterday already brought us to the tiny island of Vilm which is situated to the South East of Rügen. And when you look at it in detail, it isn’t even really separated from Rügen. At the most narrow point, the water stretches to only 1.2 km and has been there for only 3,000 years – and half of that distance you could cover on foot. But we chose a trip on the boat „MS Julchen“ and a guided walk.

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Für diesen Ausflug war uns der Wettergott größtenteils wohlgesonnen. Das kleine Inselchen ist ein Naturschutzgebiet und ohne Führung kommt man da gar nicht hin. Sicher, zu Fuß usw. – sogar das eine oder andere Wildschwein soll sich schonmal schwimmend (nein: rinnend!) dorthin begeben, aber ansonsten nur ca. 30 Touristen am Tag und die Mitarbeiter und Tagungsgäste der Internationalen Naturschutzakademie.

The weather God was with us for most of this trip. The little island is a nature reserve and you can’t even get there without a guided tour. Sure, on foot etc. – and apparently only last week a wildboar made it across swimming but other than that there are only a maximum of about 30 tourists a day and the staff and guests of the International Academy for Nature Conservation.

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Ja, warum würde man denn in so ein Naturschutzgebiet ein Tagungshaus bauen? Nun, die vorhandene Bebauung stammt aus DDR-Zeiten und ist mit dafür verantwortlich, dass es überhaupt ein noch bestehendes Naturschutzgebiet ist. Ende der 50er Jahre war es ein überlaufenes Touristenziel und viel wäre von der Natur bald nicht mehr übrig geblieben. Dann entschied man, dort eine Ferienhaussiedlung für hohe Staatsfunktionäre zu errichten und in der Folge war das Gebiet für Otto Normalverbraucher gesperrt. Die Ferienhäuser stehen weiterhin und werden als Unterkünfte für die Tagungsteilnehmer genutzt.

So, why exactly would you build seminar facilities in a nature reserve? Well, the current buildings are vintage GDR and sort of „responsible“ for the fact that the nature reserve still exists. At the end of the 1950’s this was a crowded tourist attraction and was rapidly going down the drain. It was then decided to make it into a holiday resort for the former GDR Council of Ministers and as such was off limits for John Doe. The houses are still standing and are used as dorms for the guests of the academy.

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Die Insel zeichnet sich durch wertvollen alten Baumbestand aus, da sie seit über vier Jahrhunderten (seit 1527) von forstwirtschaftlicher Nutzung verschont geblieben ist. Entsprechend sind die gewaltigen Buchen ca. 300 Jahre alt.

The island features a precious old growth forest as it hasn’t been forested for more than 400 years (since 1527). Accordingly, the huge beech trees are about 300 years old.

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Einige Bäume haben einen bizarren Wuchs, der meist durch irgendwelche Naturphänomene hervorgerufen wird. Die Buche unten z.B. hat unter einem Blitzeinschlag gelitten, der das gesamte Stammholz rausgesprengt hat. Der Wundverschluss hat links gut funktioniert, wie man an dem Wulst auch auf diesem überbelichteten Foto vielleicht noch erkennen kann. Noch interessanter finde ich fast den Ast, der sich nach rechts hinten zum Boden abknickt und sich zu einem dicken Stamm entwickelt und Wurzeln geschlagen hat.

Some trees really look bizarre, usually because they suffered from some kind of natural phenomenon. For example the beech tree below which was hit by lightning and consequently the trunk wood exploded and was scattered about. The „wound closure“ worked pretty well on the left side which you can maybe make out on this overexposed picture (there’s this thick vertical bulge). And look at that branch that cracked backwards to the right and developed into a trunk of its own and struck root.

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Oder der Baum unten, an dem sich eine sog. Frostleiste ausgebildet hat. Diese entstehen durch extreme Temperaturschwankungen. Erst friert alles zu, dann knallt morgens ggf. intensiv die Sonne drauf und Stücke platzen ab. Wundheilungsprozesse starten, werden aber auch wieder unterbrochen und je öfter das passiert und je mehr sich Insekten und Käfer auch noch einmischen, umso beuliger wird das ganze. (Nicht ganz falsch dargestellt, Winfried?!)

Or this tree below which has what I have no clue what it is called in English – those bumps that were caused by extreme changes in temperature. First everything freezes solid during the night and then the sun comes up and pieces are chipped of. Wound healing starts but is interrupted and the more this happens and the more insects and bugs decide to interfere, the larger the bumps get.

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An den Steilküsten kam man nicht runter, um an die Strände zu gelangen… aber vielleicht wird das ja morgen noch was. Schön anzusehen ist das alles auch von oben.

There was no way to climb down the bluffs to get to the beaches… but maybe I get to walk on some beach tomorrow. And anyway, it was nice to look at from above as well.

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Ich hatte es noch nicht erwähnt: hier gibt es unheimlich viele Schwäne, die aber schön weit weg bleiben und sich nicht so einfach fotografieren lassen. In einem Restaurant soll man sie auch essen können, jedenfalls die nicht artgeschützten Höckerschwäne. Aber ich glaube, daran liegt mir nicht so.

I haven’t mentioned it yet: there’s an incredible number of swans here but they really stay way out and don’t make for easy pictures. Apparently, there’s also one restaurant that has swan on the menu, the kind that is not protected. But I think I don’t care for swan.

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Am späteren Nachmittag hätte ich mir gerne Putbus noch genauer angesehen, aber das Wetter war dann doch zu unbeständig. Mal sehen, wann sich das noch ergibt. Dafür noch zwei Eindrücke vom Vilm.

Later that day I had wanted to have a closer look at the town of Putbus but the weather got a little nasty. I’ll see when I get to that. For now, two more impressions from Vilm.

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Und nun ein bisschen „Beisammensein“ in munterer Runde! Bis die Tage!

And now for some socializing! Take care!

Barbara

Tatort Eifel / CSI Eifel

Kerpen / Eifel

Kerpen / Eifel

Bereits zum vierten Mal habe ich mir anlässlich meines Geburtstags einen Ausflug statt einer Party überlegt. Mit dem Arboretum Park Härle war es vor zwei Jahren ein Ziel, das mit der Straßenbahn zu erreichen war – dieses Mal ging es weiter weg: in die „kriminelle“ Eifel.

It was the fourth time that I decided to have a day out with friends instead of a birthday party. Two years ago it was Arboretum Park Härle which could be reached by tram – this year it was farther away: we went to the „criminal“ Eifel.

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Wir waren auf einer Krimiwanderung unterwegs. Mittlerweile gibt es wohl um die 500 Eifel-Krimis… gerade mal drei habe ich gelesen. Auf dieser Wanderung haben wir einige Tatorte besucht und haben ermittelt. Los ging’s am Kleinen Landcafé in Kerpen bei Hillesheim – einem im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ mehrfach ausgezeichneten Ort.

We were on a „crime hike“. There are about 500 thrillers set in the Eifel region and this hike brought us to some of the crime scenes where we had to investigate. Kerpen, the village where we started, has been awarded with many prizes for its successful measures of beautification.

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Die Wettervorhersagen war ja nicht wirklich erfreulich und ich sah uns schon davonschwimmen… aber dann kam es ganz anders! Die Stoßgebete, die sicher einige Teilnehmer noch am Vorabend abgesetzt hatten, wurden erhört. Wir blieben komplett trocken und hatten sogar längere Abschnitte bei schönstem Sonnenschein.

The weather forecasts hadn’t been all that promising and I had already seen us swept away before my mind’s eye… but then it all turned out rather differently! I bet there were a few participants who had sent a quick prayer to heaven the night before – and they were answered. There was not a drop of rain and we walked large parts in gorgeous sunshine.

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Hier und da war es mal ein bisschen windig, wie man am Maibaum sieht, aber davon ließen sich der Löwenzahn, die Schlüsselblumen, Küchenschellen und was weiß ich nicht aus der Bahn werfen – warum also wir? Beim Kräutersammeln ging es dann auch um die tödlichen Eigenschaften von Herbstzeitlosen…

As you can tell by the may pole above, it was a bit windy here and there but as neither dandelions, cowslips nor pasqueflowers were faced by it, nor were we. We did some herb collecting as well and learned about the deadly traits of meadow saffron…

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Neben durchschnittlicher Fitness, naturwissenschaftlichen Kenntnissen, schauspielerischen Leistungen und einer investigativen Ader war auch kriminalistische Dichtkunst gefragt – und nicht nur da wurde alles gegeben.

In addition to an average level of fitness, scientific knowledge, acting skills and an investigative streak, poetic talent was also in demand – and everybody gave it all they had.

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Der Anlass für diese Wanderung war, dass ich endlich mal zum Dreimühlen-Wasserfall wollte und bei der Recherche nach Wanderungen in der Gegend auf die Krimiwanderung gestoßen war. Und da ging es dann auch lang – Gott sei Dank, denn es waren Leichenteile zu finden! Und das am Feiertag, wo auch viele Familien mit kleinen Kindern dort langkommen…

The original idea was to see the waterfall at Dreimühlen and while I was researching hikes in the area I came across these guided crime hikes. Anyhow, we did pass the waterfall – thank God as we retrieved body parts there! On a holiday when the waterfall is visited by many families with small children…

Wasserfall Dreimühlen / Waterfall Dreimühlen

Wasserfall Dreimühlen / Waterfall Dreimühlen

Der Wasserfall ist sozusagen ein vom Menschen geschaffenes Naturdenkmal. Im Rahmen des Baus einer Eisenbahntrasse 1912 wurden drei kleine Quellflüsse zusammengeleitet, was zur Bildung einer Kalksinterterrasse geführt hat. Die Moose lieben das kalkreiche Wasser und gedeihen prächtig – und bilden gleichzeitig immer mehr Oberfläche aus, an der Karbonatausfällung stattfinden kann. Und so wächst der Wasserfall immer weiter nach vorn, jedes Jahr ungefähr 10 cm.

I guess you can say the waterfall is a man-made natural monument. When a railway corridor was being built in 1912 three little streams were merged into one and a travertine terrace developed. The mosses like the water which is rich in lime and by being there create more surface area for the deposit of carbonate. That’s why the waterfall grows forward by about 10cm per year.

Am Wasserfall gab es dann auch noch Eifelblut zu Testzwecken (und in medizinischer Dosierung)- ein leckerer Aufgesetzter aus Brombeeren, Himbeeren und Schlehen. Und „das Leichenteil“, ein halbes Bein mit Socke, wurde wieder im Rucksack verstaut 😉

We got to try „Eifel blood“ while we were at the waterfall – a home-made liqueur made with raspberries, blackberries and blackthorn (berries) – in a medicinal dosage only. And „the body part“ was quickly put back into the backpack of the guide again 😉

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Nicht gebucht war der Zusammenprall eines älteren Radfahrers mit unserer Gruppe… aber alles in allem ist es glimpflich abgegangen, er fuhr wieder seines Wegs, auch wenn die Polizei noch zu unserem Abschluss-Kaffee-und-Kuchen im Café Sherlock im Kriminalhaus in Hillesheim kam. Genau gesehen war der Besuch der angeschlossenen Buchhandlung das abschließende Event, wo wir uns mit neuen Krimis ausgestattet haben!

I had not booked the crash of an elderly cyclist with our group… but it wasn’t all that bad after all as he just went his way later, even though the police came to meet us at Café Sherlock at Kriminalhaus in Hillesheim where we went for a concluding coffee and cake. Actually, a visit at the adjoining book shop was the concluding part – where we stocked up on crime novels!

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Photo credit

Vielen Dank an alle Beteiligten für einen wunderschönen Tag!

A big thank you to all involved for a wonderful day!

Barbara

Auge in Auge mit der Verwandschaft

Wie mir zu Ohren kam, hat das Osterfest in Deutschland eher an Weihnachten erinnert, so in Sachen Schneefall und Temperaturen. Also kann das mit dem Klimawandel vielleicht doch noch nicht so weit her sein, denn erst kürzlich las ich eine uralte Bauernregel, die sinngemäß so etwa lautete: wenn es an Weihnachten grün ist, wird Ostern weiß. Traf also wohl zu?

Das Osterfest in Butembo war ein festliches in großer Runde. Seit Mittwoch war ich schon in Butembo und dort bei den Kollegen „Chez Rebicky“ gemütlich in einem gerade eingerichteten Gästezimmer untergebracht. Für die Feiertage, die hier nicht zwingend solche sind, hatte sich viel Besuch angesagt – es war Full House; neben mir noch einige Kollegen und andere Bekannte aus Bunia, dem nördlichsten unserer drei Standorte im Ostkongo… alles in allem 8 Leute. Ostersonntag war zum organisationenübergreifenden Brunch geladen worden, für den nicht nur Ostereier gefärbt wurden. Unser Buffet hatte durchaus was festliches.


Brunch am Ostersonntag
Easter Brunch

Dass der Gorilla zum Centerpiece wurde und nicht etwa ein Osterhase, hatte zwei Gründe. Erstens sind die Kunsthandwerker der Region weder traditionell noch aufgrund etwaiger moderner Nachfrage auf die Produktion niedlicher Häschen eingerichtet: hier sind Löwen, Elefanten und eben Gorillas angesagt. Der zweite Grund war der, dass es ein besonderes Überraschungsei seitens der Gastgeberin gab: einen anderthalbtägigen „Ausflug“ zu den Gorillas im Virunga Nationalpark, dessen erfolgreichen Abschluss wir mit der Gorillafigur nochmal besonders gewürdigt haben. Jede weitere Würdigung meinerseits gestaltete sich äußerst schwierig, da sich der „Besuch“ bei unseren Vorfahren als Gewaltmarsch herausstellte. Die Auswirkungen auf meinen Körper sind in etwa mit denen zu vergleichen, die mich nach dem (Kort)Vasa-Lauf 1999 ereilt haben… zwei Zeugen können davon berichten. Aber fangen wir von vorne an.

Für diesen Besuch bei den Gorillas war eine kleine Ecke des Virunga Nationalparks gewählt worden, die in der Nähe unserer Projektgebiete liegt, von Butembo über Kyondo nach Tshiarimbi – Orte, die auf dem Kartenausschnitt unten nicht erscheinen. Aber man finde Ishango am Westufer des Edward-Sees und bewege sich weiter Richtung Westen auf den Gipfel von 3095m zu… um den haben wir uns rumbewegt.


(Source: ReiseKnow-How Karte Kongo 1:2.000.000 (2007) – Maßstab durch Scan mit Sicherheit verzerrt)

Die Planung war wie folgt: am Nachmittag des ersten Tages anreisen. Mit dem Auto bis zum Parkeingang auf 2200m: wir waren auf dem Weg, uns die berühmten Berggorillas anzusehen und mir war vorher bewusst, dass das allein wegen der Höhe, die ich schlecht vertrage und noch schlechter überwinden kann, nicht einfach werden würde. Österreich-Urlaube sind mir in traumatischer Erinnerung geblieben und ich kann mein Einverständnis zu dieser Unternehmung nur damit erklären, dass der Besuch einer 6-köpfigen Gorilla-Familie einen ungleich größeren Reiz ausübt als ein Glas Kräuterlimo und ein Kaiserschmarrn in einer Almhütte im Gasteiner Tal.

Am Parkeingang entrichteten wir die Eintrittsgebühr: 150 USD, die den 7 Tage geltenden Zutritt zum Park erlauben, in dem es neben Gorillas auch noch viel anderes zu sehen gibt: Elefanten, drei Sorten Antilopen, Krokodile, Nilpferde und vieles mehr. Und das ziemlich weit ab von allem Massentourismus – dafür in symphatischer Begleitung eines Vertreters der kongolesischen Armee mit Kalaschnikow. Von dort ging es noch am gleichen Tag weiter auf 2700m zum Basislager, wo wir die Nacht verbringen sollten. Diese knapp zwei Stunden Weg haben mich schon übermenschliche Anstrengungen gekostet und ich sah aus wie frisch geduscht, als ich ankam, eigentlich immer weit hinter der Truppe her, aber in Begleitung des Italieners Sergio, der ein außerordentliches botanisches Interesse entwickelte und jeden Bambusstamm einzeln fotografierte, damit ich nicht alleine vor mich hindamfen musste. Er erzählte außerdem, dass er aus der schönsten Stadt Italiens stamme, der südlichsten an der „Ferse“ des Stiefels, und wusste nicht, was er anrichtete, als er erklärte warum es die schönste Stadt sei: es gebe dort vier verschiedene Sorten Sand! Nichts wie hin!!

Sorge um mich breitete sich schnell aus, sah ich doch wie gewohnt bei sportlicher Aktivität binnen weniger Minuten aus als stünde ich kurz vor dem Herzinfarkt. Zu diesem Zeitpunkt war meine Sauerstoffschuld schon so hoch, dass ich eh kein Französisch mehr hinbekam und selbst auf Englisch nur noch gedröseltes von mir gab. Anstatt aufzuklären, dass ich anämisch („anemic“) bin, beharrte ich darauf, ich sei „anorexic“ – magersüchtig 🙂 Das versammelte Gelächter später beim Abendessen, als wir aus gegebenem Anlass darauf zurückkamen, war langanhaltend und Victoria, die Amerikanerin in der Truppe, versicherte mir, sie sei ehrlich froh zu wissen, dass ich nicht in dem Sinne krank sei! Die von uns mitgbrachten Nahrungsmittel wurden in stundenlanger Arbeit zubereitet und noch bevor das Essen auf dem Tisch stand, fragte der anwesende Armeechef, ob wir denn nicht die einen oder anderen Alkoholika dabei hätten. Hatten wir, wiesen aber darauf hin, dass es wohl doch noch ein bisschen zu früh sei dafür. Nach Anbruch der Dunkelheit und im Scheine des Bambus-Lagerfeuers packten wir unseren Whiskey aus, der in großer Runde und zum Gesang kongolesischer Armeelieder recht schnell ein Ende fand. Wir aber ebenfalls, denn schließlich sollte es am kommenden Morgen um 6:30 Uhr losgehen. Die Gorillafamilie sei nämlich gewandert und leider nicht mehr wie meist nur anderthalb Stunden entfernt, sondern drei. Und ob wir denn nicht doch lieber nur die kleine sehen wollten, eine dreiköpfige, die viel näher logierte. Aber wir waren beharrlich – hinterher wurde uns gesagt, dass die Parkranger und alle drumherum nicht davon ausgegangen waren, dass wir es schaffen würden.

Die Gruppe vor dem Start – teilweise kopflos da dem „Chef“ die Füße wichtiger waren… im Nachhinein gar kein so abwegiger Gedanke
The group before setting off – partly beheaded as the boss decided that feet were more important… not such a bad thought after all

Es begann ganz einfach in mehr oder weniger ebenem Terrain, wenn auch sumpfig und sehr matschig. Abgesehen von den mit langen Flechten behangenen Bäumen und übermannsgroßen roten Blumen hätte man sich, da der Blick ja meist auf den Boden gerichtet war, auch im Hohen Venn fühlen können – das etwas größenwahnsinnige Sternmoos erinnerte an die Austattung einer Eifler Krippe. Und zu bedenken ist ja auch, dass man bei dieser afrikanischen Landschaft nicht die Serengeti mit weiten, heißen Savannen im Kopf haben sollte: Bambuswald bei vielleicht 15 Grad und Nebelschwaden, was dem ganzen einen deutlich märchenhaften Charakter verleiht. Und Berge, bergauf, bergab. Dass wir denselben Bach sieben mal in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden queren mussten, war nicht wirklich nervig 😉

Bachüberquerungen
Crossing the stream

Aus Spaß wurde Ernst: ein langanhaltender Anstieg in nicht einfacher Umgebung: überall Wurzeln, sowas wie Brombeerbüsche (einige behaupten, auch Brombeeren gesehen zu haben), riesige Büsche, die aussahen wie Brennesseln aber nicht brannten, Übergang in Laubwald. Ich hing bald zurück und Jonathan, der kongolesische Armeeangehörige unseres Vertrauens, blieb immer einen Schritt hinter mir, während die anderen mit den Führern vorangingen. Nein, so wirklich freiwillig sei er nicht in der Armee; eigentlich sei er Lehrer in Goma gewesen, aber die Umstände hätten ihm keine Wahl gelassen und mit einem verlegenen Blick in den Wald sagte er, er würde eigentlich lieber wieder Lehrer sein. Als wir noch Empfang hatten, rief seine Mutter an, um zu hören, ob alles klar sei, denn ihr gefiele sein neuer Job auch nicht so besonders, die Patroullien im Park, auf der Jagd nach Wilderern und bis vor kurzem auch Mai-Mai Milizen, sie würde sich viele Sorgen machen. Aber sie seien mit 11 Kindern zuhause, der Vater seit 1995 tot – und die Mutter ist heute 48, jetzt fangt mal an zu rechnen… Der junge Mann hat jedenfalls eine Engelsgeduld mit mir und meiner Kurzatmigkeit bewiesen und nicht verstanden, dass ich in der Ebene nach einem Anstieg nach kurzer Pause in meinem üblichen strammen Gang verfallen konnte, als sei nichts gewesen. „Oben“ angekommen, vielleicht knapp unter 3000m, hatte sich der Nebel gelichtet und wir hatten einen atemberaubenden Blick über den Park, die Ebene, „le Graben“, hin zum Edward-See und auf Ishango – siehe Karte.

Blick auf den Virunga Nationalpark und den Edward-See
View onto Virunga National Park and Lake Edward

Von da an ging es abwärts… was mich aber auch nicht wirklich erfreute, denn wie schon Till Eulenspiegel feststellte, muss man ja jeden Berg den man runter geht, früher oder später auch wieder hochsteigen. Das versuchte ich aber zu verdrängen. Irgendwann erreichten wir eine Stelle, wo uns die Park Ranger sagten „Tja, gestern waren die Gorillas noch hier, aber sie sind wohl weiter gezogen…“ Ich kam nicht umhin mich zu fragen, wer in dieser Umgebung freiwillig eine Wohnortverlagerung in Erwägung ziehen würde. Jonathan erklärte, dass es länger nicht mehr ordentlich geregnet habe (bis auf die letzte Nacht, was für den formidablen Matsch verantwortlich war) und dass deswegen der Bambus keine frischen Sprossen habe, die die Gorillas am liebsten essen – deswegen hatten sie sich eh schon in den Laubwald zurückgezogen und nun eben noch weiter. Eben: weiter. Und so ereilte uns der Hammer, was wir den „Hike from Hell“ tauften, den Höllentrip. Ein Abstieg, den wir über schätzungsweise 200-300 Höhenmeter (es kam mir vor wie 2 km, aber das kann schlecht sein…) bei einem Gefälle von 45 bis 90 Grad größtenteils auf allen Vieren bewältigt haben und einige unangenehme und plötzliche Zusammentreffen mit dem Mutterboden und dem Gestein erleben durften. Ob meine Jeans und die Goretex-Jacke jemals wieder ohne Braunschleier zu tragen sein werden, wage ich zu bezweifeln. 10 Höhenmeter in 30 Schritten überwinden – wenn man die am Stück schafft. Dafür hätte ich mir den Spruch aus dem letzten Eintrag aufheben sollen: „Macht ihr Bergheinis das eigentlich öfters?“ – „Jeden gottverdammten Tag!“… denn das ist tatsächlich so: dieses Stück ist Teil Jonathans täglicher Route…

Dann: Spuren der Gorillas! Wer hätte jemals gedacht, dass man beim Anblick frischer Gorilla-Scheiße ekstatisch werden könnte… die sieht übrigens ein bisschen aus wie helle, leicht geplättete Pferdeäpfel, falls es jemanden interessiert. Fast alle Leiden waren vergessen und wir waren voller Spannung und plötzlich hieß es: Silberrücken in Sicht!! Aber wo???? Deutlich sichtbares Geraschel in den dann doch Bambusbäumen etwa 20 Meter vor uns gab uns den Tipp. Da oben sollte er sitzen, aber man bekam nicht soviel zu sehen, wildes Geraschel. Dann weiteres wildes Geraschel in den Baumkronen nebendran… da war der Rest zu vermuten. Diese schweren „Geschosse“ auf den dünnen Bambusdingern? Aber so musste es wohl sein, denn der Big Boss begann den Abstieg.

Der Silberrücken
The silver back

Wie er da so scheinbar gelangweilt in den Hang gelehnt saß, hatte er was von Marlon Brando, fand ich. Die Arme verschränkt kratzte er sich hin und wieder mit einem Finger am Kopf und checkte die Lage – ob wir wohl eine Gefahr für seinen Harem darstellen könnten? Aus dem Dickicht der Bambuskronen kam Geschrei, wahrscheinlich von den beiden halbstarken Damen, die zur Gruppe gehören, was den Chef dann auch veranlasste, sich zu voller Größe zu erheben und seine Macht zur Schau zu stellen – gebleckte Zähne und im wahrsten Sinne des Wortes tierisches Gebrüll. Und wir standen irgendwas unter 10 Meter daneben und waren instruiert, einfach ruhig stehen zu bleiben (vergleiche auch „Bär“ in „Mörderischer Vorsprung“…). Ich weiß nicht, wie sich Faszination noch steigern lässt. Dann zeigte sich in den Baumkronen auch noch Frau Chef mit dem anderthalb Jahre alten Nachwuchs – auch ohne den Gedanken an anstehende Strapazen wollte ich eigentlich nur noch sitzen bleiben und die Nacht mit den Herrschaften verbringen.


Mama Gorilla und anderhalbjähriges Baby, darunter ein „Teenager“
Gorilla Mom and her one and a half year old, a „teenager“ below

Aber das war natürlich nicht möglich… ein laaaaaaanger Rückweg stand uns noch bevor. Und da der Big Boss sich langsam auf den Weg weiter hangabwärts machte, wollte der Rest gerne folgen, traute sich aber nicht wegen uns, so dass das Geschrei immer größer wurde und wir als weitere Maßnahme in den zweifelhaften Genuss von Gorilla-Exkrementen von oben kamen, was dann weniger Anlass zur Ekstase gab.

Belassen wir die Beschreibung des Rückwegs damit, dass es alptraumhaft war und ich danach durchaus in der Lage gewesen wäre, jeden, der mich von meiner Digitalkamera mit den Fotos hätte trennen wollen, kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken mit meinem frisch geschlagenen Bambus-Wanderstab zu pfählen. Eins ist sicher: Massentourismus stellt für diese Gorillas keine Gefahr dar…

Im Basislager gab es dann zum dritten Mal in weniger als 24 Stunden Reis mit Rindfleisch und Sauce, was eilig runtergeschlungen werden musste, da uns ja noch der Abstieg zum Parkeingang und die Heimfahrt bevorstand, wo wir dann auch ankamen:

Die Gruppe zurück am Parkeingang – kurz vor dem Zusammenbruch
The group back the park entrance – ready to crash

Was für ein Trip – es ist nun Mittwochmorgen danach und ich habe immer noch Muskelkater, unglaublich. Ostern 2008 war wohl DAS Ostern, dass mir am besten in Erinnerung bleiben wird 🙂
Auf bald!