Kochen und Radsport

Rückblickend kann man sagen, dass der Weg vorgezeichnet war. Einer meiner Neujahrsvorsätze – und wie sich herausstellen sollte, der einzige, den ich realisiert habe – war, mindestens 4 Tage pro Woche was „ordentliches“ zu kochen und nicht nur Brote und Tomate mit Mozzarella zu essen. Das hat alles in allem gut geklappt. Mitte Mai hatte ich mich dann entschieden, dass kein Glas Nuss-Nougat-Creme mehr meine Türschwelle überschreiten würde, was eine radikale Änderung meiner morgendlichen Routine zur Folge hatte. Es hieß nämlich, dass ich kein Brot würde essen können – denn alles würde mich an mein Suchtmittel erinnern und unzulänglich erscheinen. Also: Müsli. Problem: ich brauche 30 Minuten, um ein Müsli zu essen. Lösung: zuhause zubereiten und dann am Arbeitsplatz essen, während ich meine neuen Mails durchgehe. Ob ich Zeitung am Frühstückstisch oder Mails am Schreibtisch lese, dürfte keine Rolle spielen.

Dann kam der 5. Juli, an dem die Entscheidung fiel. Ich würde mich, um es mit den Worten einer Kollegin auszudrücken, den „Anonymen Dicken“ anschließen, eingedeutscht auch als Gewichtsbeobachter bekannt. Nachdem ich den Online-Auftritt eingehend studiert hatte wurde mir zu allererst eins klar: das ist ein System, das für mich funktionieren könnte. Dinge notieren, ein Online Tagebuch führen und mit Punkten hantieren – das kommt meinem Zahlengedächtnis entgegen. Zweitens war klar: vorerst werde ich keine Treffen aufsuchen, dazu ist mir die Zeit noch zu schade. Erst wird es so versucht.

22 Punkte kann ich jeden Tag „aufessen“ und bis auf wenige Ausnahmen habe ich die noch so gut wie nie gebraucht. Es wurde also drittens klar: ich muss keinen Hunger haben. Heute habe ich 18,5 Punkte gegessen und mit Blick auf die verheerende Wettervorhersage fürs Wochenende entschieden: schwing dich aufs Rad, spülen kannst du auch im Regen. Eine 70-minütige Tour nach den heute-Nachrichten, das gibt 4,5 Aktivitätspunkte – die kann ich bis Sonntagabend ansammeln. Das wiederum ergibt sich auch gut: eine Freundin kommt zu Besuch und möchte mich noch nachträglich zu einem Geburtstagsbrunch einladen. Da kann ich dann ein bisschen über meine mir täglich zugedachten Verhältnisse leben. Aber ein Croissant bleibt ein No-No: 9,5 Punkte für eins… Würde ich also zwei essen und dazu noch ein Glas Milch trinken, wäre dann schon Schluss mit lustig. Mein alldienstägliches Badminton bringt auch 4 bis 5 Extraeinheiten.

Ein fünfter Punkt zeichnete sich bald ab: meine Kochgewohnheiten muss ich nicht mehr großartig verändern. Höchstens zweimal pro Woche Fleisch und dann eher Geflügel gibt’s eh nur, mit viel Öl koche ich nicht, dafür Berge Gemüse. Mein Problem ist die Schokolade. Kann man’s fassen: ich vermisse sie bislang nicht. Aber der große Rückschlag wird schon noch komme, da mache ich mir keine Illusionen. Aber bis dahin kann man sich ja freuen.

Am Anfang fand ich es alles ziemlich aufwändig und irgendwie eine logistische Herausforderung. Für mittags muss ich mir auch was zubereiten… die Küche war regelmäßig ein Schlachtfeld und wurde nicht besser, als ich dann abends heimkam und wieder den Kochlöffel schwang. Die Hälfte meiner freien Zeit ging mit der Zubereitung von Mahlzeiten drauf. Aber auch das kriege ich mittlerweile besser in den Griff.

Was darunter gelitten hat, ist allen voran meine erste bewusst wahrgenommene Tour de France. Der junge Radprofi Johannes Fröhlinger, dessen Website ihr über einen Link zur rechten aufrufen könnt, ist nämlich dabei! Dass ich mich mit Radsport im großen und ganzen nicht auskenne, wurde leider schon am ersten Tag klar: da sagte mir die Fernsehzeitung, „ARD: 18:30 Uhr Einzelzeitfahren“. Dass das nur eine Zusammenfassung war (und sein KONNTE) erschloss sich mir zu spät. Kein guter Auftakt. Und mit meinen logistischen Herausforderungen, auch was Ladenöffnungszeiten angeht, habe ich es bislang erst zweimal geschafft, eine Etappe zu verfolgen. Die eine war an einem Sonntag und die andere, die mich fast einen Infarkt hat erleiden lassen, an einem Freitag. Da saß ich nichtsahnend im Büro. Es war gegen 14 Uhr, als das Telefon klingelte und meine Schwester am anderen Ende war – die ist in der glücklichen Lage, dieser Tage Urlaub zu haben. Sie eröffnete das Gespräch in ihrer üblichen Art, zwischen zwei Zügen an der Zigarette erstmal gemächlich ein „Naaaaaaaa?“ herauszubekommen, während ich der Kollegin im Türrahmen mit einer Hand noch Zeichen gebe, mit der anderen eine Mail zuende tippe während der Hörer irgendwie zwischen Kopf und Schulter klemmt, um dann leicht ungehalten ein „WAS?“ zu antworten.

Sie: „Naaa, wie lange musst du heute noch im Büro bleiben??“
Ich: „Ja, was weiß ich denn. Zwei Stunden noch oder so. Was gibt’s denn??“
Sie: „Naja, wär’ schon schade.“
Ich: „Tatsächlich. Was um alles in der Welt ist denn passiert?“
Sie: „Naja, der Johannes ist in einer neunköpfigen Ausreißergruppe ca. 12 Minuten vor dem Hauptfeld. Dachte, das könnte dich interessieren.“
Ich: „Oh mein Gott, echt?“
Sie: „Japp.“
Ich: „Scheiße – was mache ich denn jetzt?!“
Sie: „Jo, musst du wissen. Ich guck mal weiter. Tschökes.“

Zu diesem Zeitpunkt gucken mich die Kollegen gegenüber bereits entgeistert an.

Kollege: „Was ist passiert?“
Ich: „Also, das ist so… [kurze Erklärung].“
Kollege: „Worauf wartest du denn noch?“
Ich: „Ach… ich mache das hier noch gerade zu Ende…“

Zwei Minuten später, zu Ende war gar nichts, habe ich anerkannt, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren konnte, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und bin zum Bahnhof gerannt, war dann gegen 14:45 in der Wohnung und habe so ziemlich von da an wirr vor mich hingeredet und in entsprechenden Momenten den Fernseher angefeuert. Es muss geholfen haben – es ist ein dritter Platz dabei herausgesprungen. Nur geil, oder? In der Woche danach ertappte ich mich dabei, zum allerersten Mal überhaupt ein Milchprodukt des Hauptsponsors gekauft zu haben – wie ich erstaunt an der Kasse feststellte… Die subtile Werbestrategie funktioniert also.

Naja. Und heute hat mein Drahtesel dann mal für mehr als die Fahrt zum Bahnhof herhalten müssen. In meinem atemlosen Zielspurt habe ich dann eine Mücke verschluckt… und kam nicht umhin mich zu fragen, wie viele Punkte das wohl waren…

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