Der Wilde Westen

Anlässlich des 80. Geburtstags meiner Tante hatten sich meine Eltern überlegt, nach langer Zeit noch mal mit dem Zug zu fahren. Kurz nach dem Krieg war zumindest mein Vater nach eigenen Angaben zuletzt auf Schienen unterwegs – diese Schätzung allerdings erfuhr alsbald eine Korrektur seitens meiner Mutter: „Red’ doch keinen Quatsch! Wir sind doch damals mit den Kindern aus dem Gasteiner Tal nach Salzburg gefahren!“ Selbst das jedoch ist mehr als 20 Jahre her – und ich erinnere mich nicht mehr daran. Das Erlebnis war offenbar weit weniger prägend als der Marionettenspieler vor dem Salzburger Schloss, den ich noch lebendig in Erinnerung habe. Mag aber auch daran liegen, dass es davon ein Foto gibt, vom Zug aber nicht.

Die Entscheidung für den Zug war also gefallen und stand kurz davor, wieder über den Haufen geworfen zu werden, als klar wurde, dass man sich ein Ticket mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Automaten würde kaufen müssen. Kurzerhand entschloss ich mich zur bahnhof_webBegleitung. Während ich zum Besuch in der Eifel meist die Rhein-Ahr-Bahn wähle (kein Umstieg), entschieden sich meine Eltern für die Fahrt nach Köln für den Eifel-Express ab Blankenheim-Wald. Der Name sagt eigentlich schon alles: ein Bahnhof mitten im Nichts und für uns eine halbe Stunde Anfahrt. Seit 1870 gibt es hier eine Bahnstrecke, Teil der Verbindung Köln-Trier. Aber etwas tot scheint es schon. Wäre es nicht erst kurz vor 9 Uhr, leicht neblig und verdammt grün, könnte man sich in den Wilden Westen versetzt fühlen – unruhig blicke ich mich um und warte auf Gary Cooper oder Henry Fonda, bloß nicht in bahnhof_2_web die Schusslinie geraten. Anderswo ist es so beschrieben: (515 m, 69 Einwohner) Der Gemeindeteil liegt reizvoll inmitten ausgedehnter Wälder und Bachauen. Blankenheim-Wald gehörte territorial und kirchlich zu Blankenheimerdorf und teilt von daher dessen Geschichte. Sehenswert sind eine dreiflügelige Hofanlage und ein Wohnhaus aus dem 18. Jh.

Das schieferverkleidete Bahnhofsgebäude sieht nicht wirklich einladend aus, aber ein Blick durch die Glastür bestätigt: da drin ist der Fahrkartenautomat. Wir gehen rein und ich habe mich gerade erklärend durch die ersten beiden Touch-Screen-Level gearbeitet, als sich was rührt und tatsächlich Leben an den Schalter kommt: „Sie können die Karte auch hier kaufen.“ Ein älterer Herr mit deutlich sächsischem Akzent, grauen Locken und interessant sortierten Zahnreihen lächelt uns an und ist wahrscheinlich total froh, mal was zu tun zu bekommen. Er sitzt wie im Spotlight (oder ist es eine Aura?) und irgendwie hat das was ganz bizarres. Wie verzaubert. Als wir uns dann auf den Bahnsteig begeben haben, bin ich mir nicht wirklich sicher, ob er tatsächlich da war und komme mir vor wie Kater Findus in der Begegnung mit dem verrückten Briefträger, der Postkarten bringt, die man hinterher nicht mehr lesen kann und der sich nach einem wirren Gespräch in Luft auflöst. Ich gucke noch mal sicherheitshalber auf das Ticket, aber alles ist einwandfrei.

Mein Onkel, Bruder meines Vaters, ist auch noch dabei und nimmt das alles wie so oft in stoischer Ruhe zur Kenntnis. Wer weiß, wann er zuletzt per Zug unterwegs war? Jedenfalls erinnert man sich während der Wartezeit an einen weiteren Bruder, der zu Beginn seiner beruflichen Karriere am Bahnhof in Jünkerath arbeitete und dort auf die Frage einer älteren Dame, wann denn der letzte Zug nach Köln führe, den legendären Ausspruch „Leev Frau, dat erliwwen mir zwei nitt mie“ prägte. Jünkerath ist weiter am Netz, aber bei vielen anderen hätte er sich dabei wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt gehabt, wie man nun weiß.
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Der Zug fährt ein – einer der ältesten noch in Betrieb stehenden, soviel ist sicher. Er ist gut besetzt und wir machen uns in zwei Doppelsitzen breit. Nach wenigen Minuten schon meint mein Vater, auf seinen Schirm gestützt, dass ihm zu seinem Glück jetzt nur noch ein „Stück“ (Butterbrot) und eine Thermoskanne Kaffee fehle – daran müssen wir nächstes Mal denken. Sein Bruder hält den Blick starr nach draußen gerichtet und scannt die vorbeiziehende Landschaft. Ich befürchte schon, ihm sei schlecht. Ja, man könne doch sogar überlegen, öfter mal mit dem Zug zu fahren, es sei so herrlich entspannend. („Ja“, denke ich, „so lange, bis man wegen eines Böschungsbrands und/oder Personenschadens einen Anschluss verpasst, da es zu „betriebsbedingten“ Verspätungen kommt…“).

Vollends um die Fassung bringt uns dann die Fahrt in einen Tunnel, oder „Tun’nel“ (Betonung auf der letzten Silbe). Mit hochroten Köpfen haben wir Tränen gelacht – bis auf meinen Onkel, der weiter in völliger Ruhe über das Leben und seine bekloppte Verwandtschaft sinniert, wie ich vermute. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die restlichen Mitreisenden fragen, was wir wohl für ein Trupp sind, ganz im Sinne von „Fiehrt en Bauer no Kölle…“ Also, Tun’nel sei ja Französisch, ein Relikt aus der Besatzungszeit. Genau wie mich meine Verwendung der Worte Plümmo und Prummetaat immer zweifelsfrei als westlichsten aller Wessis outen.

In Euskirchen überlasse ich sie ihrem Schicksal, um umzusteigen in einen Zug nach Bonn, der dort wartend am Gleis steht. Und als der Tag zur Neige geht steht fest: bei allen hat alles bestens geklappt – das können wir noch mal machen.

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