Relativitätstheorie

Vergangene Woche im Wartezimmer einer Arztpraxis war es wieder soweit: ich wünschte, ich hätte an den mp3-Player gedacht, um mich einfach wegdröhnen zu können. So blieb mir nur meine Zeitung, die jedoch bald zu einem bloßen Mantra wurde, um den Blutdruck halbwegs im Zaum zu halten. Die beiden Damen, die, wie sie im Detail austauschten, jeweils zu solch lebensnotwendigen Eingriffen wie einer Laser-OP vor Ort waren („Wissen Sie, Kontaktlinsen vertrage ich nicht und die Brille drückt doch sehr auf der Nase und mein Mann meinte auch, man könne meine schönen blauen Augen gar nicht recht bewundern, ha, ha!“) beschäftigten sich bald mit dem immer beliebten Thema der Gesundheitsreform, die ja auch schon als ein Vorbote der weltweiten Finanzkrise hätte verstanden werden müssen.

„Ach, alles ist so teuer geworden!“ beklagte sich die eine.
„Ja,“ pflichtete ihr die andere bei, „mehr als zweimal in der Woche aus essen gehen kann man sich kaum noch erlauben…“
„Na, das waren noch Zeiten, was Schatz?“ mischte sich der jenseits jeden Hauchs von Natürlichkeit gefärbte Gatte ein, „als wir noch dreimal im Jahr Urlaub gemacht haben!“
„Ach ja…,“ pflichtet sie ihm bei, „aber wenn man dann das Rentenalter erreicht hat, muss man halt Abstriche machen.“
„Und dann die ganzen Zuzahlungen zu den Medikamenten – früher hätte es doch so was nicht gegeben!“ fokussiert ihre Sitznachbarin wieder das Thema und ich denke: wie definierst du früher?

Es ging immer so weiter und ich sah mit FREUDE meinem grundsätzlich eher unangenehmen Netzhaut-Screening entgegen – nur WEG hier. Ich ertrage diese Diskussionen nicht mehr, wenn die Leute jeden Bezug zur Realität des Rests der Welt verlieren – oder nie gehabt haben. Herrgott, da ist ein Arzt, der hat was gelernt, der versteht sein Handwerk. Der hat in den allermeisten Fällen die Instrumente und Medikamente zur Hand, die er braucht, um dein Problem zu lösen. Und das wird oft alles ganz bezahlt. Manchmal muss man was dazu beitragen. Kann man das verdammt noch mal nicht zu schätzen wissen? Dass man nicht in irgendeine komische Kaschemme in einem Basar gehen muss, wo einem ein verschroben aussehender Typ mit einer Zange und ohne viel Palaver erst mal einen Zahn zieht, der nicht der kaputte war? Dass man sich vor Angeboten an geburtsvorbereitenden Kursen und Vorab-Besuchen diverser Kreißsäle nicht retten kann, bevor „es“ soweit ist anstatt zu hoffen, insh’allah, das wird schon gut gehen und sich dann im besten Fall in der Fürsorge einer traditionellen Geburtshelferin weiß, der die Mitarbeiterin irgendeiner Hilfsorganisation mal gesagt hat, es sei nicht förderlich, der Gebärenden bei schwierigen Niederkünften auf den Bauch zu springen? Vielleicht hat sie sogar ihr „Kit“ dabei, wo auch Seife drin ist. Dass es Gegenden gibt, wo Frauen mehrfach auf brutalste Art und Weise vergewaltigt werden und die Sorge um einen Arzt, geschweige denn um einen Trauma-Therapeuten, ein nebensächliches Detail ist, weil am besten erst gar keiner merkt, dass da was passiert ist, weil man sonst seine Sachen packen und sehen kann, wo man bleibt?

So lange hier noch ALDI-Jogging-beanzugte Menschen bildungsferner Schichten 500g Erdbeeren für 4,99 Euro kaufen kann es so übel noch nicht sein. Und wenn die Medien nicht langsam mal auf ein „Yes, we can!“ anstatt der ewigen „Oh-es-ist-so-furchtbar-und-wird-noch-viel-furchtbarer-Leier“ umsteigen, dann weiß ich es auch nicht.

Das musste mal gesagt werden. Auch wenn der Frühling da ist.

2 Kommentare zu “Relativitätstheorie

  1. Jo. Stimmt soweit mit der deutschen Neigung zum Jammern. Und wenn das auch auf die beiden belauschten Damen zutreffen mag, sollte man/frau nicht übersehen, das am eigentlich vorzüglichen deutschen Krankenversicherungswesen in den letzten Jahren soviel geschraubt wurde, dass trotz höherer Beiträge die Leistungen immer mehr eingeschränkt wurden. Da ist schlichtweg Geld umverteilt worden und darüber sollte man sich schon mal aufregen dürfen. Aber das es uns insgesamt (noch) eigentlich blendend geht im Vergleich zum übergroßen Rest der Menschheit sollte man natürlich auch nie vergessen.

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  2. Stimme zu – deswegen auch „Relatitivität“. Aber ich denke dann auch immer an so Aktionen wie die meiner Brieffreundin aus Alaska, die einen Hirntumor hatte und folglich nicht arbeiten konnte. Ihre „gesetzliche“ Krankenversicherung erlosch umgehend, so dass ihre allergrößte Sorge war, hoffentlich bald, bald, bald wieder arbeiten zu können – denn der Versicherungsschutz kommt damit nicht gleich wieder, nein: man muss erst zwei Monate angestellt sein… Die Rechnungen sind astronomisch.

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