Ganz klar: mangelnde Flexibilität

Schon bevor ich das Haus verließ, hätte ich es wissen müssen – es war der montagigste aller Montage. Wie jeden Morgen polterte der Halbstarke von oben lautstark die Treppe runter, danach kann ich den Wecker stellen, immer um 6:45 Uhr. Im Halbdämmer denke ich irgendwann: „Hm, warum klingelt er dann nicht?“ und merke um 6:58 Uhr, dass er noch auf 10 Uhr eingestellt war. Hektik am frühen Morgen liebe ich über alles, besonders wenn ich noch mit halb offenen Augen auf dem Weg in die Küche feststellen muss, dass die Wohnungstür seit unbestimmter Zeit offensteht und alles Hab und Gut weg sein könnte. Aber es sind ja nur noch 17 Tage.

Diese Woche war durchgeplant, denn es sind die letzten vier Tage der Übergabe, bevor ich mich nach Ostern meinen nicht nur neuen Aufgaben widmen werde. Aber alles wurde bereits um kurz nach acht durcheinander gewirbelt, als meine Kollegin eine etwa wie folgt lautende Nachricht auf der Voicebox abhörte: „Bonn-schura, scharif-a a Bonn-e oschurdwie-a.“ (Bonjour, j’arrive à Bonn aujourd’hui – Guten Tag, ich komme heute in Bonn an.) Es handelte sich um den heißbegehrten italienischen Mechaniker, der sich mit Nutzfahrzeugen mit dem Stern so richtig gut auskennt und von dem wir lange nicht gehört hatten, nachdem wir ihn per Mail und telefonisch gebeten hatten, zu einem Termin nach Bonn zu kommen. Wie bizarr – eine Absprache schien nicht im Sinne dieses Menschen zu sein und es hat wenige Tage in den letzten Jahren gegeben, an denen wir mehr nicht verschiebbare Aufgaben auf der Liste hatten.

Aus schierer Verzweiflung verabredeten wir uns trotzdem vor seiner Ankunft in einem Etablissement mit Sonne zum Mittagessen und beobachteten alle vorbeieilenden Menschen. „Der kleine Dicke da mit der Glatze, in der gelben Jacke – das könnte er sein!“ meinte die Kollegin und ich war der Einschätzung nicht abgeneigt. Dann kam ein eher groß gewachsener Typ mit dunklem Strickpulli und einem grünen Koffer – der könnte es auch sein. So ging es noch ein bisschen weiter über unserem Baguette St. Pierre und den Tagliatelle Lodarchi. Als uns der Besuch dann um 14 Uhr angekündigt wurde, wurde die Wette geschlossen und ich gewann tatsächlich: es war der Hüne mit dem Koffer. Gott sei Dank kein Geigenkoffer.

Auf die Frage, warum er den Termin nicht mit uns angestimmt habe, antwortete er lapidar, dass man ja keine Zeit verlieren müsse und auf der Baustelle ja schon die eine oder andere Maschine still läge – Zeit ist Geld. Ja, wohl wahr… aber der Aufenthalt hätte auch nur zwei Tage dauern müssen, hätten wir davon gewusst – und unsere Zeit ist auch nicht kostenlos. Wie kriegen wir den Mann ohne Anmeldung bei einem Tropenarzt durchgecheckt, ihm den Vertrag ausgestellt und vielleicht ein bisschen INFO dazu rübergebracht, ein Visum besorgt, ein Hotel gebucht, einen Flug arrangiert, ein Gespräch mit dem Chef eingebaut, vielleicht noch nicht uninteressante Informationen aus der Logistik-Abteilung – uns fiele da schon was ein, was man vielleicht durchziehen sollte.

Nur rudimentär unterdrückte hysterische Lachkrämpfe hielten Einzug, als es um die Heimreise nach „bei Venedig“ ging: einen Billigflieger kriegen wir nur Donnerstag, mittwochs mit der Bahn, auch nur 15 Euro billiger und man sitzt fast 14 Stunden drin… ne, da gibt’s ne viel bessere Verbindung, da: das sind nur 12,5 Stunden!

„Alora, tutte e bjeng.“ Frei übersetzt: der Tag war für’n Arsch. 😉

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