Sieg durch Ippon

Am vierten vollen Tag der Spiele in Beijing musste ich mich leider erst von einem unerfreulichen Zahnarztbesuch erholen (und einen Resttag im Büro hinter mich bringen), bevor ich wieder halbwegs dem Olympiafieber frönen konnte. Morgen habe ich extra Urlaub genommen und werde meinen auf der Gästecouch vor dem Fernseher weilenden Besuch aus Kanada erbarmunglos um 4 Uhr aus den süßen Träumen reißen. PLATZ DA, ich habe noch Hoffnung für die deutschen Schwimmer! Heute ging es einfach nicht vor 6 Uhr und ich versuche zu verdrängen, dass meine ausbleibende Unterstützung zu früherer Stunde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Unaufmerksamkeit von Fabian Hambüchen am Reck geführt hat…

Die Eröffnungsfeier am Freitag fand ich beeindruckend. Besonders die 2008 synchronen Trommler zu Beginn waren faszinierend und zur Entzündung der olympischen Flamme der Läufer am Stadiondach. Absolut nervig hingegen waren die nicht enden wollenden Negativ-Kommentare der Kommentatorin. Fand sie die Trommlermassen eher angsteinflössend, bin ich fast sicher, dass sie von Riverdance begeistert war – ob nun irische Tänzer oder chinesische Trommler, da ist der Unterschied im Resultat nicht so groß. Nun ja. Die deutsch-chinesische Völkerverständigung in Poppelsdorf hat allerdings aufgrund der seit jeher bestehenden unterschiedlichen Lebensrhythmen nach der Eröffnungsfeier leider direkt wieder ein abruptes Ende gefunden. Ich gebe auf.

Olympia macht (mir) glaube ich deswegen Spaß, weil man sich ja auch mal Sportarten ansieht, denen man sonst kaum Aufmerksamkeit schenkt. Wie ein Freund bemerkte, fehlt einem zwar das Curling, aber es gibt ja auch genügend andere Sportarten. Zum Beispiel Judo. Davon bin ich allerdings ziemlich enttäuscht. Nicht von der Goldmedaille für Deutschland, aber von der Sportart an sich. Es sieht für mich aus wie Ringen in zweiteiligen Bademänteln. Ehe es zur Sache geht hat man den Eindruck, als stünden sich zwei Katzen auf Hinterbeinen gegenüber, die sich die Krallen um die Ohren hauen. Dann ist alles ein Knäuel und entweder gibt’s gar keine Punkte weil man sich verkeilt hat, einen Punkt oder 10 Punkte auf einmal. Für Passivität kann man bestraft werden, das ist Shido. Und wenn man eine für mich nicht nachvollziehbare Technik anwendet, kann man auch nach wenigen Sekunden der Sieger durch Ippon sein. Ippon ist eigentlich japanisch für eins, heißt aber – ich habe mich schlau gemacht, immer [der] sofortige[n] Sieg für den Judoka und ist damit die höchste mögliche Wertung. Sie wird für einen technisch sauberen Wurf oder eine für 25 Sekunden durchgehend ausgeführte Festhaltetechnik vergeben. Ebenfalls erhält ein Kämpfer ein Ippon, wenn der Gegner nach einem Hebel- oder Würgeangriff aufgibt oder kampfunfähig ist. Den inneren Schenkelwurf oder utshi-mata wende ich dann vielleicht zur Übernahme der Gästecouch an…

Der erste Freiwillige Helfer in Beijing wird wohl mittlerweile auch dem Arbeitslager überstellt worden sein für seinen Faux-pas bei der ersten Siegerehrung des Schwimmstars Michael Phelps – da brach doch zum Entsetzen aller und im Beisein von Bush Jr. UND Sr. die Hymne einige Takte zu früh ab. Da ist selbst mir das Herz stehen geblieben…

Symphatisch finde ich auch, wenn Reporter zugeben können, dass sie eigentlich nicht so voll die Ahnung davon haben, worüber sie gerade berichten. Ganz im Stile der Fernsehshow mit dem Nagetier wurde vorab noch erklärt, worin der Unterschied zwischen Florett-, Säbel- und Degenfechten liegt, nämlich NICHT nur in der Waffe, sondern auch an den Zielflächen: von Kopf bis Fuß (Degen), nur der Torso beiseitig (Florett) oder Oberkörper inkl. allem (Säbel). Und dann ging’s los, heute in aller Herrgottsfrühe, als Nicolas Limbach einem Weißrussen knapp unterlegen war. Gehen nämlich die „Trefferlämpchen“ bei beiden so gut wie gleichzeitig an, entscheidet der Schiri, wer den Punkt bekommt. Meist der aktivere (angreifende) Fechter, wie mir schien.

Also, Engarde!!! Der Wecker wird klingeln.
Barbara

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