GOLD FÜR DEUTSCHLAND!!

Olympia mit Zeitverschiebung geht doch immer wieder enorm an die Kondition – und 2010 ist das mit Vancouver schon wieder so, wenn auch anders… Ich denke, da muss man doch einfach Urlaub einreichen.

Seit einer Woche stehe ich um 4 Uhr auf, meist um Michael Phelps mit Weltrekord siegen zu sehen, aber vorgestern wurde mein grenzenloser Optimismus dann belohnt: GOLD für Britta Steffen über 100m Freistil!! Es zeigte sich, dass ich auch zu dieser frühen Morgenstunde komplett ausflippen kann und eigentlich warte ich immer noch auf den Rausschmiss wegen Ruhestörung. Eine der spannensten Entscheidungen die ich bislang gesehen habe – und der Adrenalinspiegel war dann so hoch, dass ich danach nicht wieder richtig einschlafen konnte, die Planung muss für das 50m-Freistil-Finale anders laufen.

Mein strategisch genommener Urlaubstag hat sich auch gelohnt: zweimal Gold im Fechten, Florett bei den Herren, Degen bei den Damen. Beides spannend und je mehr man davon sieht, um so mehr werden die Unterschiede klar und ich muss sagen, Florett gefällt mir glaube ich deswegen besser, weil von Anfang an ordentlich die Fetzen fliegen.

Und dann Tischtennis. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir nicht bewusst war, dass Deutschland eine konkurrenzfähige Mannschaft und nicht nur Timo Boll hat. Was war das Halbfinale gegen Japan heute spannend. Am Montag geht es im Finale entweder gegen China oder Südkorea. Wenn es der Gastgeber ist, wird das ein Hexenkessel. Das Publikum finde ich enorm – ist das auch anderen aufgefallen, wie viele ÄLTERE Frauen dabei sitzen? Als die deutsche Fangemeinde heute Deutschland, Deutschland skandierte und dazu rhytmisch klatschte, waren die Chinesen schnell dabei und klatschten mit. Ich frage mich nur, ob sie tatsächlich wussten, worum es ging und somit die Japaner abgeschossen sehen wollten oder, um mit einer nicht näher genannten Kommentatorin zu sprechen, sie einfach schnell alles nachmachen?

Das an die Journalisten aus aller Welt ausgeteilte Büchlein mit den 300 wichtigsten Sätzen zum Überleben während der Spiele scheint dem deutschen Reporter, der darüber gestern in der ersten Reihe berichtete, nicht zu helfen. Meine chinesische Fachfrau vor Ort schnell herbeigerufen musste festegestellt werden, dass die Aussprache so übel war, dass man auch mit viel Entgegenkommen nicht versetehen würde, was er mitzuteilen versucht. Wahrscheinlich würde es helfen, die phonetische Umschrift deuten zu können. Davon abgesehen ist die Reihe „Telekolleg Fachchinesisch“ einfach nur wunderbar furchtbar nostlagisch.

Schwierig könnte es heute Abend und morgen früh werden: sieht man davon ab, dass ich an diesem Olympiawochenende zu einer Hochzeit „muss“, habe ich auch noch einen weiteren Übernachtungsgast. Selbiger meldete sich gestern telefonisch zwecks diverser Absprachen und als ich andeutete, dass ich Sonntagmorgen gegen 4 Uhr kurz aufstehen und Britta Steffen anfeuern muss, kam die Rückfrage: „Ach, kennst du die?“ Wesentlich unterschiedlicher könnten die Interessen offensichtlich nicht liegen. Man hat’s nicht leicht.

So, ein paar Leichtathletikentscheidungen stehen an und die Kuchen für morgen sind auch noch nicht fertig… ich muss los. Drückt die Daumen blau, jederzeit!
Barbara

Sieg durch Ippon

Am vierten vollen Tag der Spiele in Beijing musste ich mich leider erst von einem unerfreulichen Zahnarztbesuch erholen (und einen Resttag im Büro hinter mich bringen), bevor ich wieder halbwegs dem Olympiafieber frönen konnte. Morgen habe ich extra Urlaub genommen und werde meinen auf der Gästecouch vor dem Fernseher weilenden Besuch aus Kanada erbarmunglos um 4 Uhr aus den süßen Träumen reißen. PLATZ DA, ich habe noch Hoffnung für die deutschen Schwimmer! Heute ging es einfach nicht vor 6 Uhr und ich versuche zu verdrängen, dass meine ausbleibende Unterstützung zu früherer Stunde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Unaufmerksamkeit von Fabian Hambüchen am Reck geführt hat…

Die Eröffnungsfeier am Freitag fand ich beeindruckend. Besonders die 2008 synchronen Trommler zu Beginn waren faszinierend und zur Entzündung der olympischen Flamme der Läufer am Stadiondach. Absolut nervig hingegen waren die nicht enden wollenden Negativ-Kommentare der Kommentatorin. Fand sie die Trommlermassen eher angsteinflössend, bin ich fast sicher, dass sie von Riverdance begeistert war – ob nun irische Tänzer oder chinesische Trommler, da ist der Unterschied im Resultat nicht so groß. Nun ja. Die deutsch-chinesische Völkerverständigung in Poppelsdorf hat allerdings aufgrund der seit jeher bestehenden unterschiedlichen Lebensrhythmen nach der Eröffnungsfeier leider direkt wieder ein abruptes Ende gefunden. Ich gebe auf.

Olympia macht (mir) glaube ich deswegen Spaß, weil man sich ja auch mal Sportarten ansieht, denen man sonst kaum Aufmerksamkeit schenkt. Wie ein Freund bemerkte, fehlt einem zwar das Curling, aber es gibt ja auch genügend andere Sportarten. Zum Beispiel Judo. Davon bin ich allerdings ziemlich enttäuscht. Nicht von der Goldmedaille für Deutschland, aber von der Sportart an sich. Es sieht für mich aus wie Ringen in zweiteiligen Bademänteln. Ehe es zur Sache geht hat man den Eindruck, als stünden sich zwei Katzen auf Hinterbeinen gegenüber, die sich die Krallen um die Ohren hauen. Dann ist alles ein Knäuel und entweder gibt’s gar keine Punkte weil man sich verkeilt hat, einen Punkt oder 10 Punkte auf einmal. Für Passivität kann man bestraft werden, das ist Shido. Und wenn man eine für mich nicht nachvollziehbare Technik anwendet, kann man auch nach wenigen Sekunden der Sieger durch Ippon sein. Ippon ist eigentlich japanisch für eins, heißt aber – ich habe mich schlau gemacht, immer [der] sofortige[n] Sieg für den Judoka und ist damit die höchste mögliche Wertung. Sie wird für einen technisch sauberen Wurf oder eine für 25 Sekunden durchgehend ausgeführte Festhaltetechnik vergeben. Ebenfalls erhält ein Kämpfer ein Ippon, wenn der Gegner nach einem Hebel- oder Würgeangriff aufgibt oder kampfunfähig ist. Den inneren Schenkelwurf oder utshi-mata wende ich dann vielleicht zur Übernahme der Gästecouch an…

Der erste Freiwillige Helfer in Beijing wird wohl mittlerweile auch dem Arbeitslager überstellt worden sein für seinen Faux-pas bei der ersten Siegerehrung des Schwimmstars Michael Phelps – da brach doch zum Entsetzen aller und im Beisein von Bush Jr. UND Sr. die Hymne einige Takte zu früh ab. Da ist selbst mir das Herz stehen geblieben…

Symphatisch finde ich auch, wenn Reporter zugeben können, dass sie eigentlich nicht so voll die Ahnung davon haben, worüber sie gerade berichten. Ganz im Stile der Fernsehshow mit dem Nagetier wurde vorab noch erklärt, worin der Unterschied zwischen Florett-, Säbel- und Degenfechten liegt, nämlich NICHT nur in der Waffe, sondern auch an den Zielflächen: von Kopf bis Fuß (Degen), nur der Torso beiseitig (Florett) oder Oberkörper inkl. allem (Säbel). Und dann ging’s los, heute in aller Herrgottsfrühe, als Nicolas Limbach einem Weißrussen knapp unterlegen war. Gehen nämlich die „Trefferlämpchen“ bei beiden so gut wie gleichzeitig an, entscheidet der Schiri, wer den Punkt bekommt. Meist der aktivere (angreifende) Fechter, wie mir schien.

Also, Engarde!!! Der Wecker wird klingeln.
Barbara

20-jähriges Jubiläum steht vor der Tür


Gezeichnet von MF anlässlich der Olympischen Spiele 1988 in Seoul

Spätestens seit den Olympischen Spielen in Seoul 1988 wurde bei mir der Olympiawahn festgestellt. Dies geschah durch meine damalige Englischlehrerin, die bemerkte, dass während dieser zwei Wochen mein Interesse an „if-clauses“ und „modal auxiliaries“ stark nachließ bzw. komplett meiner privaten Olympiaberichterstattung auf dem klasseneigenen schwarzen Brett wich. Steffi Graf mitten in der Nacht gewinnen sehen, in ihrem Grand Slam Jahr. Die Fechter aus Tauberbischofsheim und anderswo jubeln sehen. Darauf warten, dass Florence Griffith-Joyner sich die Mega-Fingernägel abbricht. Ben Johnson siegen und dann des Dopings überführt sehen. Den Deutschland-Achter in Glanzzeiten erleben. Bei Greg Louganis‘ Knall auf das Sprungbrett schockiert von der Couch springen… man hört immer Zahlen wie „die öffentlich-rechtlichen übertragen 300 Stunden von Olympia“. Ich denke, ich kann von mir behaupten, etwa 287 davon gesehen zu haben. Der Rest war Synchronschwimmen und Boxen. Und vielleicht noch Wasserball.

Und auch dieses Jahr setzt der Wahnsinn wieder ein. Es hat lange gedauert, bis ich mich habe anstecken lassen – Kerner hat es geschafft mit der Sendung zu den besten olympischen Momenten. Da brach der Damm, der vorher schon nicht der stabilste war, hätte ein Boykott der Spiele doch aller Wahrscheinlichkeit nach endgültig das Ende aller Beziehungen innerhalb meiner deutsch-chinesischen WG bedeutet. Nun bin ich eingeladen, die Eröffnungsfeier im Kreise der Chinesen in Poppelsdorf zu verfolgen und werde im Geist der Spiele an einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen hier arbeiten. 😉 Ja, ich unverbesserlicher Optimist.

Zwar werde ich meinen Lebensrhythmus nicht komplett umstellen wie einst zu Nagano (schlafen ab 20 Uhr, aufstehen um 3 Uhr, zwei Wochen im Adrenalinhoch durchhalten, im Nachbarn im Stockwerk drunter des nächtens einen Verbündeten finden – TOOOOOOORRRR! – und schließlich doch zusammenbrechen, siehe oben), aber einige Highlights werde ich mir rauspicken und mal sehen, ob der ein oder andere Urlaubstag drin ist, trotz aller beruflich bedingten Widrigkeiten (wer konnte nur auf den Gedanken kommen, unser alljährliches Mammut-Audit in diesen Zeitraum zu legen?? Unglaubliche Kurzsichtigkeit und/oder mangelndes Interesse an sportlichen Großereignissen…)


Eines von zahlreichen offiziellen Olympia-Briefmarkensets

Meine am weitesten zurückliegenden Erinnerungen habe ich im zarten Alter von 8 Jahren gemacht, anlässlich der olympischen Winterspiele in Sarajewo. Das einzige, woran ich mich da allerdings wirklich erinnere, ist das Maskottchen, der heulende Cartoon-Wolf, der der Auftakt zu jeder Übertragung war: „SARAJE-WOOOOOOOOOOO“ (und, erschütternderweise, die Kür von Jayne Torvill und Christopher Dean, die mich Jahre später zum Kauf einer von zwei Klassik-CDs in meinem Besitz bewegte). In diesem Jahr gibt es gleich 5 Maskottchen, die ich persönlich ästhetisch nicht so gelungen finde – eine in unserer WG einvernehmliche Meinung. Gut wiederum finde ich die (Bedeutung der) Namen. Der Typ ganz links heißt Beibei, dann kommt Jingjing, gefolgt von Huanhuan und Yingying und rechts außen Nini. Diese Namen bilden den Satz „Beijing huan ying ni“. Vielleicht schreibt man da noch was zusammen, das weiß ich nicht. Jedenfalls heißt das: „Willkommen in Beijing“. Dass die Namen alle doppelt sind hat einerseits den Hintergrund, dass sich einsilbige Namen im Chinesischen nicht so gut anhören und andererseits hat das einen verniedlichenden Effekt. Ich hoffe nur, die Eröffnungsfeier ist nicht nur niedlich…

Also, einen genauen Zeitplan habe ich schon, die Planung kann beginnen… irgendwie kommt mir nun eine Zeile von Mr. Winterbottom aus Dinner for one in den Sinn: „I now declare this bazaaaaaaar open“….
Schönes Wochenende!
Barbara