Auge in Auge mit der Verwandschaft

Wie mir zu Ohren kam, hat das Osterfest in Deutschland eher an Weihnachten erinnert, so in Sachen Schneefall und Temperaturen. Also kann das mit dem Klimawandel vielleicht doch noch nicht so weit her sein, denn erst kürzlich las ich eine uralte Bauernregel, die sinngemäß so etwa lautete: wenn es an Weihnachten grün ist, wird Ostern weiß. Traf also wohl zu?

Das Osterfest in Butembo war ein festliches in großer Runde. Seit Mittwoch war ich schon in Butembo und dort bei den Kollegen „Chez Rebicky“ gemütlich in einem gerade eingerichteten Gästezimmer untergebracht. Für die Feiertage, die hier nicht zwingend solche sind, hatte sich viel Besuch angesagt – es war Full House; neben mir noch einige Kollegen und andere Bekannte aus Bunia, dem nördlichsten unserer drei Standorte im Ostkongo… alles in allem 8 Leute. Ostersonntag war zum organisationenübergreifenden Brunch geladen worden, für den nicht nur Ostereier gefärbt wurden. Unser Buffet hatte durchaus was festliches.


Brunch am Ostersonntag
Easter Brunch

Dass der Gorilla zum Centerpiece wurde und nicht etwa ein Osterhase, hatte zwei Gründe. Erstens sind die Kunsthandwerker der Region weder traditionell noch aufgrund etwaiger moderner Nachfrage auf die Produktion niedlicher Häschen eingerichtet: hier sind Löwen, Elefanten und eben Gorillas angesagt. Der zweite Grund war der, dass es ein besonderes Überraschungsei seitens der Gastgeberin gab: einen anderthalbtägigen „Ausflug“ zu den Gorillas im Virunga Nationalpark, dessen erfolgreichen Abschluss wir mit der Gorillafigur nochmal besonders gewürdigt haben. Jede weitere Würdigung meinerseits gestaltete sich äußerst schwierig, da sich der „Besuch“ bei unseren Vorfahren als Gewaltmarsch herausstellte. Die Auswirkungen auf meinen Körper sind in etwa mit denen zu vergleichen, die mich nach dem (Kort)Vasa-Lauf 1999 ereilt haben… zwei Zeugen können davon berichten. Aber fangen wir von vorne an.

Für diesen Besuch bei den Gorillas war eine kleine Ecke des Virunga Nationalparks gewählt worden, die in der Nähe unserer Projektgebiete liegt, von Butembo über Kyondo nach Tshiarimbi – Orte, die auf dem Kartenausschnitt unten nicht erscheinen. Aber man finde Ishango am Westufer des Edward-Sees und bewege sich weiter Richtung Westen auf den Gipfel von 3095m zu… um den haben wir uns rumbewegt.


(Source: ReiseKnow-How Karte Kongo 1:2.000.000 (2007) – Maßstab durch Scan mit Sicherheit verzerrt)

Die Planung war wie folgt: am Nachmittag des ersten Tages anreisen. Mit dem Auto bis zum Parkeingang auf 2200m: wir waren auf dem Weg, uns die berühmten Berggorillas anzusehen und mir war vorher bewusst, dass das allein wegen der Höhe, die ich schlecht vertrage und noch schlechter überwinden kann, nicht einfach werden würde. Österreich-Urlaube sind mir in traumatischer Erinnerung geblieben und ich kann mein Einverständnis zu dieser Unternehmung nur damit erklären, dass der Besuch einer 6-köpfigen Gorilla-Familie einen ungleich größeren Reiz ausübt als ein Glas Kräuterlimo und ein Kaiserschmarrn in einer Almhütte im Gasteiner Tal.

Am Parkeingang entrichteten wir die Eintrittsgebühr: 150 USD, die den 7 Tage geltenden Zutritt zum Park erlauben, in dem es neben Gorillas auch noch viel anderes zu sehen gibt: Elefanten, drei Sorten Antilopen, Krokodile, Nilpferde und vieles mehr. Und das ziemlich weit ab von allem Massentourismus – dafür in symphatischer Begleitung eines Vertreters der kongolesischen Armee mit Kalaschnikow. Von dort ging es noch am gleichen Tag weiter auf 2700m zum Basislager, wo wir die Nacht verbringen sollten. Diese knapp zwei Stunden Weg haben mich schon übermenschliche Anstrengungen gekostet und ich sah aus wie frisch geduscht, als ich ankam, eigentlich immer weit hinter der Truppe her, aber in Begleitung des Italieners Sergio, der ein außerordentliches botanisches Interesse entwickelte und jeden Bambusstamm einzeln fotografierte, damit ich nicht alleine vor mich hindamfen musste. Er erzählte außerdem, dass er aus der schönsten Stadt Italiens stamme, der südlichsten an der „Ferse“ des Stiefels, und wusste nicht, was er anrichtete, als er erklärte warum es die schönste Stadt sei: es gebe dort vier verschiedene Sorten Sand! Nichts wie hin!!

Sorge um mich breitete sich schnell aus, sah ich doch wie gewohnt bei sportlicher Aktivität binnen weniger Minuten aus als stünde ich kurz vor dem Herzinfarkt. Zu diesem Zeitpunkt war meine Sauerstoffschuld schon so hoch, dass ich eh kein Französisch mehr hinbekam und selbst auf Englisch nur noch gedröseltes von mir gab. Anstatt aufzuklären, dass ich anämisch („anemic“) bin, beharrte ich darauf, ich sei „anorexic“ – magersüchtig 🙂 Das versammelte Gelächter später beim Abendessen, als wir aus gegebenem Anlass darauf zurückkamen, war langanhaltend und Victoria, die Amerikanerin in der Truppe, versicherte mir, sie sei ehrlich froh zu wissen, dass ich nicht in dem Sinne krank sei! Die von uns mitgbrachten Nahrungsmittel wurden in stundenlanger Arbeit zubereitet und noch bevor das Essen auf dem Tisch stand, fragte der anwesende Armeechef, ob wir denn nicht die einen oder anderen Alkoholika dabei hätten. Hatten wir, wiesen aber darauf hin, dass es wohl doch noch ein bisschen zu früh sei dafür. Nach Anbruch der Dunkelheit und im Scheine des Bambus-Lagerfeuers packten wir unseren Whiskey aus, der in großer Runde und zum Gesang kongolesischer Armeelieder recht schnell ein Ende fand. Wir aber ebenfalls, denn schließlich sollte es am kommenden Morgen um 6:30 Uhr losgehen. Die Gorillafamilie sei nämlich gewandert und leider nicht mehr wie meist nur anderthalb Stunden entfernt, sondern drei. Und ob wir denn nicht doch lieber nur die kleine sehen wollten, eine dreiköpfige, die viel näher logierte. Aber wir waren beharrlich – hinterher wurde uns gesagt, dass die Parkranger und alle drumherum nicht davon ausgegangen waren, dass wir es schaffen würden.

Die Gruppe vor dem Start – teilweise kopflos da dem „Chef“ die Füße wichtiger waren… im Nachhinein gar kein so abwegiger Gedanke
The group before setting off – partly beheaded as the boss decided that feet were more important… not such a bad thought after all

Es begann ganz einfach in mehr oder weniger ebenem Terrain, wenn auch sumpfig und sehr matschig. Abgesehen von den mit langen Flechten behangenen Bäumen und übermannsgroßen roten Blumen hätte man sich, da der Blick ja meist auf den Boden gerichtet war, auch im Hohen Venn fühlen können – das etwas größenwahnsinnige Sternmoos erinnerte an die Austattung einer Eifler Krippe. Und zu bedenken ist ja auch, dass man bei dieser afrikanischen Landschaft nicht die Serengeti mit weiten, heißen Savannen im Kopf haben sollte: Bambuswald bei vielleicht 15 Grad und Nebelschwaden, was dem ganzen einen deutlich märchenhaften Charakter verleiht. Und Berge, bergauf, bergab. Dass wir denselben Bach sieben mal in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden queren mussten, war nicht wirklich nervig 😉

Bachüberquerungen
Crossing the stream

Aus Spaß wurde Ernst: ein langanhaltender Anstieg in nicht einfacher Umgebung: überall Wurzeln, sowas wie Brombeerbüsche (einige behaupten, auch Brombeeren gesehen zu haben), riesige Büsche, die aussahen wie Brennesseln aber nicht brannten, Übergang in Laubwald. Ich hing bald zurück und Jonathan, der kongolesische Armeeangehörige unseres Vertrauens, blieb immer einen Schritt hinter mir, während die anderen mit den Führern vorangingen. Nein, so wirklich freiwillig sei er nicht in der Armee; eigentlich sei er Lehrer in Goma gewesen, aber die Umstände hätten ihm keine Wahl gelassen und mit einem verlegenen Blick in den Wald sagte er, er würde eigentlich lieber wieder Lehrer sein. Als wir noch Empfang hatten, rief seine Mutter an, um zu hören, ob alles klar sei, denn ihr gefiele sein neuer Job auch nicht so besonders, die Patroullien im Park, auf der Jagd nach Wilderern und bis vor kurzem auch Mai-Mai Milizen, sie würde sich viele Sorgen machen. Aber sie seien mit 11 Kindern zuhause, der Vater seit 1995 tot – und die Mutter ist heute 48, jetzt fangt mal an zu rechnen… Der junge Mann hat jedenfalls eine Engelsgeduld mit mir und meiner Kurzatmigkeit bewiesen und nicht verstanden, dass ich in der Ebene nach einem Anstieg nach kurzer Pause in meinem üblichen strammen Gang verfallen konnte, als sei nichts gewesen. „Oben“ angekommen, vielleicht knapp unter 3000m, hatte sich der Nebel gelichtet und wir hatten einen atemberaubenden Blick über den Park, die Ebene, „le Graben“, hin zum Edward-See und auf Ishango – siehe Karte.

Blick auf den Virunga Nationalpark und den Edward-See
View onto Virunga National Park and Lake Edward

Von da an ging es abwärts… was mich aber auch nicht wirklich erfreute, denn wie schon Till Eulenspiegel feststellte, muss man ja jeden Berg den man runter geht, früher oder später auch wieder hochsteigen. Das versuchte ich aber zu verdrängen. Irgendwann erreichten wir eine Stelle, wo uns die Park Ranger sagten „Tja, gestern waren die Gorillas noch hier, aber sie sind wohl weiter gezogen…“ Ich kam nicht umhin mich zu fragen, wer in dieser Umgebung freiwillig eine Wohnortverlagerung in Erwägung ziehen würde. Jonathan erklärte, dass es länger nicht mehr ordentlich geregnet habe (bis auf die letzte Nacht, was für den formidablen Matsch verantwortlich war) und dass deswegen der Bambus keine frischen Sprossen habe, die die Gorillas am liebsten essen – deswegen hatten sie sich eh schon in den Laubwald zurückgezogen und nun eben noch weiter. Eben: weiter. Und so ereilte uns der Hammer, was wir den „Hike from Hell“ tauften, den Höllentrip. Ein Abstieg, den wir über schätzungsweise 200-300 Höhenmeter (es kam mir vor wie 2 km, aber das kann schlecht sein…) bei einem Gefälle von 45 bis 90 Grad größtenteils auf allen Vieren bewältigt haben und einige unangenehme und plötzliche Zusammentreffen mit dem Mutterboden und dem Gestein erleben durften. Ob meine Jeans und die Goretex-Jacke jemals wieder ohne Braunschleier zu tragen sein werden, wage ich zu bezweifeln. 10 Höhenmeter in 30 Schritten überwinden – wenn man die am Stück schafft. Dafür hätte ich mir den Spruch aus dem letzten Eintrag aufheben sollen: „Macht ihr Bergheinis das eigentlich öfters?“ – „Jeden gottverdammten Tag!“… denn das ist tatsächlich so: dieses Stück ist Teil Jonathans täglicher Route…

Dann: Spuren der Gorillas! Wer hätte jemals gedacht, dass man beim Anblick frischer Gorilla-Scheiße ekstatisch werden könnte… die sieht übrigens ein bisschen aus wie helle, leicht geplättete Pferdeäpfel, falls es jemanden interessiert. Fast alle Leiden waren vergessen und wir waren voller Spannung und plötzlich hieß es: Silberrücken in Sicht!! Aber wo???? Deutlich sichtbares Geraschel in den dann doch Bambusbäumen etwa 20 Meter vor uns gab uns den Tipp. Da oben sollte er sitzen, aber man bekam nicht soviel zu sehen, wildes Geraschel. Dann weiteres wildes Geraschel in den Baumkronen nebendran… da war der Rest zu vermuten. Diese schweren „Geschosse“ auf den dünnen Bambusdingern? Aber so musste es wohl sein, denn der Big Boss begann den Abstieg.

Der Silberrücken
The silver back

Wie er da so scheinbar gelangweilt in den Hang gelehnt saß, hatte er was von Marlon Brando, fand ich. Die Arme verschränkt kratzte er sich hin und wieder mit einem Finger am Kopf und checkte die Lage – ob wir wohl eine Gefahr für seinen Harem darstellen könnten? Aus dem Dickicht der Bambuskronen kam Geschrei, wahrscheinlich von den beiden halbstarken Damen, die zur Gruppe gehören, was den Chef dann auch veranlasste, sich zu voller Größe zu erheben und seine Macht zur Schau zu stellen – gebleckte Zähne und im wahrsten Sinne des Wortes tierisches Gebrüll. Und wir standen irgendwas unter 10 Meter daneben und waren instruiert, einfach ruhig stehen zu bleiben (vergleiche auch „Bär“ in „Mörderischer Vorsprung“…). Ich weiß nicht, wie sich Faszination noch steigern lässt. Dann zeigte sich in den Baumkronen auch noch Frau Chef mit dem anderthalb Jahre alten Nachwuchs – auch ohne den Gedanken an anstehende Strapazen wollte ich eigentlich nur noch sitzen bleiben und die Nacht mit den Herrschaften verbringen.


Mama Gorilla und anderhalbjähriges Baby, darunter ein „Teenager“
Gorilla Mom and her one and a half year old, a „teenager“ below

Aber das war natürlich nicht möglich… ein laaaaaaanger Rückweg stand uns noch bevor. Und da der Big Boss sich langsam auf den Weg weiter hangabwärts machte, wollte der Rest gerne folgen, traute sich aber nicht wegen uns, so dass das Geschrei immer größer wurde und wir als weitere Maßnahme in den zweifelhaften Genuss von Gorilla-Exkrementen von oben kamen, was dann weniger Anlass zur Ekstase gab.

Belassen wir die Beschreibung des Rückwegs damit, dass es alptraumhaft war und ich danach durchaus in der Lage gewesen wäre, jeden, der mich von meiner Digitalkamera mit den Fotos hätte trennen wollen, kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken mit meinem frisch geschlagenen Bambus-Wanderstab zu pfählen. Eins ist sicher: Massentourismus stellt für diese Gorillas keine Gefahr dar…

Im Basislager gab es dann zum dritten Mal in weniger als 24 Stunden Reis mit Rindfleisch und Sauce, was eilig runtergeschlungen werden musste, da uns ja noch der Abstieg zum Parkeingang und die Heimfahrt bevorstand, wo wir dann auch ankamen:

Die Gruppe zurück am Parkeingang – kurz vor dem Zusammenbruch
The group back the park entrance – ready to crash

Was für ein Trip – es ist nun Mittwochmorgen danach und ich habe immer noch Muskelkater, unglaublich. Ostern 2008 war wohl DAS Ostern, dass mir am besten in Erinnerung bleiben wird 🙂
Auf bald!

“If it’s yellow, let it mellow…

… if it’s brown, flush it down!” Das Motto bei zahlreichen Aufenthalten auf der Insel meiner amerikanischen Gasteltern, auf die jeder Tropfen Wasser im Schweiße unseres Angesichts geschleppt werden musste, kam für mich in Goma wieder zur Anwendung: „Wenn’s gelb ist, lass es reifen, wenn’s braun ist, spül es weg!“ Ich sage dazu nur: es geht um die Toilette. Und: mir wurde das Wasser abgedreht. Schon seit ich angekommen war, liefen Mengen kostbaren Trinkwassers aus einem Leck ein paar Meter oberhalb. Die quasi „auf Putz“ liegende Wasserleitung (ein Rohr AUF der Straße) war von einem LKW gerammt worden. Und eines Abends, als ich heimkam, jubilierte ich schon, dass es repariert sei, denn die Straße war trocken. Das war aber leider deswegen so, weil die „Stadtwerke“ einfach den Hahn abgedreht haben. Nun sitze ich hier mit nicht mehr 2 Kubikmetern in Tanks und weiß nicht, wie lange die halten sollen… Am Spülen zu sparen hat auch keinen Sinn, denn in wenigen Minuten kommen die Ameisen und wollen den Job erledigen.

Der Samstag war der Tag, an dem meine Stimme nach 48 Stunden Gekrächze vollständig genesen war, wie sich um 7:50 Uhr herausstellte, als mich Said von der Baustelle anrief und ich sprechen konnte. Ich hätte diese Erkenntnis allerdings gerne ein, zwei Stunden nach hinten verschoben. Dafür kam die Erkenntnis, dass es damit nicht weit her war, umso schneller. Mit meinen „Reise-Boxen“ zu 120 Watt habe ich mich im verwaisten Büro eingerichtet und das Power-Buchen begonnen, mit der Unterstützung von Rod Stewart, dem ich nach zwei, drei mitgesungenen Liedern rein stimmmäßig in nichts mehr nachstand und die „waltzende“ Mathilda nur noch mitbrummen konnte. So oder so: Donald, mit dem ich noch einiges in Sachen Baufahrzeugersatzteile zu besprechen hatte, fand die neuen Sitten im samstäglichen Büro erschütternd…

Dieses Mal bin ich ohne Koch (in einem anderen Haus) untergebracht, was ich bislang auf jeden Fall besser finde. Schwierig wird es nur manchmal, weil die Dinge hier dann doch immer mal wieder anders sind als gewohnt. In einem Anflug von Betriebsamkeit hatte ich am Freitag meinen sich nun langweilenden Ex-Koch gebeten, für mich einkaufen zu gehen, u.a. Rinderfilet, das es freitags frisch gibt… Man kann nur ganze Filetstücke kaufen, das zu 5 USD. Was soll ich mit dem Riesending, aber gut. Ich bat ihn, es im Büro in den Kühlschrank zu legen, damit ich es abends dann mitnehmen könnte. Als ich zuhause auspackte (auch Ananas, Avocado und anderes) entfuhr mir ein Schrei des Entsetzens: es war gefroren! Er hatte es wohl gut gemeint… Also gab es Ananas zum Abendessen, eine ganze – und ich werde nie verstehen, warum ein Mensch die noch würde zuckern wollen. Das Intermezzo mit dem Fleisch war aber noch nicht ausgestanden, denn wie sich zeigen sollte, bin ich ja doch ein Kind der Konsumentengeneration. Donald eröffnete mir abends so nebenbei, dass das ja hier gar nicht richtig abgehangen sei. „Aha…“ konnte ich dazu nur sagen und ließ mir erklären, dass man einen ähnlichen Effekt damit erreicht, die zugeschnittenen Stücke in literweise Öl zwei, drei Tage luftdicht einzulagern im Kühlschrank. Das habe ich wohlwollend zur Kenntnis genommen und nach auftauen umgesetzt, nur war meine Wochenendessensplanung dahin… Aber vergiftet habe ich mich damit auch nicht!

Des Abends bin ich nun dabei, die ausgedehnte Videosammlung meiner Vorgängerin zu sichten und entdecke wahre Schätze, so dass ich sonntags noch nicht mal auf den TATORT verzichten muss, auch wenn der dann älteren Modells ist  Sie ist außerdem die einzige mir bekannte Person, die die „Stadtgeschichten“ von Maupin gelesen hat (ohne von mir ständig dazu gedrängt zu werden) UND den Film „Mörderischer Vorsprung“ kennt und gut findet, so dass wir uns direkt gegenseitig zuriefen „Der ELCH!!!“ Den habe ich dann auch in der Sammlung gefunden und gleich geguckt und quasi mitgesprochen („Macht ihr Bergheinis das eigentlich öfters?“ – „Jeden gottverdammten Tag!“). Den brauche ich unbedingt noch auf DVD, auf die USA-Liste für Juni/Juli. Um das Interesse an diesem Film mit Sidney Poitier und Tom Berenger sowie Kirsty Alley noch weiter zu wecken und in der Tradition meiner Filmkritiken zu bleiben, noch eine Kurzkritik: ein äußerst spannender Thriller mit atemberaubenden Action Elementen, der sich dabei aber selbst nicht zu ernst nimmt und viele komische Momente hat (siehe „Elch“, „Bär“, „Nager“ u.a.).

Nach zwei hier mehr oder weniger durchgearbeiteten Wochen werde ich mich am morgigen Mittwoch nach Butembo begeben (bis Ostermontag, der im Kongo, genau wie der Karfreitag, nicht als Feiertag begangen wird), wo es auch noch so einiges zu besprechen gibt, aber vielleicht auch mal ein Wochenende im Zeichen sozialen Lebens ansteht. So stelle ich diesen Beitrag doch gleich noch ein… Und wünsche Frohe Ostern! Bis nächste Woche dann!

Sekt in de City?

So, da bin ich wieder, nach einer nicht unspannenden Anreise letztlich doch noch in Goma angekommen. Alles fing viel versprechend an und wenn alles funktioniert, können mich alltägliche Dinge sehr faszinieren: um 19:11 in Siegburg in den pünktlichen ICE gestiegen, um 19:51 am Frankfurter Flughafen wieder ausgestiegen. Um 20:12 Uhr war ich bereits eingecheckt und musste mit 50,5 kg dank meines charmanten Lächelns kein Übergepäck bezahlen (Limit 45 kg). Man merkte auch kaum, dass es (das Lächeln) mir nach und nach festfror in dem verzweifelten Versuch, mir nicht anmerken zu lassen, dass der Handgepäcksrucksack weitere geschätzte 11 Kilo hatte und ich in ständiger Gefahr war, nach hinten umzukippen. Um 20:35 hielt ich die Ausfuhrbescheinigung für den Laptop in Händen und konnte mir die Zeit am Frankfurter Flughafen vertreiben… Auch in Kigali kam ich pünktlich um 14:05 des Folgetages an. Der Zollbeamte war gut drauf und hat mich schnell abgefertigt – allerdings nicht ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich doch beim nächsten Mal Freunde und Familie mitbringen solle. „Nach Ruanda oder in den Kongo?“ habe ich etwas verwirrt gefragt. „Egal,“ kam die Antwort, „hier ist es überall schön!“ Recht hat er. Um 14:45 Uhr war mein Schwergepäck im Auto und los ging’s zur Grenze… man fährt etwa drei Stunden und sie macht um 18 Uhr dicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Schilder vorher nicht da waren, ob man halt einfach immer wieder neue Dinge wahrnimmt, wenn man eine Strecke zum wiederholten Mal fährt – oder ob ich doch noch den vor wenigen Wochen auf arte gesehenen Film über den Völkermord in Ruanda 1994 „Als das Morden begann“ im Hinterkopf hatte und es mir deswegen auffiel. Warum auch immer, alle 50m schien ein Schild in Landessprache zu stehen, auf dem das einzig für mich deutbare Wort „jenoside“ war, was ich als Abkupferung des französischen „génocide“ = Genozid/Völkermord interpretiert habe. Als ich den Film gesehen habe, hatte ich mich noch gefragt, inwieweit da wohl Aufarbeitungen über die im Film dargestellten öffentlichen „Tribunale“ stattfinden oder ob man eher darüber schweigt.

Was den Zeitplan anging, schien sich alles gegen uns verschworen zu haben – an der Strecke waren mindestens 20 Polizeikontrollen und eine hielt uns dann auch an, obwohl wir sie früh gesichtet und auf unter 50 km/h abgebremst hatten. Aber diese dicken Landcruiser hört man schon von weitem durch die Gegend röhren. Da kamen wir mit einer Verwarnung davon… nur um dann in eine der vielen Großbaustellen der Strabag an der Strecke zu geraten. Um 17 Uhr. Ellenlanger Rückstau, an einer Stelle, wo wir noch etwa 45 Minuten bis zur Grenze gehabt hätten. In der Ferne der in aller Gemütsruhe vor sich hinarbeitende Bagger… „Das ist Matteos Baustelle,“ sagte der Fahrer – ein ehemaliger Mitarbeiter von uns, der nun wieder in der freien Wirtschaft tätig ist. „Ruf ihn doch an und sag ihm, dass wir durch müssen,“ sage ich eher als Scherz und er tut’s tatsächlich, aber leider war Matteos Handy abgestellt. So kam es dann, dass wir den kongolesischen Grenzposten erst um 18:02 erreichten. Aus Ruanda raus, aber noch nicht im Kongo drin. Uns selbst ließ man noch rüber, aber das Auto nicht mehr. Die 50,5 kg Gepäck plus Handgepäck und das im deutschen Laden in Kigali in Massen gekaufte Brot durften wir auch mitnehmen. So saßen wir da und mussten abgeholt werden. Das dauerte über eine Stunde, so dass es die Zöllner zum Anlass nahmen, sich von mir jedes mitgeführte Stück einzeln zeigen und erklären zu lassen. Es war eine halbe Filiale der Kette mit den kleinen Preisen…

Irgendwann kamen wir dann doch an und haben seitdem gut durchgezogen, um die Übergabe meiner Kollegin inkl. eines Monatsabschlusses, einer Abrechnung und noch so manch anderen netten Dingen dann letztendlich ohne last-minute Nervenzusammenbrüche vor der Abreise am 12.03. über die Bühne zu bringen.

Dieser Monatsabschluss hatte es in sich, denn es war an der Zeit, die Schulgebühren für 750 Ex-Kindersoldaten, denen im Rahmen eines unserer Projekte im Gebiet von Walikale und Lubutu die Grundschulbildung ermöglicht werden soll, einzubuchen. Jede einzeln. Aber auch das kann einen gewissen Reiz haben, wie ich bald feststellen konnte. Ich fing an, etwas mehr darauf zu achten, als ich auf einmal zwei Schüler namens François Ramazani abzurechnen hatte, gleiche Schule, offenbar gleicher Jahrgang. Da war ich ein bisschen skeptisch, ob das auch mit rechten Dingen zuginge und zog den lokalen Admin Kambale zu Rate. Die Unterschriften der Eltern waren verschieden und hinterher stellte sich dann auch raus, dass der eine doch zwei Klassen höher war. Aber so viele Ramazanis… insgesamt waren mir bestimmt 20 untergekommen, dann auch ein Ibrahim Bin Irgendwas, Saidi Omari, viele Alis und Masudas… das sah mir doch sehr nach einer muslimischen Enklave aus. Kambale bestätigte das: im Gebiet um Lubutu seien viele Nachfahren einer Gruppe muslimischer Sklaven ansässig, die dort auf dem Weg nach Kindu (siehe Karte im vorherigen Eintrag) „hängen geblieben“ seien. Andere wiederum heißen Dieu Merci (Gott [sei] Dank) und auch Menschen, die nach Wochentagen oder ähnlich benannt werden, findet man nicht nur bei Robinson Crusoe: eine Dimanche (Sonntag) war dabei und ein Janvier (Januar). Obwohl letzteres wohl auch der französischer Xavier sein könnte? Bei dem Sechstklässler Koloso Salimini fragte ich mich, ob der wohl eine sprichwörtlich schwere Geburt war und Elvis (Mwamba Kasonga) lebt auch noch. Selbst im Ostkongo hält das Englische Einzug, wie Colin Ndjakesemo zeigte und berühmte Persönlichkeiten werden überall zur Namensgebung herangezogen, mein Favorit: Lotemongoy Michel Platini. Nein, mir ist eigentlich nie langweilig.

Am 08. März war der internationale Tag der Frauen, aber wie immer wird mir das nur im Ausland bewusst und wenn sich dann diverse ehemalige Kollegen aus Afghanistan wieder melden um mir zu „Meinem Tag“ zu gratulieren… und ich immer blöd frage „Welcher Tag?“ Auch im Kongo ist das ein großer Akt, aber die Art, wie man ihn begeht, könnte von der afghanischen nicht weiter abweichen (langweilige Reden in steifer Atmosphäre): hier ist Karneval. Frauen finden sich in Gruppen zusammen und kleiden sich in extra für den Anlass angefertigten „Kostümen“ gleich, man marschiert durch die Stadt (und hört wohl ebenfalls mehr oder weniger interessante Kundgebungen), aber danach „nimmt man noch ein Glas“ – oder auch mehrere. Hier ist Stimmung angesagt und die Männer können sich auch ein zur Gruppe passendes Hemd schneidern lassen und dabei sein. Wir haben allerdings leider einen vollen Tag im Büro geschoben.


Admin-Office und angrenzende Örtlichkeiten in Goma. Kann man die Elefanten erkennen?

Den Vulkan habe ich schon wieder unglaublich leuchten sehen, aber die ersten Fotoversuche davon waren nicht von Erfolg gekrönt – einfach alles schwarz. Und man kann ihn aus Sicherheitsgründen leider weiterhin nicht besteigen. Sollte sich das bis Anfang Mai nicht ändern, werde ich wohl noch mal wiederkommen müssen 😉 Man hat mir erzählt, drei Flugzeuge seien bereits in den Krater gestürzt und in der Folge Teil der brodelnden Lava geworden, also ist ein Besichtigungsflug, würde er sich organisieren lassen, wohl auch keine Alternative… Aber ich rufe auf zur Einsendung von Ideen, wissenschaftlich oder nicht, warum die Flugzeuge wohl gerade da abgestürzt sein könnten – dazu kann man wunderbar die Kommentarfunktion unten benutzen 😉

„Wat macht ihr denn noch heute Abend?“ – „Och, wir gucken noch ein, zwei Folgen ‚Sex in the City’ bei Tee und Pastis.“ – „Sekt in de City? Geht ihr noch aus?“ So manchen Abend haben wir uns mit unzähligen Folgen von „Sex and the City“ vertrieben – was mir im Fernsehen ja mangels passenden Senders und Abwesenheit verwehrt blieb… was für ein Verlust! Andererseits ist es mir ein Rätsel, wie man sich von Woche zu Woche schleppen konnte, bis zur nächsten Folge.

So, nun auf zu einem Abend mit Geschichten, die mit „Da haben wir uns einen Container Bier aus Deutschland kommen lassen…“ beginnen oder so Sätze wie „Wat soll ich denn am Grand Canyon, kannste mir dat mal sagen? Ich habe den Queen Elisabeth Park gesehen!“ oder „Sehen wir dat doch mal so, einfach ‚mal schnell’ ne e-Mail schreiben. Ja. Wie lange würdest du denn brauchen, um ein LKW-Getriebe auseinander zunehmen?“ enthalten.

Bis bald!