Barbara und ich

„Goma kann man nicht erklären, das musst du dir selber ansehen,“ hatte im Herbst der angereiste Freund des Projektleiters geantwortet auf die Frage, warum er sich Goma (und nur Goma) für einen Urlaub ausgesucht habe – das sei ihm so gesagt worden und er könne das auch nur unterstreichen. Ich habe in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen, dass sich hier schleichend eine Persönlichkeitsspaltung breit macht, die Realität von 99% derer in Goma lebenden und die Realität des anderen 1%. Dumm, wenn man da in beiden irgendwie drinhängt.

Vergangene Woche habe ich mich mit einer Ethnologin der Universität Bayreuth getroffen, die uns ausfindig gemacht hatte. Sie beschäftigt sich im Rahmen ihrer Promotion mit jugendlichen IDPs – Internally Displaced Persons, oder auch Binnenvertriebenen. Dazu hat sie bereits in Kolumbien gearbeitet und möchte nun Vergleiche ziehen, allgemein gültige Muster finden und beschreiben usw. Dazu macht sie Interviews und kommt in der Stadt und auch außerhalb viel rum, immer auf den Motorrad-Taxis. Untergekommen ist sie allerdings bei einer wohlhabenden kongolesischen Familie mit Bediensteten, was für sie den täglichen Schuss Schizophrenie ausmacht. Wir haben uns zum Abendessen getroffen und lange geredet – saßen dabei auf einer Terrasse am Ufer des Kivu-Sees, ließen uns Fischgerichte bringen und zum Nachtisch einen Crepe mit Cognac und haben mit 50 USD alles in allem fast das Doppelte von dem ausgegeben, was der Bedienstete im Haus ihrer Gastgeber im Monat verdient. Nun, jetzt auch nicht mehr, denn er hat sie gleich am ersten Tag um ihre gesamte Barschaft erleichtert und ward nicht mehr gesehen. Kommt mir ein bisschen bekannt vor… Es war wie an der Côte d’Azur, leichter Wellengang, Palmen, Sonnenuntergang – das Licht war so gut, dass man die umliegenden Hügelketten ungewohnt scharf sehen konnte. „Draußen vor der Tür“ ist es mittlerweile soweit, dass sich mir morgens auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise Menschen vor das Auto werfen, um Geld bitten, um sich ihr deutlich erkennbares Hautproblem behandeln zu lassen, die Reise nach Goma habe schon alle Mittel aufgebraucht. Und wenn man den einen oder anderen Kilometer weitergeht, ist man am Flüchtlingslager – und jenseits davon ist eigentlich weiterhin mehr oder weniger „no go area“.

Das Flüchtlingslager war auch das i-Tüpfelchen auf einer bizarren Erfahrung in deren Genuss der Projektleiter und ich am Freitag gekommen sind. Es hatte sich eine Delegation deutscher Parlamentarier angekündigt. Einige Tage zuvor hatten wir bereits den Eindruck gewonnen, mindestens George Bush müsse im Anflug sein, als ein Trupp kahl rasierter Deutscher in beige und pastell-khaki mit „Mann ihm Ohr“ Einlass erbaten um festzustellen, ob unser Grundstück für den Besuch auch sicher sei (keine zu versiegelnden Kanaldeckel). Wer das für surreal gehalten hat, wurde freitags dann eines besseren belehrt. Nachdem sie verspätet eingetroffen waren, hatten sie noch genau 30 Minuten, um unsere Arbeit kennen zu lernen. Wir hatten uns für einen 20-minütigen Film entschieden und schnell war man sich einig, dass wir dann einfach mit in den UN-Bus steigen und Fragen dazu auf der Weiterfahrt zum nächsten „Termin“ beantworten sollten. Jetzt war es dann soweit, dass mindestens auch noch Condoleeza Rice mit irgendwo im Auto saß: vorne dran ein blauer Pickup mit acht bis an die Zähne bewaffneten und im Anti-Demo-Outfit ausgestatteten kongolesischen Polizisten, die hatten was von Armadillos, diesen Panzertieren. Dahinter ein dicker weißer Wagen der UN und dann wir in unserem Bus – rasten in einem AFFENZAHN, mit Fernlicht, Dauer-Warnblinker und Gehupe ohne abzubremsen durch die Stadt und raus zum Flüchtlingslager, wo wir ankamen, drehten und direkt weiter zum Flughafen fuhren, da der Abflug kurz bevor stand. Noch nicht mal Zeit für ein Foto! In diesem Konvoi des Wahnsinns auch an der Absturzstelle vorbei, die eigentlich weiter großräumig abgesperrt ist. Am Flughafen sind wir raus gefahren bis direkt ans Flugzeug und der Projektleiter und ich, die wir wohl sowieso aussahen wie Pat und Patachon, da wir uns an diesem Morgen beide für Jeans und ein dunkelgrünes Hemd/T-Shirt entschieden hatten, fiel wirklich unisono die Kinnlade runter beim Anblick der Maschine, in die die Herrschaften einstiegen. „No name“, ist wohl noch das positivste, was man dazu sagen kann – aber wer weiß, vielleicht war es ja ein auf alt gemachter Kranich und alles war Undercover…

Als wäre das nicht schon alles des Guten zuviel gewesen, habe ich mich am Abend entschieden, mir „The Last King Of Scotland“ anzusehen – ein Film über den ehemaligen ugandischen Präsidenten Idi Amin, „der mörderischste der Diktatoren, die bald nach der Unabhängigkeit ihre Länder ruinierten“, wie es im Spiegel Special vom Februar 2007 zu lesen ist. Der Film ist gut und nicht nur wegen des mit dem Oscar ausgezeichneten Forest Whitaker in der Hauptrolle, aber sicher nichts für zarte Gemüter, besonders zum Ende hin – ich konnte es nicht nur nicht mit ansehen, ich konnte es auch nicht mit anhören.

Trotz allem gibt es die den Expats eigenen Luxusprobleme: die Schwierigkeiten in der Schokoladenversorgung spitzten sich noch zu. Nachdem ich unseren Fahrer gebeten hatte, im deutschen Laden in Kigali für 30 USD quadratisch, praktisch, gut zu einkaufen, war mein Gewissen schon schlecht genug. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass es nicht nur für mich war… Als er dann zurückkam, gab es zwei furchtbare Erkenntnisse: die Preise sind erhöht worden, eine Tafel nun etwa 5 USD. Ich sehe mich schon am Rande der Beschaffungskriminalität, aber mit dem Preis kann ich gerade noch umgehen. ABER: unwissentlich hatte er für das ganze Geld ausschließlich DIÄT-Schokolade gekauft – ich habe selten widerlicheres gegessen; wahrscheinlich lässt sich selbst amerikanische Schokolade dem noch vorziehen und das will was heißen. Meine Erkenntnis daraus (wenn schon aus nichts anderem): eine Diabetes muss unter allen Umständen vermieden werden, der Verlust an Lebensqualität ist doch wesentlich größer, als ich gedacht hätte. Aus schierer Verzweiflung bin ich dann tatsächlich dazu übergegangen, 85%ige Schokolade im Wasserbad zu schmelzen, Puderzucker, Sahne und Milchpulver unterzurühren und dann in Eiswürfel-Formen zu füllen. Es ist essbarer als vorher, aber ein Gaumenschmeichler ist was anderes. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, Rum hinzuzufügen…


Manchmal wickle ich auch Geschäfte mit Blutgeld ab… Geld ist hier ja immer dreckig, aber das fand ich dann doch richtig eklig
Sometimes I also do business with „blood money“… Money is always dirty here but this was really disgusting

Der schwedisch sprechende Kuwaiti und sein sudanesischer Scherge sind immer noch in Goma im Zoll, seit 12 Tagen. Mittlerweile sind sie übernächtigt und verzweifelt und haben uns gestern fast erweicht, ihnen privat unter die Arme zu greifen. Dem Kuwaiti ist sein Telefon mit allen Firmenkontakten geklaut worden, jeder, wirklich JEDER bittet nicht sondern VERLANGT Geld, Zigaretten oder sonst was, die Leute seien herablassend und unfreundlich. So was wie hier hätten sie noch nie erlebt und das sei das erste und das letzte Mal gewesen, dass sie eine Lieferung in den Kongo gemacht hätten. In Mombasa würde man, um die Dinge zu beschleunigen, hier und da vielleicht mal einem 5 USD in die Hand drücken und damit hätte sich die Sache, hier müsse man offenbar mehrmals das Hundertfache investieren. Der eine Fahrer steigt gar nicht mehr aus seinem Truck aus. Vor ein paar Tagen hatte ich schon den Eindruck, dass der Kuwaiti an sich, als quasi Weißnase, das „Problem“ ist – wäre der nicht dabei, wäre das vielleicht etwas anders ausgegangen. Selbst bei ihrem ersten Auftritt bei uns im Büro redeten die kongolesischen Kollegen nur von „dem Araber da hinten“. Man hat ihnen sicher von Anfang an angemerkt, dass sie zum ersten Mal im Kongo sind, dann haben sie niemanden dabei, der Französisch spricht (das Kisuaheli hier finden sie total unverständlich) und mit Blick auf den leichten Fang ist der Blutsaugermechanismus voll angelaufen. Aber selbst der Sudanese meinte, so was habe er noch nirgendwo in Afrika erlebt und offensichtlich müsse man in den Kongo kommen, um das wahre Afrika kennen zu lernen – diese Schlussfolgerung fand ich bedenklich…

Mittlerweile könnte ich mich „beömmeln“ (ja, dieses Wort kennt das Rechtschreibprogramm nicht!) was die Wasserversorgung angeht. Aus dem Leck sprudelt es munter weiter und das, was bisher daran repariert wurde, haben offenbar Nachbarn gemacht: etwa 7346 schwarze Einmal-Plastiktüten darum gewickelt. In der Zwischenzeit sind die Leitungen an der „Hauptstraße“ entlang des UNHCR-Grundstücks und Richtung Innenstadt frei gegraben worden, als sei man auf der Suche nach dem Leck, während unsere Straße nicht nur deutlich sichtbar und einsehbar unter Wasser steht, sondern die kleine Fontäne eigentlich den Weg weist…

Derweil gebe ich mir hier einen Vitamin-C-Schock nach dem anderen: in „meinem“ Garten stehen nämlich ein Orangen- und ein Zitronenbaum. Die Orangen lassen sich zu sehr, sehr leckerem Saft verarbeiten und eine halbe Zitrone drücke ich mir immer in ein Glas Cola. Aber die zu ernten ist kein Zuckerschlecken: Zitronenbäume haben lange und ausgesprochen spitze Dornen!! Und wenn mir ganz langweilig wird, massiere ich mir zur Abendunterhaltung einen Hauch Pili-Pili ins rechte Auge… Das ist eine extrem scharfe Sauce, die ich auch 1:1.000.000 mit Wasser verdünnt nicht essen kann – meine chinesische Mitbewohnerin in Deutschland ist begeistert, treibt sie doch selbst ihr Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber ich vermute, es waren Reste an der Flasche Mayo, die ich benutzte, dann habe ich mir nur die Brille zurecht geschoben und dann dachte ich plötzlich und unerwartet, ich muss sterben, ja so schnell ging das…

Ab dem heutigen Mittwoch, 10 Uhr, geht hier der Punk ab: die Auditoren kommen zur Prüfung eines Projekts und am Nachmittag dann „die Neue“  Ich fühle die Ruhe vor dem Sturm…

Macht’s gut und viele Grüße von
Barbara und mir

Ett kütt wie ett kütt, wat fott es, es fott un ett es noch immer jot jejange…

… bis auf vorgestern – obwohl: 19 Flugzeugabstürze in Kongo seit Jahresbeginn?! Eigentlich war dieser Blog-Eintrag ja schon fertig, aber der heftige Flugzeugabsturz vorgestern kann irgendwie nicht unerwähnt bleiben – besonders da ich nun weiß, wie wir davon erfahren haben. Unser Fahrer Bola war nämlich gerade einkaufen, als er den Riesenkrach hörte, das Gebäude erschüttert wurde und die brennende Maschine quasi vor ihm auf der Straße lag… das war um Haaresbreite noch mal gut gegangen für ihn. Ich habe mal meine Fotoordner durchgeguckt, ob ich ein Foto der Absturzstelle vorher habe, um die Gegend etwas darzustellen, aber das habe ich nicht. Leider auch keine Luftaufnahme, da es ja direkt hinter der Startbahn runtergekommen ist, wovon man aus dem Flieger kein Foto machen kann. Das unten stehende zeigt die Startbahn, am linken (nördlichen) Ende durch den erkalteten Lavastrom von 2002 verkürzt. Das war erst eine Vermutung: dass diese (zu) kurze Startbahn vielleicht der Grund war, aber dann hätte die Maschine ja gar nicht erst abgehoben. Der rote Punkt ist die ungefähre Absturzstelle und unser Büro muss man sich direkt am See, aber sicher drei Kilometer oder mehr zur rechten, nach Westen vorstellen.


Die Start-/Landebahn am Flughafen in Goma (verkürzt durch den Lavastrom von 2002)
The airfield at the Goma airport (shortened by the lava stream 2002)

Der Tag hatte schon chaotisch begonnen, als ich am späten Vormittag in ein babylonisches Sprachgewirr geriet und dann ab 14 Uhr nicht mehr in der Lage war, einen Satz vollständig in einer Sprache zu formulieren. Wir erwarten weiter die Anlieferung von zwei Containern mit Ersatzteilen und Reifen – ursprünglich aus Deutschland, angeliefert in Mombasa, Kenia, wo sie seit den Unruhen mehr oder weniger festsaßen. Jetzt sitzen sie seit einer Woche im Zoll zwischen Ruanda und Goma fest. Und an jenem schicksalhaften Tag tauchten die verzweifelten Spediteure auf, weil sie durch die lange Warterei, einer Panne auf der Strecke und Dieselklau unterwegs in Geldnöte geraten waren. Der „Director Operations“ (der Fahrer) war aus dem Sudan und sprach gewöhnungsbedürftiges Englisch. Der Chef des Unternehmens, der in der Zwischenzeit schon mit einer ersten Finanzspritze extra angereist war, war ein Kuwaiti, der ständig lautststark arabisch telefonierte, mit dem die Kommunikation allerdings bald auf Schwedisch verlief, ist er doch schwedischer Staatsbürger und wohnt eigentlich in Stockholm und vermisst seine beiden Kinder ganz furchtbar. Wer hätte jemals gedacht, dass mir schwedische Sprachkenntnisse im Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit noch mal von Nutzen sein würden. Dazwischen das französische Alltagsgeschäft und Telefonate mit der ursprünglichen Spedition in Deutschland. Irgendwann hat mein Hirn nicht mehr mitgemacht und ich sprach Deutsch mit Kambale und verstand nicht, warum der mich so verständnislos ansah, wo doch einmal ein Satz grammatikalisch einwandfrei raus kam… Wie auch immer, die Container sind immer noch im Zoll und werden auch so bald nicht rauskommen, da aufgrund des Flugzeugunglücks erstmal keiner mehr arbeitet. Warum eigentlich?

Seit letzter Woche weiß ich, wann Hektik ausbricht. Keine Panik, aber echte, die Ereignisse sich überschlagen lassende Hektik. Wasserversorgung weiterhin besch….. Ich stehe morgens auf, dusche kurz, ziehe mich an und fange an den Tisch zu decken und bleibe mitten in der Bewegung stehen – was rauscht hier so??? Oh mein Gott, das ist die Klospülung vom Gästeklo!! Dass ich den Teller nicht habe fallen lassen, war echt alles. Sie lief und lief und lief – und ich hatte keine Ahnung, wann sie angefangen hatte zu laufen. Wie sich hinterher rausstellte, nachdem mein einer Kubikmeter fast weg war, wohl die ganze Nacht. (Obwohl ja eigentlich der Hahn zwischen Tank und Leitung hätte zu gewesen sein sollen – und wieso fängt sie überhaupt unaufgefordert an zu laufen???). Und ich kriegte sie nicht zum Stoppen. Der Hahn im Bad war fest gerostet, also Deckel beiseite geschoben und versucht zu stoppen ging auch nicht… ich musste den Deckel ganz abnehmen, die Schnur durchschneiden, die den Knopf obendrauf mit dem Ding im Spülkasten verbindet (heute wieder Wortfindungsstörungen hier) und habe den Pin von Hand runtergedrückt, lief aber weiter. Wahrscheinlich irgendwie kaputter als gedacht. Da ich aber auch den Wassernachlauf nicht stoppen konnte, habe ich in einer waghalsigen Konstruktion aus einem Schnürriemen und einer Dose feuchter Toilettentücher den Schwimmer auf einen Level heben können, an dem der Zulauf nun gestoppt ist. Der Nutzen von Klospülungen wird wirklich allgemein überbewertet – aber ich habe sie trotzdem reparieren lassen 


© CM
Freizeitbeschäftigungen im Kongo – der nächste Uri Geller
After hours in Congo – the next Uri Geller

Wie die Jungfrau zum Kinde kam ich in den Genuss eines Treffens mit dem Minister für Öffentliche Arbeiten, Infrastruktur, Grund und Boden, Transport und Kommunikation und Stadtfragen der Provinz. (Ich werde das Gefühl nicht los, der Mann könnte überfordert sein). Oder so war es zumindest angekündigt. Der Projektleiter im Urlaub war eigentlich klar, dass ich, wenn wegen nichts anderem, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse da gar nicht auftauchen muss. Der Kollege Herr Kambale sollte die Dinge regeln, Allgemeinplätze von sich geben und repräsentativ wirken. Er und Madame Chanty waren jedoch der Ansicht, dass es besser sei, wenn ich als „peau blanche“, als Weißhaut, auch mitgehe – selbst wenn ich nach einem Satz Vorstellung das Wort an Kambale abtrete. Das Treffen war angesetzt für Mittwoch, 11 Uhr. Schon bald wurde es verschoben auf Donnerstag 11 Uhr. Gegen 10:30 Uhr kam ein Abgesandter und meinte, seine Exzellenz habe erst gegen 14 Uhr Zeit, wir würden dann einen Anruf bekommen. Der kam kurz nach 14 Uhr und in deutscher Eile brachen wir gleich auf. „Zehn Minuten, länger nimmt sich so ein Minister eh nicht Zeit,“ meinte Kambale und in Gedanken stimmte ich ihm zu. Empfang in einem schmucklosen Raum im Ministerium. Dafür ausgestattet mit den auch in Afghanistan beliebten Klotzmöbeln, die genau so konzipiert sind, dass man entweder die Füße nicht auf den Boden kriegt oder die Lehne mit dem Rücken nicht erreicht – es sei denn man fläzt sich so richtig dahin. Wahrscheinlich sollen die Teile einfach viel zu groß angelegte Räume füllen. Der Hausmeister bemühte sich mit einer kongolesischen Flagge als Tischtuch stundenlang um ein angemessenes Ambiente, Zupf hier, Zupf da, zurück, wieder hin… nur, damit es am Ende schiefer nicht hätte sein können. Auf Erfrischungen, zumindest in Form eines Tees, warteten wir vergeblich. Gewöhnt an diese Form afghanischer Gastfreundschaft ist mir das sehr negativ aufgefallen, muss ich sagen. Nicht, dass der afghanische Tee immer mundet, aber wenigstens klebt einem nach drei Stunden nicht die Zunge am Gaumen fest. Ja, so lange blieben wir nämlich. Nicht, dass wir so lange auf den Minister gewartet hätten, oh nein! Der kam gar nicht, sondern seine rechte Hand, ein „Maître“, was irgendwas juristisches sein muss… wenn ich nach der Moderation des Gesprächs gehe, ein Richter oder ein niederer Schlichter. Trotz allem war er des Öfteren mit seinem Chef in extrem wichtigen Telefonaten, „Ouiiiiiiiii, Excellence“, „d’accord, Excellence“. Derweil lief die Diskussion mehr oder weniger zwischen uns und dem Vertreter einer anderen Hilfsorganisation, die wir beide in dieser speziellen Region tätig zu sein versuchen, was sich aber aufgrund der Sicherheitslage als schwierig gestaltet. Deswegen war auch das Treffen anberaumt worden. Die andere Weißnase, Paul (vom Richter immer als Pool angeredet), sprach nur Englisch und hatte den Übersetzer dabei. Und nachdem ich mich bereits mit „Leider ist mein Französisch nicht so gut, deswegen gebe ich das Wort an Herrn Kambale“ vorgestellt hatte, hab ich irgendwann einfach nicht mehr den Mund halten können, und habe mich in die Übersetzung eingeschaltet, die einfach teilweise haarsträubend war. Und oh Wunder, ich konnte mich doch allen Ernstes halbwegs sinnvoll äußern, mit einigen Vokabeln von Kambale dazwischen geworfen. Ich war außerdem überrascht, welche Feinheiten er aus dem Englischen übersetzen konnte. Da muss man wirklich aufpassen 
Alsbald lernte ich, dass, wenn der schlichtende Richter „einen kurzen Einwurf“ machen wollte, Geduld angesagt war. Einer Diskussion über Straßenbau, in der es um Befestigungsmauern, Drainagerohre, schweres Gerät und Regensperren ging, konnte ich problemlos folgen, aber als er dann zu einem mittlerweile gefürchteten „kleinen Einwurf“ anhob und das Thema von kompaktierten Erdstraßen auf Milchkühe brachte, habe ich den Faden verloren und konnte meine gesamte Konzentration nur noch darauf verwenden, das breite Grinsen zu unterdrücken.
Ich fand es außerdem sehr interessant, die Leute zu beobachten, außer mir alles Männer. Was ich jetzt sage, könnte wieder einige zum Aufschreien bringen, aber ich schicke voraus, dass ich solche Überlegungen auch in Europa anstelle und jede Wette eingehe, dass ich einen Schweden von einem Finnen unterscheiden kann, ohne sie reden zu hören. Oder einen Italiener von einem Spanier. Und Amis erkennt man IMMER. Also, hier in Goma ist eine ethnische Gruppe die der Nande. In Butembo bilden sie die Mehrheit. Und ich finde für mich, dass es gewisse Gesichtszüge gibt, die eine Zuordnung zu dieser Gruppe wahrscheinlich sein lassen. Ich kann noch nicht mal festmachen, woran ich das zu erkennen glaube, aber es stimmt sehr oft. In dieser Runde waren aber zwei Männer, die deutlich aus der Reihe fielen und, wie ich dachte, beide wiederum zu unterschiedlichen Ethnien gehören müssen. Auf der Heimfahrt habe ich dann zu Kambale gemeint, mir fehle ja das sprachliche Vermögen für diplomatische Umschreibungen, deswegen käme die Frage jetzt vielleicht etwas unsensibel rüber, aber der Herr, der so aggressiv gesprochen habe (und groß gewachsen war, mit einem längeren Gesicht und härteren Zügen), wo der denn wohl her sei. Nein, der sei nicht von hier, der sei aus Ruanda, ein Hutu. Direkt neben ihm saß ein kleinerer Mann (in einem NEONGELBEN Oberhemd), den ich wirklich schlecht beschreiben kann. Oder schon, aber ich weiß, ich höre mich dann endgültig an wie ein Vorkriegsmodell von Ethnologe: er hatte eine deutlich andere Schädelform. Nein, der sei auch nicht von hier, der käme aus Walikale und sei ein Munyanga. Alles sehr interessant, aber wir kamen zurück von den Milchkühen auf den Erdstraßenbau und die Diskussion begann erste Funken zu sprühen, als sich Maître Robert einschaltete und sagte, er wolle uns die Geschichte von Herrn Sowieso erzählen, der einmal mit seinen Aussagen zu einem bestimmten Thema alle Gesprächspartner verprellt habe. Aber dann sei Herr Nocheinsowieso eingeschritten und habe die Wogen geglättet, indem er sagte, niemand solle sich verletzt fühlen von den Aussagen. Die seien sehr direkt und hart, aber so sei Herr Sowieso eben, das sei seine Natur und niemand müsse sich persönlich angegriffen fühlen. Und so sei das eben wohl auch die Natur des Herrn zu seiner Rechten, kein Grund zur Aufregung. Ruhe kehrte ein und ich wartete vergeblich auf die Milchkuh.

Der Büro-Tag hatte aus fluglogistischen Gründen schon um 6 Uhr begonnen und endete erst gegen 17:30 Uhr… Für mein allabendliches Privatkino schien mir „Stirb langsam“ als Ausklang angemessen…

Su jon die Jäng, sacht man in der Eifel – such is life?
Bis bald
Barbara

P.S.: Es gibt aber auch schwedisch aussehende Spanier, die mich vollkommen vom Hocker hauen können: letzte Woche kam ein spanischer Vertreter einer benachbarten Organisation mit einer Bitte zu uns und mir ist fast die Kinnlade runtergefallen – er sah aus wie Mats Wilander, nur mediterran angehaucht (und in Echtzeit etwa 10 Jahre jünger). Die Bedeutung dieser Begegnung zu erklären würde zu weit führen – so ist dieser Abschnitt nur was für Leute, die mich seit etwa den Australian Open im Januar 1988 kennen 😉

My Goma life

Hach, ich habe soviel Strom, ich weiß gar nicht, was ich damit anfangen soll  Nein, so schlimm ist es noch nicht! Die Blackouts sind momentan nur zwischen 17:30 und 20:00 Uhr – zwar ist das die Zeit, in der man gemeinhin am hungrigsten wird, aber das ist doch schon ein Anfang! Die Wasserleitung ist auch repariert. So komme ich momentan heim, gucke erstmal eine DVD auf dem Laptop und kippe eine kalte Cola bis der Strom kommt und dann ziehe ich die Kochschürze an…

Der gute alte Rod (zusammen mit dem ebenso guten Billy (Joel)) haben mich am vorvergangenen Sonntag derart in einen Wahn versetzt, es ist gefluppt wie verrückt! Irgendwann kam Donald und ich war auf dem totalen High, mich unmerklich (?) im Takt wiegend, und meinte nur „Boah, weißt du, was das für ein geiles Gefühl ist, wenn man 500 Buchungen einhackt, sich dabei die Seele aus dem Leib schreit und hinterher stimmt der Saldo??????“ Er hat mich nur mitleidig angeguckt… So aber war der Monatsabschluss am 3.4. drin und nach Bonn geschickt – aber im Ernst, es war ja nur ein Akt der Verzweiflung mit Blick auf das Restprogramm dieses Monats und der ersten Maiwoche. Aber immer eins nach dem anderen…


Butembo – das Interesse an Kameras und dem Posieren vor denselben ist immer noch groß
Butembo – interest in cameras and posing in front of them is still big

Die nächste Erkältung ist auch schon wieder im Abklingen begriffen – die habe ich mir bestimmt auf der Gorilla-Tour eingehandelt. Es ist aber auch immer irgendwas… da ich jetzt ausschließlich selber koche lässt mich mein Magen-Darm-Trakt, auf den meine Reiseapotheke eingestellt ist, total in Frieden, klopf auf Holz, und ich muss stattdessen meine Papiertaschentücher rationieren. Wie man’s macht… Und nicht nur die Nieserei raubt einem den Schlaf. Ich glaube, es war in der Nacht auf Montag, da war hier ein unglaubliches Gewitter. Dass man das Blitzspektakel über den Bergen rund um den See bewundern kann, habe ich ja letztes Jahr schon berichtet – aber das war ne ganz andere Nummer. Es hat stundenlang, mindestens von 22 bis 3 Uhr, gegossen wie in Strömen und dabei jede Minute gedonnert, dass du gedacht hast, der Vulkan bricht gerade auseinander. An schlafen war nicht zu denken, auch nicht mit Ohrstöpseln, das Gedröhne hat die Eingeweide zum Vibrieren gebracht, wie in der Disko. Der Wächter und Haushälter meinte am nächsten Morgen, er habe gar nichts gehört… ich konnte nur ungläubig staunen, aber vielleicht wohnt er ja ganz weit weg, Butembo oder so, und kommt jeden Morgen mit der 5-Uhr-Maschine der Lufthansa um seinen Dienst anzutreten 😉

Apropos Fliegen… meinen Empfang am Flughafen in Goma muss ich ja doch noch kurz schildern, auch wenn er chronologisch zum vorherigen Eintrag gehört. Alles steigt aus, man geht zu Fuß die paar Schritte zum „Arrivée F“ und stellt sich in der Schlange zur Passkontrolle an. Stehe ich also da, gedanklich noch total bei den Gorillas und dem tollen Osterfest in Butembo, da höre ich jemanden rufen: „Hooooooochchchch!“ Ich gucke hoch und es ist der befreundete „Bruder“, der sich hier um die armen Seelen kümmert, und sich nun geradewegs entgegen der vorgesehen Bewegungsrichtung durchkämpft und scherzhaft aber lauthals in die Menge ruft: „Elle est ma fiancée! Sie ist meine Verlobte!“ Damit ging die Passkontrolle mit einem Grinsen vonstatten und meine Tasche wurde auch nur sehr oberflächlich gefilzt…

In der Zwischenzeit habe ich mir – wer weiß, ob man Karneval nicht doch noch mal aktiv werden wollen könnte – ein kongolesisches Ensemble nähen lassen. Für die Oper dann doch ungeeignet. Alles in allem stellte es sich als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Schwester einer unserer Angestellten heraus, aber was soll’s: wollte ich sowieso machen lassen und so ging es ruckzuck. Nur leider hat der Reißverschluss am Rock schon die erste Anprobe nicht überstanden… mal sehen, ob ich das noch reklamiert kriege.


Mode à la Congolaise
Fashion à la Congolaise

Tja, oben schrieb ich noch, vor ein paar Tagen, dass die Wasserleitung repariert sei, was auch den Tatsachen entspricht. Nur leider ist ganz Goma momentan ohne Wasser, der Grund ist mir noch unbekannt. Aber den lieben langen Tag lang bewegen sich Ströme von Menschen mit gelben Kanistern in allen möglichen Größen zum See, um sich dort zu versorgen. Nahebei gibt es (immer, nicht nur jetzt) eine Stelle, an der sich jeder kostenlos eine Portion Chlor holen kann, um das Wasser vom gröbsten zu reinigen. Das wird auch rege in Anspruch genommen. Mal sehen, wie lange die Wasserversorgung noch ein Problem bleibt. Es ist mir wirklich vollkommen unverständlich, in einer Gegend, wo es soviel Wasser gibt – man muss keine teuren Meerwasserentsalzungsanlagen bauen oder kilometertief bohren um auf irgendwelche fossilen Vorkommen zu stoßen. Da gibt es meiner Meinung nach Regionen, in denen es auf den ersten Blick wesentlich schwieriger und teurer sein sollte, die Wasserversorgung aufzubauen und am laufen zu halten.

Derweil haben wir ein Schokoladennachschub-Problem. Der deutsche Laden in Kigali hatte nichts quadratisch, praktisch, gutes mehr und nun haben wir nur noch Aachener Produktion zu 85% Kakao – das kann ja keiner essen. Nun überlegen wir, ob man diese nicht einfach erwärmen, mit etwas Sahne und Zucker anreichern und für die tägliche Suchtbefriedigung anpassen kann. Der eine meint allerdings, so mit Sahne mit das zu dünn, man sollte Milchpulver nehmen. Vielleicht sollte ich den mir bekannten Chocolatier in spe mal privat anschreiben und nach einem improvisierten Rezept fragen…

Was mache ich sonst noch so, wenn ich mich nicht gerade in Ekstase buche? Ich sichte Angebote für eine mittlerweile etwas unübersichtlich große Anzahl an Ersatzteilbestellungen für LKWs und Baumaschinen unterschiedlichster Bauart, von Kettenspannern über Bremsbeläge und Scharmesser hin zu Hydraulikpumpen. Ich bespreche diese Angebote mit dem Verantwortlichen und es wird entschieden, wo was gekauft wird. Das obliegt dann mir in Kooperation mit einer Kollegin in Deutschland. Ich beschäftige mich mit einer Bestellung riesiger Massen an Öl- und Schmierstoffen in Kenia (welches Öl in welcher Menge für welches Projekt – die Entscheidung fälle natürlich aufgrund fachlicher Unzulänglichkeiten nicht ich, aber wie was bezahlt wird, liegt bei mir). Ich regele alle möglichen Angelegenheiten, was das europäische Personal angeht. Ich bin in ewigem Kampf mit dem Internet, das von Tag zu Tag langsamer wird und mittlerweile den Versand von Anhängen komplett verweigert. Ich versuche, 35 lokale Angestellte nach Goma fliegen zu lassen. Die Maschinen, die dafür in Frage kommen, weil sie weniger schlecht gewartet sind als der kongolesische Durchschnitt, kann man an einer dreifünftel Hand abzählen. Eine fällt flach, da zu klein. Die andere – „große“ verlässliche – war schon gechartert und hat plötzlich Hydraulikprobleme und muss sofort zu einer ausgedehnten Wartung nach Nairobi. Eine andere halb große kommt ins Gespräch, die auch gut gewartet zu sein scheint. Die haben wir schon gechartert und voll beladen für den Hinflug – da kommt die Meldung, dass in dem Ort, wo sie landen soll, gerade die Mayi-Mayi Milizen den Aufstand proben und nicht geflogen wird. Wir treiben eine weitere Maschine auf, die wohl kurzfristig an einen anderen Ort fliegen würde – aber weil da die Landebahn so kurz ist, würde der Pilot maximal 4 Passagiere wieder mit nach Goma bringen; das alles lohnt sich nicht wirklich… Und so vergehen sie, die Tage, und zwar wie im Flug, auch wenn keiner stattfindet.


Madame Chanty, Kassiererin, und Monsier Kambale, Administrator
Madame Chanty, cashier, and monsieur Kambale, administrator

Und zwischendurch führe ich mit meinen direkten Admin-Kollegen, der Kassiererin Madame Chanty (deren Charme und Sinn für modische Extravaganzen die Herren in ihren Bann zieht – in vier Wochen habe ich darüber hinaus schon mindestens 5 total verschiedene Frisuren (auch Farben) gesehen und eines Morgens, als ich besonders verdutzt war, meinte sie nur lachend „Madame, das ist ein „chapeau““ – ein Hut. Sie hatte eine fesche Perücke auf)… mit ihr also und dem Administrator und für die Angelegenheiten des lokalen Personals zuständigen Monsieur Kambale führe ich hin und wieder ein interessantes Gespräch – soweit es mein sprachliches Vermögen zulässt. Zuletzt drehte es sich aus aktuellem Anlass um die Todesstrafe. In der Stadt waren Demos von aufgebrachten Frauen, die forderten, dass der gefasste Mörder einer der ihren gefälligst umgehend auch die Radieschen von unten zu sehen habe. Diese Meinung teilte Chanty, Kambale aber nicht. Er sagte, es liege in der Hand Gottes über Leben und Tod zu entscheiden. Da lagen wir insofern ähnlich als ich denke, man sollte sich durch die Verhängung und Ausführung der Todesstrafe nicht auf eine Stufe stellen mit dem Täter. Viel interessanter aber, wenn auch grausam, waren die Umstände der Ermordung, die so noch gar nicht nachvollziehbar sind… man steigt nicht recht dahinter oder will mir nicht alles beleuchten. Am helllichten Tag wurde ein Haus gestürmt, Schmuck sollte rausgerückt werden, Geld und andere wertvolle Dinge, was man auch tat. Die ganze Familie war zu Hause, Mann, Frau und Baby. Nachdem alles eingesackt war, richteten die Diebe die Waffe auf die Frau und ihr Mann soll gesagt haben, wenn denn einer dran glauben müsse, so solle man doch ihn erschießen, damit sich danach noch jemand um das Baby kümmern könne. Das Baby schrie wie am Spieß, so dass der Mutter befohlen wurde, sie solle es beruhigen, stillen, was sie auch tat. Als es ruhig war wurde sie geheißen es zur Seite zu legen, was sie ebenfalls tat – und dann wurde sie erschossen. Der Mann nicht. Es heißt, es seien Bekannte des Mannes gewesen… da sie auch bereits gefasst sind, liegt das vielleicht nicht so fern. Nur – was soll das alles? Man sagte mir, in Goma passierten viele Dinge wegen Eifersüchteleien. Ich fragte nach, ob es sich dabei um romantische Eifersüchte handelt oder rein materielle – darauf wurde ausweichend geantwortet. Wahrscheinlich war es ein vertrackter Mix aus allem möglichen…

Und nun wieder auf in den täglichen Wahnsinn!