Durch das Land der tausend Hügel

Viele Grüße aus Goma! Nach einem ziemlichen Marathon-Trip, dem ein stressiger Abreisetag vorausging, bin ich am Samstagmittag in Kigali / Ruanda angekommen. Der verwunderte Leser mag bei dem Gedanken „Ich dachte, du fährst in den Kongo?“ einen Blick auf das Google-Foto unten werfen: von Kigali sind es auf asphaltierten Straßen noch etwa 3 Stunden Fahrt nach Goma. Nach Ruanda reist man weitaus problemloser ein, als in die USA, zumindest wenn man Deutscher ist. Ein Visum muss man sich vorher eh’ nicht besorgen und dann ist es eine 2-Minuten-Angelegenheit, die mit einem kleinen Stempel und KEINER Gebühr abgeschlossen ist. Ich war so fassungslos, dass ich erst gar nicht verstanden habe, dass es das schon war. Deutsche bilden aber glaube ich auch eine Ausnahme – und das beruht wohl auf der in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiernden Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz. Darauf weist eine nicht unerhebliche Zahl an Schildern hin.

Kigali macht, zumindest auf den Blick, den man auf der Fahrt vom Flughafen in Richtung Kongo gewinnen kann, den Eindruck eines erfolgreich aufstrebenden Landes. Da gibt es einen schnieken kleinen Flughafen, asphaltierte Straßen, Straßenbeleuchtung, wunderschön bepflanzte Rundverkehre, ansprechende Geschäftszeilen u.ä. Nicht so schön hergerichtete Bereiche gibt es mit Sicherheit auch, aber der erste Eindruck ist durchweg positiv. Auch unterwegs machte es einen organisierteren Eindruck. Es gibt sogar Straßenschilder, die über ein STOP hinausgehen. „Kigali 73 km“ las ich. Oder vor einer Kreuzung war angezeigt, dass es geradeaus nach Muzanze und rechts nach XY geht. Beim Anflug auf Kigali konnte man ein fast im Schachbrettmuster bestelltes, langgezogenes Tal sehen… wenn dieser Ordnung mal kein deutscher Einfluss zugrunde liegt…

Ruanda nennt sich das Land der tausend Hügel und schon mehrere Leute haben es im Gespräch mit der Schweiz verglichen. Den Vergleich fand ich immer wunderlich und bleibe auch dabei. Vielleicht war meine Verweildauer in der Schweiz ja bislang zu kurz (= 0), aber leuchtend rote Erde, meist bis zur Spitze terrassierte Hügel und Bananenstauden bringe ich allgemein nicht mit den Eidgenossen in Verbindung – und das Jodeln ist ebenfalls nicht weit verbreitet. Da hilft auch die eine oder andere Kuh nicht, die man auf den Hügeln mal grasen sieht. „Übrig“ scheint nicht der kleinste Fitzel Land zu sein, alles wird entweder beackert oder ein paar verlassene Bäume stehen darauf herum. Hier ist kein Platz mehr und insofern erinnert es mich mehr an Japan, als an die Schweiz.

Weiter zur kongolesischen Grenze hin wird es landschaftlich dann doch alles wieder etwas wilder, dazu kommen Schilder, die den Besuch bei den Gorillas schmackhaft machen sollen (wobei ich fast glaube, dass jeder Europäer, der hier lang fährt, entweder schon da war oder zumindest sowieso davon weiß…) und auch die Schilder vom „Volcanoes National Park“. Auf den stößt man spätestens in Ruhangeri, wo sich wie aus dem Nichts diese Kette an Vulkanen auftut, erst nur drei, dann bis zu fünf. Darüber türmen sich am ansonsten strahlend blauen Himmel riesige Wolkenberge… wenn das mal nicht heißt, dass die gerade sehr heiß sind… Dass der Nyiragongo bei Goma, bzw. sein Lavasee, ordentlich heiß vor sich hin wabert und man davon nachts manchmal den Himmel darüber rot strahlen sieht, habe ich letzten Herbst ja schon sehen können. Jedenfalls war dieser Anblick ziemlich atemberaubend. Bis zum nächsten Kinnladenüberdehner war es auch nicht mehr allzu weit: da kommt man um die Kurve und sieht, noch auf ruandischer Seite, eine grüne Ebene und Goma vor sich liegen, der Kivu-See glitzert in der Ferne und rechts der wolkenumschwebte Vulkan. Fotos habe ich dieses Jahr noch keine gemacht – ich war einfach zu fertig. Eigentlich blöd, denn so strahlend blau ist der Himmel nicht oft… und den Blick von Ruhangeri auf die Vulkane oder dann später den auf Goma wird man auch nicht alle Tage haben. Ich wollte auch so schön bei der Zwischenlandung auf Addis Abeba geguckt haben und werde dann erschreckt wach, weil ich beim Aufsetzen der Maschine gegen die Seitenwand geknallt bin… Wie ärgerlich.

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Die ruandische Seite am Kivu-See, in Gisenyi, kam mir fast vor wie die Côte d’Azur Zentralafrikas, mit Palmen bestandene Uferstraße, Sandstrand, schicke Hotels. Man geht durch den Zoll, fährt ein paar Meter weiter und ist in der aschgrauen, vom letzten Vulkanausbruch geprägten Mondlandschaft von Goma – das ist schon ein harter Bruch. Ist dann einfach Pech, dass dort gerade das vom Ausbruch betroffene Gebiet liegt, denn nicht ganz Goma ist aschgrau… Auch auf der anderen Seite konnte man „alte“ Lavaströme und –brocken sehen und die Erde war weniger rot als dunkelbraun („Umbra“ hieß die Farbe früher immer im Pelikan-Wasserfarbkasten), in der Sonne manchmal schien manchmal ein bisschen rot durchzuschimmern.

Zurzeit bin ich bei der Kollegin untergekommen, deren Urlaubsvertretung ich dann im Oktober mache. Sie wohnt in einem schönen Haus mit Garten… und hat nun nach der Abreise eines weiteren Kollegen am Sonntagmorgen dessen Hund Bobo in ihre Obhut genommen. DAS ist etwas schwierig… zwar kenne ich Bobo noch vom letzten Jahr, aber da ich mit Hunden noch nie viel anfangen konnte, ist er mit seinen gut 50kg, Handball-großem Kopf und Sabberschnauze trotz seiner umgänglichen, wenn auch leicht aufdringlichen Art nicht gerade der Typ, der die Situation ändern wird 😉

Eine Bekannte habe ich auch bereits getroffen. Schon in Frankfurt am Flughafen fragte ich wahllos die Frau hinter mir in der Schlange am Schalter, ob ich da auch richtig sei, es stünde zwar Ethiopian dran, aber die Nummer sei falsch. Da dachte ich schon „Hm, die kommt mir bekannt vor.“ War mir dann aber zu blöd zu fragen. Nach dem Umsteigen saßen wir in der Maschine nach Kigali dann so gut wie nebeneinander und sie sagte: „So sieht man sich wieder!“ Da sagte ich dann, dass sie mir bekannt vorkäme, was sie denn macht in Afrika – sie betreut als Consultant für die GTZ ein Wasserbau-Projekt in Burundi – was mir als Info auch nicht weiterhalf. Aber plötzlich dachte ich an Bad Honnef, an InWent und meine Vorbereitung im Sommer 2004, wusste auf einmal, dass sie Marita hieß, lange in Sambia war und mit mir den Kurs zu „interpersonellen Konflikten“ besucht hatte. Ja, so sieht man sich wieder, so klein ist die Welt und überhaupt.

Nun denn. Morgen (Montag) schmeißen wir uns dann ins Gewühl im Büro und schauen dann mal, wie es läuft…

Bis bald!
Barbara

P.S.: Für die Kommunikation bitte mein Konto bei gmail.com benutzen – ist vorne genauso wie das andere. Beim anderen ist die IP-Adresse hier gesperrt, weil von der angeblich im großen Umfang gespamt wurde…

Zweiter Besuch im Herz der Finsternis

Meine Nachbarn sind informiert, sie können die Zeichen deuten: wenn meine gefühlskranken Musikvorlieben, wie eine Freundin aus Schultagen sie zu nennen pflegte, innerhalb einer Stunde den Bogen spannen von Xavier Naidoo über Ravels Bolero hin zu Eros Ramazzotti, Robbie Williams auch noch dazwischen swingt und JUMP von VanHalen den krönenden (und dröhnenden) Abschluss bildet, dann kann es sich nur um den Auswahlvorgang der Reisemusik für alle Lebenslagen handeln. Zeit für einen Punkt. Und wenn man dann morgens noch die Wäsche trocken bügelt und packt, geht es über in einen musikalischen Pep-Talk…

Heute Abend geht es los, auf nach Goma, in die Höhle des Löwen oder vielleicht wird es ja auch nur das Auge des Sturms… Ich lasse alles auf mich zukommen. Nutella ist eingepackt und ich sage euch: es ist ein FLUCH, wenn man 45kg Gepäck mitnehmen kann, man packt nur überflüssigen Kram ein. Hoffen wir, dass alles ankommt, morgen Mittag in Kigali. Von da geht’s mit dem Auto weiter, so dass ich am Nachmittag in Goma sein werde, insh’allah.

Man hört sich!
Barbara

Dienst am Kunden

Es war mal wieder soweit – ein ganz besonderes Erlebnis bei der Deutschen Bahn… Im Kundenzentrum, Samstag morgens um noch nicht mal halb zehn. Eine Schlange bis wer weiß wohin (das ist NICHT das besondere Erlebnis) und schon auf dem Weg an ihr Ende weise ich einen lautstark mich noch in letzter Minute abfangen wollenden Inder (?) mit einem kühlen Blick aus dem Augenwinkel in die Schranken und konnte meinen 17. Platz halten.

Vor mir ein Berg von Mann, der immer nervöser wurde und mehr zu sich selbst das asiatische Pärchen am ersten von drei offenen Schaltern verfluchte, die die durchschnittliche Verweildauer bereits bei meinem Eintreffen weit überschritten hatten. Es kommen immer mehr Bahnangestellte, die in den dunklen Nischen hinter den Schaltern verschwinden, die Schlange wird immer länger, aber von Abhilfe keine Spur.

Die sprichwörtliche Möhre vor dem Esel baumelnd wird der bahn.comfort Schalter geschäftig, aber offensichtlich noch nicht mal für die VIPs. Doch der Berg vor mir verliert die Nerven und erdreistet sich, die Schlange zu verlassen und die dort wurschtelnde Dame anzusprechen. Er ist hochrot und einfach nur sehr aufgeregt – und alles wird immer lauter.

„Da kann ich Ihnen nicht helfen, da müssen Sie zur Polizei gehen!“ blafft ihn die Uniformierte in ihrer offensichtlich angeborenen Kundenfreundlichkeit an.
„Von da komme ich doch, die haben mich zu Ihnen geschickt! Was soll ich denn jetzt machen? Die haben mir die Brieftasche und das Handy geklaut – den Personalausweis und das Hinfahrticket habe ich auch nur durch Glück noch, die waren in der Brusttasche!“
„Und was soll ich da jetzt tun? Ihnen ein Ticket schenken oder wie? Wie stellen Sie sich das denn vor? Das ist ein Fall für die Polizei!“
Daraufhin bricht der Mann in Tränen aus, er sei nur für eine Krebsuntersuchung hier gewesen und müsse doch wieder HEIM nach Frankfurt! Wie soll er denn nur heimkommen?
„Machen Sie, dass Sie hier rauskommen, sonst rufe ich die Polizei!“

In Tränen aufgelöst verlässt der Mann, der zugegebenermaßen aussieht, als sei er direkt aus dem Bonner Loch für den „Groß Circus Caroli“ rekrutiert worden – was wiederum den Ablauf sicher nicht positiv beeinflusst hat – den Schalter, als gerade einer der anderen frei wird, an den er einfach geht. Die Leute in der Schlange lauschen gebannt der Lautsprecherdurchsage „Bahnpolizei bitte sofort ins Kundenzentrum! Bahnpolizei bitte sofort ins Kundenzentrum!“ In der Diskussion des vermuteten Inders mit dem Mann hinter ihm wird klar, dass jeder, der sich ausweisen kann, ein Ticket erhalten kann – die Daten werden festgehalten und der Anspruch wird seitens der Bahn dann hinterher geltend gemacht… wenn das Ticket nicht innerhalb einer bestimmten Frist freiwillig bezahlt wird.

Und es scheint richtig zu sein – denn die nette junge Frau am letzten Schalter hat ihm offensichtlich ohne lange zu fackeln ein Ticket ausgestellt. Manchmal frage ich mich wirklich ob es genormte Trainingsmaßnahmen in Kundenbetreuung gibt oder ob die vielleicht nur für diejenigen angeboten werden, die dafür Urlaubstage opfern und die Anreise selbst bezahlen… Und stellte dann noch fest, dass die die Eskalation herbeiführende Bahnangestellte genau die war, die mir weis machen wollte, dass ich seit Einführung der Rhein-Ahr-Bahn ein Ticket Bonn-Adenau käuflich erwerbe, das nicht legal ist.

Erschreckenderweise liegt mir ein „Alles wird gut“ auf der Zunge. Aber ich verkneife es mir.

Bis bald!
Barbara

Ein Geständnis

Wenn ich die Fenster an der Wohnung öffne, liegt ein Lavendelduft über Poppelsdorf, so schwer wie das Eau de Lakritz über Kessenich… Hier ist er nun, so ein bisschen im Nachhinein, der Bericht zur letzten Etappe: Marseille. Oft habe ich mich gefragt, was man gemeinhin eigentlich mit Marseille verbindet? Ich, glaube ich, so vollkommen unbeleckt, wertungsfrei und ohne weitere Überlegungen vorher, nur Fußball (Olympique Marseille, OM) und „Anlaufpunkt für Immigranten aus dem Maghreb“. Aber offensichtlich gibt es das herrschende Vorurteil, dass es sich um eine hässliche, heruntergekommene Stadt mit hoher Kriminalität handelt. Und sowas nennen Leute wie der mir nach wie vor symphatische Kopfstoßer Zinédine Zidane ihre Heimat.

Es gibt drei Krimis des Autos Jean-Claude Izzo, die „Marseille-Trilogie“, die ich mir auf Empfehlung besorgt habe. Ambitioniert habe ich sie auf Französisch besorgt und entsprechend moderat ist das Vorankommen in der Geschichte, aber ich kann nach einem Drittel des ersten den Krimifans unter euch bereits sagen: lesen! Aber dieser Autor, der sein Leben lang in Marseille gewohnt hat und aus dessen Zeilen man die Liebe zu dieser Stadt leicht herauslesen kann, schreibt selbst (in freier und etwas holpriger Übersetzung):

Marseille ist keine Stadt für Touristen. Es gibt nichts zu sehen. Ihre Schönheit lässt sich nicht fotografieren. Sie zerteilt sich. Hier muss man Partei ergreifen, leidenschaftlich werden. Dafür sein, dagegen sein. Sein, und das heftig.

Man muss sich also einlassen auf diese Stadt und das habe ich versucht, soweit das in zwei Tagen möglich ist. Ihre Schönheit, dort wo sie zu finden ist, ist auf jeden Fall sichtbar, wenn auch vielleicht nicht zu fotografieren, sie ist weder subtil, noch erschließt sie sich erst nach langer Zeit. Mir hat Marseille gefallen – so, jetzt ist es raus. Vielleicht hat der Autor, der leider bereits im Jahr 2000 verstorben ist, den letzten Kick an Aufschwung nicht mehr miterlebt. Ab wann der für alle offen sichtbar war, weiß ich nicht.

Was man wieder alles nicht weiß: ein großer Teil der Altstadt wurde, als „Nest der Résistance“, im Januar 1943 auf Anweisung von ganz oben aus Berlin gesprengt. Die Frage die sich mir immer wieder gestellt hat ist, was genau „ein großer Teil ist“ (angeblich 1.924 Häuser) oder aber, ob die Altstadt in großen Teilen wieder aufgebaut wurde. Sicher, hier und da gibt es eindeutig gefüllte Baulücken, besonders an der Westseite des Alten Hafens, und einige architektonische Alpträume, riesige Wohnbunker – aber nicht in Ghetto-Lage sondern direkt Downtown. Eine große Mall, das Centre Bourse, ist eingebunden, die seit wenigen Wochen aktive, schnieke Straßenbahn führt daran vorbei. (Folgendes Foto ist NICHT von einem der Gebäude direkt am Hafen – die sind wesentlich kleiner! Dieses liegt am Cours Belsunce, nahe des Einkaufszentrums.)

Was mir an den zweireihigen, eher unattraktiven und klotzigen Nachkriegsgebäuden an genannter Seite des Alten Hafens trotz allem sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass man von den belebten Plätzen, die im traditionellen Statteil Le Panier dahinter liegen, durch wohl platzierte Durchgänge bis zum Hafen sehen und sogar die berühmte Notre Dame de la Garde auf einem Hügel auf der anderen Seite erblicken kann. Dieser Inbegriff an Kitsch einer Kirche ist sowieso von so ziemlich jedem Punkt des Zentrums auch zu sehen – und wegen der stark erhöhten Lage wohl auch von so einigen Randgebieten. Darüber hinaus ist sie auf jeden Fall den Besuch wert, allein wegen dieser Lage, von der man einen Blick auf das gesamte Stadtgebiet, die vorgelagerten Inseln und die Côte Bleu noch hinter dem eingeschlafenen, nur noch von Kreuzfahrtschiffen angesteuerten Industriehafen bewundern kann.

Eine eben jener Inseln ist, bzw. beherbergt Château d’If, wo im Roman von Alexandre Dumas der Graf von Monte Christo darben musste. Den Tag, den ich mir für den Besuch derselben ausgesucht hatte, ließ gerade das aber nicht zu: der Mistral blies mit bis zu 100km/h und nur die anderen beiden Inseln, mit geschützteren Häfen, wurden angelaufen. Da kann man zur Ruhe kommen, wunderbar schwimmen und das verfallene Hôpital Caroline betrachten: hier wurden früher Pest- und andere stark infektiöse Kranke untergebracht, damit die Gefahr für den Rest der Bewohner so gering wie möglich gehalten wurde. Der Mistral war Teil der Strategie: als ablandiger Wind hat er, wenn er kam, die Bakterien, Viren und andere Erreger noch weiter hinaus auf’s Meer geblasen.

Aber kommen wir doch noch mal auf Marseille insgesamt zurück. Es ist eine uralte Stadt; schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert kamen griechische Händler in die Nähe der Rhône-Mündung. Auf diese Geschichte ist man stolz in der heutigen Millionenstadt. Ob es die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist, hängt vom Wohnort des Betrachters ab. Jene aus Marseille sind sich da ganz sicher, die aus Lyon glauben dagegen ganz an ihre Vormacht.

Marseille wurde im 19. Jahrhundert zur bedeutensten Hafenstadt des französischen Kaiserreichs, wozu die kolonialistischen Bestrebungen erheblich beigetragen haben. Auch nach dem 2. Weltkrieg boomte Marseille und drohte durch die kontinuierliche Zuwanderung bis Ende der 1970er Jahre „in Dreck, Kriminalität und Verkehr zu ersticken.“ Daher dann wahrscheinlich das Vorurteil, das zur Zeit seiner Entstehung keins war. Angetrieben auch durch entstehende soziale Unruhen setzte eine Abwanderung ein und die Stadt verlor innerhalb von zehn Jahren wieder 10% ihrer Bevölkerung. Die Sanierung der Stadt und besonders auch des Altstadtviertels Le Panier läuft seit 1983. Deutlich gewandelt hat sich das Gesicht der Stadt wohl seit den 1990er Jahren, die Wirtschaft wächst wieder, aber die Arbeitslosigkeit liegt nach Aussagen einer unserer in Marseille wohnenden Lehrerinnen weiterhin bei nahezu 20% (nicht verifiziert!). Wie es bei dieser noch nicht wirklich guten Situation zu einem Bau- und Renovierungsboom kommen kann, wie er momentan herrscht, ist mir unbegreiflich. Ich habe selten eine Stadt gesehen, in der ein solcher Aufbruch herrscht – außer vielleicht in Berlin Mitte der 90er Jahre, aber das war ja wohl ein Sonderfall. Die Stadt wird im wahrsten Sinne des Wortes herausgeputzt und das einst verrufene Panier strahlt mit bunten Fassaden und beherbergt in einem Bereich nahe der Alten Charité eine Kolonie an kreativen Töpferwerkstätten, wo wirklich wunderbare Dinge hergestellt werden. Die Renovierungsarbeiten, auch bspw. am Boulevard de la République, wo man sich wie in Paris vorkommt, haben natürlich zur Folge, dass bezahlbarer Wohnraum gerade für Geringverdienende knapp wird und viele verdrängt wurden; da wird die Stadt dann wohl doch nach und nach strukturell umgekrempelt. Angeblich verläuft sich allerdings weiterhin kaum ein Tourist nach Le Panier, obwohl einer der „Entdeckungspfade“ des Tourist Office sich darauf konzentriert – ähnlich dem Freedom Trail in Boston entlang einer auf den Asphalt gemalten roten Linie.

Ein weiterer dieser Pfade führt vom Alten Hafen in einer fast schnurgeraden Linie die breite Canebière und dann den Boulevard Longchamps nach Norden – direkt auf den Palais Longchamps zu. Hinter diesem größenwahnsinnig anmutenden ehemaligen Wasserschloss liegt ein kleiner Park, wo ich mich auf einer Bank ein ganzes Weilchen zum „People Watching“ niedergelassen habe. Nach wenigen Minuten breitete schon eine freundlich grüßende ältere Dame ein Frotteehandtuch neben mir aus, nahm Platz und strickte gemütlich an einem Paar Socken. Drei Bänke weiter hatte sich ein Rentner mit Kaffee und einer Tageszeitung häuslich eingerichtet und viele Kinder strömten herbei, um im nahegelegenen „Theater der Giraffe“ eine Marionettenaufführung zu besuchen. Der Blickfang auf dem Spielplatz gegenüber der Bank war der muskulöse junge Vater nordafrikanischer Abstammung, in Baggy-Pants, Muskelshirt, Baseballkappe und reichlich Gold am Handgelenk, der den Buggy von einer Wippe zur nächsten Rutsche schob und sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ. Apropos Kinder. Frankreich quillt über von Kindern. Sie sind überall und wenn man sich die Frauen so ansieht, werden es auch bald noch viel mehr sein 😉 Das war auch ein Thema im Kurs – woran das wohl liegen mag, dass in Frankreich momentan so viele Kinder geboren werden (und warum in Deutschland so wenige). Vielleicht lag es an der bloßen Menge, aber ich habe auch schon sehr lange nicht mehr so viele Kinder in Schreikrämpfe verfallen sehen – und so viele mehr oder weniger starke Klapse auf das Hinterteil. Amerikanische Touristen müssen empört sein…

Was ich alles NICHT gesehen habe, aus Zeitmangel… die Cité Radieuse, die 1953 fertiggestellte „Lichterstadt“ des Architekten Le Corbusier. Den Industriehafen aus der Nähe. (Irgend) Ein Museum von innen. Details des Migrantenviertels Belsunce, weiter rein als die direkt an die Canebière angrenzenden Basarbereiche – und ich meine Basar! Mit geschlossenen Augen und offener Nase hätte man wahrscheinlich auf Tunis getippt, wenn man dort hinein gebracht worden wäre. Überhaupt kann man in Marseille Urlaub machen und sich authentische Souvenirs sehr vieler Ecken dieser Welt mitbringen, ob nun tunesische Töpferarbeiten, senegalesische Stoffe oder japanische Kimonos. Und das alles maximal zwei Querstraßen hinter der Nobeleinkaufsmeile; der Bruch könnte nicht wesentlich härter sein. Aber genau das hat mir wahrscheinlich gefallen: die Tatsache überhaupt, dass es so viele grundsätzlich verschiedene Ecken gibt und dann, dass sie so vollkommen ohne Ankündigung ineinander übergehen.

Also, traut euch an Marseille heran… vielleicht zuerst über die Krimis 😉

Viele Grüße
Barbara