Extrem

Der Countdown läuft; es sind weniger als zwei Wochen, bis ich wieder deutschen Boden unter den Füßen und endlich die Möglichkeit habe, meinen voll eingesetzten Weihnachtswahn auszuleben… und es ist noch einiges zu tun… vielleicht ist das das letzte Mal, dass ich mich aus Goma melde – wir werden sehen.

Das ZDF hat mich verlassen! Ich vermute, dass zum 31. Oktober das Abo des Kollegen ausgelaufen ist. Wie der Zufall es wollte hatte meine Mitbewohnerin in Bonn mir vor einiger Zeit mal die ersten beiden Staffeln „Prison Break“ auf die Festplatte gespielt, so dass ich nun trotz Fernsehausfall noch abendliche Zerstreuung finde. Aber ganz schön heftige. Und das auch noch mit chinesischen Untertiteln! Zusätzlich erschwert wird das ganze, weil wir nun so langsam wirklich in die Regenzeit zu kommen scheinen. Nachdem es mehrere Tage lang überhaupt nicht geregnet und sich immer weiter schwül aufgeheizt hatte, regnet es jetzt wirklich viel und stark, immer Gewitter. Und da auch mein Wohnhaus quasi ein Wellblechdach hat, ist das mit Fernsehen dann schwer, geht nur mit Kopfhörer, sonst versteht man überhaupt nichts.

Das sind die Problemchen, mit denen man als Expat in Goma zu kämpfen hat. Gestern kam ich mir so richtig dekadent vor. Im TRAMECO, einer Art Supermarkt mit Lebensmitteln für den dem europäischen Gaumen angepassten Geschmack, fand ich unglaublicherweise Danone Joghurts. Neben frischem Brot, das diesen Namen verdient, und Frischmilch ist das das am dritthäufigsten vermisste Produkt, wenn ich außerhalb Deutschlands weile. Haltbar bis zum 13.11., kein Preis drauf, was ja immer Anlass zu Vorsicht ist. Aber ach was, dachte ich, wenn der auch 3 Dollar kostet, den nehme ich jetzt mit, gleich zweimal. Lecker war er, keine Frage, aber als ich dann später auf der Quittung den Preis sah, musste ich mich doch setzen: 6 Dollar pro Stück. Ich hatte für 300g Joghurt 12 Dollar ausgegeben. Das ist mehr, als der Koch an zwei Tagen verdient – und der hat sieben Kinder. Ich denke nur immer, hoffentlich geht der da nicht mal rein, nur so aus Neugier, und guckt sich an, was die Sachen kosten, die bei mir im Kühlschrank oder im Regal stehen…

Ganz andere Probleme habe ich auf einem „Ausflug“ vergangene Woche gesehen und ich muss ehrlich sagen, die haben mich nachhaltig aus der Bahn geworfen. Wir hatten einen Besucher von der deutschen Botschaft in Kinshasa und nachmittags fragte mein Chef, ob ich nicht auch Interesse hätte, Richtung Sake raus zu fahren, soweit es die Sicherheitslage eben zulässt. Richtung Sake heißt Richtung Masisi Berge – dort, wo momentan Krieg herrscht, wo die reguläre kongolesische Armee mit logistischer Unterstützung der UN-Blauhelmmission MONUC den abtrünnigen General Nkunda bekämpft. Das ist eine sehr vereinfachte Darstellung von hochgradig verzwickten Beziehungsgeflechten und entsprechenden Versuchen grenzüberschreitender Einflussnahmen. Aber das ist ein anderes Thema, über das Interessierte in regelmäßigen, zurzeit wohl mindestens wöchentlichen Artikeln von Dominic Johnson in der taz mehr erfahren können. Auch online, http://www.taz.de, bspw. Vermittlung im Kongo oder Kongolesen wehren sich gegen den Krieg


General Laurent Nkunda

An dieser geteerten Straße aus Goma hinaus steppt der Bär. Da gibt es kleine Stände, wo Bananen, Kartoffeln u.ä. verkauft werden, dann welche für Telefonkarten oder Plastiklatschen – eben alles, was man so brauchen könnte. Und da sind unglaubliche Menschenmengen unterwegs, mehr als in Goma selbst. Das geht über Kilometer so weiter, bis die Bananenplantagen anfangen. Da laufen immer noch so viele Menschen rum – und plötzlich sieht man in den Plantagen notdürftig zusammen gebastelte Hüttchen aus Blättern der Bananenstauden und Plastikplanen, oft vom UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der UN. Überall Militärs. Straßensperren an den Seitenstraßen. Und dann sind es nicht mehr nur einzelne Hüttchen – und ich sage Hüttchen: geht man davon aus, dass eine kongolesische Familie sicher im Schnitt 5 oder 6 Köpfe hat, können die sich gemeinsam in einer solchen nur sitzend aufhalten. Dann sind es eben nicht mehr nur einzelne Hüttchen, sondern eine riesige Ansammlung davon, soweit das Auge reicht: das Flüchtlingscamp Mugunga. Ich kann’s nicht anders beschreiben als „und das in dem Dreck“ – der schwarze Boden, voller Pfützen, im ständigen Sturzregen, dafür keine Wasserversorgung, die was wert wäre, von Strom ganz zu schweigen… Du kannst die Cholera quasi rumlaufen sehen. Ich habe keine Ahnung, wie groß das Camp ist (und kurz darauf folgt ein zweites) – es gibt sicher wesentlich größere; ich erinnere mich an Luftbildaufnahmen eines ehemaligen Kollegen aus Darfur. Aber, und das ist jetzt als absoluter Laie gesprochen, ich stelle mir die Organisation einer halbwegs funktionierenden Infrastruktur aufgrund der natürlichen und kulturlandschaftlichen Gegebenheiten hier wesentlich schwieriger vor. Hier ist ja nirgendwo mal ein freier Platz – entweder genutzt für Bananenplantagen oder anderen Anbau, oder, aber das selten, einfach nur verwildert, und dann immer als Bodenbelag diese Lavabrocken. Und dann kommt die große Schranke, schwerst bewacht. Dahinter keine Menschenseele mehr zu sehen, aber du weißt genau, dass in den pittoresken Hügeln dahinter die Hölle losgebrochen ist. Die Zahl der Menschen, die es nicht bis auf die Goma’er Seite dieser Schranke geschafft haben und die sich irgendwo im Busch durchschlagen, wenn überhaupt, ist mir nicht bekannt, aber man weiß, dass es sehr viele sind. Und dass die Lage nun das dritte Mal in gut zehn Jahren derart eskaliert ist. Ich hörte von einem Logistiker einer anderen Hilfsorganisation, dass die Händler in Goma NIE mehr auf Lager haben, als für 5 Tage, auch wenn sie durch größere Einkäufe und damit verbundener Einlagerung wesentlich größere Gewinnmargen hätten. Aber das Risiko ist zu groß.

Nun, wie auch immer. Das alles war nur das Vorspiel dafür, was mich eigentlich aus der Bahn geworfen hat, auf dem Rückweg. Da haben wir einen anderen Weg genommen, ab dieser Hauptstraße, nicht geteert. Es waren höchstens 15 Minuten Fahrzeit in sehr langsamem Tempo und man erreichte das Villenviertel, inkl. der ehemaligen Mobutu-Residenz. Und da reden wir nicht von Joghurts für 6 Dollar, sondern von palastartigen Anwesen mit gepflegtem Golfrasen hinter hohen Mauern, auf denen der Abschluss mit razor wire nur selten durch die Ozeane an wunderbar pink blühenden Büschen sichtbar ist. (Ich kenne das deutsche Wort für razor wire leider nicht – es ist wie Stacheldraht, nur sind es Rasierklingen statt Stacheln). Dieser krasse Bruch auf nur wenigen Kilometern ist wirklich… nicht zu beschreiben.

Was die unterschiedliche Wahrnehmung von Risikoabsicherung zwischen dem durchschnittlichen Westeuropäer und dem leicht besser gestellten Kongolesen angeht, zeigte sich ebenfalls auf der schon im letzten Blog beschriebenen Party. Da erklärte ein Italiener seine Arbeit hier in Goma: er versucht sich am Aufbau einer öffentlichen Krankenversicherung und löste minutenlanges hysterisches Gelächter aller Anwesenden aus, die nur wissend nickend, als er dann seine Probleme weiter ausführte. Es ist untersucht worden, dass die Familien in der Zielgruppe durchschnittlich 50 USD im Monat für Arztbesuche und Medikamente ausgeben. Die Versicherung soll 20 Dollar im Monat kosten und immer, wenn er potenzielle Kunden anspricht und erklärt, dass man eben die 20 USD immer bezahlt und dann auch wesentlich höhere Kosten im Ernstfall gedeckt sind, erntet er nur Unverständnis; es ist kein attraktiver Deal. Wer weiß, was kommt und überhaupt.

Meine Deckung ist aufgeflogen… der geografische Quereinsteiger in der Finanzwelt. Mein Chef hier erfuhr es auch erst, als der Besucher der deutschen Botschaft fragte und mein lokaler Admin-Kollege hat mich zur Rede gestellt. Im Zusammenhang mit der „sachlich richtigen Zuordnung von Kosten“ war es nötig, das Haus, in dem ich momentan unterkomme, zu vermessen und somit sagen zu können, dass die Zimmer A und B für Zweck C genutzt werden und deswegen die Miet- und andere Kosten über Projekt D abgerechnet werden, während das bei den Zimmer E und F ganz anders aussieht. Da das Haus 290m² Wohnfläche hat, davon aber allein knapp 100 auf das Wohnzimmer entfallen, schien es uns angebracht, das vielleicht in einem Grundriss festzuhalten. Die ganze Messerei habe ich einen Abend gemacht und auch den Grundriss gezeichnet. Den habe ich morgens dann noch so klein kopiert, dass er auf eine DIN A4-Seite passte… und habe wohl eine Kopie, die noch nicht so ganz perfekt war, am Kopierer liegen lassen. Die fand der Admin und kam damit zu mir: „Madame Barbara, jetzt müssen wir mal Klartext reden: sind Sie Architekt? Oder Ingenieur? So einen Plan kann nicht jeder zeichnen.“ Tja, da flog ich dann auf als der Geograf, der eben deswegen mit diesen ganzen buchhalterischen Ausdrücken immer mal wieder Schwierigkeiten hat (auf Deutsch schon, auf Französisch bin ich auf verlorenem Posten)… aber ein Interesse an allem hat (außer Boxen, rhythmischer Sportgymnastik und Synchronschwimmen) … und Karten zeichnen hat man ja auch mal gelernt… und wie das alles kam… Afghanistan… „Das ist in Asien, oder?“

In diesem Sinne, shab ba kher, gute Nacht.
Viele Grüße
Barbara

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