Durchblick

Trotz des schönen Sommerwetters beschäftige ich mich derzeit viel zu viel mit Dingen, die sich drinnen abspielen. Irgendwann Mitte Mai hatte ich plötzlich den Geistesblitz, wie ich nun endlich mit dem verlassenen „dritten Zimmer“ in meiner Wohnung umgehe und dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein wichtiger Bestandteil der Renovierung bestand in der Öffnung der vorhandenen Verbindungstür zwischen meinem jetzigen Wohnzimmer (oder, dem, was davon übrig geblieben ist) und besagtem nicht wirklich genutzten Zimmer.

Ein Freund wollte mir bei den Abrissarbeiten helfen. Im Baumarkt meiner Wahl hatte ich am Morgen besorgt, was ich in den letzten 35 Jahren für ein Stemmeisen gehalten hatte – ließ mich aber gerne aufklären, dass es sich dabei um ein Nageleisen handelte. Und so tigerte ich von einer Seite des „Verschlusses“ zur anderen und fing ungeduldig an, daran rumzufingern, mal zu gucken. Eh ich mich’s versah, war ich mitten drin und mit stetig steigendem Adrenalinspiegel konnte ich auch nicht davon ablassen, bis der Durchbruch geschafft war. Das alles in meiner üblichen perfekten Schutzkleidung bestehend aus – natürlich den Farben der Saison angepassten – Jesuslatschen, den Temperaturen entsprechend einer kurzen Hose und einer Kappe mit dem Logo einer deutschen Hilfsorganisation. Alles, was uns über all die Jahre trennte, war eine 1cm dicke Spanplatte mit mehreren Lagen Rauhfasertapete darüber. Und als es geschafft war, bin ich wie Rumpelstilzchen hin- und hergehüpft und fand das alles nur noch fantastisch.

Dann wurde es jedoch erst richtig interessant. Denn als Füllmaterial hier und da war Zeitungspapier verwendet worden – die Ausgabe des Bonner Generalanzeigers vom 11./12. Februar 1956. Es fühlte sich an, wie eine bahnbrechende archäologische Entdeckung. Da wurde ein Buch Wie die Wirtschaft funktioniert angepriesen, für 9,80 DM in Leinen gebunden. „LEISTEN“ hingegen, „rationalisiert die Hauswirtschaft – durch bessere Staubsauger, Hoover, Miele, Ruton, Siemens – gönnen Sie sich die damit verheißene Entlastung!“ Perser-Teppiche, preiswert durch Direkt-Import, bietet Bahman-Mobed in der Wesselstraße an. Und bei schlechter Verdauung? DRIX-Dragees, „das begehrte Mittel zur Verdauung erhält Sie jung, schlank und elastisch“ für 1,35 DM in der Drogerie Scheidt in Poppelsdorf. Gleichzeitig kostete der Eintritt zum traditionellen Rosenmontagsball im Rheinhotel Dreesen 4,00 DM („plus Steuer und Zuggroschen“).

Karneval war eh groß geschrieben, ob im Kolibri in der Sternenburgstraße („Samstag Großes Kostümfest! Sonntag Närrisches Karnevalstreiben! Rosenmontagsball! Dienstag Jazz-Kostümfest!“), im KroKoDil in Tannebusch („bei freiem Eintritt spielen die MARABUS. Zu einem Besuch ladet Sie freundlichst ein…“), in der Gaststätte am Verteilerkreis (Dienstag „Karnevals-Kehraus mit den Sester-Davids, Negerjazz aus Frankfurt a.M.“) oder aber – schockierend – der „Nachkarnevalsball“ am Donnerstag im Gasthaus Zur Traube in der Mechenstraße. Im Metropol wurde Höhepunkt der tollen Tage gegeben, „150 verdötschte Minuten mit den Spitzen des rheinischen Karnevals“, allen voran Trude Herr, Jupp Scmitz und Hummel mit der Laterne (???). Das Atrium hingegen bot „Eine köstliche Überraschung für unsere Jugend: Ein Abenteuer aus 1001 Nacht (Die Geschichte des kleinen Muck). Dazu ein reizendes Beiprogramm!“

Das Kinoprogramm ist ganz erhalten. Im STERN bewunderte man Lola Montez, „ein Farbfilm in Cinemascope“. Außerhalb des reizenden Jugendprogramms bot man im ATRIUM Bonjour Kathrin, während sich APOLLO und REX dem Wilden Westen verschrieben hatten: Sein Freund der Lederstrumpf und An der Spitze der Apachen. Spät abends jedoch waren es Boccaccios Liebesnächte.

Der Südwestfunk Koblenz sendete am 14.2. um 22:20 Der Dackel mit dem Schlapphut „Eine Kriminalgroteske“, während der Fernsehsender NWDR die Massen mit Rintintin „Ein Fernsehfilm für kleine und große Leute“ zu locken versuchte.

Dass es heute noch Klischeeanstalten gibt, ist mir erst seit wenigen Minuten bekannt – man erhelle sich im Internet, wo es KEINEN Eintrag dazu in der berühmten Online-Enzyklopädie gibt.

Neben dem Artikel über die Probleme der deutschen Bauern („Welt-Überschuß auf Kosten deutscher Bauern“) und der deutschen Textilindustrie („Prato-Stoffe drücken deutschen Tuchmarkt“) ist unten stehender mein absoluter Favorit. Schönen Restsonntag!

2 Kommentare zu “Durchblick

  1. Liebe Barbara, da wäre ich sooo soo gern dabeigewesen! 1956 ist das Jahr, in dem mein lieber Mann geboren wurde.

    Ich war beim Lesen total aufgeregt, hier an meinem Schreibtisch in Kampala!!

    Glückwunsch zum 3. Zimmer, zum Durchbruch und zum Fund!!

    Herzlichst Katja

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    • Liebe Katja,

      ja, es war wirklich spannened! Ein anderer Freund hat schon vorgeschlagen, ich solle unter die neuen Lagen Rauhfasertapete (die ich aber leider nicht anbringe) tagesfrische Ausgaben tapezieren, damit auch der nächste Renovierer was davon hat. Ich überlege noch. Wo die Blenden für die Türrahmen drauf kommen, muss unten noch was verputzt werden – da könnte man ja einen Filmdöschen-großen Schatz unterbringen…

      Hab einen guten Start in die Woche!
      Barbara

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