Lebenslänglich

Das Poppelsdorfer Schloss!

Das Poppelsdorfer Schloss!


Am vergangenen Wochenende hatte ich lange erwarteten Besuch: ein Freund aus den USA und sein Kumpel statteten auf einer Tour durch Europa auch Bonn einen Besuch ab. Und auch wenn dieser Freund erst 19 Jahre alt ist, trifft der englische Ausdruck „we go way back“ zu, wir kennen uns schon lange. Es war 1994 als ich mich auf den Weg nach Boston machte, um dort ein Jahr als Au Pair bei und mit einer amerikanischen Familie zu leben. Damals war er einer von zwei Jungs, vier Jahre alt. Es war nicht so, als hätte ich ihn seitdem nicht gesehen – zuletzt noch letzten Sommer in Boston – aber ich fand den Besuch trotzdem mehr als spannend.

Mir noch mal was anlesen zu Bonn wollte ich auch und fand es dann schon irgendwie erschreckend, dass der Reiseführer das gleiche Ausmaß hatte wie jener, den ich erst wenige Wochen zuvor für Rom gekauft hatte. Zwei absolut vergleichbare Städte also offenbar… Nicht schlecht überrascht las ich dann auch, dass man dem Stadtteil Poppelsdorf durchaus einen Tag widmen sollte.

Nun ja, am Freitagmorgen in Paris losgefahren, waren sie verspätet angekommen: die Distanzen in Brüssel unterschätzt, hatten sie die geplante Weiterfahrt verpasst. Und waren gleich von einem SNCF-Mitarbeiter über den Tisch gezogen worden – man hatte ihnen zum Interrail-Pass unzählige Reservierungen aufgedrückt. So wird es noch ein Weilchen bei den Freedom Fries bleiben… Kurz vor Mitternacht letztlich angekommen, fielen sie fast gleich ins Bett.

Die Villa Hammerschmidt!

Die Villa Hammerschmidt!

Samstags bei bestem Wetter in aller Ruhe aufgestanden, konfrontierte ich die beiden erstmal mit einer deutschen Bäckerei. Das verursachte leichte Überforderung, war aber letztlich von Erfolg gekrönt. Ordentlich gestärkt brachen wir dann auf zum Poppelsdorfer Schloss, zur gleichnamigen Allee und der Südstadt („South Central“ sozusagen, jedoch nicht zu verwechseln mit dem Namensvetter in Los Angeles), zum Hofgarten, zur Uni und Innenstadt mit allem, was dazugehört. Am Rhein entlang machten wir uns auf den Weg ins Regierungsviertel, denn wie der Zufall es wollte, war es ja auch noch der 60. Geburtstag der Bundesrepublik: die Villa Hammerschmidt, das Palais Schaumburg und Konsorten riefen. In Sachen Besichtigung hielten wir uns an die Parkanlagen, denn es waren fast römische Verhältnisse: riesige Schlangen. Und da der Freund nach einer Woche Paris mit seiner Oma nach eigenen Angaben etwas „museumed out“ war, verzichteten wir darauf. Stattdessen schleppten wir uns noch bis in die Rheinauen und dann mit der Bahn zurück in die Innenstadt – auf ein paar kühle Kölsch am Alten Zoll. Ziemlich überrascht stellten wir dann irgendwann fest, dass es bereits 19:30 Uhr war und machten uns zwecks Abendessen leicht ermüdet auf den Heimweg.

Wahlplakate erst fälschlich für schlechte H&M-Werbung gehalten, konnte dieses Missverständnis aufgeklärt werden, als man das Wort „liberal“ darauf entzifferte – dafür machten die uns ständig in die Hand gedrückten Flyer der jeweiligen Parteien was her: „Da steht ja richtig viel drin!“ Nichts übertraf zu meiner Genugtuung jedoch die Erdbeeren. So leckere hätten sie ja noch nie gegessen und der Kumpel überlegte, ob er seinem Onkel nicht welche nach München mitbringen sollte…

Die Jugend regeneriert deutlich schneller, wie ich dann bemerken musste, denn die beiden wollten ab 23 Uhr dann noch das Bonner Nachtleben erkunden. Aufgrund von Erschöpfung und ihnen nicht ständig auf der Pelle hängen wollens beteiligte ich mich daran lediglich durch den Eintrag diverser Lokalitäten in den Stadtplan und den Hinweis, dass sie im Zweifelsfall für den Rückweg ruhig ein Taxi nehmen sollten – Bonn sei nicht Paris und mit max. 10 Euro seien sie dabei.

Um 5:54 Uhr hörte ich sie leise wieder nach Hause kommen, wunderte mich, wie unerwartet heiß das Nachtleben doch gewesen sein musste und drehte mich in dem Gedanken, dass hier vor 14 Uhr wahrscheinlich nichts laufen würde, wohlig wieder um. Doch weit gefehlt. Um 10:30 Uhr hörte ich den ersten in der Dusche und machte mich flugs auch auf – beim Frühstück meinte der Kumpel jedoch, mein Freund habe eine schwere Nacht gehabt und würde so schnell sicher nicht wieder aufstehen, aber wir könnten ja schon mal in den Botanischen Garten. Soviel zum Thema Regenerationszeit. Den Schlüssel schon in der Hand rührte sich dann doch was im Nebenzimmer und nach einer halbstündigen Dusche stand auch mein Freund in der Küche. Irgendwas stimmte mit seinem Mund nicht und da waren auch so komische Kratzer auf dem Unterarm… aber ich hüllte mich in Schweigen.

Der Botanische Garten!

Der Botanische Garten!

Nach etwas trocken Brot, einem Aspirin und der Feststellung, dass er heute eine Sonnenbrille brauche, machten wir uns gemeinsam auf zum Botanischen Garten, der die beiden glaube ich ehrlich beeindruckt hat. Aber nun müsse er doch sitzen und einen Kaffee haben… den wir in der nahegelegenen Eisdiele zu uns nahmen. Weitere Infos zum Vorabend wurden weiter nicht geliefert, aber das Interesse kundgetan, so was wie „German Suburbia“ zu sehen (die beiden studieren Architektur). Wir nahmen den Bus nach Röttgen und sie machten zu meinem Entsetzen unzählige Fotos von gefliesten Häusern aus den 60ern… und dann kam die Bemerkung, so gegen 16:30 Uhr, dass er vielleicht zahnärztliche Hilfe brauche. „Aha“, sagte ich, „ich war mir ja nicht sicher, aber gestern war der Zahn noch vollständig da, oder?!“ Ja, dem sei so gewesen… Wie genau es passiert sei, sei unklar…

Mit etwas Mühe erreichten wir die Zahnarztpraxis, die Notdienst hatte und trafen dort kurz nach 18 Uhr ein. Da stand der lange Lümmel mit dem abgebrochenen Zahn und ich mit einem Tempo in der Nase, da ich beim Nase putzen heftiges Nasenbluten bekommen hatte – inkl. Blut auf der Hose. Nein, da bestünde kein kausaler Zusammenhang, versicherte ich. Auf die Frage, wie es zu dem Zahnproblem gekommen war, antwortete ich ausweichend, dass es wohl im weitesten Sinne mit Kölsch zu tun gehabt habe. Mehr wisse ich auch nicht. Ich musste zu Übersetzungszwecken mit in den Behandlungsraum und dachte mit meiner Zahnarztangst nur: „Nicht hingucken… nicht hingucken… und ganz ruhig bleiben, keine Unruhe verbreiten…“ Und plötzlich musste ich grinsen und daran denken, dass es eine ähnliche Situation das letzte Mal vor ca. 14 Jahren gab… bleibt man doch ein Leben lang Au Pair??

Nachdem ich schon am Samstag Döner als festen Bestandteil der deutschen Küche vorgestellt hatte, brachte uns der Sonntag in die Pizzeria nebenan – vom Ambiente her nicht ganz der gewohnte Stil des Country oder Yacht Clubs, mundete aber trotzdem. In Gedanken versunken meinte der Kumpel, fände es ja nur geil, dass man hier überall so schnell zu Fuß sei, während mein Freund etwas betröpfelt feststellte, dass sie ja gar kein Foto von der nicht mehr bestehenden Zahnlücke gemacht hatten. Der Vorschlag, die kürzlich angebrachte dentale Kunst handgreiflich zu entfernen wurde jedoch abgelehnt…

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