Rom – von oben, letztlich

Nah dran... ich bin ganz nah dran: am Petersdom!

Nah dran... ich bin ganz nah dran: am Petersdom!


7:11 Uhr
Es ist wie so oft: ein Montagmorgen und es ist definitiv viel zu früh. Ich gähne mich Schritt für Schritt voran und muss mich mehr als einmal auf dem kurzen Fußweg in letzter Sekunde vor rasant fahrenden Rollern oder Müllabfuhrwagen in Sicherheit bringen. Ich bin unterwegs auf einer Mission, das große Ziel vor den noch nicht wirklich geöffneten Augen… denn es kann ja gar nicht wahr sein, dass man in Rom gewesen sollte, und den Petersdom nicht von innen gesehen hat. Oder?

7:15 Uhr
Ich stehe auf dem gähnend leeren Petersplatz und trotte an der rechten Seite durch die Holzgitter, die die sonst so unbeherrschbar großen Besuchermassen im ZauN halten sollen. Wasserflaschen darf man dabei haben, aber keine Taschenmesser. Träger-Tops sind nichts, ebenso wenig Minis oder Hotpants. Die beiden Amis etwa 50m vor mir haben Bermuda-Shorts an. Kein Problem.

7:16 Uhr
Ich stelle fest, dass die Menschen mit den Audio-Guides erst ab 9:00 Uhr auf Maloche sind, aber das ist jetzt auch egal – lieber was sehen, staunen und die Details irgendwann mal nachlesen, als vier Stunden anstehen und dann im Sardinenverfahren besichtigen.

So ein Ding wollte ich auch schon immer mal fahren... Putzkolonne im Petersdom.

So ein Ding wollte ich auch schon immer mal fahren... Putzkolonne im Petersdom.

7:25 Uhr
Ich betrete den Petersdom, gemeinsam mit der Putzkolonne. Sonst sind wirklich noch kaum Menschen da. Durch die großen Fenster über dem Eingang strahlt die Sonne ins Hauptschiff, alles ist lichtdurchflutet. Marmor, Marmor, Marmor, wohin das müde Auge reicht, in allen Farben des Spektrums. Eine Papststatue an der anderen. In der Mitte ist eine Art Gang abgezäunt – warum, weiß ich nicht. Wenn ich nach oben gucke, muss ich mich festhalten. Farbenfrohe Kuppeln, Schriftzüge. Ich weiß, der Kölner Dom ist kleiner, aber es kommt mir anders vor – wahrscheinlich, weil man mal als Kind in letzterem war und einem in der Erinnerung weiterhin alles gigantisch vorkommt. Ist es ja auch, aber hier noch mehr und wesentlich farbenfroher. Ich weiß nicht, wie größenwahnsinnig die Menschen gewesen sind, die das hier geplant haben.
Das Hauptschiff. Marmor - soweit das Auge reicht.

Das Hauptschiff. Marmor, soweit das Auge reicht.


7:45 Uhr
Hinter dem Hauptaltar „irgendwo links“ – wohl im Querschiff, wenn ich darüber nachdenke – gibt es eine private Messe für eine polnische Reisegruppe. Seitenaltäre, kleine Kuppeln, marmorne Engel, Päpste und andere, noch und nöcher.

8:00 Uhr
Ich bin wieder am Eingang und „müsste“ eigentlich noch die rechte Seite abgehen, aber da kriege ich spitz, dass der Eingang zur Kuppel ein anderer ist und man sich da noch mal anstellen muss – also ziehe ich das vor. 500 irgendwas Stufen. Eintritt: 5 Euro, mit Lift 7 Euro. Ich zahle 7 Euro, gehe ein paar Schritte weiter und sehe das Schild: „Achtung! Nach dem Lift sind noch 322 Treppenstufen zu gehen! Kranke und ältere Menschen sollten sich gut überlegen, ob sie weitergehen!“ Wohlgemerkt NACH dem Ticketkauf. Dass ein Lift nicht bis ganz nach oben geht hätte man sich auch denken können, aber trotzdem. Find ich hinterfotzig.

Die polnische Reisegruppe nach dem Gottesdienst.

Die polnische Reisegruppe nach dem Gottesdienst.


8:10 Uhr
Der Lift kommt an, wie soll ich sagen: auf dem Niveau des Rundgangs am unteren Ende der Kuppel. Alles klar? Und von oben betrachtet ist der Innenraum erst richtig geil – die Muster auf dem Boden, die, wenn man direkt über sie geht, so groß sind, dass sie einem überhaupt nicht viel sagen, machen richtig was her. Mir fehlt jetzt etwas das
Buchstaben, überlebensgroß, und Gemälde, die Mosaike sind.

Buchstaben, überlebensgroß, und Gemälde, die Mosaike sind.

Festhalten - die Kuppel.

Festhalten - die Kuppel.

architektonisch wertvolle Vokabular… wenn man sich vorstellt, dass die Kuppel auf einem quadratischen Raum aufsetzt, sind an allen vier dieser Ecken, was man für Bilder von Heiligen oder so hält – erst nun, bei im wahrsten Sinne des Wortes näherer Betrachtung, fällt auf, dass es Mosaike sind. Die gesamte Galerie ist ein einziges Mosaik. Etwas darunter verläuft, ebenfalls als Mosaik, das goldene Band mit dem dunkelblauen Schriftzug Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni caelorum – meine rudimentären Lateinkenntnisse ließen sich auffrischen, es heißt soviel wie: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und Dir gebe ich die Schlüssel zum Himmelreich. Nebensächlich. Hauptsächlich: diese Buchstaben sind zwei Meter hoch… ich habe das wirklich erst hinterher auf den Fotos realisiert, als ich Menschen auf der Galerie direkt im Vergleich dazu gesehen habe… (Ich hätte, nun da ich eine Quelle gefunden habe, terminologisch korrekt schreiben können, dass dieser Satz im inneren Kuppelfries zu lesen ist – aber gebt’s zu: wer hätte davon mehr gehabt?!).

8:30 Uhr
Start der Treppenstufen. Ausgetretene Steinstufen. Metalltreppen. …vierundvierzig, fünfundvierzig, sechsundvierzig… in engen Wendeltreppen – und ich meine ENG… zweihundertsiebenundfünfzig, zweihundertachtundfünfzig, zweihundertneunundfünfzig… Die Kuppel wird spürbar, denn man muss den Kopf nach rechts wegknicken und insgesamt etwas schief gehen – der Rücken ist begeistert, die Beine sagen schon lange nichts mehr. Ich erkämpfe einen Absatz, auf den sich viele andere auch schon gefreut zu haben scheinen, Pause. Weiter und irgendwann kommt Licht, durch eine Tür noch und man steht PAAF! direkt über dem Petersplatz, wenn man so will, in der Morgensonne, über den Dächern Roms – auf dem Teil der Kuppel, der von unten aussieht, als sei er nicht viel mehr als ein kleines Deko-Törtchen.

Woah. Ohne Worte.

Woah. Ohne Worte.


9:00 Uhr
Trotz der etwa 30 Touristen dort oben ist es ziemlich still, der eine Teil fasst sich ans Herz, ein anderer steht vornüber gebeugt da mit den Händen auf den Knien wie ein Dieter Baumann nach dem Zieleinlauf eines 5.000m-Rennens, wieder andere schwitzen still wenn auch schwer atmend vor sich hin. Als man sich dann erholt hat, sieht man die Engelsburg, schaut in die Vatikanischen Gärten, verfolgt den Lauf des Tiber und anderes. Ich liebe den Blick von oben und kann mich nur ganz schwer wieder trennen.
Heiliger Trupp über dem Eingang zum Petersdom. RIESENGROSS.

Heiliger Trupp über dem Eingang zum Petersdom. RIESENGROSS.


9:45 Uhr
Wieder unten angekommen und der Petersdom füllt sich. Auch „die andere Seite“ des Hauptschiffs sehe ich mir noch an und begebe mich dann in die Poststelle des Vatikans, um eine Postkarte zu verschicken. Dabei komme ich an zwei Schweizer Garden vorbei und kann mir nicht helfen: die sehen aus wie milchbubige Clowns.

10:30 Uhr
So, vielleicht habe ich ja Glück und kann mir an diesem Vormittag auch noch die Sixtinische Kapelle ansehen. Das könnte ich jedoch nur mit viel Geduld, die Schlage steht schon wieder bei ca. 2 Stunden. Also muss das auf 7:00 Uhr beim nächsten Rom-Besuch warten. Was könnte ich mit den verbleibenden zwei Stündchen denn sonst noch machen… erstmal was essen und ein Eis… ein bisschen im Sönnchen sitzen.

Campo Santo Teutonico, der deutsche Friedhof.

Campo Santo Teutonico, der deutsche Friedhof.

11:30 Uhr
Campo Santo! Der deutsche Friedhof, der direkt an Vatikanstadt anschließt und nur für Deutsch sprechende Menschen zugänglich ist. Wahrscheinlich ist das das einzige, was ihn davor rettet komplett überrannt zu werden. Als ich ihn betrete bin ich enttäuscht, zwar alles recht pittoresk und trotz des einen oder anderen Touristen eine gewisse Ruhe ausstrahlend, aber so KLEIN. Aber das ist vielleicht dem an diesem Vormittag erlebten Größenwahn geschuldet.

19:00 Uhr
Erschöpft von drei Nächten Schlafmangel und vier Tagen Rom-Marathon falle ich auf meine Couch. Am Flughafen hatte ich damit geliebäugelt, noch am gleichen Abend Ein Herz und eine Krone (das im Original übrigens wie so oft viel passender A Roman Vacation heißt…) auf meiner Unterschicht-Glotze zu genießen – aber das hebe ich mir für einen wacheren Moment auf… ach, bella Roma!

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