Eine Woche in… / A Week in… GAZIANTEP

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Vorfreude ist ein komisches Wort, wenn man sich auf den Weg nach Südostanatolien macht um eine Dienstreise im Kontext des Syrienkonflikts zu machen. Und vielleicht trifft es das auch nicht richtig. Gespannte Erwartung? Mein Ziel war Gaziantep, mit Umsteigen in Istanbul. Die zweite Flughälfte fast dauernd bei wolkenfreiem Himmel – so fantastische Sicht habe ich selten gehabt und schon beim Flug über Istanbul gedacht: Wow, wenn das das beste an dieser Reise war, dann war es das wert (so für mich persönlich als Erfahrung). Was für eine Metropole, die hörte überhaupt nicht mehr auf. Flughafen eigentlich direkt an der Stadt dran – war sicher mal außerhalb, aber die Stadt scheint alles zu verschlingen. Riesige Apartmenthäuser in allen möglichen Ecken, Moscheen, wie Köln Kirchen hat (welche Überraschung…), Containerschiffe auf dem Weg zu diversen Häfen, offenbar eine weitere Brücke im Bau und angeschlossene Autobahn – aus der Luft hatte ich schon den Eindruck, dass diese Stadt brummt. Und kann es nicht erwarten, sie in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft mal ausgiebig zu erkunden.

It was going to be my first time in Turkey and I wasn’t going to Istanbul or the beaches – I was headed for Southeastern Anatolia on a business trip in the context of the Syrian refugee crisis. The destination was Gaziantep with a transfer in Istanbul. The second half of the flight with barely any clouds – I have a hard time remembering a similarly amazing flight, with such great views. Still above Istanbul I was thinking: wow, if that was the best to come of this trip it was well worth it (in terms of my personal experience). What a metropolis, neverending. The airport was practically part of the city – I’m pretty sure it used to be outside when it was built but the city is gulping everything in its path, it seems. Huge apartment buildings all over the place, as many mosques as there are churches in Cologne (not surprising, though…), container ships on their way to different harbors, apparently another bridge and a highway under construction – just looking at it from up above I felt that it’s buzzing. And I can’t wait to explore it in detail sometime soon.

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Weiter über riesige Flächen, einsame Landstriche, schattenwerfende Berge, Täler, Flüsse, Stauseen, erloschene Vulkane (meine Nachforschungen im Netz haben ergeben, dass es sich um den Erciyes Dagi gehandelt haben muss), immer wieder beachtliche Städte, Bergrücken, die aussehen, als seien sie genäht worden und die Fäden noch nicht gezogen (beige Schotterpiste auf dunkelbraunem Grund, darauf Windräder, die wie die Fäden aussahen). Mit dem Lineal gezogene grüne Flächen in wüstenähnlichem Umfeld. Im wahrsten Sinne des Wortes staubtrocken. Dann alle möglichen Grünflächen, viele mit Bäumen / Gewächsen unterschiedlichsten Alters bestanden… es stellte sich später raus, dass ich mal wieder im Pistazienland unterwegs war.

On and on across vast expanses of land, deserted areas, mountains casting shadows, valleys, rivers, reservoirs, extinct volcanoes (my research on the net says it must have been Erciyes Dagi that I saw), large cities, mountain ridges that looked as if they had been sutured and the thread was still there (beige dirt road on a dark brown ground and wind engines on top and they looked like the sutures). Green rectangles, as if measured with a ruler, in an otherwise desert-like environment. Dust-dry in the truest sense. Then all kinds of green areas, many with all kinds of trees / plants of varying age… I learned later that I was again traveling in pistachio country.

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Und Pistazien spielten eine große Rolle – ob im besten Baklava, das ich jemals gegessen habe (ich habe erst jetzt verstanden, was daran gut sein kann) oder im Heißgetränk Salep, Milch mit Orchideenwurzelpulver (und wahrscheinlich Zucker) schäumend aufgekocht und darauf Zimt und zerstoßene Pistazien. Ansonsten gab es verdammt viel Kebap in der einen Woche. Und nochmal Kebap. Ich konnte mir Gaziantep nicht intensiv ansehen, habe aber das Gefühl, dass man durchaus nochmal mit Ruhe zurückkehren und sich diese Stadt zu Gemüte führen sollte. Vielleicht zu einem Besuch der Festung (die wird gerade auf Vordermann gebracht), des Museums oder einfach noch etwas durch die Altstadt stromernd.

And pistachios really were a big deal – in the best baklava I have ever had (I have in fact had to travel to Gaziantep to find out that it can be really good) or in the hot drink called salep, milk boiled with orchid root powder (and probably sugar) to a creamy foam, topped with cinnamon and crushed pistachios. Other than that there was a hell of a lot of kebap that week. And kebap again. I didn’t have time to really explore Gaziantep but I get the feeling it is well worth a touristy visit. Maybe checking out the fortress (currently being rehabilitated), the museum or strolling through the old town some more.

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Zu einer solchen Aussage komme ich selten mit Bezug auf Dienstreisen in die Einsatzgebiete von Kollegen. Hier gab es zwar abends um 10 noch tollende Kinder im Park und dreispurige (kaum befahrene) Autobahnen, aber wenn man dann, die Nachrichten immer im Kopf, Richtung Aleppo unterwegs ist, ist es schon ein mulmiges Gefühl… auch wenn da steht „89 km“ und an der Grenze eh Schluss ist. Flirrende Hitze über dem Asphalt im Zero Point, dem Bereich zwischen den beiden Ländern, nicht mehr Türkei, noch nicht Syrien, wo die Hilfstransporte umgeladen werden, von türkischen auf syrische LKWs, weil die es dann einfacher haben.

It rarely ever happens that I can say something like this about the places I get to visit on business trips like this one. There were children in the park playing at 10 pm and later and 3-lane (deserted) highways but with the news always in the back of your head you do feel a bit queasy traveling towards Aleppo… even if the sign says „89 km“ and you wouldn’t pass the border anyway. Scorching heat on the asphalt in Zero Point, the area between the two countries, not Turkey anymore and not quite Syria yet, where the trucks with food kits are being un- and reloaded, from Turkish trucks to Syrian ones as they will have an easier time traveling.

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Flüchtlingscamps reihen sich entlang der Grenze auf wie an einer Perlenkette, dazu kommen all diejenigen, die in den Städten Zuflucht gesucht haben. Manchmal mit genug Geld, um sich eine Wohnung zu mieten oder gar zu kaufen, manchmal so prekär, dass sie die ominösen weißen Tüten, die vielfach an den Zäumen vor den Häusern hängen, in Anspruch nehmen. Darin befindet sich Essen oder Essensreste und es ist für die Flüchtlinge oder sonstige Bedürftige vorgesehen. Auch das hat mich fasziniert: da steckt kein großes Geld drin, aber so manchem wird es helfen und keiner muss sich eine Blöße geben und darum betteln. Du nimmst es und gut ist’s.

You can find refugee camps all along the border and then add to that all those who came to the cities. Sometimes affluent enough to rent or even buy an apartment, sometimes so poor they have to make use of the ominous white plastic bags that I saw hanging on the fences in front of many houses. There’s food (or leftovers) inside, and they are meant for the refugees or otherwise needy people. I was fascinated by that: there’s no big money involved yet it will help quite a few through the day and nobody has to lose face begging for it. Just take it and that’s it.

Syrische Flüchtlinge in Camps in der Türkei / Syrian refugees in camps in Turkey

Syrische Flüchtlinge in Camps in der Türkei

Syrische Flücthlinge in Städten / Syrian refugees in urban locations

Syrische Flüchtlinge in Städten

Quelle / Source

In der Türkei befinden sich fast 850.000 registrierte Flüchtlinge, wahrscheinlich sind es insgesamt eher 1 Million oder so. An der Grenze waren einige Familien Richtung Syrien unterwegs. Auf meine Nachfrage war die Antwort, dass die Schule am 15.9. wieder beginne und man mal die Lage wieder beurteilen und ggf. dort bleiben wolle. Es gibt nicht nur Flüchtlinge mit ausgelatschten Plastikschuhen und zerrissenen Kleidern – aber auch Flüchtling mit Auto sein ist kein Spaß. Und dann die kilometerlange Schlange an LKWs, die auf Abfertigung warten. Gefühlt jeder zweite hatte Zementsäcke geladen. ZEMENT? Was ist das denn? Optimistischer Wiederaufbau? Material für nicht betroffene Gegenden? Oder Baumaterialspekulation? Wahrscheinlich von allem ein bisschen.

There are about 850,000 registered refugees, the real number is probably closer to 1 million or so. At the border there were also a few Syrian families traveling home. When asked why they decided to go back the answer was that school was going to start September 15 and they had decided to go back and check out the situation and then either stay or leave again. There aren’t only refugees in battered plastic shoes and torn clothes – but being a motorized refugee is no fun either. And then the queue of trucks waiting for customs clearance at the border – miles and miles. It looked like the cargo of about every other one was cement. CEMENT? What’s that about? Optimistic reconstruction? Material for areas not suffering from the conflict? Venture capital in construction materials? Probably a bit of everything.

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Baumaterialien en masse wurden jedenfalls im türkischen Grenzort Kilis benötigt. Da ist in wenigen Jahren ein ganzer Stadtteil hochgezogen worden, ein Bauboom verursacht durch den Krieg auf der anderen Seite der Grenze. Ein Kollege meinte, das ganze Areal sei noch vor 3 oder 4 Jahren ein Pistazienhain gewesen. Du stehst da, siehst das. Siehst die Essenstüten, fährst am Flüchtlingslager vorbei, triffst (wenige!) bettelnde Kinder in der Innenstadt – und trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn in Frankreich die Post abginge und 1 Million Flüchtlinge (oder tendenziell mehr, Frankreich hat ja 3x soviele Einwohner) ins Saarland, nach Baden-Württemberg und nach Rheinland-Pfalz kämen… 5.000 allein nach Saarbrücken. Unvorstellbar, oder? Da wird Hilfe gebraucht – seht euch hier oder hier mal um.

Tons of construction materials were certainly needed in the Turkish city of Kilis, at the border. There’s a whole new neighborhood – a construction boom based on the war across the border. A colleague said that the whole area used to be a pistachio grove only 3 or 4 years ago. So you stand there and look at it. You see the bags with food, pass the refugee camps, meet (only a few!) children begging downtown – and still you can’t imagine what it would be like if things went wild in France and a million refugees (actually, probably more as France has three times the inhabitants Syria used to have) come to Saarland, Baden-Württemberg and Rhineland-Palatinate… 5.000 to the city of Saarbrücken alone. You can’t bend your mind around this, can you? Help is needed – whoever you want to trust with this. Maybe one of these organizations.

Barbara

3 Kommentare zu “Eine Woche in… / A Week in… GAZIANTEP

  1. Das sind sicher wichtige Erfahrungen für eine Welthungerhelferin und echt interessante Einblicke für einen unbeteiligten deutschen „Wohlstandsbürger“ wie mich. Es rückt unsere Diskussion über Flüchlingskapazitäten in ein anderes Licht.

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  2. I have no idea what your job is but it must be pretty important for you to be travelling there … I loved seeing the photos of Turkey but my heart felt your words as you approached Syria … It left me saddened and more than once I ask the question Why? Why is there so much sorrow and why can’t everyone just live and let live … Take care and have a good week …

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  3. Alrighty, I’ve said this before and I’ll say it again.
    You need to write, reports on B & B’s, places to eat, places to go, about things like this.
    Here we are, in our ’safe‘ place, really far away from the suffering & anguish……..
    I DO watch the news occasionally, so I know what’s going on, and what can I do?
    And why can’t we do more!?
    And a lot of the time I think „if everyone got along, this wouldn’t be happening!“
    A lot of people think „out of sight, out of mind.“
    So yeah, Thanks for the reality check.
    Everything might be fine in my little corner of the world, but it isn’t everywhere else.

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